Dramatische Turbulenzen

Detlev Landmesser

Stand: 15.09.2008, 20:39 Uhr

Ein schöner Börsentag war das nicht, aber das befürchtete Kursmassaker blieb bis zum Abend aus. Der spektakuläre Kollaps der US-Traditionsbank Lehman Brothers ließ die Marktteilnehmer aber ratlos zurück.

Denn anders als in früheren Fällen schloss die US-Regierung diesmal Staatshilfen aus, und ließ es mehr oder weniger darauf ankommen, ob die Finanzmärkte den Zusammenbruch verkraften. Bisher hatte Lehman als "too big to fail", als zu groß zum Scheitern (lassen) gegolten.

Die Aktie von Lehman Brothers brach nach dem Insolvenzantrag der Investmentbank in New York um mehr als 90 Prozent ein. Am Wochenende war fieberhaft über einen Rettungsverkauf des 158 Jahre alten Traditionshauses verhandelt worden. US-Präsident George W. Bush erklärte am Nachmittag, er sei zuversichtlich, dass die Kapitalmärkte flexibel genug seien, um die schmerzlichen Anpassungen zu meistern. Die Regierung arbeite daran, die Folgen des Lehman-Kollapses zu minimieren.

Der L-Dax schloss drei Prozent tiefer bei 6.041,49 Punkten. Zeitweise war der deutsche Leitindex um bis zu 4,7 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Tief von 5.942,14 Punkten eingebrochen. Als der befürchtete Kurs-Kollaps an der Wall Street ausblieb, stabilisierte sich der deutsche Aktienmarkt wieder deutlich. Am Abend lagen die US-Indizes mit bis zu drei Prozent im Minus.

Für Merrill Lynch hat der Schrecken dagegen ein Ende. Die Investmentbank schlüpft über einen Notverkauf unter die Fittiche der Bank of America. Diese zahlt dafür 50 Milliarden Dollar in Aktien. Das bekam der BoA-Aktie nicht gut. Noch viel schlimmer erging es der Aktie der American International Group (AIG), die zeitweise um mehr als 60 Prozent abstürzte. Der Versicherer musste die US-Notenbank um eine Finanzspritze bitten.

Marktteilnehmer ratlos

An der Wall Street zeigten sich die Marktteilnehmer angesichts der Häufung der Krisensignale entsetzt. Ob damit der endgültige Höhepunkt der Finanzkrise erreicht ist, vermag niemand zu sagen.

Die deutschen Aufseher erklärten, die Auswirkungen des Lehman-Zusammenbruchs auf deutsche Banken seien überschaubar. Die deutschen Finanztitel gaben dennoch heftig nach. Am schlimmsten erwischte es die Commerzbank mit einem Minus von zeitweise mehr als 13 Prozent. Auch die Papiere der Allianz, Deutsche Bank und Postbank standen stark unter Druck.

Auch am britischen Markt gab es einen spektakulären Kurseinbruch. Die Aktie der Hypothekenbank HBOS verlor bis zu 36 Prozent an Wert. Händler verwiesen auf die Angst vor weiteren Abschreibungen nach dem Lehman-Kollaps. Zudem habe HBOS nun vermutlich mit höheren Refinanzierungskosten zu kämpfen.

Noten- und Geschäftsbanken greifen ein
Angesichts der Verwerfungen kündigte die US-Notenbank Fed Maßnahmen zur Stützung der Finanzmärkte an. Vor allem soll deren Liquidität verbessert werden. Allein die Europäische Zentralbank (EZB) stellte am Montag zusätzliche 30 Milliarden Euro bereit, um den Bedarf der Banken an Bargeld zu decken. Zudem spekulierten die Marktteilnehmer auf eine weitere Leitzinssenkung der Fed am Dienstag.

Darüber hinaus kündigte ein internationales Bankenkonsortium aus zehn Instituten wegen des "außergewöhnlichen Marktumfelds" einen Notfonds über 70 Milliarden Dollar an, um sich gegenseitig bei Liquiditätsengpässen beizustehen.

Rezessionssignal der US-Konjunktur
Dass die amerikanische Konjunktur schlechtere Daten als gedacht lieferte, belastete diesmal kaum - offenbar weil die Märkte nun eine Leitzinssenkung für noch wahrscheinlicher halten. Mit einem Rückgang von 1,1 Prozent zum Vormonat ging die Produktion der US-Industrie im August so stark zurück wie seit drei Jahren nicht mehr. Volkswirte hatten im Schnitt minus 0,3 Prozent erwartet. Die Kapazitätsauslastung lag mit 78,7 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit vier Jahren. Auch der Konjunkturindex der Fed von New York, der Empire State Index, lag mit minus 7,4 Punkten im September deutlich tiefer als erwartet.

Europas Automarkt schwach
Am Abend bestätigten die jüngsten Absatzzahlen die Schwäche des europäischen Automarktes. Im August brachen die Pkw-Verkäufe um 16 Prozent auf 805.500 Stück ein, teilte der deutsche Branchenverband VDA am Abend mit. Verzerrt wurde das Ergebnis allerdings dadurch, dass der Monat in diesem Jahr zwei Arbeitstage weniger hatte als vor Jahresfrist. Im bisherigen Jahresverlauf liegt der Pkw-Absatz in Europa um vier Prozent unter dem Vorjahresergebnis.

BASF kauft Ciba
Angesichts der spektakulären Vorgänge ging ein Paukenschlag in der Chemiebranche fast unter. BASF will den Schweizer Konkurrenten Ciba für umgerechnet 3,8 Milliarden Euro übernehmen. Der weltgrößte Chemiekonzern bietet 50 Franken in bar je Ciba-Namensaktie. Damit liegt das Angebot bei umgerechnet 3,8 Milliarden Euro. Der Verwaltungsrat von Ciba unterstützt die Offerte.

Seine Beteiligung an K+S will der Konzern nicht verkaufen, um die Ciba-Übernahme zu finanzieren. "Das ist kein Thema", sagte BASF-Chef Jürgen Hambrecht. BASF hält derzeit rund zehn Prozent an dem Salz- und Düngemittelspezialisten.

Die Tui-Aktie litt zeitweise überdurchschnittlich. Nach einem Bericht des "Spiegel" prüft Tui-Chef Michael Frenzel eine Fusion der Tochter TuiFly mit Air Berlin. Tui könnte für die Billigflugtochter Anteile an der erweiterten Air Berlin erhalten, schrieb das Magazin.

Lufthansa steigt bei Brussels ein
Unterdessen ist der Einstieg der Lufthansa bei dem kleineren belgischen Konkurrenten Brussels Airlines perfekt. Die Lufthansa kaufe zunächst für 65 Millionen Euro 45 Prozent an der der Fluggesellschaft, teilte der Dax-Konzern am Nachmittag mit. Zudem habe Lufthansa die Möglichkeit, ab 2011 die restlichen Anteile zu erwerben. Der gesamte Kaufpreise belaufe sich auf bis zu 250 Millionen Euro. Mit Brussels stärkt das Unternehmen seine Position bei Strecken nach Afrika und beim Geschäftsreiseverkehr nach Brüssel. Es gebe "substanzielle Synergien", die binnen drei Jahren auf einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag jährlich steigen könnten.

Warnung von Conti
Continental bekommt die Krise in der Automobilbranche mit voller Wucht zu spüren. Der Autozulieferer hat seine bisherige Prognose für das Gesamtjahr kassiert. Für 2008 rechnet Conti nur noch mit einer Umsatzrendite vor Zinsen und Steuern (Ebit-Marge) von rund 8,5 Prozent. Bisher hatte der Hannoveraner Konzern prognostiziert, den entsprechenden Vorjahreswert bei der Ebit-Marge von 9,3 Prozent sogar übertreffen zu wollen.

Deutsche Börse sucht Verbündete
Die Deutsche Börse sucht beim Staatsfonds Temasek aus Singapur Unterstützung gegen ihre Großaktionäre TCI und Atticus, berichtete die "Financial Times". Aufsichtsratschef Kurt Viermetz habe Temasek einen Einstieg angeboten. Der Staatsfonds prüfe nun den Vorschlag.

Probleme bei Arcandor
Die Aktie von Arcandor verlor fast acht Prozent. Die Kreditversicherung Euler Hermes hat die Garantiesumme für Kredite der Lieferanten des Handelskonzerns gedeckelt, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Entsprechende Schreiben hätten die Lieferanten der Arcandor-Gesellschaften Karstadt, Quelle und des Spezialversenders Thomas Hahn erhalten. "Das ist eine ungewöhnliche Mitteilung und ein schlechtes Zeichen", zitierte die Zeitung einen "wichtigen Geschäftspartner von Karstadt". Arcandor sprach hingegen von einer Einzelfallentscheidung, die das Geschäft nicht berühre.

Goldman mag Solon nicht mehr
Im TecDax gehörte die Aktie von Solon zu den größten Verlierern. Goldman Sachs hat das Papier von "Neutral" auf "Sell" abgestuft und das Kursziel von 46 auf 36 Euro zurückgenommen. Goldman sieht die Gefahr, dass Solons Gewinnmargen immer stärker unter Druck geraten.

Aurelius greift Arques an
Die Münchener Beteiligungsfirma Aurelius will mit Hilfe ausländischer Investoren binnen Wochen die Kontrolle über den größeren Konkurrenten Arques gewinnen. Aurelius und mit ihr verbundene Unternehmen hätten inzwischen mehr als drei Prozent an der Starnberger Firma erworben, teilte das Unternehmen am Nachmittag mit. Der Anteil solle zügig auf ein "signifikantes Niveau" erhöht werden. "Unser langfristiges Ziel ist die Schaffung eines schlagkräftigen Marktführers für Umbruch- und Sondersituationen in Europa", erklärte Aurelius-Chef Dirk Markus, der selbst einmal dem Arques-Vorstand angehörte.

Beteiligungsverluste bei der DBAG
Die Deutsche Beteiligungs AG ist im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2007/08 in die roten Zahlen gerutscht. Das Minus lag bei 6,3 Millionen Euro nach einem Überschuss von 44,2 Millionen Euro im Vorjahr. Hauptgrund für die Verluste ist der starke Rückgang der Aktie der Homag Group, der wichtigsten Beteiligung der DBAG.

HVB verschwindet vom Kurszettel
Die Aktie der HypoVereinsbank (HVB) ist am Montag zum letzten Mal gehandelt worden. Ab Dienstag gehört die Münchner Großbank komplett zur italienischen UniCredit, damit erlischt die Börsennotiz. Das Registergericht München habe die Zwangsabfindung der restlichen Aktionäre ins Handelsregister eingetragen, teilte die HVB mit. Kleinaktionäre hatten bis zuletzt erfolglos versucht, den Squeeze out gerichtlich zu verhindern. Ihre Aktien werden nun gegen eine Abfindung von je 38,26 Euro eingezogen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"