Ein Tag zum Abgewöhnen

Detlev Landmesser

Stand: 20.06.2008, 20:18 Uhr

An diesem Freitag kam fast alles zusammen, was Aktienkurse belasten kann: Trübe Unternehmensmeldungen und Krisengerüchte, ein Ölpreisschub und ein Verfallstag am Terminmarkt, der es in sich hatte.

Ein trüber Ausblick von Ford gab den Märkten am Abend den Rest. Der zweitgrößte US-Autobauer nach GM geht davon aus, dass seine Geschäfte noch schlechter laufen als ohnehin schon befürchtet. Die Ergebnisse der Autosparte würden 2008 schlechter als 2007 ausfallen. Während die Ford-Aktie um mehr als sechs Prozent einbrach, lagen die großen US-Indizes am Abend um je mehr als 1,7 Prozent im Minus. Der L-Dax ging 2,5 Prozent tiefer bei 6.563,44 Punkten ins Wochenende.

Zuvor waren Sorgen um neue Belastungen aus der Finanzkrise aufgeflammt. Gerüchte über eine bevorstehende Gewinnwarnung der US-Investmentbank Merrill Lynch belasteten den gesamten Sektor auch in Europa. In Frankfurt erwischte es die Aktie der Commerzbank am stärksten. Der Dax-Titel verlor einen Großteil seiner jüngsten Kursgewinne, die auf die Konsolidierungsfantasie in der Branche zurückgingen.

Zeitweise büßte der Dax bis zu 2,6 Prozent an Wert ein. Schon zuvor hatte der große Verfallstermin an der Eurex die Kurse stark belastet. Um 13:00 Uhr verfielen die Futures und Optionen auf den Dax, was den Leitindex kräftig unter Druck brachte - offensichtlich waren die Marktteilnehmer erfolgreich, die auf niedrige Settlement-Preise aus waren.

Unter Druck standen in New York auch die beiden US-Anleiheversicherer MBIA und Ambac, nachdem die Ratingagentur Moody's in einem überfälligen Schritt deren Bonitätsnote gesenkt hatte.

Auch der Ölpreis meldete sich als Belastungsfaktor zurück. Am Abend notierte der richtungsweisende Juli-Future mit 134,70 Dollar pro Barrel fast drei Dollar über dem Vortag. Nachdem China die staatlichen Diesel- und Benzinpreise deutlich angehoben hatte, hatte der Ölpreis zunächst um fünf Dollar nachgegeben.

Kartelluntersuchung gegen Henkel

Die Henkel-Vorzugsaktie büßte 2,7 Prozent ein. Der Konsumgüterkonzern ist ins Visier der europäischen Kartellbehörde geraten. Der Persil-Hersteller bestätigte am Abend Durchsuchungen, nannte aber keine Details. Die EU-Kommission teilte mit, sie prüfe seit dieser Woche, ob es in der Branche Preisabsprachen bei Waschmitteln, Geschirrspülmitteln, Reinigern und Weichspülern gegeben habe. Auch bei den Henkel-Wettbewerbern Unilever, Procter & Gamble und Sara Lee gab es Durchsuchungen. Erst im Februar hatte das Bundeskartellamt wegen illegaler Preisabsprachen gegen Henkel, Sara Lee und Unilever Bußgelder von insgesamt 37 Millionen Euro verhängt.

Stahlwerte gegen den Trend gefragt
Mit 1,8 Prozent Plus nahm die ThyssenKrupp-Aktie scheinbar ungerührt den Spitzenplatz im Dax ein. Die Analysten von Merrill Lynch hatten am Morgen ein Kursziel für den Dax-Titel von 43 Euro ausgegeben. Die Salzgitter-Aktie im MDax stieg ebenfalls aufgrund einer Analysteneinschätzung von Kepler ("Neutral" statt "Underperform") um vier Prozent.

Eine verbesserte Jahresprognose beflügelte die Aktien von Klöckner & Co. Der Stahlhändler erwartet jetzt ein Umsatzplus von mindestens zehn Prozent. Das Ergebnis soll höher als die bisherige Prognose von 470 Millionen Euro ausfallen, und damit soll auch der Jahresüberschuss die bisherige Erwartung übertreffen.

BASF will sich splitten
Die BASF-Aktie soll optisch billiger werden. Der Chemiekonzern will nächste Woche einen Aktiensplit im Verhältnis 1:2 durchführen. Am 27. Juni erhalten alle BASF-Aktionäre für jede bestehende Aktie eine zusätzliche Aktie, der Kurs wird sich daher halbieren. BASF will mit dem Split die "Aktien einem noch breiteren Anlegerkreis zugänglich machen".

Abschieds-Rally von Arques
Auffallend ungerührt von dem allgemeinen Kursverfall präsentierte sich die Arques-Aktie, die sich mit fast elf Prozent Plus an die MDax-Spitze setzte - den sie am Montag in Richtung SDax verlassen muss. Fundamentale Gründe konnten Händler nicht finden. "Das sieht eher nach einer technischen Gegenreaktion aus, nachdem die Titel seit Jahresbeginn rund 70 Prozent verloren haben", sagte ein Marktteilnehmer.

Optische Täuschungen
Der MDax-Titel Deutsche Euroshop verlor mehr als fünf Prozent. Das Unternehmen zahlte seinen Aktionären für das vergangene Jahr eine Gewinnbeteiligung von 1,05 Euro je Anteilsschein, die Aktie notierte daher heute mit Dividendenabschlag.

Ex Dividende notierten auch Colonia Real Estate, Koenig & Bauer und Sixt. Die Gewinnausschüttung bei Colonia betrug 0,25 Euro je Aktie, bei Koenig & Bauer 0,60 Euro und bei Sixt 1,18 Euro.

Porsche will VW bis Jahresende
Bis Ende des Jahres will Porsche den Volkswagen-Konzern mehrheitlich übernehmen. "Ich gehe davon aus, dass wir irgendwann bis Ende des Jahres auf über 50 Prozent aufstocken können", sagte Konzernchef Wendelin Wiedeking auf dem Eurobörsentag 2008. Bisher hatte Porsche in dieser Frage lediglich mitgeteilt, mit der Zustimmung aller befragten Kartellämter werde bis Herbst gerechnet. Das schwäbische Unternehmen braucht neben der Zustimmung der EU-Kommission auch die Genehmigung von rund 15 Kartellbehörden außerhalb Europas.

Gewinnwarnung von Escada
Zeitweise setzte sich die Escada-Aktie mit einem Plus von bis zu 11,9 Prozent an die SDax-Spitze, fiel dann aber deutlich ins Minus zurück. Erst hatten Spekulationen über einen Einstieg des Tchibo-Miteigentümers Michael Herz den Kurs beflügelt. Das "Handelsblatt" berichtete, Herz habe sich Anteile von insgesamt rund zwölf Prozent gesichert. Weder bei Escada noch bei Tchibo war dazu eine Stellungnahme zu erhalten. Nach Xetra-Schluss schraubte der Damenmode-Konzern aber seine Gewinnprognose erneut zurück. Der Umsatz soll im niedrigeren zweistelligen Prozentbereich zurückgehen. Bisher hatte Escada einen Rückgang im einstelligen Prozentbereich erwartet. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll nur bei 37 Millionen Euro liegen statt wie bisher geplant bei 51 Millionen Euro. Unterm Strich rechnet das Unternehmen mit einem Verlust. Bislang hatte Escada schwarze Zahlen in Aussicht gestellt. Erst im April hatte das Management die Erwartungen nach unten korrigiert.

Veolia aus der Mode
Die Veolia-Aktie driftete weiter abwärts. Die WestLB hat das Kursziel für den französischen Umwelttitel von 55 auf 43 Euro reduziert, die Empfehlung "Add" aber bestätigt. Die für 2008 verminderte Prognose für das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) durch den Umweltkonzern sei seiner Meinung nach die Folge zu optimistischer Analystenerwartungen, schrieb Analyst Sebastian Zank. Was ihn allerdings mehr beunruhige, sei die mittelfristige Entwicklung. So dürfte der zusätzliche Kostendruck den Konzern daran hindern, die Nettogewinnmargen deutlich zu steigern.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 20. August

Konjunktur
Deutschland: Erzeugerpreise 07/18, 8 Uhr
Deutschland: Monatsbericht der Bundesbank 08/08, 12:00 Uhr

Sonstiges:
Treffen der Handelsberater von EU und USA zur Beilegung des Handelsstreits.