Ein Tag zum Luftholen

Notker Blechner

Stand: 09.07.2009, 20:07 Uhr

Anleger schöpfen Hoffnung: Nach fünf Verlusttagen in Folge hat der Dax endlich wieder in der Plus-Zone geschlossen. Der Start in die Berichtsaison fiel vielversprechend aus. Doch das könnte auch nur ein Strohfeuer gewesen sein, warnen Börsianer.

Der "Alcoa-Faktor" hellte am Donnerstag die Stimmung an den Börsen auf. Mit seinen Quartalszahlen übertraf der weltgrößte Aluminium-Konzern die Erwartungen. Dass es der dritte Quartalsverlust in Folge war, störte kaum jemanden. Der Dax stieg zeitweise um fast zwei Prozent. Am Nachmittag mehrten sich dann aber die Zweifel. Die Wall Street rutschte zeitweise ins Minus und bremste den Dax in seinem Gang nach oben. Das deutsche Börsenbarometer rettete sich mit einem Plius von knapp 1,3 Prozent bei 4.630 Punkten aus dem Xetra-Handel. Weil danach der Dow wieder ins Plus drehte, baute der L-Dax die Kursgewinne aus und schloss bei 4.644 Punkten.

Zwar lässt Alcoa manche Anleger hoffen, dass die Quartalsberichte anderer US-Firmen in den kommenden Wochen nicht so schlecht ausfallen wie ursprünglich befürchtet. Doch von einer Trendwende will noch keiner reden. "Das ist eher ein Luftholen nach den Verlusten der letzten Tage", meinte ein Händler. "Eine Schwalbe macht eben noch keinen Sommer", sagte ein anderer Marktteilnehmer.

Ölpreis unter 60 Dollar

Die Ölpreis-Entwicklung deutet nicht darauf hin, dass die Weltkonjunktur wieder in Fahrt kommt. Am Donnerstag fiel der Preis für ein Barrel der US-Referenzsorte WTI unter die Marke von 60 Dollar. Ende Juni hatte der US-Ölpreis noch bei 73 Dollar gelegen.

Händler zeigten sich skeptisch angesichts der anhaltenden Talfahrt des Ölpreises und Aussagen des US-Milliardärs Warren Buffett. Dieser verwies auf die Notwendigkeit eines zweiten Konjunkturpakets in den USA.

Widersprüchliche Arbeitsmarktdaten
Für einen kleinen Hoffnungsschimmer sorgten neue Daten vom US-Arbeitsmarkt. So lagen die US-Arbeitslosenhilfe-Erstanträge in der vergangenen Woche nur bei 565.000 - das sind 40.000 weniger als prognostiziert. Allerdings stieg die Zahl der Anträge auf fortlaufende Hilfe auf ein Rekordniveau von 6,9 Millionen. Nun "fürchten einige, dass die US-Arbeitslosenquote bald zweistellig sein wird", erklärte ein Händler. Im Juni lag die Quote bei 9,4 Prozent. Der Euro kletterte am Nachmittag auf über 1,40 Dollar.

Exporte steigen wieder

Aus Deutschland kamen indes ermutigende Signale. Der Überschuss der deutschen Handelsbilanz ist im Mai gestiegen - dank der wiederanziehenden Exporte.

Deutsche Aktien begehrt
Ausländische Experten haben inzwischen wieder Gefallen an deutschen Aktien gefunden. So sehen die Analysten von JP Morgan bei deutschen Aktien Nachholbedarf, da sie zuletzt dem Rest Europas hinterhergehinkt seien. Die Experten setzen auf konjunktursensible Bereiche, wie die Auto-, Stahl- und Chemiebranche.

China macht Autobauern Mut
Stahl- und Autowerte liefen am Donnerstag auch gut. Daimler und BMW gewannen über zwei Prozent. Der Nutzfahrzeughersteller MAN legte gar fast vier Prozent zu - beflügelt von einem positiven Analystenkommentar. Auch Autozulieferer wie Grammer, Leoni und Conti notierten deutlich im Plus. Starke Absatzzahlen aus China trieben die Auto-Branche an. Dank staatlicher Kaufanreize wurden im Juni 48 Prozent mehr Autos im Reich der Mitte verkauft. Der chinesische Verband der Autohersteller schraubte deshalb die Absatzprognose für das Gesamtjahr nach oben.

Bank-Aktien gesucht
Einen guten Tag erwischten auch die Finanzwerte, allen voran die Deutsche Bank. Die Aktie des Geldinstituts war mit einem Plus von fast fünf Prozent Spitzenreiter im Dax. Die Commerzbank legte 1,5 Prozent zu. "Die Aktien von Banken hatten zuletzt stark verloren und erholen sich jetzt überdurchschnittlich", erklärte ein Händler.

Vorschusslorbeeren für SAP
Zu den Top-Gewinnern im Dax zählte erneut die SAP-Aktie. Merrill Lynch hat das Papier nach den jüngsten Kursverlusten von "Neutral" auf "Buy" hochgestuft. Das Kursziel wurde bei 34 Euro belassen. Wegen der bereits sehr niedrigen Erwartungen für das zweite Quartal dürften negative Überraschungen ausbleiben, hieß es.

Siemens im WM-Fieber
Gut hielt sich ebenfalls Siemens. Die Aktie sprang um über 2,5 Prozent nach oben. Ein Jahr vor dem Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika gaben die Münchner bekannt, WM-Aufträge in Höhe von einer Milliarde Euro erhalten zu haben. So baut Siemens am Kap die Energie-Infrastruktur aus, liefert Lichttechnik für Stadien und optimiert den öffentlichen Nahverkehr.

Einigt sich Lufthansa mit Brüssel?
Die Aktien der Lufthansa schlossen dagegen 0,5 Prozent tiefer. Die Juni-Verkehrszahlen fielen durchwachsen aus. Zwar hat sich der Einbruch bei den Passagierzahlen im Juni etwas abgeschwächt. Die Zahl der beförderten Fluggäste sank um 2,8 Prozent. Andererseits ging das Luftfracht-Geschäft im Juni stärker zurück als im Mai. Bei der geplanten Übernahme der österreichischen Austrian Airlines (Aua) könnte die Lufthansa am Freitag dagegen einen wichtigen Schritt vorankommen. Angeblich ist der Konzern zu Zugeständnissen wie den Verzicht auf bestimmte Strecken bereit, um grünes Licht von Brüssel zu erhalten. Morgen wird die Lufthansa ein Angebot vorlegen.

Fielmann macht weniger Gewinn
Enttäuschende Zahlen lieferte die Optikerkette Fielmann am Rande der Hauptversammlung. Der Gewinn schrumpfte im ersten Halbjahr um zehn Prozent auf 72 Millionen Euro, während der Umsatz um 2,8 Prozent auf 464 Millionen Euro zulegte. Die Fielmann-Aktie gab um über zwei Prozent nach und zählte zu den größten Verlierern im MDax.

Aktionäre besiegeln Umbenennung von Premiere in Sky
Die Aktie von Sky (früher Premiere) konnte sich hingegen leicht behaupten. Auf der Hauptversammlung verbreitete Sky-Chef Mark Williams Zuversicht und versprach "ab dem laufenden Quartal einen Anstieg der Abonnentenzahlen". Die Aktionäre stimmten mit großer Mehrheit der Umbenennung von Premiere in Sky zu.

Auftrag für Solon aus Kalifornien
Im TecDax zischte die Solon-Aktie ab. Die zuletzt stark gebeutelte Aktie kletterte um 13 Prozent auf 9,25 Euro. Der Solarmodulhersteller hat einen Auftrag für eine zwei Megawatt-Anlage aus Kalifornien erhalten. Das sei zwar ein recht kleiner Deal, könnte aber Folge-Aufträge in den USA generieren, meinte eine Analystin. Andere Marktteilnehmer hielten den Kurssprung von Solon für "fundamental nicht gerechtfertigt".

Sorgen um Cholesterinsenker von Merck & Co
An der Wall Street präsentierten sich besonders Pharmawerte schwach. Größter Verlierer war Merck & Co mit einem Minus von fünf Prozent. Börsianer verwiesen auf Spekulationen, wonach bei Tests der Cholesterinsenker Zetia von Merck schlecht abgeschnitten haben soll.

Citigroup hat neuen Finanzchef
Dagegen notierte die Aktie der Citigroup deutlich fester. Der Finanzkonzern hat sein Top-Management ausgetauscht: Neuer Finanzchef wird John Gerspach. Der bisherige Finanzvorstand Edward Kelly wird neuer Vizevorstandsvorsitzender hinter Citigroup-Chef Vikram Pandit und beschäftigt sich mit strategischen Fragen.

Zweite Chance für GM?
Der krisengeschüttelte Autobauer bereitet derweil seinen Neustart vor. Für Freitagnachmittag hat GM eine Pressekonferenz angekündigt. Konzernchef Fritz Henderson werde dabei über den neuesten Stand der
Dinge informieren, hieß es. Es wird damit gerechnet, dass noch vor dem Wochenende die weitgehende Verstaatlichung von GM über die Bühne geht. Am Donnerstagabend lief die Frist für die Gegner des vom Insolvenzgericht genehmigten Rettungsverkaufs an, um Berufung einzulegen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr