Die USA retten den Tag

Karsten Leckebusch

Stand: 24.06.2008, 20:00 Uhr

Es hätte viel schlimmer kommen können, dank einer sehr enttäuschenden Konsumklimastatistik aus Deutschland und äußerst schlechten Verbrauchervertrauensdaten aus den USA. Doch die US-Indizes trotzten dem Druck und drehten ins Plus.

Kursgewinne bei den Finanzwerten hoben die US-Indizes am späten Nachmittag in die Gewinnzone. Händler sprachen von einer regelrechten Rally bei den Finanzwerten, die offenbar von vielen Anlegern jetzt als Schnäppchen gesehen wurden.

Zuvor aber lasteten sehr schwache Konjunkturdaten auf den Börsen. Der vom amerikanischen Forschungsinstitut Conference Board ermittelte Verbrauchervertrauensindex fiel auf 50,4 Punkte von 58,1 Punkten im Mai. Angesichts der erwarteten 56,5 Punkte war dies eine handfeste Enttäuschung und der tiefste Stand seit 16 Jahren.

Nach einer kurzen Schreckphase erholten sich die Finanzplätze allerdings. Der Dax, der bereits ein zweiprozentiges Minus verbuchen musste, beschloss den elektronischen Handel mit 6.536 Punkten, einem relativ moderaten Minus von 0,8 Prozent.

Im späten Handel machte der LDax noch etwa 16 weitere Punkte gut.

Konsumklima auf Dreijahrestief
Der GfK-Index für das Konsumklima im Juli fiel unerwartet kräftig von 4,7 auf 3,9 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Die GfK begründete den schwachen Wert vor allem mit den steigenden Energiekosten.

Öl und Stahl belasten Autowerte
Der weiterhin hohe Ölpreis und die Ankündigung eines großen Bergbauunternehmens, den Preis für Roherz zu verdoppeln, sorgte dafür, dass die Aktien der Dax-Autokonzerne allesamt kräftig verloren.

Die Daimler-Aktie führt die Verliererliste im Leitindex mit einem Minus von 3,8 Prozent an, obwohl am Morgen noch die HSBC ein (gutes) Kursziel von 63 Euro ausgegeben hatte. Dann aber machten Marktgerüchte über eine Gewinnwarnung des Konzerns die Runde. Daimler dementierte dies zwar: "Wir stehen weiter zu unseren Prognosen". Doch ohne Erfolg für die Aktie.

Auch BMW und Volkswagen waren am Montag unter den Verlierern mit Kursverlusten von 3,4 und 1,6 Prozent. Volkswagen teilte mit, der Konzern könne die steigenden Materialkosten nicht mehr durch Einsparungen ausgleichen. Auch BMW rechnet mit steigenden Belastungen.

Mitgefangen, mitgehangen
Die Aktie der Deutschen Post verlor 1,5 Prozent. Der US-Paketdienst UPS hatte seine Gewinnerwartung für das zweite Quartal gesenkt und auf die hohen Treibstoffpreise verwiesen. Die Gewinnwarnung zog auch die Post-Aktie ins Minus.

Ebenfalls kräftig unter Druck war die Aktie des Chipherstellers Infineon. Die Aktie verlor 2,4 Prozent. Händler führten dies auf die schwachen Vorgaben aus den USA zurück.

HRE, Flowers, und Bankengerüchte
Der Finanzinvestor J.C. Flowers hat wie angekündigt knapp ein Viertel der HRE-Anteile übernommen und dafür 1,1 Milliarden Euro gezahlt. Bei Bedarf will Flowers der Hypo Real Estate auch mit frischem Kapital bei "attraktiven Investitionsmöglichkeiten" unterstützen. Zur Zeit seien aber keine konkreten Projekte in Planung, hieß es. Die HRE-Aktie stieg um 0,6 Prozent.

Ebenfalls Gewinne gab es bei der Allianz-Aktie. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, dass die britische Bank Lloyds TSB ihr Versicherungsgeschäft gegen das Dresdner Bank-Privatkundengeschäft der Allianz tauschen wolle. Die Allianz-Aktie gewann 0,3 Prozent.

T-Aktie hochgestuft
Zu den Gewinner im Dax gehört auch die Aktie der Deutschen Telekom. Die Experten von Morgan Stanley haben das Papier von "Equalweight" auf "Overweight" hochgestuft, das Kursziel aber von 14,50 auf 13 Euro gesenkt. Die T-Aktie kostet nach ihrem heutigen Kursanstieg von 1,3 Prozent nun 10,33 Euro.

Lizenzstreit beigelegt
0,9 Prozent legte die Aktie des Pharmakonzerns Bayer zu. Im Patenstreit mit dem US-Generikahersteller Barr Laboratories um die Verhütungsmittel Yasmin und Yaz haben sich die beiden Konzerne geeinigt. Bayer wird Barr ab dem 1. Juli mit einer Nachahmerversion von Yasmin beliefern, die ausschließlich in den USA vermarktet werden soll. Bayer wird anteilig an den Umsätzen beteiligt. M.M. Warburg bestätigte die "Hold"-Einschätzung für Bayer-Aktien und empfahl ein Kursziel von 52 Euro. Die Liefervereinbarung mit Barr sei zu begrüßen, hieß es.

Thomas Cook verringert Verluste
Thomas Cook, die Reise-Tochter des MDax-Konzerns Arcandor, hat im ersten Halbjahr seinen Verlust um 15 Prozent auf 178 Millionen Pfund verringert. Die Buchungszahlen für den Sommer seien stabil, hieß es von Thomas Cook, und man werde die Jahresziele erreichen.

Condor-Übernahme in Gefahr
Ob die Fluggesellschaft Air Berlin allerdings, wie geplant, die Thomas Cook-Tochter Condor übernehmen wird, ist fraglich. Air Berlin stellte die Übernahme auf den Prüfstand. Man rede derzeit mit Thomas Cook, ob die Condor-Transaktion sinnvoll sei, sagte Air Berlin Joachim Hunold auf der Hauptversammlung in London. Thomas Cook begründete die Zweifel mit Verzögerungen bei der kartellrechtlichen Prüfung und der schwierige Wirtschaftslage. Die Air Berlin-Aktie, im SDax notiert, verlor 1,9 Prozent.

Darf EADS den Zaun bauen?
Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS wird nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters einen 900 Kilometer langen Grenzsicherungszaun an der östlichen Grenze Saudi Arabiens bauen. Um den Auftrag, mit dem Saudi Arabien seine Grenze zum Irak schützen will, hatten sich unter anderem auch die französische Rüstungsfirma Thales und die US-Konzerne Raytheon und DRS Technologies beworben. Der Auftrag ist etwa eine Milliarde Dollar schwer, EADS lehnte eine Stellungnahme zu der Agenturmeldung ab. An der Börse gewann die EADS-Aktie 0,4 Prozent.

Hannover Rück und die Katastrophen
Der weltweit viertgrößte Rückversicherer Hannover Rück rechnet mit Belastungen in niedriger zweistelliger Millionenhöhe aus den Überschwemmungen im US-Staat Iowa. Insgesamt stehe der Konzern am Ende des zweiten Quartals ähnlich da wie zum Ende des ersten, sagte Firmenchef Wilhelm Zeller. Es habe in den Monaten April bis Juni zwei Großschäden gegeben. Das Erdbeben in China werde zu einer Belastung von 20 Millionen Euro führen, die Unwetter in Süddeutschland Ende Mai zu einer Belastung von 25 Millionen Euro. Die Aktie legte um 1,1 Prozent zu.

H&R Wasag wandelt um
Der Spezialchemiekonzern H&R Wasag will seine Vorzugsaktien abschaffen. Die Hauptversammlung stimmte der Umwandlung der Vorzüge in Stammaktien im Verhältnis eins zu eins zu. Damit will das Unternehmen die Komplexität bei Beschlüssen zu verringern und die Liquidität im Aktienhandel zu stärken. H&R Wasag-Aktien verteuerten sich um 1,6 Prozent.

Sinosol: Börsengang verschoben
Das deutsch-chinesische Solarunternehmen hat seinen für morgen geplanten Börsengang kurzfristig verschoben. Ein neuer Termin für den Börsengang im Prime Standard des deutsch-chinesischen Solarunternehmens stehe noch nicht fest, hieß es. Das Unternehmen äußerte sich nicht zu den Gründen. Händler sagten, dass es das Gerücht gebe, dass Sinosol den Börsengang absage. Im vorbörslichen Handel stießen die Papiere verzeichneten die Papiere keine hohe Nachfrage. Bei Lang & Schwarz notierten sie zuletzt mit 10 bis 12 Euro am unteren Ende der Zeichnungsspanne.

Hamburger Hafen von Analysten empfohlen
Die Aktien des Hamburger Hafenbetreibers HHLA gewannen 3,7 Prozent. Die Analysten von ING hatten ihre Kaufempfehlung bekräftigt und angemerkt, dass der Kursrutsch im Juli um rund 18 Prozent übertrieben gewesen sei.

Envitec mit Großauftrag
10,8 Prozent legte die Aktie des Biogasanlagenherstellers Envitec zu. Der Konzern hat den größten Auftrag der Firmengeschichte an Land gezogen. Der Auftragswert liegt laut Envitec bei 60 Millionen Euro und komme von einer "der führenden deutschen Projektgesellschaften".

Payom und ein Chinaauftrag
Einen Großauftrag meldete auch das Solarunternehmen Payom. Die Firma wird ab Oktober Solarmodule mit einer Leistung von 8,5 Megawatt an das chinesische Unternehmen Yingli Green Enrgy Holding liefern. Die Aktie stieg um 4,4 Prozent.

Quartalsbericht von Envio
Der Umweltdienstleister Envio hat im ersten Quartal Umsatz und Gewinn verbessert. Der Erlös kletterte um ein Fünftel auf 2,64 Millionen Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern erreichte 0,81 Millionen Euro, ein Drittel mehr als vor einem Jahr. Die Aktie präsentierte sich schwach, sie verlor 1,9 Prozent.

Biotechs melden Fortschritte
Die beiden Biotechunternehmen GPC Biotech und Medigene waren gefragt. Das ehemalige TecDax-Unternehmen GPC Biotech hat eine klinische Studie seines Krebsmedikamentes Satraplatin gestartet. Und Medigene, vor geraumer Zeit ebenfalls aus dem TecDax verbannt, hat nach eigenen Angaben in einer klinischen Studie mit dem Medikamentenkandidaten Rhudex die Ziele erreicht. Die Medigene-Aktie gewann mehr als vier Prozent, GPC-Papiere legten etwa zwei Prozent zu.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat