Ein Abend voller Hektik

Detlev Landmesser

Stand: 25.02.2008, 20:38 Uhr

Eigentlich traurig: Der wichtigste Kurstreiber ist derzeit die Hoffnung, dass bei den US-Anleiheversicherern das Schlimmste verhindert werden kann. Am Abend wurde es nochmal hektisch.

"Eine mit dem Vorgang vertraute Person" sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die herbeigesehnte Hilfsaktion von Banken aus aller Welt für den zweitgrößten Anleiheversicherer Ambac werde voraussichtlich erst Anfang kommender Woche abgesegnet. Kurz zuvor hatte es noch geheißen, der Plan könne bereits am Montag oder Dienstag vorgestellt werden.

In New York rutschten die Kurse daraufhin zunächst wieder ab. Der L-Dax fiel auf 6.858,77 Punkte zurück. Eine halbe Stunde nach dem deutschen Parkettschluss starteten die Kurse an der Wall Street aber wieder durch. Die Rating-Agentur Standard & Poor's teilte mit, sie habe den größten Anleiheversicherer MBIA von ihrer Beobachtungsliste für eine Herabstufung genommen. S&P reagierte damit auf die milliardenschwere Kapitalerhöhung von MBIA.

Längst ist auch den optimistischsten Marktteilnehmern klar, dass die Branche solche Kapitalmaßnahmen dringend nötig hat. Den Entzug ihrer Top-Bonitätsnoten können die Anleiheversicherer nur durch milliardenschwere Kapitalspritzen abwenden. Diese scheinen die Finanzkonzerne aber relativ bereitwillig gewähren zu wollen, weil eine Rating-Abstufung alle Beteiligten teuer zu stehen käme: Sie würde die Kurse der versicherten Anleihen unter Druck bringen und damit weitere milliardenschwere Abschreibungen bei den Finanzkonzernen, die diese Anleihen halten, auslösen. Auch die Ambac-Kundin Dresdner Bank will sich an der Hilfsaktion für Ambac beteiligen.

Verluste verbuchte die Aktie der Citigroup. Die Investmentbank Goldman Sachs hatte mitgeteilt, sie erwarte bei der Großbank zusätzliche Abschreibungen von rund zwölf Milliarden Dollar. Auch bei anderen Großbanken sei mit weiteren Abschreibungen zu rechnen.

Die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac standen ebenfalls weiter im Abseits. Nach Merrill Lynch hat nun auch Goldman Sachs die beiden Hypothekenfinanzierer auf "Verkaufen" heruntergestuft.

Die Wall Street zeigte sich indessen erleichtert, dass die Zahl der Verkäufe bestehender Häuser im Januar nicht so stark wie befürchtet zurückging. Auf das Jahr hochgerechnet fiel die Zahl um 0,4 Prozent auf 4,89 Millionen. Von Thomson Financial befragte Volkswirte hatten im Schnitt 4,84 Millionen Verkäufe erwartet. Nach Einschätzung der Helaba dürfte das unverändert hohe Überangebot den Wohnungsmarkt auch in den kommenden Monaten belasten.

Visa bereitet Rekord-Börsengang vor

Der Börsengang des Kreditkarten-Anbieters Visa dürfte der größte in der Geschichte der USA werden. Visa will mit dem Gang an die Wall Street bis zu 18,7 Milliarden Dollar (13,4 Milliarden Euro) einnehmen, geht aus einem Dokument der US-Börsenaufsicht SEC hervor. Bisher war lediglich von einem Volumen von rund zehn Milliarden Dollar die Rede gewesen. Wann Visa den Schritt wagt, ist weiter offen. Nach bisherigen Angaben soll es noch im ersten Halbjahr 2008 so weit sein.

Banktitel mit Dubai-Fantasie
Besonders gut erging es zum Wochenbeginn vielen europäischen Finanztiteln. Nach einem Bericht von Reuters plant das Öl-Emirat Katar, Milliarden in den Bankensektor zu investieren. Dabei hätten die Araber eher europäische Banken als US-Geldhäuser ins Visier genommen. Im Dax schlugen sich Commerzbank und Hypo Real Estate besonders gut.

MüRü-Zahlen gut aufgenommen
Auch der weltweit zweitgrößte Rückversicherer Münchener Rück war gefragt, obwohl dem Konzern im laufenden Jahr ein Gewinnrückgang auf 3,0 bis 3,4 Milliarden Euro droht. Im vergangenen Jahr hatten die Münchener unter anderem wegen eines positiven Steuereffekts noch einen Gewinn von 3,9 Milliarden Euro erzielt. Das operative Ergebnis ging 2007 von 5,5 auf 5,1 Milliarden Euro zurück. Grund seien höhere Belastungen durch Naturkatastrophen gewesen.

SAP Schlusslicht
Schwächster Dax-Titel war die SAP-Aktie. "Wahrscheinlich haben einige Angst vor möglicherweise teuren Zukäufen", sagte ein Händler dazu. SAP-Chef Henning Kagermann hatte dem "Handelsblatt" gesagt, er könne sich nach der Übernahme des französischen Softwarehauses Business Objects (BO) weitere große Zukäufe vorstellen.

Hochtief sieht sich nicht als Übernahmeziel
Hochtief rechnet weiter nicht mit einer Übernahme durch seinen spanischen Großaktionär ACS. "Wir haben keine Erkenntnisse, dass ACS etwas am Status quo ändern will", sagte ein Hochtief-Sprecher. ACS hatte zuvor erklärt, seinen Anteil an dem größten deutschen Baukonzern auf rund 30 Prozent aufgestockt zu haben. Die Aufstockung sei aber nur über Derivate geschehen. Die Spanier hatten im vergangenen März für rund 1,3 Milliarden Euro ein Paket von 25,1 Prozent an Hochtief übernommen. ACS hatte damals versichert, den Anteil nicht deutlich aufstocken zu wollen.

Explosion in Porsche-Werk
Die Porsche-Aktie zeigte sich von einer Explosion im Stuttgarter Werk ungerührt. Die Gasexplosion hat bei dem Sportwagenbauer die Produktion der Baureihe 911 in Stuttgart lahmgelegt. Zwei Mitarbeiter wurden dabei leicht verletzt. Die Ursache und die Höhe des Sachschadens stünden noch nicht fest, sagte ein Porsche-Sprecher. Die Fertigung der Baureihe 911 soll für mindestens zwei bis drei Tage stillstehen. Porsche geht davon aus, dass die ausgefallene Produktion im laufenden Geschäftsjahr (bis 31. Juli) aufgeholt werden kann.

Außerdem teilte der Autobauer mit, dass die Vorzugsaktien am 3. März im Verhältnis Eins zu Zehn gesplittet werden sollen. Der Aktiensplit, der die Titel attraktiver machen soll, war von der Hauptversammlung am 25. Januar beschlossen worden.

Centrotherm wächst prächtig
Mit sechs Prozent Plus war die Centrotherm-Aktie auffälligster Titel im TecDax. Die Solartechnologiefirma hat ihr Ergebnis im abgelaufenen Jahr kräftig gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte gegenüber dem Vorjahr von 11,3 Millionen auf 21,1 Millionen Euro. Der Umsatz wuchs um 53 Prozent auf 166,2 Millionen Euro.

Interhyp plant reiche Ausschüttung
Noch besser schnitt die Interhyp-Aktie im SDax ab. Der Baufinanzierungsvermittler hat 2007 das vermittelte Volumen um 29 Prozent auf 5,66 Milliarden Euro nach oben geschraubt. Der Jahresüberschuss stieg um 32 Prozent auf 18,1 Millionen Euro. Wegen der guten Entwicklung will das Unternehmen eine Dividende von 2,10 Euro pro Aktie ausschütten. Zusätzlich sollen einmalig 2,00 Euro pro Aktie an die Aktionäre fließen.

Grammer verordnet sich Diät
Die Jahreszahlen von Grammer wurden wohlwollend aufgenommen. Wie erwartet, ging das operative Ergebnis des Autozulieferers trotz Umsatzzuwächsen zurück. Nach vorläufigen Zahlen betrug das Betriebsergebnis (Ebit) nach Sonderaufwendungen 32 Millionen Euro, teilte das Unternehmen am frühen Nachmittag mit. 2006 hatte das Ebit noch 39 Millionen Euro betragen. Der Umsatz legte jedoch um 13 Prozent auf 997 Millionen Euro zu. Unternehmenschef Rolf-Dieter Kempis bekräftigte, 780 Stellen streichen zu wollen. Zusammen mit Einsparungen in Produktion und Einkauf werde Grammer 40 Millionen Euro weniger ausgeben.

Dürr zahlt wieder Dividende
Auch der Anlagenbauer Dürr stellte sein Zahlenwerk für 2007 vor. Die Ergebnisse entsprächen mehr oder weniger den Konsensschätzungen, sagte ein Analyst. Nur der Nettogewinn liege mit 21 Millionen Euro über den Schätzungen. Außerdem will das SDax-Mitglied zum ersten Mal seit 2002 eine Dividende zahlen.

GPC will sich gesund sparen
Am frühen Nachmittag sprang die Aktie von GPC Biotech um bis zu 8,8 Prozent nach oben. Das Biotech-Unternehmen kündigte Restrukturierungsmaßnahmen zur weiteren Kostensenkung an. Auch der Finanzmittelbestand sei zum Ende 2007 mit 65 Millionen Euro höher als die bisherige Prognose. Zudem werde der Vorstand verkleinert. "Nach dem Desaster um Satraplatin ist diese Maßnahme zwar keine Überraschung, dennoch honoriert der Markt konkrete Schritte", sagte ein Händler. Das sei allerdings nicht der große Befreiungsschlag.

Manz schlägt Prognosen
Manz Automation hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz nach vorläufigen Berechnungen um 63 Prozent auf 71,3 Millionen Euro nach oben geschraubt und damit die eigene Prognose von 65 bis 68 Millionen Euro übertroffen. Das Ebit des Maschinenherstellers für die Solar- und LCD-Industrie fiel mit 10,0 Millionen Euro ebenfalls besser als prognostiziert aus. Hier lag die Prognose bei 8,1 bis 8,5 Millionen Euro.

Twintec wächst und gedeiht
Auch die Aktie von Twintec war gefragt. Der Hersteller von Rußpartikelfiltern hat im vergangenen Geschäftsjahr seinen Umsatz um 74 Prozent auf 78,5 Millionen Euro gesteigert. Der bereinigte Gewinn stieg sogar von 2,9 auf 7,1 Millionen Euro.

Turnaround-Hoffnung beflügelt Zapf
Kräftig erholt zeigte sich die Aktie von Zapf Creation. Der Puppenhersteller will im laufenden Jahr wieder schwarze Zahlen schreiben, nachdem er 2007 die Verluste von 12,7 auf 2,7 Millionen Euro reduziert hatte.

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