Marktbericht 20:03 Uhr

Anleger wittern Morgenluft Die Verlockung des billigen Geldes

Stand: 16.10.2015, 20:03 Uhr

Die Aussicht auf neue Geldspritzen der EZB hat dem Aktienmarkt wieder neues Leben eingehaucht. Der Dax behauptet die Marke von 10.000 Punkten und langsam kommen die Anleger aus der Deckung.

Nach einem insgesamt ruhigen Handelstag hat der deutsche Leitindex Dax am Freitag zugelegt. Zum Handelsschluss stand das Börsenbarometer bei 10.104 Punkten, ein Tagesgewinn von 0,39 Prozent. Sein Tageshoch vom Vormittag bei 10.166 Zählern konnte der Index allerdings nicht verteidigen.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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"Es ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen an Freitagnachmittagen: Der Dax rutscht nach gutem Start wieder ab, da Anleger ihre Positionen nicht mit ins Wochenende nehmen wollen", sagte Chartexperte Franz-Georg Wenner vom Börsenstatistik-Magazin Index-Radar. Auf Wochensicht schaffte das wichtigste deutsche Börsenbarometer allerdings mit Ach und Krach eine positive Bilanz: Letztlich stand ein Plus von nicht einmal 0,1 Prozent zu Buche.

Neue Hoffnung auf billiges Geld

Für vorsichtigen Optimismus sorgte im Wochenverlauf neue Zinsfantasie. Sofort stellt sich da die Frage, ob aus dem zarten geldpolitischen Pflänzchen womöglich eine veriatbel Jahresendrally werden kann. Es wäre das idelaszenario der Bullen. "Da die globale Konjunktur nicht so gut läuft wie erhofft, wird jetzt mit einer weiteren Verschiebung der US-Leitzinserhöhung gerechnet", bemerkt Arthur Brunner von der ICF Bank. Dementsprechend zeigten sich Aktien- und Anleihemärkte derzeit fest. "Auch für Europa wird mehr und mehr davon ausgegangen, dass die EZB noch einmal nachlegen wird", ergänzt der Händler.

Notenbank unter Druck

Vieles spricht genau dafür, denn Europas Währungshüter sind derzeit meilenweit von ihrer angestrebten Inflationsrate von 2,0 Prozent entfernt. Von der Sitzung der EZB in der kommenden Woche erhoffen sich die Märkte nun weitere Lockerungssignale. Es wäre nicht das erste mal, dass neue Geldspritzen der Notenbank den Aktienmarkt kräftig anschieben.

ARD-Börsenstudio: Dorothee Holz
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Börse 19.00 Uhr

Auch das Argument fehlender Anlagealternativen dürfte bald wieder auf den Tisch kommen, vermutet Daniel Saurenz von Feingold Research. Ein Gegenargument habe der Aktienmarkt mit seiner kräftigen Korrektur bis Ende August aus dem Weg geräumt - die Bewertungskennzahlen hätten sich auf einem langfristig normalen Niveau eingependelt. "Die Aktienampel bleibt grün", so Saurenz.

Blick auf China-Daten

Ein erster Härtetest für den jüngsten Höhenflug steht aber schon am Montag am. Dann erwarten die Märkte neue Konjunkturdaten aus China, unter anderem das BIP für das 3. Quartal sowie Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze für den September. Enttäuschende China-Daten hatten zuletzt immer wieder für Rückschläge an den Märkten gesorgt. Auch im Reich der Mitte gehen die Blicke dabei in Richtung der Notenbank beziehungsweise der Regierung. Erwartet wird, dass die Peoples Bank of China mit Konjunkturprogrammen der lahmenden Wirtsachaft auf die Füße helfen wird.

Banken und Versorger gefragt

Am heimischen Markt legten die beiden Dax-Banken Commerzbank und Deutsche Bank heute zu und folgten damit den guten Vorgaben aus Amerika. Dort hatte vor allem die Citigroup am Vorabend mit überraschend guten Zahlen den Sektor angeschoben. Bei der Deutschen Bank kochten heute zudem zahlreiche Personalgerüchte. Unter den Betroffenen war auch Stephan Leithner, der Finanzkreisen zufolge das Geldhaus verlässt.

Versorgeraktien setzten ihre Berg- und Talfahrt der letzten Handelstage fort und waren heute gefragt. RWE standen an der Dax-Spitze und waren Tagessieger. Auch die beiden Versicherungsaktien Allianz und Münchener Rück legten zu. MüRü gewannen 1,34 Prozent und schlossen leicht oberhalb ihres charttechnischen Widestands bei 170 Euro.

Wall Street tritt auf der Stelle

Nach den gestrigen Kursavancen ist es an der Wall Street heute ruhig. Gegen Mittag Ortszeit steht der Leitindex Dow Jones leicht höher bei 17.181 Punkten. Er behauptet sich damit aber klar über der Marke von 17.000 Punkten. Auch neue Konjunkturdaten bewegne den Markt nicht. Die Daten zur Industrieproduktion (minus 0,2 Prozent gegenüber Vormonat) und der Kapazitätsauslastung (77,6 Prozent) für den September fielen etwa wie erwartet aus. Das Verbrauchervertrauen der Uni Michigan für Oktober verbesserte sich auf 92,1 Punkte nach 87,2 Punkten im September. Analysten hatten im Schnitt 89 Punkte erwartet.

Dow Jones: Kursverlauf am Börsenplatz Dow Jones Indizes für den Zeitraum Intraday
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"Der erneute Produktionsrückgang zeugt von einer schwachen konjunkturellen Dynamik. Zusammen mit den regionalen Fed-Umfragen (Empire-State- und Philly-Fed-Index), die deutlich im Kontraktionsbereich liegen, bleiben Zinsfantasien per saldo gedämpft", kommentierte Analyst Ulrich Wortberg von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba).

Euro bleibt unter 1,14 Dollar

Rückenwind für die Dax-Bullen kam kam vom Devisenmarkt. Dort verharrt der Euro unter der Marke von 1,14 Dollar, die er am Donnerstag nach einem zwischenzeitlichen Ausflug bis an die 1,15 Dollar heran wieder hatte preisgeben müssen. Allerdings hat sich die Gemeinschaftswährung mittlerweile von ihren Tiefs etwas erholt.

Experten sehen wie schon am Vortag die Rede von EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny als Grund für die Euro-Schwäche. Nowotny hatte sich wegen der schwachen Preisentwicklung in der Eurozone besorgt gezeigt. Offenbar wurden die Äußerungen dennoch dahingehend interpretiert, dass Nowotny für weitere geldpolitische Lockerungen plädiert. Darüber, dass die EZB ihr billionenschweres Anleihekaufprogramm ausweiten könnte, wird seit einigen Wochen spekuliert.

General-Electric-Zahlen kommen gut an

Die Aktie des Siemens-Erzrivalen legt nach nach den Zahlen zum dritten Quartal deutlich zu. Die Anleger greifen kräftig zu, aktuell steigt der Kurs des im Leitindex Dow Jones notierten Schwergewichts um 3,4 Prozent. GE, das sich im Umbau befindet hat beim Gewinn besser, beim Umsatz unter den Erwartungen gelegen.

VW fällt nach Absatzzahlen

Der Autoabsatz in Europa ist im September um 9,8 Prozent auf 1,36 Millionen Fahrzeuge gestiegen. Hersteller wie Daimler, BMW und Fiat profitierten offenbar vom VW-Abgasskandal und steigerten ihre Marktanteile. Die Absätze der Kernmarke VW sind im September um vier Prozent gesunken, im Konzern lag das Minus bei 1,5 Prozent. VW-Vorzüge waren schwächster Dax-Wert mit einem Minus von 2,14 Prozent.

Bekannt wurde noch, dass der 52-jährige Lars-Henner Santelmann neuer Chef der VW Bank- und Leasingtochter wird. Er wird Nachfolger von Frank Witter, der zum Finanzchef des Gesamtkonzerns berufen wurde. Dessen Vorgänger Hans Dieter Pötsch wurde zuvor zum Chef des Aufsichtsrats bestellt. Santelmann arbeitet seit 27 Jahren im Konzern, unter anderem für die Konzerntochter Seat.

Rückschlag für Deutsche Wohnen

Der vor allem bei angelsächsischen Aktionären beachtete Aktionärsberater ISS hält eine Fuison des Branchenführers Vonovia mit der Deutsche Wohnen für sinnvoller, als ein Zusammengehen der Deutsche Wohnen mit dem kleineren Konkurrenten LEG Immobilien. Dies verspreche mehr Wert zu liefern, erklärten die Aktionärsberater. ISS empfiehlt den Deutsche-Wohnen-Aktionären daher, auf der Hauptversammlung gegen den geplanten Zusammenschluss mit LEG zu stimmen.

Hugo Boss verschreckt die Anleger

Im MDax geriet die Hugo-Boss-Aktie nach vorläufigen Quartalszahlen heftig unter Druck und stand mit einem kräftigen Abschlag von 11,07 Prozent am Indexende. Für das Gesamtjahr senkte die Modefirma ihr Umsatzziel. Bisher wurde ein Plus im mittleren einstelligen Prozentbereich angepeilt, nun sind es nur noch drei bis fünf Prozent.

Commerzbank-Studie treibt die Fraport-Aktie

Die Aktie des Frankfurter Flughafenbetreibers gehörte zu den größten MDax-Gewinnern und legte 2,05 Prozent zu. Das Papier profitierte von einer positiven Branchenstudie der Commerzbank. Analyst Johannes Braun hob sein Kursziel von 61 auf 67 Euro an. Er erwartet, dass der Vorstand bei der Bilanzvorlage am 5. November die Prognose für 2015 anheben wird. Insgesamt habe sich die Wachstumsdynamik an den europäischen Flughäfen verstärkt, schreibt Braun. Er äußerte sich auch für andere Flughafenaktien positiv.

Nestlé senkt Ausblick

Der weltgrößte Lebensmittelkonzern Nestlé hat nach einem geringen Wachstum im Sommer seine Prognose für das laufende Jahr gesenkt. Der Hersteller von Nespresso-Kaffee, Kitkat-Schokoriegeln und Maggi-Suppen geht für 2015 von einem organischen Wachstum von rund 4,5 Prozent statt bislang rund fünf Prozent aus.

Carrefour kann China-Schwäche trotzen

Europas größter Einzelhändler Carrefour hat seinen Umsatz im dritten Quartal wegen guter Geschäfte in Südeuropa gesteigert. Er legte um 4,2 Prozent auf rund 21,5 Milliarden Euro zu. Das Wachstum ist kräftiger als im Vorquartal mit 2,6 Prozent. Die Erwartungen von Analysten wurden damit leicht übertroffen.

Alibaba mit milliardenschwerem Zukauf

Der chinesische Onlinehändler will rund 4,2 Milliarden Dollar für das chinesische YouTube-Pendant Youku Tudou auf den Tisch legen. Alibaba hält bereits 18 Prozent am Streaming-Dienst, jetzt soll der Rest zugekauft werden. Das Angebot enstpricht einem Aufschlag von 30 Prozent auf den Youku-Tudou-Aktie vom Donnerstag. Ähnlich wie der US-Rivale Amazon will Alibaba damit Kunden auch verstärkt Medieninhalte anbieten.

rm

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