Die Unsicherheit will nicht weichen

Tobias Bürger

Stand: 17.08.2011, 20:19 Uhr

Die deutsch-französischen Vorschläge für eine Stabilisierung der Euro-Zone haben den Aktienmarkt am Mittwoch belastet. Anleger hatten vergebens auf positive Signale der Politik zur Lösung der Schuldenkrise gehofft.

Nach einem schwankungsintensiven Handelstag geht der Dax mit Abschlägen in den Feierabend. Zwar konnte der Dax die starken Verluste vom Vormittag zunächst vollständig abbauen. Allerdings rutschte der Leitindex nach der Eröffnung der US-Börsen wieder ab und schließt bei 5.948,94 Punkten 0,8 Prozent schwächer. Von den 30 Dax-Werten beenden lediglich sieben den Handelstag mit Zuwächsen. Darunter defensive Titel wie Fresenius, RWE und Henkel. Mit Abschlägen von 5,2 Prozent steht die Commerzbank ganz oben auf der Verliererliste, gefolgt von den Aktien der der Deutschen Börse, Infineon und Deutscher Bank.

Im späten Handel beschleunigt sich der Kursrutsch angesichts schwächerer US-Aktienmärkte. Der Dax fällt bis 20 Uhr auf 5.898 Punkte.

Aktienhändler äußerten sich am ersten Handelstag nach dem jüngsten Gipfeltreffen von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy vor allem negativ über die geplante Transaktionssteuer. Diese sei ein "Strafzuschlag", der besonders die Finanzindustrie weiter belasten werde. "Allein die Tatsache, dass dieses Thema im Rahmen eines Treffens vorgebracht wurde, das dazu gedacht war, das Vertrauen der Märkte wieder herzustellen, stellt das Krisenmanagement und die Strategie in Frage" moniert Aktienhändler Jonathan Sudaria vom Brokerhaus Capital Spreads. Der Privatbanken-Verband BdB lehnt eine Besteuerung aller Finanztransaktionen naturgemäß ab. Damit lasse sich die europäische Währungsunion nicht stabilisieren, erklärte der Bundesverband deutscher Banken (BdB) in Berlin.

Auch die deutsch-französischen Vorschläge für eine europäische Wirtschaftsregierung wurden am Markt kritisch gesehen. Marktstratege Robert Halver nannte die Vorschläge "eine Vision", deren Umsetzung Jahre dauere. Zudem hält der Experte der Baader Bank die angestrebte europäische Schuldenbremse für nicht umsetzbar.

TecDax schwer unter Druck
Der Technologieindex TecDax stand am Mittwoch kräftig unter Druck und verliert zu Handelsschluss 2,8 Prozent auf 721,71 Punkte. Einer der Belastungsfaktoren war der PC-Hersteller Dell, der am Vorabend seine Umsatzprognose gekappt hatte. Schwächster Wert mit einem Abschlag von elf Prozent sind Aixtron. Analysten der Deutschen Bank haben die Aktien des Anlagenbauers auf "Hold" herabgestuft. Belastend wirkte auch eine Studie des Marktforschungsunternehmens Gartner, wonach die PC-Verkäufe in Westeuropa und Deutschland im zweiten Quartal um 18,9 Prozent eingebrochen sind. Sowohl bei Privatkunden als auch Unternehmen habe die Nachfrage deutlich nachgelassen. Der Absatz mobiler PCs, der die Branche seit Jahren gestützt hatte, sackte um 53 Prozent ab.

Der Euro konnte sich am zunächst erholen und kletterte auf 1,448 Dollar. Am Nachmittag rutschte die Notierung auf 1,444 Dollar ab.

Im Spannungsfeld guter Zahlen aus dem US-Einzelhandel und einer Enttäuschung aus dem Technologiesektor haben die US-Börsen zum Handelsstart uneinheitlich eröffnet. Der Dow Jones Index konnte seine frühen Zuwächse allerdings nicht verteidigen und rutschte bis 19 Uhr knapp 200 Punkte ab. Eine Stunde später rangierte der insgesamt 30 Werte umfassende Aktienindex bei 11.365 Zählern und damit 0,34 Prozent unter dem Schlussstand vom Dienstag. Besonders auffällig sind die Aktien von Hewlett-Packard. Sie verlieren mehr als vier Prozent. Der PC-Hersteller veröffentlich am Donnerstag Zwischenergebnisse. Der Technologieindex Nasdaq Composite kam nach schwachen Zahlen von Dell ebenfalls unter Druck und lag 1,05 Prozent im Minus bei 2.497 Punkten.

Steuerpläne drücken Deutsche Börse
Die mit Abstand größten Verlierer im Dax sind die Aktien der Deutschen Börse. Sie leiden unter den Plänen für eine Finanz-Transaktionssteuer innerhalb der Eurozone und verlieren zu Handelsschluss knapp fünf Prozent an Wert. Der Aktienmarktbetreiber hat die von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy vorgeschlagene Transaktionssteuer abgelehnt. Eine solche Steuer "schafft Anreize, noch stärker als bisher in die Nischen auszuweichen, die von dieser Steuer nicht erfasst sind", kommentierte das Unternehmen am Mittwoch die Pläne. Die Deutsche Börse konstatiert: Sie wären "ein Geschenk an die unregulierten Finanzplätze dieser Welt". UBS-Analyst Arnaud Giblat sieht in dem deutsch-französischen Vorschlag zwar eine ernsthafte Belastung für den Börsenbetreiber, hält eine Umsetzung angesichts des zu erwartenden Widerstands aus London aber für unwahrscheinlich.

Großauftrag für Siemens
Der Münchner Konzern hat einen Großauftrag aus Thailand erhalten. Siemens soll zwei Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke bauen. Das Gesamtinvestitionsvolumen wird mit einer Milliarde Euro beziffert. Davon entfällt etwa die Hälfte auf Siemens. Die Anleger reagieren verhalten auf die Meldung. Die Aktie geht mit einem Abschlag von 0,54 Prozent aus dem Handel.

Henkel baut auf Schwellenländer
Die Aktien des Konsumgüterkonzerns Henkel notierten am Mittwoch deutlich fester. Am Ende des Handelstages lag das Papier 0,51 Prozent im Plus bei 44,03 Euro. Die Anleger honorieren die Ankündigung der Düsseldorfer, bis 2015 etwa die Hälfte der Umsätze in Wachstumsregionen wie China oder Brasilien erzielen zu wollen. Aktuell liegt der Anteil bei etwa 42 Prozent. In einem Reuters-Interview sagte Henkel-Chef Kasper Rorsted, dass der Konzern künftig mehr und mehr Geschäfte in Wachstumsregionen machen wolle. Die traditionellen Absatzmärkte würden in den kommenden fünf bis zehn Jahren "substanziell niedrigere Wachstumsraten als in der Vergangenheit" aufweisen, so Rorsted. 2020 will der Dax-Konzern schließlich drei Viertel seines Umsatzes in Wachstumsregionen erzielen.

Hochtief beansprucht Eigenständigkeit
Dank unerwartet guter Geschäftszahlen kann sich die Hochtief-Aktie gegen den allgemeinen Abwärtstrend an den Märkten gut behaupten. Der Gewinn vor Steuern brach zwar im Zeitraum von April bis Juni ein, doch ein Abrutschen in die Verlustzone konnte das Unternehmen verhindern. Damit übertraf Hochtief die Schätzungen der Analysten. Trotz der Kontrollübernahme durch den spanischen Großaktionär ACS setzt der neue Hochtief-Chef Frank Stieler auf Unabhängigkeit. Hochtief werde ein erfolgreicher, eigenständiger Konzern mit Sitz in Essen bleiben und seine Entscheidungen wie bisher durch den Vorstand treffen, sagte Stieler am Mittwoch in Düsseldorf. "Es gibt keine erzwungene Zusammenarbeit", betonte der Firmenlenker.

Brenntag kauft in China zu
Der Mülheimer Chemikalienhändler Brenntag hat 51 Prozent der Anteile an der chinesischen Zhong Yung Chemical übernommen. Das Unternehmen ist vor allem im Bereich Lösemittel tätig. Zu den Kunden zählen Hersteller von Farben und Klebstoff. Durch die Transaktion erhofft sich die seit 2010 börsennotierte Brenntag AG einen Umsatzschub. Bereits im laufenden Geschäftsjahr sollen die Erlöse durch den Zukauf um mehr als 200 Millionen Euro steigen. Im Vorjahr setzte Brenntag rund 7,6 Milliarden Euro um.

hotel.de bestätigt Prognose
Von den Werten aus der hinteren Reihe machte hotel.de am Mittwoch von sich reden. Der Hotelreservierungsdienst steigerte den Umsatz im ersten Halbjahr 2011 um zwölf Prozent auf 18,99 Millionen Euro. Nach dem traditionell schwachen ersten Quartal konnte hotel.de im zweiten Turnus erstmals mehr als zehn Millionen Euro umsetzen. Der Gewinn sank indes von 0,82 Millionen auf 0,75 Millionen Euro. Der Vorstand behält seine Prognose für das Gesamtjahr 2011 bei und will den Umsatz im niedrigen einstelligen Prozentbereich steigern. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) solle verbessert werden. Für 2012 seien ein stärkeres Umsatzwachstum und ein überproportionales Ebit-Wachstum geplant.

Beteiligungsgesellschaft bmp schließt Neuausrichtung ab
Die auf wachstumsträchtige Medienunternehmen fokussierte Beteiligungsgesellschaft bmp hat im ersten Halbjahr 2011 4,6 Millionen Euro umgesetzt. Im Vorjahreszeitraum summierten sich die Erlöse der Berliner auf 1,8 Millionen Euro. Unter dem Strich weist das Unternehmen, das sich nach einer Neuausrichtung nunmehr "bmp media investors" nennt, einen Gewinn von 0,9 Millionen Euro aus. Das Ergebnis je Aktie wird mit fünf Cent angegeben, nach sieben Cent im ersten Halbjahr 2010. Positiv hat sich in den vergangenen zwölf Monaten der sogenannte Net Asset Value (NAV) entwickelt, der dem Wert aller Beteiligungen nach Abzug der Schulden entspricht. Die für Beteiligungsgesellschaften als Erfolgsmaßstab herangezogene Kenngröße legte von 0,87 auf 1,02 Euro zu.

Reederei Moeller-Maersk rechnet mit Flaute
Der weltgrößte Container-Transporteur Moeller-Maersk erwartet ein schwächeres Wachstum im konjunktursensiblen Containergeschäft. Die dänische Reederei stellte am Mittwoch nur noch ein "bescheiden positives" Ergebnis in der Geschäftssparte in Aussicht. Zuvor war das Unternehmen noch von einem "befriedigenden" Ergebnis ausgegangen. Die Branche leidet unter steigenden Treibstoffkosten. Zudem wird das globale Reederei-Geschäft durch zunehmende Konjunktursorgen belastet.

Dell muss kürzer treten
Der PC-Hersteller Dell hat die Anleger mit schwachen Umsätzen und einem zurückhaltenden Ausblick enttäuscht und seine Aktien damit auf Talfahrt geschickt. Das Unternehmen vermeldete am Dienstagabend nach Börsenschluss für das abgelaufene Quartal einen Umsatz von 15,7 Milliarden Dollar, während Analysten sich ein wenig mehr versprochen hatten. Zudem stutzte das Unternehmen seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr. Die Aktien büßten deshalb am Mittwoch rund sechs Prozent an Wert ein.

Carlsberg bricht ein
Der sparsame Bierkonsum der Russen macht der dänischen Brauerei Carlsberg zu schaffen. Das Unternehmen verbuchte im zweiten Quartal einen unerwartet starken Gewinnrückgang und schraubt deshalb seine Ergebnisziele für das Gesamtjahr herunter. Die Aktie brach daraufhin im frühen Handel um fast zwölf Prozent ein und ging mit einem Abschlag von 14 Prozent in den Feierabend. Carlsberg erwirtschaftet 40 seines Bierumsatzes in Russland. Dort haben jedoch Preiserhöhungen von 30 Prozent die Lust auf Carlsberg-Bier verdorben.

SABMiller greift erneut nach Foster's
Während Carlsberg mit sinkenden Absätzen zu kämpfen hat, will sich der britische Rivale SABMiller durch eine feindliche Übernahme des australischen Kontrahenten Foster's weitere Marktanteile sichern. Da das Management des Unternehmens allerdings kein Interesse an dem im Juni vorgelegten Kaufangebot gezeigt hat, wendet sich SABMiller nun direkt an die Aktionäre. Der gebotene Kaufpreis hat sich indes nicht geändert. SAB bietet umgerechnet rund sieben Milliarden Euro für den Konzern in "Down Under". Sollte es zu einem Zusammenschluss kommen, wäre das die größte Übernahme auf dem Biermarkt.

Stratec und Quanterix vereinbaren strategische Partnerschaft
Die Stratec Biomedical AG, ein deutscher Anbieter vollautomatischer Analysesysteme für die klinische Diagnostik, hat sich mit dem US-Unternehmen Quanterix auf eine Zusammenarbeit verständigt. Die Partner wollen ein Analysesystem entwickeln, dass auf einer "revolutionären" Technologie molekularer diagnostischer Tests basiert. Die Vereinbarung sieht vor, dass Quanterix Zugang zur Technologie von Stratec erhält. Im Gegenzug erhält das Unternehmen aus Birkenfeld bei Pforzheim bei Erreichen bestimmter Meilensteine sowohl Zahlungen als auch Unternehmensanteile an Quanterix von rund sieben Prozent des Aktienkapitals. Nach Beendigung der Entwicklung wird Stratec die Systeme herstellen, wobei sich der US-Partner zur Abnahme einer Mindestmenge an Systemen verpflichtet hat. Stratec rechnet aufgrund dieses Auftrags mit "nenneswerten Umsätzen" kurz nach dem Markteintritt des neuen Systems, der für 2013 angepeilt ist.

Tagestermine am Montag, 22. Oktober

Unternehmen:
Philips Quartalszahlen Q3, 7 Uhr
Ryanair Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Halliburton Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Munich Re Rückversicherertreffen Baden-Baden, 9.30 Uhr
Hannover Rück Rückversicherertreffen Baden-Baden, 12 Uhr
Hasbro Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
Deutschland Monatsbericht Bundesfinanzministerium 0.01 Uhr
Deutschland Monatsbericht Bundesbank 10 Uhr

Sonstiges:
Bundesverband öffentlicher Banken Pressegespräch zu bevorstehendem Banken-Stresstest
Stahlgipfel u.a. mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier