Ein Tag für Gewinnmitnahmen

Notker Blechner

Stand: 10.08.2010, 20:19 Uhr

Nach dem jüngsten Kurssprung machten die Anleger am Dienstag erst mal Kasse und warteten ab. Der Dax gab seine zu Wochenbeginn gemachten Kursgewinne wieder ab. Im Blickpunkt standen Firmen aus der zweiten Reihe - und am Abend die Fed.

Die US-Notenbank beließ am Abend erwartungsgemäß den Leitzins bei einer Spanne zwischen 0,0 und 0,25 Prozent. Daran dürfte sich auch in naher Zukunft nichts ändern. Der Leitzins dürfte länger außergewöhnlich niedrig bleiben, teilte die Notenbank mit. Wichtiger waren aber die Aussagen zur Konjunktur: Die Erholung sei moderater als zuvor erwartet, gaben die Notenbanker zu. Vor allem bei der Industrie-Produktion und der Beschäftigung habe sich die Erholung verlangsamt. Als Reaktion kündigte die Notenbank an, die auslaufenen hypothekenbesicherten Anleihen in Staatspapiere umzuschichten, um die Konjunktur zu stützen.

Euro springt nach oben

Die US-Börsen erholten sich daraufhin spürbar. Der Dow Jones reduzierte seine Verluste und drehte zeitweise gar ins Plus. Danach sackte er aber wieder etwas ab. Der Euro zog kräftig an und kletterte auf fast 1,32 Dollar.

Vor dem Zinsentscheid hatte der Dow Jones noch rund ein Prozent nachgegeben. Die schwächere Wall Street belastete auch den deutschen Aktienmarkt. Der Dax fiel zeitweise auf bis 6.247 Punkte, erholte sich bis zum Abend wieder leicht und beendete den Xetra-Handel ein Prozent tiefer bei 6.286 Punkten. Im späten Parketthandel ging es weiter nach unten. Der L-Dax schloss bei 6.279 Zählern.

Nach dem am Montag erreichten Jahreshoch fehlten die Impulse für weitere Kursanstiege, beklagte ein Händler. Viele Anleger würden ihre Schäfchen ins Trockene bringen und vor dem US-Zinsentscheid Gewinne mitnehmen, hieß es.

US-Wirtschaft verliert an Produktivität
Für Verunsicherung sorgten die neuesten Konjunkturdaten. Überraschend sank die Produktivität der US-Wirtschaft im zweiten Quartal erstmals seit anderthalb Jahren wieder - und das deutlich um 0,9 Prozent. Analysten hatten hingegen einen leichten Anstieg der Produktivität vorhergesagt.

Eon einziger Gewinner
Im Dax gab es am Dienstag fast nur Verlierer. Einzige Ausnahme: Eon. Die Aktie schloss leicht im Plus. Offenbar hoffen Anleger auf gute Quartalszahlen am morgigen Mittwoch. Außerdem profitierte Eon von Spekulationen um geringere Belastungen aus der geplanten Brennelemente-Steuer.

Die Versorger-Branche befindet sich ohnehin im Umbruch. Am Dienstag kündigte der französische Eon-Rivale GDF Suez die Übernahme der britischen International Power an. Damit wollen die Franzosen zum größten Versorger der Welt aufsteigen.

Lufthansa-Höhenflug gestoppt
Zu den größten Kursverlierern zählten Auto- und Bankenwerte, die zuletzt stark zugelegt hatten. Auch die Lufthansa musste nach ihrem Kurssprung von über 20 Prozent in den letzten acht Wochen Federn lassen. Sie büßte zwei Prozent ein. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen. Zudem gebe es bei rund 13 Euro einen massiven charttechnischen Widerstand. Da konnte auch die Erholung im Luftverkehr- und Frachtgeschäft nicht helfen. Die Zahl der Fluggäste ist im Juli um über zehn Prozent auf 5,75 Millionen gestiegen. Die Frachttochter Lufthansa Cargo verzeichnete gar ein Fracht-Plus von 19 Prozent. "Viele hatten sich noch mehr erhofft", meinte ein Händler.

Goldman belastet T-Aktie
Unter Druck befand sich die T-Aktie. Sie gab zeitweise auf bis 10,17 Euro nach, erholte sich dann wieder etwas. Ein Analysten-Kommentar belastete den Telekom-Titel. Goldman Sachs hat die T-Aktie auf die "Conviction Sell"-Liste gesetzt und das Kursziel laut Händlern bei 9,40 Euro belassen. Der wenig optimistische Ausblick der Telekom habe sich noch nicht im Aktienkurs niedergeschlagen, meinen die Goldman-Analysten.

...und Bauwerte
Die Goldman-Experten drückten nicht nur die Telekom, sondern auch die Bauwerte nach unten. Eine nachhaltige Erholung der Branche lasse noch auf sich warten trotz einiger positiver Signale, schrieben die Analysten. Prompt gaben nahezu alle europäischen Bauaktien nach. HeidelCement büßten über zwei Prozent im Dax sowie Hochtief rund zwei Prozent und Bilfinger Berger rund ein Prozent im MDax ein.

Symrise finden Anleger dufte
Im Rampenlicht standen am Dienstag aber eher die Unternehmen aus der zweiten Reihe. Denn zahlreiche Firmen aus dem MDax präsentierten ihre Quartalszahlen. Zu den wenigen positiven Überraschungen zählte Symrise. Der Duft- und Aromenhersteller hat im zweiten Quartal seinen Gewinn auf 41 Millionen Euro verdoppelt und den Umsatz deutlich auf 406,5 Millionen Euro gesteigert. Der MDax-Konzern rechnet für das Gesamtjahr mit acht Prozent mehr Umsatz. Die Aktie zählte mit einem Plus von 1,5 Prozent zu den wenigen MDax-Gewinnern.

Rational heiß begehrt
Ganz oben in der Gunst der Anleger stand Rational im MDax. Die Aktie schoss nach Vorlage der Quartalszahlen um 3,5 Prozent nach oben. Das Unternehmen hat bei Umsatz, Ergebnis und Gewinn die Erwartungen übertroffen. Die Erlöse stiegen im zweiten Quartal um 14 Prozent, das operative Ergebnis erhöhte sich gar um ein Drittel auf 26,5 Millionen Euro.

Gagfah abgestraft
Dagegen enttäuschten mehrere MDax-Firmen mit ihren Zahlen. Vor allem Gagfah. Die Aktie brach um elf Prozent ein. Zwar schaffte der Wohnungskonzern die Rückkehr in die schwarzen Zahlen. Für Verärgerung unter Anlegern sorgte aber die Ankündigungen, die Quartalsdividende auf zehn Cent zu halbieren. Bisher hatte Gagfah die Anleger mit großzügigen Dividendenzahlungen verwöhnt.

Hannover Rück verdient weniger
Deutlich Federn lassen musste auch die Aktie von Hannover Rück: Sie büßte rund sechs Prozent ein. Der Rückversicherer musste im zweiten Quartal einen Gewinneinbruch um über ein Fünftel auf 160 Millionen Euro verkraften. Der Untergang der BP-Bohrinsel "Deepwater Horizon" und das Hochwasser in Osteuropa belasteten das Ergebnis. Die wichtige Kenngröße Schaden-Kosten-Quote fiel enttäuschend aus.

WM vermasselt Tui Travel die Bilanz
Eine Gewinnwarnung von Tui Travel schickte die Tui-Aktie auf Talfahrt. Sie verlor über vier Prozent. Der weltgrößte Reiseveranstalter Tui Travel ist in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2009/10 wegen der Vulkanasche-bedingten Flugausfälle und der Sommer-Buchungsflaute tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Selbst die Fußball-WM in Südafrika musste als Sündenbock für die Touristenflaute herhalten. Für das Gesamtjahr schraubte das Management die Erwartungen nach unten.

Aareal Bank kommt voran
Dagegen konnte die Immobilienbank Aareal von guten Zahlen nicht profitieren. Die Aktie gab um fast zwei Prozent nach. Aareal hat im zweiten Quartal einen Überschuss von 31 Millionen Euro erzielt und damit die Prognosen übertroffen. Den Ausblick für das Gesamtjahr bestätigte die Bank. Offenbar gab es bei der Aareal Bank Gewinnmitnahmen.

Auftragsschub bei Heideldruck
Der Druckmaschinenhersteller Heidelberger Druck befindet sich auf dem Weg der Besserung. Davon zeugen in erster Linie die im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2010/11 um 43 Prozent gestiegenen Aufträge. Auch das Betriebsergebnis verbesserte sich, ist aber ohne Sondereinflüsse noch negativ. Für das Gesamtjahr erwartet Heideldruck ein ausgeglichenes operatives Ergebnis. Die Aktie verlor dennoch leicht.

Leoni nicht gut genug
Der Autozulieferer Leoni befindet sich weiter auf Erholungskurs und kehrte im zweiten Quartal wieder in die Gewinnzone zurück. Für das Gesamtjahr hob Leoni die Prognose an. Das nutzten Anleger zu Gewinnmitnahmen. Die Aktie hatte in den vergangenen vier Wochen kräftig zugelegt.

Grammer schafft Wende
Ebenfalls aufwärts geht es beim Zulieferer Grammer. Das SDax-Unternehmen hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz deutlich gesteigert und vor Zinsen und Steuern (Ebit) wieder schwarze Zahlen geschrieben. Die Aktie kletterte um 2,5 Prozent nach oben.

TAG Immobilien auf Wachstumskurs
Gut scheint es auch für die Immobilienfirma TAG wieder zulaufen: Im ersten Halbjahr kehrte das Unternehmen in die schwarzen Zahlen zurück und schaffte einen Überschuss von 6,4 Milliarden Euro. Die Expansionsstrategie des neuen Chefs Rolf Elgeti zahlt sich offenbar aus. Zuletzt kaufte TAG Wohnungsportfolios in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Anleger lassen die Zahlen kalt. Die Aktien von TAG Immobilien gaben knapp ein Prozent nach.

Delticom warnt
Nach dem neuen Allzeithoch dämpfte derweil Delticom die all zu hohen Erwartungen. Für das kommende Winterreifengeschäft könne ein negativer Basiseffekt nicht ausgeschlossen werden, warnt der Internetreifenhändler. Viele Pkw-Halter hätten nämlich wegen des schneereichen Winters 2009/10 den Kauf von Winterreifen vorgezogen. Trotzdem hielt das Unternehmen am Ausblick für das Gesamtjahr fest. Die Anleger zeigten sich verunsichert: die Aktie verlor zwei Prozent.

Gewinnmitnahmen bei Tom Tailor
Größter Verlierer im SDax war dagegen die Aktie des Modeherstellers Tom Tailor mit einem Minus von vier Prozent. Gestern hatte der Titel noch einen Sprung von 14 Prozent nach oben gemacht. Anleger sahen in den Quartalszahlen keine Überraschung. Der Börsen-Neuling hat im zweiten Quartal Verluste in Höhe von drei Millionen Euro geschrieben - nach zehn Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Eine Sprecherin begründete dies mit dem traditionell schwachen zweiten Quartal. Im laufenden Jahr hat sich der Vorstand einen Umsatzzuwachs von acht bis zwölf Prozent zum Ziel gesetzt.

Manz macht Hoffnung
Aus dem TecDax meldete sich Manz mit Zahlen: Der Verlust des Solarzulieferers verringerte sich auf 0,7 Millionen Euro. Vor Zinsen und Steuern war das Ergebnis wieder positiv. Der Spezialmaschinenbauer hob sein Umsatzziel für 2010 um zehn Millionen Euro auf 140 Millionen Euro an. Zudem will das im Vorjahr in die roten Zahlen geratene Unternehmen zumindest operativ wieder schwarze Zahlen (Ebit) schreiben. Helfen soll dabei auch die mit dem Schraubenhersteller Würth vereinbarte Kooperation zur Herstellung von Dünnschicht-Produktionslinien. Die Aktie schloss fast unverändert.

Qiagen bestätigt Ausblick
Der Biotechnologie-Konzern aus dem TecDax hat nach einem Umsatz- und Gewinnanstieg im zweiten Quartal seinen Ausblick für das laufende Geschäftsjahr bekräftigt. Angepeilt wird ein zweistelliges Wachstum. 2010 soll der Umsatz auf 1,12 bis 1,17 Milliarden Dollar steigen, was einem Plus von 11 bis 16 Prozent entspricht. Trotzdem litt die Aktie unter Gewinnmitnahmen.

Umweltbank profitiert von der Sonne
Solide Zahlen legte am Dienstag die Umweltbank vor. Das Geldhaus steigerte den Überschuss um 37 Prozent auf 5,4 Millionen Euro - vor allem dank Vorzieheffekten bei Photovoltaik-Finanzierungen. Das Interesse an ethisch-ökologischen Geldanlagen bleibt ungebrochen: die Kundeneinlagen stiegen um acht Prozent. In der Vergangenheit waren sie allerdings zweistellig gestiegen. Die Umweltbank-Aktien verteuerten sich um fast zwei Prozent auf über 17 Euro.

Neuer Wind bei Systaic
Einen neuerlichen Kurssprung um über 40 Prozent auf einen Euro - bei hohen Umsätzen - machte die Aktie von Systaic am Dienstag. Bereits am Montag hatte sich der Titel zweistellig nach oben katapultiert. Grund: Der Gründer Michael Victor Kamp hat das Zepter bei der Solarfirma wieder übernommen und will Systaic wieder zur alten Stärke zurückführen. Im ersten Halbjahr erlitt Systaic ein negatives Ergebnis von 28 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte Systaic noch ein kleines positives Ergebnis von 3,8 Millionen Euro erwirtschaftet.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)