Die Wahl ist durch

Detlev Landmesser

Stand: 05.11.2008, 20:24 Uhr

Anders als im Oktober verhielt sich die Börse zuletzt geradezu lehrbuchmäßig: Da mit dem Wahlsieg Barack Obamas das zuvor bereits erwartete und gefeierte Ereignis eintrat, wurden nun Gewinne mitgenommen.

Mit 5.073,18 Punkten notierte der L-Dax 4,2 Prozent tiefer als am Vorabend. Die New Yorker Aktienmärkte verloren bis zum Abend bis zu 3,9 Prozent. "Mal sehen, was Obama aus dem Ärmel zaubert, aber die Finanzkrise ist durch seinen Sieg ja nicht weg", stellte ein Marktteilnehmer fest.

Auch der Dollar profitierte vom Wahlsieg des demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten nur kurz. Zeitweise erholte sich der Euro sogar wieder über die Marke von 1,30 Dollar. "Die Währungsmärkte sind momentan fundamental einfach nicht zu fassen", kommentierte der Leiter des Devisenhandels bei M.M. Warburg, Uwe Janz. Sie seien getrieben von nicht vorhersagbaren Geldströmen.

Der Dollar litt aber auch unter schwachen Konjunkturdaten. Im amerikanischen Dienstleistungssektor hat sich die Stimmung im Oktober stärker als befürchtet eingetrübt. Der entsprechende Einkaufsmanagerindex sank von 50,2 auf 44,4 Punkte. Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 48,0 Punkte gerechnet.

Die Konjunkturaussichten sorgten auch für einen weiteren Einbruch beim Ölpreis. Die Notierung für leichtes US-Öl brach bis zum Abend um rund fünf Dollar auf rund 65,60 Dollar ein.

Gewinnmitnahmen bei Deutscher Börse

Die Deutsche-Börse-Aktie verlor trotz erfreulicher Daten kräftige 6,8 Prozent. Der Börsenbetreiber hat im dritten Quartal das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) um fünf Prozent auf 385 Millionen Euro verbessert. Analysten hatten im Schnitt 380 Millionen erwartet. Der Umsatz wuchs um zehn Prozent auf 616,1 Millionen Euro und lag damit über den erwarteten 606 Millionen Euro. Die Deutsche Börse bestätigte ihre bisherige Prognose, im Gesamtjahr ein neues Rekordergebnis erreichen zu wollen.

Siemens stellt Milliarde zurück
Zeitweise geriet die Siemens-Aktie stärker unter Druck. Der Dax-Riese geht von einer Strafzahlung in der Schmiergeld-Affäre in Höhe von rund einer Milliarde Euro aus. Die Summe liegt aber weit unter den Erwartungen vieler Branchenkenner. In dem Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2007/08 werde eine entsprechende Rückstellung gebucht, teilte Siemens mit.

Telekom in Bewegung
Bei der Deutschen Telekom geht der Umbau weiter. Als Folge des Datendiebstahls bei T-Mobile tritt Deutschland-Chef Philipp Humm zurück. Unterdessen hat der Aufsichtsrat grünes Licht für den Umbau der Geschäftskundensparte T-Systems gegeben. Die Tochterfirma wird aufgespalten, wobei 160.000 kleine und mittelständische Kunden in die Privatkundensparte T-Home wechseln. Bei T-Systems verbleiben 400 Großkunden.

Stahlwerte aus der Mode
Zu den größten Verlierern im Dax und MDax gehörten die Stahltitel ThyssenKrupp, Klöckner & Co und Salzgitter. Zwar hat der weltweit größte Stahlkonzern ArcelorMittal im dritten Quartal Rekordergebnisse erwirtschaftet. Doch kassierte der Konzern mit Sitz in Luxemburg seine Gewinnprognose für 2008 und kündigte neue Produktionskürzungen an.

Gewinnwarnung von MLP
Mit MLP musste am Abend ein weiterer MDax-Konzern seine Geschäftserwartungen zurücknehmen. Aus heutiger Sicht dürften die Erlöse 2008 auf dem Niveau des Vorjahres (638,8 Millionen Euro) liegen, teilte der Finanzmakler mit. Im August hatte MLP noch einen Rekordwert angekündigt. Auch bei der operativen Rendite ist der Konzern jetzt pessimistischer: Die Ebit-Marge werde anders als zuletzt prognostiziert unter das Niveau des Geschäftsjahres 2006 (rund 16 Prozent) fallen. Im dritten Quartal fiel der Umsatz nach Angaben von MLP auf 126,4 Millionen Euro nach 138,7 Millionen vor Jahresfrist. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) brach von 18,2 auf 2,8 Millionen Euro ein, was deutlich unter den Analystenerwartungen lag.

Hiobsbotschaft von Leoni
Über 14 Prozent verlor die Aktie von Leoni. Der Autozulieferer aus dem MDax musste seine Jahresziele schon wieder senken. Leoni rechnet nur noch mit einem operativen Ergebnis (Ebit) von etwa 95 Millionen Euro. Erst vor kurzem hatte das Unternehmen die Prognose von rund 140 auf 110 bis 120 Millionen Euro zurückgeschraubt. Leoni begründete die erneute Senkung mit den "seit Anfang Oktober durch die Finanzkrise deutlich verschlechterten Rahmenbedingungen und dem nachhaltigen Nachfrageeinbruch".

Wincor wird vorsichtiger...
Die Bankenkrise durchkreuzt die Wachstumsziele des weltweit zweitgrößten Geldautomatenherstellers Wincor Nixdorf. Das Unternehmen plant nun vorsichtig und strebt für das neue Geschäftsjahr (seit Anfang Oktober) lediglich an, die Rekordwerte des Vorjahres zu erreichen. 2007/08 erzielte Wincor Bestmarken bei Gewinn und Umsatz. Der bereinigte Nettogewinn stieg um 14 Prozent auf 135 Millionen Euro. Die Erlöse kletterten um acht Prozent auf 2,3 Milliarden Euro.

... Rheinmetall auch
Rheinmetall hat in den ersten drei Quartalen seinen Umsatz minimal verbessert. Das Ebit kletterte leicht von 157 auf 163 Millionen Euro. Die mittelfristigen Ziele wollte der Autozulieferer und Rüstungskonzern nicht bestätigen. Rheinmetall verwies dazu auf die unsichere Situation in der Autobranche.

HeidelCement verdient weniger
Der größte deutsche Zementhersteller HeidelbergCement hat im dritten Quartal weniger als im Vorjahr verdient. Der Gewinn sank von 716 auf 664 Millionen Euro. Der Umsatz legte wegen der Übernahme des britischen Konkurrenten Hanson von 3,09 auf 3,88 Milliarden Euro zu. Der Konzern bestätigte neue Ermittlungen der EU-Wettbewerbsbehörde gegen praktisch die gesamte Branche wegen des Verdachts auf Wettbewerbsverstöße. Auch Konkurrent Dyckerhoff ist nach eigenen Angaben betroffen.

Russisches Problem bei Pfleiderer
Die Pfleiderer-Aktie gab am Abend weiter nach. Der Holzverarbeiter hat den Bau einer neuen Faserplattenfabrik im russischen Novgorod wegen Problemen gestoppt. Es sei zu erheblichen Bauverzögerungen gekommen, die ein Generalunternehmen zu verantworten habe, teilte Pfleiderer mit. Über den Fortgang des Projekts werde frühestens Ende des ersten Quartals 2009 entschieden. Ursprünglich sollte das 144 Millionen Euro teure Werk bis September 2009 mit der Produktion beginnen.

Solar-Werte einmal anders
Nach den massiven Kursgewinnen der Vortage standen Solar- und Wind-Aktien in der Anlegergunst ganz weit unten. Hauptgrund war Marktbeobachtern eine zurückhaltende Branchenstudie der Deutschen Bank. Die Aussichten für die Branche der erneuerbaren Energien hätten sich verschlechtert, hieß es. Besonders stark litten Q-Cells, Conergy und Repower.

SMA erhöht Prognose
Etwas besser stand die Aktie von SMA Solar da. Das Solarunternehmen legte überraschend Zahlen für die ersten neun Monate vor und korrigierte nach einem kräftigen Umsatz- und Gewinnanstieg seine Umsatzprognose für 2008 nach oben.

Singulus tiefrot
Der Spezialmaschinenbauer Singulus ist im dritten Quartal wegen Sonderbelastungen mit minus 36,3 Millionen Euro tief in die roten Zahlen gerutscht. Doch Analysten hatten mit noch schlechteren Zahlen gerechnet. Immerhin bekräftigte das TecDax-Unternehmen sein Umsatzziel für 2008 von 210 und 230 Millionen Euro.

QSC in der Gewinnzone
Gut zehn Prozent gewann die QSC-Aktie. Der Telekommunikationsanbieter hat im dritten Quartal einen kleinen Gewinn von 2,1 Millionen Euro erzielt. Im Vorjahr hatte unter dem Strich noch ein Verlust von 4,7 Millionen Euro gestanden. Das Ebitda sprang um von 147 Prozent auf 18,3 Millionen Euro. Der Umsatz wuchs um 25 Prozent auf 103,6 Millionen Euro. Damit schnitt QSC besser als erwartet ab.

EM.Sport tief in den Miesen
Die Aktie von EM.Sport, der künftigen Constantin Medien AG, konnte leicht zulegen. Der Medienkonzern wird wegen hoher Abschreibungen im Jahr 2008 drastisch in die Verlustzone rutschen. Wegen der Lage an den Finanzmärkten müssten für das dritte Quartal außerplanmäßige Wertberichtigungen von 120 bis 135 Millionen Euro vorgenommen werden. Für frische Mittel soll eine Kapitalerhöhung von bis zu zehn Prozent des Grundkapitals sorgen. Diese ist nach Aussage des neuen Chefs Bernhard Burgener bereits in trockenen Tüchern.

ElringKlinger im Krisensog
Zu den schwächeren SDax-Titeln zählte ElringKlinger. Hohe Rohstoffpreise und die Auto-Absatzflaute haben den Autozulieferer gebremst. Im dritten Quartal brach der Konzerngewinn um 61,8 Prozent auf 8,6 Millionen Euro ein. Als Grund wurden unter anderem hohe Kosten für die Absicherung gegen den steigenden Nickelpreis genannt. Der Umsatz stieg durch Zukäufe um 15,9 Prozent auf 173,8 Millionen Euro.

H&R Wasag hat Wachs-Problem
Leicht unter Druck stand H&R Wasag. Wegen eines Bußgeldes für angebliche Preisabsprachen bei Parafinwachsen legt der Spezialchemiekonzern 22 Millionen Euro beiseite. Anfang Oktober hatte die EU-Kommission gegen mehrere Anbieter Bußgelder von insgesamt 676 Millionen Euro verhängt. Zwar wolle H&R gegen den Bußgeldbescheid vorgehen, ein Erfolg sei aber offen, teilte ein Sprecher mit. Das Unternehmen erwarte für 2008 ein Ergebnis vor Steuern von bis zu 60 Millionen Euro, nach 73 Millionen Euro 2007.

FJA stagniert
Das Softwareunternehmen FJA meldete für das dritte Quartal leicht rückläufige Zahlen. Der Quartalsumsatz belief sich nach vorläufigen Zahlen auf 14,9 Millionen Euro nach 15,3 Millionen im Vorjahresquartal. Das Ebit habe mit 1,3 Millionen Euro fast den Vorjahreswert von 1,4 Millionen Euro erreicht. Die Ziele für das Gesamtjahr 2008 nahm der Vorstand etwas zurück.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

Unternehmen:
Lonza Group: Kapitalmarkttag
Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklimindex 9/18, 10:00 Uhr
USA: CFNA-Index 8/18, 14:30 Uhr

Sonstiges:
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