Ein Markt atmet auf

Detlev Landmesser

Stand: 06.03.2007, 20:30 Uhr

Tausende Anleger atmeten am Dienstag auf: Nach fünf verlustreichen Handelstagen setzte sich an der Börse endlich eine Erholung durch. Am Abend kletterten die Kurse weiter.

So schloss der L-Dax um 1,6 Prozent höher bei 6.626,97 Punkten. Kurstreiber war die Wall Street, wo die Anleger bis zum Abend immer zuversichtlicher wurden. Dennoch warnen die meisten Experten, jetzt schon Entwarnung zu geben: "Es wird noch einige Nachbeben geben", brachte ein Händler die Mehrheitsmeinung auf den Punkt.

Am Devisenmarkt war der Yen nach seiner jüngsten Rally gegenüber dem Dollar und Euro wieder etwas zurückgefallen, was die Sorgen um Kapitalabflüsse aus den USA und Euroland dämpfte.

US-Konjunktur bremst

Allerdings bestätigten die jüngsten Konjunkturdaten eine Abschwächung der US-Konjunktur. So hat sich die Auftragslage der US-Industrie im Januar deutlicher verschlechtert als erwartet. Die Zahl der eingegangenen Bestellungen sei im Vergleich zum Dezember um 5,6 Prozent gesunken, teilte das Handelsministerium mit. Das war der stärkste Rückgang seit mehr als sechs Jahren. Analysten hatten lediglich mit minus 4,3 Prozent gerechnet.

Auch die Zahlen zur US-Produktivität im vierten Quartal wurden deutlich nach unten revidiert, wenn auch nicht ganz so stark wie von Volkswirten erwartet. Die Produktivität sei auf das Jahr hochgerechnet um 1,6 Prozent geklettert, teilte das US-Arbeitsministerium mit. Die Erstschätzung hatte noch bei 3,0 Prozent gelegen. Volkswirte hatten mit einer Korrektur auf 1,5 Prozent gerechnet. Dagegen kletterten die Lohnstückkosten im vierten Quartal annualisiert um 6,6 Prozent und damit erheblich stärker als zunächst angenommen. In seiner Erstschätzung war das Ministerium noch von 1,7 Prozent ausgegangen.

Am deutschen Markt rückten die Autoaktien ins Rampenlicht, da sich auf den Pressetagen des Genfer Automobilsalons die Unternehmen reihenweise zu Wort melden.

Rätselraten um VW-Aktie
So veröffentlichte Volkswagen Absatzzahlen für Januar und Februar, die deutliche Steigerungen offenbaren. Das starke Plus der Aktie, die sich im Verlauf an die Dax-Spitze setzte, versetzte die Börsianer aber in Erstaunen. "Es gibt seit den Aussagen von Porsche-Chef Wiedeking wieder viele Spekulationen zu möglichen Allianzen in der Branche", sagte ein Händler. Seit diesen Aussagen sei auch wieder der große Käufer aktiv, der sich seit einigen Wochen immer wieder VW-Stücke sichere. "Irgendetwas Großes geht bei VW vor - nur ist am Markt noch völlig unklar, in welche Richtung es genau geht", so der Börsianer.

VW-Partei bei MAN gestärkt
Bei MAN ist Volkswagen auf jeden Fall einen Schritt weiter gekommen. Wie erwartet, schlägt sich der Einstieg von VW auch in der künftigen Zusammensetzung des Aufsichtsrats nieder. Heute hat das MAN-Kontrollgremium den VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech als einen von drei Kandidaten für die Neuwahl des Gremiums im Mai nominiert. Mit sofortiger Wirkung soll Audi-Chef Rupert Stadler in das Gremium einziehen. Als dritter VW-Vertreter ist VW-Nutzfahrzeuge-Chef Stephan Schaller vorgesehen. Volkswagen hatte seinen MAN-Anteil vergangene Woche auf 29,9 Prozent aufgestockt. Auch bei Scania sind die Wolfsburger größter Aktionär und versuchen auf die von allen Beteiligten angestrebte Nutzfahrzeug-Allianz den größtmöglichen Einfluss zu nehmen.

DaimlerChrysler gefragt
Die Februar-Absätze der Mercedes Car Group konnten nicht überzeugen. Die Aktie von DaimlerChrysler legte dennoch zu: Spekulationen über einen Verkauf der Chrysler-Finanzsparte wirkten kurstreibend. Konzernchef Dieter Zetsche äußerte sich zudem optimistisch zu der geplanten Zusammenarbeit mit dem chinesischen Fahrzeughersteller Chery. Er verspricht sich davon eine höhere Profitabilität. Laut einem Pressebericht spricht Daimler zudem mit verschiedenen Finanzinvestoren, so wohl auch mit Cerberus.

"Krisengewinnler" Deutsche Börse
Das Papier der Deutschen Börse gewann über zwei Prozent. "Die Aktie profitiert offensichtlich vom hohen Handelsvolumen der letzten Tage, als es nach unten gegangen ist", sagte ein Händler.

Goldman mag Conti
Die Continental-Aktie bekam Auftrieb durch einen Analystenkommentar. Goldman Sachs stufte die Titel von "Neutral" auf "Buy" herauf und begründete dies damit, dass sich Conti-Papiere im Vergleich zu anderen europäischen Automobil-Zulieferern bisher unterdurchschnittlich entwickelt haben.

Saat-Debakel bei BASF
Schlechte Nachrichten gab es von BASF, denn der Chemieriese muss in den USA Reissaat vom Markt nehmen, die gentechnisch verunreinigt ist. Seit im vergangenen Jahr Spuren von gentechnisch behandeltem Material in konventionellen Reissorten gefunden wurde, reagiere der US-Markt sehr sensibel auf solche Nachrichten, sagten Händler. Die Aktie hielt sich jedoch erstaunlich gut.

Vossloh groß in Mode
Im MDax stand die Vossloh-Aktie erneut auf der Gewinnerseite. Offenbar wurde der US-Einstieg des Verkehrstechnikkonzerns weiter gefeiert. Vossloh hatte am Montag den Kauf des US-Weichenherstellers Pohl angekündigt.

Salzgitter auf Erholungskurs
Die Salzgitter-Aktie profitierte von der Erholung der Stahlaktien in Japan. Nippon Steel verteuerten sich um acht Prozent, Kobe Steel um sieben Prozent zu. Der Stahltitel wurde zudem durch Credit Suisse und WestLB hochgestuft.

Gewinneinbruch bei Fraport
Dagegen stand die Fraport-Aktie unter Druck. Der Frankfurter Flughafenbetreiber hatte am Morgen seine Geschäftszahlen vorgelegt, die keine große Hilfe waren. "Der Überschuss ist dank einer niedrigeren Steuerbelastung und einer Einmalzahlung von den Philippinen höher ausgefallen als erwartet", sagte ein Analyst. Dafür sei der Flughafenbetreiber operativ hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Umsatz und Ausblick seien indessen "in Ordnung".

Streik bei EADS-Tochter Airbus
Die politikgeplagte EADS-Aktie rutschte ebenfalls ins Minus. Im Airbus-Werk in Toulouse haben Warnstreiks gegen das Sanierungskonzept "Power8" begonnen. Die deutschen Gewerkschaften haben einen europaweiten Aktionstag am 16. März angeregt. Die französische Regierung kündigte inzwischen an, sie sei bereit, sich an einer Kapitalerhöhung bei EADS zu beteiligen. Paris meldete außerdem einen Führungsanspruch bei dem Konzern an.

Auch zu den Auftragseingängen gab es Neuigkeiten: In den ersten beiden Monaten hat Airbus mehr Bestellungen erhalten als der Erzrivale Boeing. Allerdings brach der Auftragseingang im Februar ein. In dem Monat seien lediglich Orders über sieben Maschinen eingegangen, teilte Airbus mit. Damit stehen nun Aufträge für 97 Flugzeuge in den Büchern. Bei Boeing gingen dagegen nach Informationen auf der Internet-Seite Bestellungen über 64 Maschinen ein.

Depfa stärkt US-Geschäft
Die Depfa Bank meldete die erste Akquisition der Firmengeschichte. Der Staatsfinanzierer will das Geschäftsfeld Kommunalanleihen (Municipal Capital Markets) des US-Instituts First Albany Capital für rund zwölf Millionen Dollar übernehmen. Zusätzlich plant die Depfa, auch den Bestand an Kommunalanleihen von First Albany zu übernehmen, der am Markt mit 150 bis 200 Millionen Dollar bewertet werde. Mit dem Abschluss der Transaktion sei im dritten Quartal zu rechnen.

Übernahme von ProSieben abgeschlossen
Der Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 hat neue Eigner. Die Finanzinvestoren KKR und Permira schlossen am Dienstag die im Dezember vereinbarte Mehrheitsübernahme der zweitgrößten deutschen Senderkette ab, teilte der Verkäufer German Media Partners (GMP) mit. Hinter GMP steht eine Investorengruppe um den US-Milliardär Haim Saban. KKR und Permira halten fast 50,5 Prozent am ProSiebenSat.1-Kapital, knapp 88 Prozent der Stammaktien und knapp 13 Prozent der im MDax notierten Vorzugsaktien. KKR und Permira wollen ProSiebenSat.1 mit ihrer europäischen Sendergruppe SBS zusammenführen und damit zu RTL aufschließen.

Bwin obenauf
Wieder einmal wurden die Aktien der Glücksspiel-Anbieter durch einen Gerichtsentscheid bewegt. Denn der Europäische Gerichtshof hat das staatliche Glücksspielmonopol geknackt - in Italien zwar, doch das sollte auch auf andere Länder durchschlagen. So könnten die Privaten letztlich auch Zugang zum staatlich kontrollierten deutschen Markt bekommen. Fluxx jedenfalls äußerte sich positiv zu dem Urteil. Die Bwin-Aktie legten zeitweise um mehr als 15 Prozent zu. Fluxx konnte sich dagegen nicht in der Gewinnzone halten.

Repower wendet sich Indern zu
Der Windkraftanlagenbauer Repower Systems will sich lieber von dem indischen Windturbinenhersteller Suzlon schlucken lassen als vom französischen Atomkonzern Areva. Vorstand und Aufsichtsrat des Hamburger Unternehmens empfahlen den Aktionären am Dienstag, die 1,03 Milliarden Euro schwere Offerte von Suzlon anzunehmen, die mit 126 Euro je Aktie um 20 Prozent über der Areva-Offerte liegt. Allerdings lag der Repower-Kurs am Dienstag noch weit über beiden Offerten. Suzlon wolle in Hamburg ein "globales Technologiezentrum für Windenergie zur Entwicklung zuverlässiger und kostengünstiger Windturbinen errichten", wodurch bis 2009 zahlreiche Stellen geschaffen würden, erkläre Repower. Bevor die überraschende Gegenofferte aus Indien eintraf, hatte sich das Repower-Management hinter das Angebot von Areva von 105 Euro je Aktie gestellt.

Bei Escada schrumpfen die Umsätze
Im SDax trug die Aktie von Escada die rote Laterne. Der Modehersteller hat im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2006/07 zwar mehr verdient. Allerdings sanken die Umsätze - wie es hieß wegen geänderter Liefertermine.

Data Modul verdreifacht Ergebnis
Außerhalb der Indizes drehte Data Modul kräftig auf. Die Aktie legte mehr als 13 Prozent zu. Das Münchener Unternehmen verdreifachte das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) - und das bei leicht rückläufigem Umsatz. Data Modul stellt Displays für Kleingeräte wie Blutdruckmessgeräte oder MP3-Player bis hin zu Anzeigetafeln für Flughäfen her.

Eckert & Ziegler wächst zweistellig
Auch die vorläufigen Zahlen von Eckert & Ziegler kamen gut an. Der Spezialist für medizintechnische Produkte zur Diagnose und Heilung von Krebs setzte 2006 mit 50,4 Millionen Euro ein Fünftel mehr um. Der Jahresüberschuss sei nach den ungeprüften Zahlen von 0,51 auf 0,70 Euro por Aktie gewachsen.

Open BC verdoppelt Umsatz
Die Aktie von Open BC war ebenfalls gefragt. Der Internetportal-Betreiber gab für sein Schlussquartal gestiegene Kundenzahlen bekannt. Die Nutzerzahl kletterte um knapp 250.000 auf 1,69 Millionen. Auch die Zahl der Bezahlkunden wuchs kräftig. Das ließ die Umsätze anspringen, die sich im Rumpfgeschäftsjahr 2006 (Juli bis Dezember) verdoppelten. Der Börsenneuling plant zudem Zukäufe im ersten Halbjahr. Es würden bereits Gespräche in Europa und den USA geführt, sagte Vorstandschef Lars Hinrichs zu Reuters.

Intertainment hat Dollar-Problem
Der Münchener Filmfinanzier Intertainment ist aufgrund des schwachen Dollars in neun Monaten 2006 in die Verlustzone gerutscht. Die in Dollar verbuchten Schadensersatzforderungen fielen nun in Euro geringer aus, hatte das Unternehmen am späten Montagabend mitgeteilt. Dadurch stehe unter dem Strich ein Minus von 2,8 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte Intertainment noch drei Millionen Euro verdient. Im Sommer hatte Intertainment den Anfang 2006 gestellten Insolvenzantrag zurück gezogen. Der Einstieg der Kinowelt-Gruppe half dem Unternehmen wieder auf die Sprünge. Kinowelt ist nun mit über 53 Prozent größter Aktionär des Unternehmens, das nach mehreren Rechtsstreitigkeiten zuletzt kaum noch über ein operatives Geschäft verfügte. Aussagen zum weiteren Geschäftsverlauf machte die Firma nicht. Nach Auflagen der Behörden muss die Kinowelt-Tochter Epsilon über eine Kapitalerhöhung mit Intertainment verschmolzen werden. "Zurzeit werden deswegen beide Unternehmen bewertet", sagte ein Unternehmenssprecher.

Russen wollen Dr. Scheller von der Börse nehmen
Die Aktie von Dr. Scheller wurde am Dienstag bei einem Kurs von 6,30 Euro vom Handel ausgesetzt. Der russische Großaktionär Kalina will den schwäbischen Kosmetikhersteller nach rund acht Jahren von der Börse nehmen. Den Aktionären winkt mit der von Kalina gebotenen Abfindung von 7,20 Euro je Aktie ein deutlicher Aufschlag. Die Russen halten 88 Prozent. Die Hauptversammlung am 17. April muss der Streichung vom Kurszettel noch zustimmen, teilte Dr. Scheller mit.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)