Ein Tag für Hartgesottene

Detlev Landmesser

Stand: 02.03.2009, 20:32 Uhr

Schon zum dritten Mal muss der Staat dem taumelnden US-Versicherungsriesen AIG unter die Arme greifen. Das war ein Krisensignal der ganz harten Sorte - die Aktienmärkte reagierten unmissverständlich.

Dies- und jenseits des Atlantiks überboten sich die Indizes zum Monatsbeginn mit mehrjährigen Tiefs. Der Dax erreichte sein Tagestief bei 3.692 Punkten, was einem Minus von 3,9 Prozent und dem tiefsten Stand seit Oktober 2003 entsprach. Der L-Dax schloss genau auf diesem Niveau.

An der Wall Street fiel der Dow-Jones-Index erstmals seit Oktober 1997 unter die Marke von 7.000 Punkten. Die US-Regierung kündigte an, ihre Hilfsmaßnahmen für AIG um weitere 30 Milliarden auf jetzt insgesamt rund 180 Milliarden Dollar aufzustocken. Zuvor hatte der schwer angeschlagene Versicherer mit 99,3 Milliarden Dollar den größten Jahresverlust der Geschichte gemeldet. 62 Milliarden Dollar davon fielen alleine im vierten Quartal an.

Die AIG-Aktie gewann zwar wegen der neuerlichen staatlichen Finanzspritze bis zu ein Fünftel an Wert - die neue Dimension der Krise belastete die anderen Titel aber umso mehr. Zu den größten Verlieren zählten Finanzwerte: Die Aktien der erst vor drei Tagen teilverstaatlichten Citigroup sowie der Bank of America stürzten bis zum Abend zweistellig ab.

Uneinheitliche Konjunktursignale

Da konnten auch einzelne positive US-Konjunkturdaten nicht mehr helfen. So hellte sich die Stimmung der Einkaufsmanager im Verarbeitenden Gewerbe im Februar überraschend auf. Der entsprechende Index legte von 35,6 Punkten im Vormonat auf 35,8 Punkte zu. Auch die Kauflaune der US-Verbraucher besserte sich zu Jahresbeginn erstmals seit sechs Monaten wieder. Die Konsumausgaben stiegen im Januar um 0,6 Prozent. Dagegen sanken die Bauausgaben im Januar mit 3,3 Prozent zum Vormonat deutlich stärker als erwartet. Auch der Vormonatswert wurde von minus 1,5 auf minus 2,4 Prozent merklich nach unten revidiert.

Ölpreis rutscht kräftig ab
Dass die Märkte derzeit keineswegs Licht am Ende des Rezessionstunnels sehen, zeigte der scharfe Einbruch der Ölpreise. Die richtungsweisende Notierung für leichtes US-Öl stürzte am Montag um rund vier Dollar auf Preise knapp über 40 Dollar pro Barrel ab - und das trotz des neuerlichen Wintereinbruchs an der amerikanischen Ostküste.

Commerzbank-Aktie taumelt weiter
Kein Wunder, dass an diesem Tag die deutschen Finanzwerte besonders schlecht aufgelegt waren. Schwächster Dax-Titel war die Commerzbank. Die teilverstaatlichte Großbank schließt einen weiteren Kapitalbedarf vom Staat nicht aus. Zwar habe man momentan eine "angemessene Kapitalausstattung", sagte Commerzbank-Chef Martin Blessing der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". "Aber niemand weiß, was in dieser Krisenzeit auf die Banken zukommen kann", so Blessing.

HSBC versucht gigantische Kapitalerhöhung
Etwas anders ist der Fall bei der HSBC gelagert. Die größte britische Bank benötigt zwar ebenfalls frisches Kapital, allerdings nicht vom Staat. Was die HSBC-Aktie aber auch nicht vor einem zeitweise mehr als 20-prozentigen Kursabsturz bewahrte. Das Geldhaus will mittels einer Kapitalerhöhung 12,5 Milliarden Pfund hereinholen.

Volkswagen sieht harte Zeiten
Am Ende wurde die VW-Aktie doch noch von den überraschend vorgelegten Zahlen für 2008 gestützt. Schließlich konnte Europas größter Autokonzern seinen Jahresgewinn gegen den Branchentrend steigern. 2008 wuchs das Ergebnis nach Steuern um 13,7 Prozent auf 4,68 Milliarden Euro, teilte Volkswagen am Nachmittag mit. Der Umsatz stieg um 4,5 Prozent auf 113,8 Milliarden Euro. Die Dividende soll von 1,80 auf 1,93 Euro je Stammaktie steigen. Für 2009 erwartet der Konzern wegen der Absatzkrise einen geringeren Umsatz. Aufgrund des "äußerst schwachen Geschäfts" zu Beginn des Jahres sei das Erreichen des hohen Ergebnisniveaus der Vorjahre nicht möglich.

Porsche bremst ab
VW-Großaktionär Porsche muss wegen der Krise ebenfalls Federn lassen. Der Sportwagenbauer hat im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2008/09 einen Umsatzrückgang um 12,8 Prozent auf 3,04 Milliarden Euro hinnehmen müssen. Das operative Ergebnis sei ähnlich stark zurückgegangen, teilte Porsche mit, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Aussagen zum Nachsteuergewinn will Porsche erst Ende März treffen.

Infineon zuckt noch
Einer der wenigen Dax-Gewinner war Noch-Indexmitglied Infineon mit einem Kursplus von bis zu neun Prozent - auf allerdings doch recht bescheidene 52 Cent. Ein Marktbeobachter sprach von "Zockerei". Wegen der gesunkenen Marktkapitalisierung dürfte die Infineon-Aktie zum 23. März aus dem Dax ausscheiden, erwarten Experten.

Stada kappt Dividende...
Am Nachmittag meldete Stada seine vorläufigen Zahlen für 2008. Der Generika-Hersteller ist nach einem Rekordumsatz pessimistisch für 2009. Im ersten Halbjahr rechnet der MDax-Konzern mit einem rückläufigen Geschäft. Der Konzernumsatz wuchs 2008 um rund fünf Prozent auf 1,646 Milliarden Euro. Der Gewinn schrumpfte dagegen um rund 27 Prozent 76,2 Millionen Euro. Die Aktionäre sollen für 2008 nun eine von 71 auf 52 Cent gekürzte Dividende erhalten.

... Praktiker auch
Auch Praktiker legte am Nachmittag seine Eckdaten vor. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) sei um 11,3 Prozent auf 129,1 Millionen Euro gesunken, teilte die Baumarktkette mit. Der Jahresüberschuss sei von 23,7 Millionen auf 7,1 Millionen Euro eingebrochen. Die Dividende soll daher von 0,45 Euro im Vorjahr auf 0,10 Euro pro Aktie gekürzt werden.

Conti doch ohne Schaeffler?
Die Aktie von Continental war größter Gewinner im MDax. Die "F.A.Z." berichtete, dass Kreditgeber der hoch verschuldeten Schaeffler-Gruppe erwägen, den Conti-Kauf rückabzuwickeln. Die Banken könnten Schaefflers Conti-Anteile übernehmen und anschließend ihren Anteil durch eine Kapitalerhöhung auf unter 50 Prozent senken, hieß es in der Zeitung. "Für Conti wäre eine Trennung von Schaeffler das Beste", kommentierte ein Analyst.

Neue Sorgen um EADS-Projekt
Die EADS-Aktie litt unter einer neuen Schreckensmeldung um den A400M. Das neue Militär-Transportflugzeug des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns droht offenbar zu scheitern. Die europäische Rüstungsbehörde Occar habe die an dem wiederholt verzögerten Milliardenprojekt beteiligten Länder darauf hingewiesen, dass sie den Kaufvertrag am 31. März kündigen könnten, berichtet der "Spiegel".

Großauftrag für Kontron
Der Kleincomputerbauer Kontron meldete einen Großauftrag aus der US-Telekommunikationsindustrie. Ein Anbieter von Netzwerkttechnik habe Kontron mit einer 80 Millionen Euro schweren Entwicklungsorder für integrierte Computersteuerungen bedacht, teilte das TecDax-Unternehmen mit. Der Auftrag laufe über vier Jahre, erste Prototypen würden noch 2009 verschickt. Das volle Volumen werde 2010 erreicht.

Dankbare Aktionäre bei GFT
Mit der Aktie von GFT ging es kräftig nach oben. Der IT-Dienstleister hat im vergangenen Jahr einen leichten Umsatzrückgang verbucht. Der Vorsteuergewinn brach wegen unerwarteter Mehrausgaben um knapp die Hälfte ein. Dennoch will das Unternehmen erstmals eine Dividende von 10 Cent je Aktie zahlen - eine ganze Menge bei einem Aktienkurs von 1,44 Euro. Für das laufende Jahr sieht sich GFT mit seiner Strategie der Risikoverteilung auf drei Geschäftsbereiche gut vorbereitet.

Stühlerücken bei Kampa
Beim größten deutschen Fertighausbauer Kampa gab es einen weiteren Paukenschlag. Rund einen Monat nach der Verlustanzeige über die Hälfte des Grundkapitals, die eine außerordentliche Hauptversammlung am 20. März nötig macht, entließ der Aufsichtsrat die beiden Vorstände Markus Schreyögg und Rolf Baresel fristlos, teilte Kampa am Abend mit. Neu in den Vorstand berufen wurde dagegen der Kampa-Manager Hansjörg Plaggemars, der das Unternehmen gemeinsam mit Josef Haas führen soll.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"