Ein Hauch von Panik an den Börsen

Notker Blechner

Stand: 08.08.2011, 22:10 Uhr

Anleger brauchten am Montag starke Nerven. Die Abstufung des US-Kreditratings sorgte für einen regelrechten Ausverkauf an den Aktienmärkten. Dax und Dow Jones brachen um fünf Prozent ein, der S&P 500 erlebte den größten Kursrutsch seit der Lehman-Pleite. Händler sprachen von ersten Panikverkäufen.

Am Vormittag hatten sich die Börsianer noch relativ gelassen gezeigt über die US-Abstufung. Der Dax drehte kurz ins Plus. Doch im Laufe des Nachmittags beschleunigte sich die Talfahrt. "Jetzt kommen doch die Ersten, die in Panik ihre Pakete abstoßen", berichtete ein Händler. Der Dax sackte um fünf Prozent ab und fiel unter die psychologisch wichtige Marke von 6.000 Punkten. Mit 5.923 Punkten notierte der deutsche Leitindex auf dem tiefsten Stand seit August 2010. In den letzten neun Handelstagen hat der Dax 19 Prozent an Wert eingebüßt. In Paris, London und Zürich gaben die Börsen ebenfalls kräftig nach um bis zu fünf Prozent.

Dax unter 6.000, Dow unter 11.000
An der Wall Street setzte sich die Verkaufswelle fort. Der Dow weitete seine Verluste aus und sackte bis zum Handelsende um über fünf Prozent auf unter 11.000 Punkten ab. Die Nasdaq gab gar fast sieben Prozent nach. Der breiter gefasste S&P-500-Index stürzte um 6,7 Prozent auf 1.119 Zähler. Es war der größte prozentuale Verlust seit Oktober 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.

"Die Emotionen kochen augenblicklich hoch", meinte Keith Wirt, Chef-Investmentstratege von Fifth Third Asset Management. "Es gibt genug Unsicherheiten, und die Anleger wollen daher so wenig Risiken wie möglich." Eine Abstufung durch S&P sei zwar erwartet worden, aber dass es so schnell komme, habe viele geschockt, erklärte ein Aktienexperte in London.

Obama: Probleme lösbar
Die Ratingagentur Moody's beurteilte am Abend die Sparanstrengungen der USA skeptisch und hielt eine Herabstufung der Bonitäts-Bestnote der USA vor 2013 für möglich. Ungeachtet dieser neuerlichen Warnung gab sich US-Präsident Barack Obama am Abend trotzig. "Egal, was eine Ratingagentur meint, wir waren immer und werden immer ein AAA-Land sein", betonte er. Die Probleme der USA seien lösbar. Das Problem sei nicht die Glaubwürdigkeit des Landes als Schuldner, sondern ob man langfristig das Schuldenproblem in den Griff bekomme.

EZB kauft wieder Anleihen
Neben der Senkung der Bonitäts-Note für die USA von "AAA" auf "AA+" durch S&P hielt auch die anhaltende Unsicherheit über die europäische Schuldenkrise die Anleger in Atem. "Die Leute glauben nicht wirklich, dass in Europa die Lage unter Kontrolle ist", meinte ein Händler. Da konnten auch die Anleihen-Käufe der Europäischen Zentralbank (EZB) wenig ändern. Laut Händlern kaufte sie am Montag fünfjährige italienische und spanische Anleihen. "Wir haben beobachtet, dass unsere Entscheidungen in der Euro-Zone nicht angekommen sind. Deshalb haben wir entschieden, von unseren Regeln in der Geldpolitik abzuweichen", erklärte EZB-Chef Jean-Claude Trichet im ZDF. Die Renditen zehnjähriger italienischer und spanischen Papiere gingen etwas zurück auf 5,53 und 5,22 Prozent.

Wie tief das Vertrauen der Anleger in die Konjunkturentwicklung erschüttert ist, signalisiert der Sentix-Index. Er sackte im August auf minus 13,5 Punkte ab. Im Juli hatte er noch bei plus 5,3 Zählern gelegen. Die Investoren bewerten sowohl die Lage als auch die Aussichten für die kommenden Monate deutlich schlechter als zuletzt.

Gold und Franken auf neuem Rekordhoch
Anleger flüchteten sich ins Gold als vermeintlich sicheren Anlagehafen. Das gelbe Edelmetall markierte ein neues Rekordhoch bei 1.715 Dollar. Auch der Schweizer Franken blieb begehrt. Der Euro fiel unter 1,07 Franken und notierte so niedrig wie noch nie seit der Einführung der Gemeinschaftswährung 1999. Gegenüber dem Dollar legte der Euro zu. Er notierte am Abend bei knapp 1,42 Dollar.

Ölpreis im freien Fall
Aus Furcht vor einem Rückfall der USA in die Rezession gab der Ölpreis weiter um über drei Prozent nach. Die Ölsorte Brent fiel auf unter 106 Dollar, WTI verbilligte sich auf 83,75 Dollar. In der vergangenen Woche waren die Ölpreise bereits um rund zehn Dollar eingebrochen.

Buffett setzt auf US-Staatsanleihen
Nur einer zeigte sich unerschütterlich von den Turbulenzen: Starinvestor Warren Buffett. Er kündigte am Montag an, mit seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway weiter in US-Staatsanleihen zu investieren.

Versicherer halten sich fast unbeschadet
Im Dax gab es keine Gewinner. Am besten hielt sich noch die Deutsche Börse, deren Aktien gaben 0,4 Prozent nach. Besser als der Gesamtmarkt schnitten auch die Versicherer ab. Die Titel der Münchener Rück und Allianz büßten rund zwei Prozent ein. Börsianer begründeten dies mit der beruhigenden Wirkung der signalisierten Anleihen-Käufe der EZB.

Ex-Börsenlieblinge werden abgestoßen
Auf der Verkaufsliste standen hingegen vor allem die Favoriten des letzten Jahres, Aktien von stark konjunkturabhängigen Firmen. So brachen K+S um elf Prozent, ThyssenKrupp um fast zehn Prozent ein. Auch Autowerte gerieten in den Abwärtssog. Die Titel von BMW büßten rund neun Prozent, die Aktien von Daimler sieben Prozent und die Papiere von VW sechs Prozent ein. Da half es auch nicht, dass BMW und Audi im Juli einen Absatzrekord einfuhren. Die Börse schaut in die Zukunft.

Gewinnwarnung von RWE
Saft- und Kraftlos präsentierten sich die RWE-Aktien. Sie rutschten sechs Prozent ab. Grund: Der Versorger hat seine Jahresprognose gekappt. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) werde voraussichtlich um etwa 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen, warnte RWE. Noch im Februar war der Konzern von einem Rückgang von nur 15 Prozent ausgegangen. Außerdem kündigte RWE eine Kapitalerhöhung an, die 2,5 Milliarden Euro bringen soll. Schließlich gab der Versorger noch einen Chefwechsel bekannt. Der Holländer Peter Terium soll ab Juli 2012 den glücklosen Jürgen Großmann ablösen.

Lotsen-Streik trifft Luftfahrt-Aktien
Luftfahrtwerte wie Lufthansa und Air Berlin sowie besonders Fraport wurden vom für Dienstag angekündigten Fluglotsenstreik belastet. Die Fraport-Aktien brachen um über acht Prozent ein, die Titel der Lufthansa und von Air Berlin sackten um fünf Prozent ab. Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) rief für Dienstagmorgen zum bundesweiten Streik auf. Das Arbeitsgericht Frankfurt genehmigte den Streik.

Am Mittag meldete die Lufthansa noch einen deutlichen Passagier-Zuwachs im Juli. Die Zahl der beförderten Fluggäste stieg um fast sieben Prozent auf 10,5 Millionen. Besonders gut lief es für die Tochter Swiss, die ein zweistelliges Plus erzielte. Lediglich in der Region Nahost/ Afrika ging die Zahl der Passagiere zurück.

Hannover Rück überzeugt nicht
Firmenzahlen gab es zu Wochenbeginn nur aus der zweiten und dritten Reihe. So legte der Hannover Rück eine gemischte Bilanz vor. Zwar verdiente der weltweit drittgrößte Rückversicherer im ersten Halbjahr mit 218,5 Millionen Euro mehr als erwartet, profitierte aber von einer dicken Steuergutschrift. Im operativen Geschäft schnitt die Hannover Rück schlechter als prognostiziert ab. Die Aktie verlor fast neun Prozent.

Puma wird noch französischer
Der französische Luxuskonzern PPR hat seine Anteile an Puma weiter aufgestockt. Die Franzosen halten nun über 75 Prozent am Herzogenauracher Sportartikelhersteller, teilte Puma mit. Anfang des Jahres hatte der Anteil von PPR noch bei knapp 72 Prozent gelegen. Seit einiger Zeit gibt es Spekulationen, dass PPR Puma ganz schlucken und die Minderheitsaktionäre herausdrängen will. Die Puma-Aktie fiel um über vier Prozent auf unter 200 Euro.

QSC verdient überraschend weniger
Im TecDax rauschten die Aktien von QSC um rund elf Prozent in den Keller. Der auf Geschäftskunden spezialisierte Telekomanbieter verfehlte die Gewinnerwartungen. Nach der erstmaligen Einbeziehung der übernommenen Info AG stieg der Umsatz zwar kräftig, doch der Gewinn schrumpfte wegen der Integrationskosten um neun Prozent auf 3,9 Millionen Euro. Analysten hatten einen Gewinnanstieg erwartet.

Alstria sieht mehr Nachfrage nach Büroflächen
Als erste deutsche Immobiliengesellschaft legte Alstria am Montag ihre Zahlen vor. Diese fielen durchwachsen aus. Im zweiten Quartal stieg der Umsatz nur um 1,4 Prozent auf 22,4 Millionen Euro. Der Gewinn verdreifachte sich dagegen auf 8,9 Millionen Euro - dank nicht-zahlungswirksamer Bewertungsgewinnen von Zinsderivaten. Vorstandschef Olivier Elamine sprach von einer Belebung auf dem gewerblichen Immobilienmarkt in Deutschland. Die Chancen stünden gut, das beste Vermietungsergebnis der Geschichte zu schaffen. Die im SDax notierten Alstria-Aktien verloren acht Prozent.

Primag schafft die Wende
Eine andere Immobilienaktie war dagegen gefragt: Primag. Der Titel legte knapp drei Prozent zu. Die Immobiliengesellschaft ist im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Sie erzielte vor Steuern einen Gewinn von 1,2 Millionen Euro nach einem Vorjahresverlust von 1,3 Millionen Euro. Der Umsatz konnte mehr als verdoppelt werden auf rund 8,8 Millionen Euro. Im laufenden und kommenden Geschäftsjahr sollen Umsatz und Ertrag weiter deutlich gesteigert werden.

Softing-Aktie begehrt
Wahre Begeisterungsstürme an der Börse entfachte Softing, die Aktie schoss zeitweise zweistellig in die Höhe. Am Ende schloss die Aktie sechs Prozent höher. Das Unternehmen, das Hard- und Software für die industrielle Automatisierung und Fahrzeugelektronik anbietet, hat seinen Umsatz im zweiten Quartal um ein Drittel auf 9,3 Millionen Euro gesteigert. Das operative Ergebnis (Ebit) lag bei 1,1 Millionen Euro - nach einem ausgeglichenen Ergebnis im Jahr zuvor.

PNE Wind in der Flaute
Der Windpark-Projektierer PNE Wind konnte im ersten Halbjahr weniger Projekte realisieren als im Vorjahr. Der Umsatz sank um 60 Prozent auf 16,6 Millionen Euro. Das operative Betriebsergebnis (Ebit) lag bei 0,9 Millionen Euro, vor einem Jahr waren es 8,2 Millionen Euro. Laut PNE wurden an Land weniger Projekte realisiert als zunächst eingeplant. Bei Offshore-Projekten läuft es zwar gut, doch die Aktie sackte um sieben Prozent ab.

Euromicron stockt Prognose herauf
Im späten Parketthandel drehten die Aktien von Euromicron zwei Prozent ins Plus. Der Netzwerkspezialist hat die Jahresprognose angehoben. Der Umsatz soll auf 280 bis 300 Millionen Euro steigen - statt wie bislang geplant auf 220 Millionen Euro. Das Ebit soll auf bis zu 25 Millionen Euro gesteigert werden. In den ersten sechs Monaten 2011 kletterte der Umsatz von Euromicron um 33 Prozent auf 128,3 Millionen Euro, das Ebit um 21 Prozent auf 8,6 Millionen Euro.

Tagestermine am Dienstag, 20. November

Unternehmen:
Dermapharm: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Westwing: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Easyjet: Jahreszahlen, 8 Uhr
Porsche Automobil Holding: Q3-Zahlen
The Gap: Q3-Zahlen
BASF: Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise gewerbliche Produkte, 8 Uhr
Deutschland: Baugenehmigungen, 8 Uhr
USA: Baubeginne, -genehmigungen, 14.30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"