Die US-Konsumenten als Retter?

Detlev Landmesser

Stand: 28.04.2009, 20:25 Uhr

Was wäre die Börse ohne Hoffnung? Die neueste Stimmungsumfrage unter den US-Verbrauchern gab der Wall Street neuen Auftrieb. Die Themen Bankenkrise und Schweinegrippe lauern aber weiter im Hintergrund.

Der L-Dax schloss ein Prozent tiefer bei 4.623,98 Punkten. Am Nachmittag hatte der deutsche Leitindex schon bis zu 3,1 Prozent eingebüßt. Am Abend notierten die amerikanischen Aktienmärkte nach schwachem Start deutlich im Plus.

Mit 39,2 Punkten erreichte der vom Forschungsinstitut Conference Board ermittelte Stimmungsindex der amerikanischen Verbraucher im April einen unerwartet hohen Wert. Volkswirte hatten einen Anstieg von revidiert 26,9 Punkten im Vormonat auf 29,5 Punkte erwartet. "Die Zahlen passen ins Bild der vergangenen Tage: Die Vorlauf-Indikatoren verbreiten die Hoffnung, dass das Schlimmste bereits hinter uns liegt", kommentierte Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus.

Vom US-Immobilienmarkt kam die Botschaft, dass die Preise in den 20 größten Ballungsgebieten im Februar weiter gesunken sind. Der Case-Shiller-Hauspreisindex lag um 18,6 Prozent unter dem Vorjahr, womit der Index bereits den 21. Monat in Folge gesunken ist. Immerhin nahm die Dynamik des Preisverfalls ab.

Schweinegrippe lauert weiter

Wie am Montag trat die Sorge um die langsam fortschreitende Schweinegrippe im Tagesverlauf in den Hintergrund. An der Wall Street driftete die Aktie von Pfizer im ins Minus, obwohl die Quartalsbilanz des weltgrößten Pharmakonzerns zunächst gut aufgenommen worden war. Pfizer-Rivale Bristol-Myers Squibb konnte dagegen weniger überzeugen.

GM-Gläubiger lehnen Rettungskonzept ab
Die Wall Street beschäftigte sich auch mit dem Überlebenskampf der Autoriesen Chrysler und General Motors. Während die Chrysler-Gläubiger nach Medienberichten überraschend dem Rettungskonzept zustimmten, wird zwischen der Opel-Mutter GM und ihren Kreditgebern noch heftig gerungen.

Stress für Bank of America und Citigroup
Eigentlich sollen die Ergebnisse der amerikanischen Banken-Tests erst am kommenden Montag veröffentlicht werden. Jetzt ist aber schon durchgesickert, was viele Experten ohnehin erwartet hatten: Die Stresstests hätten bei der Bank of America und der Citigroup einen weiteren milliardenschweren Kapitalbedarf offenbart, berichtete das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Insider. Die Regierung werde wahrscheinlich auch anderen der 19 untersuchten Banken Kapitalerhöhungen nahelegen.

Beide Banktitel verloren in New York deutlich und zogen auch die Deutsche Bank weiter nach unten.

Deutsche Bank minus 6,9 Prozent
Dabei hat der deutsche Branchenprimus das erste Quartal mit einem Gewinn von 1,2 Milliarden Euro abgeschlossen. Neben den Sorgen um die US-Institute führten Händler für die Schwäche des Dax-Titels das Phänomen der vollendeten Tatsache an: In den vergangenen Wochen hatten sich hohe Erwartungen für den Quartalsgewinn aufgebaut, die den Aktienkurs bereits deutlich beflügelt hatten.

Daimler meldet Milliardenverlust
Die zweite Bilanz des Tages kam von Daimler. Der Quartalsverlust von 1,4 Milliarden Euro und der um ein Viertel geschrumpfte Umsatz von 18,7 Milliarden Euro drückten den Dax-Titel um bis zu 8,7 Prozent nach unten. Auch im zweiten Quartal sei mit einem "deutlich negativen Ergebnis" zu rechnen, teilte der Autoriese mit. Der operative Verlust werde im zweiten Quartal aber voraussichtlich geringer ausfallen. Am Abend meldete die "Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung" vorab, Daimler wolle die Vorstandsgehälter vorübergehend um 15 Prozent kürzen.

Allianz versilbert ICBC-Paket
Die Aktie der Allianz konnte sich etwas besser als der Gesamtmarkt halten. Der Finanzkonzern hat die Hälfte seiner 2006 erworbenen Anteile an der chinesischen Bank ICBC verkauft. Laut Finanzkreisen erlöste die Allianz damit etwa 1,23 Milliarden Euro. Anfang 2006 war der Konzern für rund eine Milliarde Dollar bei der damals noch nicht börsennotierten Bank eingestiegen.

Gewinneinbruch bei SGL
Die im MDax notierte SGL Group büßte 6,6 Prozent ein. Der stark von der Stahlbranche abhängige Grafitspezialist musste im ersten Quartal einen Gewinneinbruch von zuvor 44,6 Millionen auf 8,7 Millionen Euro hinnehmen. Für 2009 stellte SGL weitere Einbußen in Aussicht.

Biotechs im Aufwind
Wie am Montag waren die Biotechaktien im TecDax gut aufgelegt. Morphosys und BB Biotech legten ihre Quartalsbilanzen vor. Morphosys steigerte seinen Gewinn leicht auf 3,5 Millionen Euro, der Umsatz kletterte um ein Viertel auf 19,1 Millionen Euro.

Die Schweizer Beteiligungsgesellschaft BB Biotech sprach von einem "schwierigen ersten Quartal". Wegen der Aktienkursschwäche gab der Wert ihrer Biotech-Beteiligungen um 6,2 Prozent nach. Nach Angaben der Gesellschaft liegt der Börsenwert von BB Biotech derzeit aber rund 20 Prozent unter diesem inneren Wert, was auch den heutigen Kursgewinn erklärt.

IDS Scheer überzeugt
An die TecDax-Spitze setzte sich aber IDS Scheer. Das Softwareunternehmen trotzte der Krise und erzielte einen Quartalsgewinn von 4,8 Millionen Euro, doppelt so viel wie vor einem Jahr. IDS Scheer begründete den Gewinnschub mit einer internen Restrukturierung.

Escada-Aktionäre segnen Rettungsplan ab
Einen miserablen Tag erlebte die Aktie von Escada. Der SDax-Titel verlor 18,3 Prozent. Konzernchef Bruno Sälzer warnte auf der Hauptversammlung des Modekonzerns vor einer drohenden Insolvenz. Die Restrukturierung, die bis Juli abgeschlossen werden soll, sei überlebenswichtig. Das Rettungspaket, das die Aktionäre daraufhin absegneten, sieht eine Barkapitalerhöhung von rund 30 Millionen Euro und eine Verringerung der Schuldenlast vor.

Ordereinbruch bei Dürr
Wenige Freunde fand auch die zuletzt hervorragend gelaufene Aktie von Dürr. Der Hersteller von Lackieranlagen meldete für das erste Quartal einen Einbruch des Ebit um mehr als Hälfte auf 4,8 Millionen Euro. Dramatisch entwickelte sich die Auftragslage: Im ersten Quartal fiel der Ordereingang um 60 Prozent auf 208 Millionen Euro. Für 2009 erwartet der Autozulieferer aber nur einen leichten Rückgang bei Umsatz und Ergebnis.

KSB vor "schwierigen Jahren"
Die KSB-Vorzugsaktie notierte 4,5 Prozent schwächer. Der Pumpen- und Armaturenhersteller konnte 2008 noch Rekordwerte bei Umsatz und Ergebnis erzielen, stellte die Aktionäre aber auf schwierige Zeiten ein. "Wir rechnen damit, dass 2009 und 2010 zwei schwierige Jahre für die KSB-Gruppe wie für die ganze Branche werden", sagte Vorstandssprecher Wolfgang Schmitt.

Bijou Brigitte ohne Illusionen
Auch Bijou Brigitte rechnet nach einem schwachen Jahresauftakt nicht mit einer Geschäftsbelebung. Der flächenbereinigte Umsatz werde auch im zweiten Quartal sinken, erklärte der Modeschmuckkonzern. Im ersten Quartal sank der flächenbereinigte Umsatz um 7,8 Prozent. Der Gewinn brach um 28 Prozent auf 8,8 Millionen Euro ein.

"Zunehmende Herausforderung" für Mühlbauer
Der Anbieter von elektronischen ID-Dokumenten Mühlbauer sprach dagegen von "positiven Start in das neue Geschäftsjahr 2009". Gleichwohl ging der Umsatz gegenüber dem ersten Quartal 2008 von 43,2 auf 38,1 Millionen Euro zurück und das Ebit schrumpfte von 7,1 auf 2,4 Millionen Euro. Mühlbauer verwies aber auf den um 8,3 Prozent auf 52,2 Millionen Euro erhöhten Auftragseingang. Das Ziel stabiler Ergebnisse im Gesamtjahr stelle dennoch "eine zunehmende Herausforderung" dar.

Dax-Chart realtime

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Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
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Konjunktur:
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