Die Stimmung dreht sich

Karsten Leckebusch

Stand: 07.09.2007, 20:10 Uhr

Droht in den USA eine Rezession? Die aktuellen Arbeitsmarktdaten alarmieren. Zum ersten Mal seit vier Jahren schuf die US-Wirtschaft keine neuen Stellen. Die Börse reagierte sofort, und der Dax beschloss den Freitagshandel mit einem deutlichen Abschlag.

Im August schuf die US-Wirtschaft nicht wie 110.000 neue Stellen, sondern sie verlor 4.000. Allein in der Industrie gingen 46.000 Arbeitsplätze verloren, so viele wie seit Juli 2003 nicht mehr. In der Bau-Branche gingen 22.000 Arbeitsplätze verloren. Dagegen schaffte der Dienstleistungssektor 60.000 Stellen, teilte das Arbeitsministerium mit.

Die Börsen, nicht nur die deutschen, reagierten sofort auf die Hiobsmeldung, und rutschten ab. Der Dax verlor bis zum Abend 185 Punkte und ging mit 7.437 Zählern aus dem Handel, das ist ein Minus von 2,4 Prozent. Im späten Parketthandel kroch der Index noch etwa 20 Zähler nach oben, die Tendenz allerdings war eindeutig: die Börsianer interpretierten die Arbeitsmarktdaten als bedrohlich für die Wirtschaftsentwicklung und reagierten darauf.

Im Leitindex verloren am Freitag wegen hartnäckiger Spekulationen über die Auswirkungen der Hypothekenkrise vor allem die Banktitel. Die Aktie der Commerzbank gab 5,4 Prozent ab, die Deutsche Bank ging mit einem Minus von 2,9 Prozent aus dem Handel und die Aktie der Postbank verlor 3,6 Prozent.

Bei der Deutschen Bank belastete auch eine Studie der Dresdner Bank, wonach der deutsche Branchenprimus weiter als "Key underweight" mit der Einschätzung "Reduce" bewertet wird. Ferner belasteten Gerüchte über ein möglicherweise schwächeres Geschäftsquartal der französischen Großbank Société Générale.

Verluste im Dax
Das US-Geschäft macht der Deutschen Post zu schaffen. Die sich verschlechternde US-Konjunktur werde das Geschäft belasten, teilte der Konzern am Morgen mit. Es werde schwierig, bis 2009 in den USA ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen, sagte Regionalleiter Hans Hickler. Am Mittag stellte das Unternehmen allerdings klar, dass die Expresstochter wie geplant 2009 die Gewinnzone erreichen soll. Trotzdem verlor die Aktie drei Prozent.

Ebenfalls Verluste verbuchte die Aktie des Industriegasekonzerns Linde. Konzernchef Wolfgang Reitzle hatte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt, der Konzern werde stärker als geplant von der Übernahme des britischen Konkurrenten BOC profitieren. Die Synergien dürften höher, die Kosten geringer sein, sagte Reitzle. Der Konzern nahm auch zwei neue Großanlagen zum Wasserstoffverflüssigen und Luftzerlegen in Leuna in Betrieb. Die Investitionskosten gab Linde mit 60 Millionen Euro an. Die Aktie verlor im schwachen Marktumfeld 1,9 Prozent.

Absatzzahlen
Die Autoaktien im Dax profitierten nicht von recht guten Absatzzahlen im August. Die Mercedes Car Group des DaimlerChrysler-Konzerns hatte im August mit 96.200 Autos etwa neun Prozent mehr als vor Jahresfrist ausgeliefert, die Aktie wurde aber deutlich belastet durch die Verhängung eines Bußgeld für den Konzern durch die Bafin. Die Buße in sechsstelliger Höhe betrifft die nach Angaben der Bafin zu späte Veröffentlichung der Pflichtmitteilung zum Rückzug des früheren Vorstandschef Jürgen Schrempp im Jahr 2005. DaimlerChrysler verbilligte sich um 3,3 Prozent.

Auch BMW schloss um 3,9 Prozent schwächer, obwohl der Münchener Konzern im August mit fast 100.000 Autos 12,9 Prozent mehr absetzte als vor einem Jahr. Der Autozulieferer Continental will nach der milliardenschweren Übernahme von Siemens VDO seine Konzernstruktur umbauen. Man plane, die umsatzstärkste Sparte Automotive Systems, zu der auch VDO gehört, in drei Bereiche aufzuteilen, sagte Conti-Chef Manfred Wennemer der Mitarbeiterzeitung "Conti intern". Künftig solle es sechs statt wie bisher drei Konzerndivisionen geben, so Wennemer. Die Aktionäre euphorisiert dies nicht, die Aktie sackte um 4,4 Prozent ab.

Schmaler Gewinner
Etwa 0,3 Prozent mehr kostet die Aktie des Softwarekonzerns SAP. Die Firma will ihr Grundkapital reduzieren und zieht zu diesem Zwecke 23 Millionen Aktien ein. Das entspricht 1,8 Prozent des Grundkapitals. Auch Gerüchte, wonach SAP möglicherweise die Prognose hochsetzen will, stützten die Aktie.

Merck KgaA-Aktien verloren vergleichsweise harmlose 1,2 Prozent. Morgan Stanley hatte gestern das Papier in die Beobachtungsliste aufgenommen und mit "Overweight" sowie einem Kursziel von 112 Euro bewertet.

Analysten und Ligarechte
Im MDax verlor die Aktie des Holzkonzerns Pfleiderer 4,2 Prozent. Börsianer verwiesen auf eine Verkaufsempfehlung der Berenberg Bank sowie die schlechte Stimmung im US-Geschäft. Im SDax reagierte die Aktie von Air Berlin ebenfalls auf ein negatives Analystenurteil. Morgan Stanley senkte das Kursziel von 24 auf 18 Euro, die Aktie verlor 3,4 Prozent.

Auch das Papier von Premiere verbilligte sich, um 3,6 Prozent. Der Bezahlsender hat die geplante Kapitalerhöhung näher erläutert. Demnach will Premiere das Grundkapital von derzeit 98,4 Millionen Euro um 14,06 Millionen auf 112,6 Millionen Euro erhöhen. Der Bezugspreis für die neuen Aktien hänge von der Entwicklung der Premiere-Aktie zwischen dem 11. bis 18. September ab, teilte Premiere mit. Der Konzern braucht das frische Geld, um bei der anstehenden Versteigerung der Bundesligarechte aussichtsreich mitbieten zu können.

Was sonst noch passierte
HumanOptics, ein Spezialist für Augen-Implantationschirugie, hat sich zu der künftigen Geschäftsstrategie geäußert. Zum einen wird der Konzern auf einer Konferenz an diesem Wochenende neue Produkte präsentieren, zum anderen hat HumanOptics den internationalen Vertrieb um vier Partner erweitert.

Der IT- und Personaldienstleister Allgeier erwägt den Verkauf oder den Börsengang seines erst 2005 geschaffenen Zeitarbeitsbereichs. Damit will der Konzern sich wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren. Die Aktionäre honorierten diesen geplanten Schritt. Die Aktie stieg um vier Prozent.

Um 20 Prozent verbesserte sich der Aktienkurs des Chipbrokers Azego. Das Unternehmen meldete einen Erfolg im Rechtsstreit um ein kontaminiertes Grundstück in Wiesbaden. Wegen fehlerhafter Rechtshilfe verlor Azego seinerzeiten das Verfahren, woraufhin das Unternehmen gegen seine Anwälte vorging und nun einen Vergleich erreichte. 845.000 Euro bekommt das Unternehmen wieder, dieser Betrag wird als außerordentlicher Ertrag im dritten Quartal verbucht.

Gewinner der Krise
Die turbulente Marktentwicklung im August hat den Brokern mehr Orders beschert. Die im SDax notierte Comdirect Bank meldete einen Anstieg der Wertpapieraufträge gegenüber Juli von 2,9 Prozent auf 957.160. Die Umsätze an allen deutschen Börsen stiegen allerdings gegenüber dem Vormonat um 11,6 Prozent. Die Commerzbank-Tochter betreute im August 924.799 Kunden, das waren gut 15.000 mehr als einen Monat zuvor. Die Aktie ging trotzdem mit einem Minus von 3,5 Prozent aus dem Handel.

Die wesentlich kleinere, auf "Heavy Trader" spezialisierte Sino AG meldete kräftigere Zuwächse. Mit 153.179 Trades sei die zweithöchste Orderzahl in der Unternehmensgeschichte erreicht worden. Gegenüber Juli bedeute dies ein Plus von 15,11 Prozent und gegenüber August 2006 eine Steigerung von 73,9 Prozent.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr