Ein Tag zum Abgewöhnen

von Detlev Landmesser

Stand: 10.10.2008, 20:40 Uhr

Reichlich ungewollt werden die Anleger dieser Tage Zeugen historischer Vorgänge. Schließlich erlebte die deutsche Börse die schwärzeste Woche in ihrer Geschichte. Am Freitag brachen neun Dax-Werte zweistellig ein.

Der L-Dax ging 7,9 Prozent tiefer bei 4.515,21 Punkten ins Wochenende. Zeitweise hatte es aber noch viel düsterer ausgesehen. Nach der Wall-Street-Eröffnung war der deutsche Leitindex um bis zu 11,85 Prozent auf 4.308 Punkte abgestürzt. Schlimmer war nur der Tagesverlust von 13 Prozent am 16. Oktober 1989.

Insgesamt büßte der Dax auf Xetra-Basis in dieser Woche rund 22 Prozent ein und rutschte auf den tiefsten Stand seit Mai 2005. Die US-Indizes brachten indessen das Kunststück fertig, vorübergehend ins Plus zu drehen. Eineinhalb Stunden vor Handelsschluss um 22:00 Uhr deutscher Zeit lagen sie wieder um bis zu sechs Prozent im Minus.

An der Wall Street wurde zwischenzeitlich über eine Handelssaussetzung wie an einer Reihe anderer internationaler Börsen nachgedacht. Die Deutsche Börse teilte dagegen mit, es sei nicht geplant, wegen der hohen Verluste den Handel zu unterbrechen.

"Was wir hier sehen, ist die reine Panik", kommentierte Marktstratege Hans-Jürgen Delp von der Commerzbank das Geschehen. "Es ist genau das passiert, was mit dem Hilfspaket der US-Regierung verhindert werden sollte. Der Vertrauensverlust geht viel weiter als jemals vorstellbar". "Wir sind in einer Krise, die es so noch nie gab, aber wir haben starke Notenbanken und sehen ein Zusammenrücken der politischen Kräfte." Politiker und Notenbanker hätten "alle Möglichkeiten, eine Lösung zu konstruieren".

Politiker arbeiten am Wochenende

Welche Maßnahmen die Politiker, die zuletzt durchaus nicht immer mit Sachverstand glänzten, noch aus dem Hut zaubern können, bleibt allerdings weiter unklar. Umso mehr geht der bange Blick der Investoren nach Washington, wo die Finanzminister der sieben größten Industriestaaten (G7) am Abend zusammentrafen. US-Präsident George W. Bush, der die G7-Finanzminister am Samstag treffen wird, gab sich zuversichtlich: "Wir können und werden diese Krise lösen." Das Finanzministerium arbeite mit Hochdruck daran, dass das Rettungspaket über 700 Milliarden Dollar schnell wirke.

Auch die Staats- und Regierungschefs der Eurozone treffen sich an diesem Sonntag in Paris, um über Wege aus der Finanz- und Bankenkrise zu beraten. "Dieses Treffen hat zum Ziel, einen gemeinsamen Aktionsplan der Staaten der Eurozone und der Europäischen Zentralbank angesichts der aktuellen Finanzkrise zu definieren", hieß es aus Paris.

Die jüngsten US-Daten bestätigten unterdessen erneut, dass die Krise in der Realwirtschaft angekommen ist. Das Handelsbilanzdefizit fiel im August mit 59,1 Milliarden Dollar höher als erwartet aus. Außerdem gingen die Importpreise im September mit 3,0 Prozent deutlich stärker als erwartet zurück.

Finanzwerte brechen erneut ein
Insgesamt verloren neun der 30 Dax-Titel mehr als zehn Prozent an Wert. Was Wunder, dass an diesem Tag wieder die Finanztitel zu den größten Dax-Verlierern gehörten. Die Aktien der Allianz und der Münchener Rück litten vor allem unter einer Gewinnwarnung des US-Versicherers Prudential Financial und der Pleite eines japanischen Versicherungskonzerns.

Auch die Titel der Postbank gaben um mehr als 14 Prozent nach, obwohl sich der Konzern zuversichtlich geäußert hatte. Postbank-Chef Wolfgang Klein sagte, dass die Postbank an ihren Ergebniszielen für 2010 festhalte. Die Finanzierung des Konzerns sei über Jahre gesichert. Außerdem sehe er sehe keinen negativen Effekt, der den Einstieg der Deutschen Bank verzögern würde. Die Deutsche-Bank-Aktie verlor gar 16,1 Prozent an Wert. Der Branchenprimus hatte im September angekündigt, knapp 30 Prozent an der Postbank für rund 2,8 Milliarden Euro in bar übernehmen zu wollen.

HRE-Chefaufseher gibt auf
Kurz vor Xetra-Schluss gab es eine überfällige Mitteilung von der Hypo Real Estate. Nach Vorstandschef Georg Funke ist bei dem Immobilienfinanzierer auch Aufsichtsratschef Kurt Viermetz zurückgetreten. Viermetz erklärte, er habe mit dem Rettungspaket für die Bank und der Neuaufstellung des Vorstands seine wichtigsten Aufgaben erfüllt und die "Grundlagen für einen guten Neuanfang gelegt".

GM bald pleite?
Die massiven Probleme des US-Autogiganten General Motors ließen auch die deutschen Autotitel BMW und Daimler leiden - anders als die VW-Aktie, deren heutiger erneuter Kursanstieg von mehr als 15 Prozent unter den Händlern nur noch Achselzucken auslöste.

Lufthansa mit gemischten Verkehrszahlen
Die Lufthansa hat im September mehr Fluggäste befördert als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Passagiere bei Lufthansa, Lufthansa Regional und Swiss stieg im Vergleich zum Vorjahresmonat um 1,1 Prozent auf 6,343 Millionen, teilte der Dax-Konzern gegen Mittag mit. Die Sitzauslastung verschlechterte sich um 1,9 Prozentpunkte auf 80,1 Prozent. Das Frachtaufkommen sank auf Konzernebene um 4,7 Prozent auf 162.000 Tonnen. Die Auslastung ging hier um 5,4 Prozentpunkte auf 61,2 Prozent zurück.

Entscheidet sich Tui am Wochenende?
Am Wochenende könnte sich die Zukunft der Tui-Tochter Hapag-Lloyd entscheiden. Die Reederei Neptune Orient Lines (NOL) aus Singapur zog sich am Freitag aus dem Bieterverfahren um die Hamburger Reederei zurück. Damit scheint der Weg frei zu sein für den anderen Bieter, ein Hamburger Konsortium. Allerdings könnte Tui den Verkauf von Hapag-Lloyd auch noch absagen.

Salzgitter stockt bei Affi auf
Salzgitter hat seine Beteiligung am Kupferkonzern Norddeutsche Affinerie weiter vergrößert. Der Stahlkonzern habe den Anteil auf 20,001 Prozent erhöht, teilt die Affinerie mit. Ende September betrug der Anteil noch 17,6 Prozent. Salzgitter teilte mit, das Engangement bei NA könnte in Richtung einer Sperrminorität aufgestockt werden, dies sei jedoch nicht zwingend. Im MDax verloren beide Titel, die Salzgitter-Aktie mit 8,5 Prozent aber deutlich stärker.

IDS warnt erneut
Einen merkwürdigen Kursverlauf erlebte die Aktie von IDS Scheer. Nach einer erneuten Gewinnwarnung des Software- und Beratungsunternehmens stürzte der TecDax-Titel zunächst ans Indexende ab - um dann sogar im Plus zu schließen. Offenbar half die Ankündigung des Unternehmens, 200 seiner rund 3.000 Stellen weltweit abbauen zu wollen. Nach einem deutlichen Gewinnrückgang im dritten Quartal werde für nun für 2008 eine Rendite vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) von drei bis vier Prozent erwartet, hatte IDS Scheer am frühen Nachmittag mitgeteilt. Davor hatte die Firma einen Wert zwischen acht bis neun Prozent erwartet. Der Umsatz werde stagnieren, hieß es. Im dritten Quartal ging die Ebita-Marge auf vier von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück.

DIC Asset nutzt das Kursniveau
Der Immobilienkonzern DIC Asset reiht sich angesichts des allgemeinen Wertverfalls in die Riege der Unternehmen ein, die ein Aktienrückkaufprogramm aufgelegt haben. Das SDax-Unternehmen will eigene Aktien im Wert von bis zu fünf Prozent des eigenen Grundkapitals zurückkaufen. Der Aktienrückkauf beginne ab heute, teilte DIC Asset mit. Die Aktie hat in den vergangenen zwei Wochen mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Zugleich bestätigte DIC Asset, dass die Zahlen zum dritten Quartal den "gestellten Erwartungen positiv entsprechen" sollten.

VTG bleibt optimistisch
Die Aktie des Güterwaggonvermieters VTG hielt sich ausgesprochen gut. Das Unternehmen sieht trotz Finanzkrise keine abflauende Nachfrage nach Güterwaggons. "Bisher haben wir jeden Monat mehr Waggons vermietet als im Vormonat", sagte VTG-Chef Heiko Fischer. Der langfristige Anstieg der Energiepreise werde dafür sorgen, dass mehr Güter auf der Schiene transportiert würden.

Tagestermine am Donnerstag, 13. Dezember

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 11/18, 07:00 Uhr
Metro AG: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Tui: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Starbucks: Investor Day, 18:00 Uhr
BMW: Absatz 11/18
Bertrandt: Jahreszahlen
ThyssenKrupp: Investor Day

Konjunktur:
Deutschland: Konjunkturprognose Ifo-Institut, 10:00 Uhr
EU: EZB-Zinsentscheid, 13:45 Uhr, PK 14:30 Uhr
USA: Im- und Exportpreis 11/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr