Die Lethargie setzt sich fort

Stand: 28.06.2012, 20:00 Uhr

Klare Lösungen oder gar ein Befreiungsschlag in Sachen Eurokrise sind von dem am Donnerstag begonnenen EU-Gipfel wohl nicht zu erwarten. Entsprechend enttäuscht reagieren die Aktienmärkte.

In Frankfurt verliert der Dax 1,3 Prozent (79 Punkte) und schließt bei 6.150 Punkten. "Der Dax leidet darunter, dass zurzeit jeder Tag ein politischer Aschermittwoch ist", kommentierte Kapitalmarktexpert Robert Halver von der Baader Bank.

Der Euro fällt am Abend auf 1,242 Dollar. Auch die Wall Street hat sich der Skepsis in Europa über den Ausgang des EU-Gipfels angeschlossen. Der Dow Jones-Index notiert bei Börsenschluss in Frankfurt gut ein Prozent tiefer bei 12.490 Zählern.

An den Aktienbörsen in Mailand und Madrid schöpften die Anleger dagegen etwas Mut: Die dortigen Leitindizes gingen mit Aufschlägen von 0,7 und 0,8 Prozent aus dem Handel. Dabei sind die Renditen der zehnjährigen spanischen Anleihen zeitweise wieder über die als kritisch geltende Sieben-Prozent-Marke gestiegen.

Fahrplan ausarbeiten
Einem Entwurf für die Abschlusserklärung des Gipfels zufolge sollen die Präsidenten von EZB, Eurogruppe, EU-Kommission und EU-Rat damit beauftragt werden, einen konkreten Fahrplan für eine Wirtschafts- und Fiskalunion auszuarbeiten.

Zudem sollen Spanien und Italien kurzfristig entlastet werden. Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen auf dem Gipfel auch über die Möglichkeit beraten, dem Rettungsschirm EFSF den Ankauf von Staatsanleihen zu erlauben.

Nur kurz kann der Dax am Nachmittag seine Verluste eingrenzen und über die Schwelle von 6.200 Punkten klettern, nachdem Aussagen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die Runde machten. "Wir sind bereit, so weit zu gehen wie es nötig sein wird, um eine nachhaltige Einigung in Europa zu erzielen. Deutschland wird kein Hindernis sein (für einen Transfer nationaler Hoheitsrechte zur Schaffung einer gemeinsamen Fiskalpolitik)", sagte der Minister in einem Interview mit der Online-Ausgabe des "Wall Street Journal".

Absage an Eurobonds
Börsianer interpretierten die Aussage als Aufweichung der bisherigen Position der Bundesregierung zur gemeinsamen Haftung für Schulden. Die Ernüchterung folgte jedoch schon wenig später, als ein Sprecher des Finanzministeriums betonte, Deutschland habe seine ablehnende Haltung gegenüber Eurobonds nicht geändert.

Dass in den USA die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der vergangenen Woche leicht gesunken sind - um 6.000 auf 386.000 - spielt an den Finanzmärkten heute keine Rolle. Zudem hat sich das Wirtschaftswachstum in den USA zu Jahresbeginn wie berechnet abgeschwächt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei von Januar bis März um annualisiert 1,9 Prozent gestiegen, teilte das US-Handelsministerium mit. Damit wurden vorläufige Zahlen bestätigt. Im Schlussquartal 2011 hatte die Rate noch bei starken 3,0 Prozent gelegen.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Daimler-Lkw trotzen der Krise
Deutlich besser als der Gesamtmarkt halten sich die Aktien von Daimler. Die Stuttgarter halten allen wirtschaftlichen Unsicherheiten zum Trotz an ihren Zielen für die Lastwagensparte fest. Demnach soll der Absatz im laufenden Jahr zulegen und das operative Ergebnis mindestens so hoch wie 2011 ausfallen, wie aus einer Präsentation hervorgeht. Im vergangenen Jahr verdiente Daimler im Geschäft mit Lastwagen vor Zinsen und Steuern 1,9 Milliarden Euro - 41 Prozent mehr als 2010.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Banken an Dax-Ende
Dagegen sind die Aktien der Commerzbank die größten Verlierer im Dax. Belastet werden die Titel neben der Unsicherheit über den Ausgang der Schuldenkrise auch von der Platzierung neuer Aktien durch die Mitarbeiter. Viele Angestellte haben sich zwar für die Auszahlung der variablen Vergütung durch Aktien entschieden, sie wollen die Papiere aber nicht behalten. Rund 128 Millionen der neu ausgegebenen Aktien wurden deshalb am Morgen platziert. Wegen der Eurokrise sind auch die Titel der Deutschen Bank unter Druck geraten.

Infineon fällt weiter
Die Infineon-Aktie setzt ihre Talfahrt nach der jüngsten Gewinnwarnung ebenfalls fort. Nach der Prognosesenkung des Halbleiterherstellers leidet das Papier nun unter den Herabstufungen durch Analysten. So strich Goldman Sachs die Titel von seiner Empfehlungsliste. Die WestLB senkte die Empfehlung von "Add" auf "Hold".

Linde vor Zukauf?
Unter Druck stehen auch die Aktien von Linde. Spekulationen zufolge will der deutsche Industriegase-Konzern den Sauerstoffgeräte-Produzenten Lincare übernehmen. In einem Blog der "Financial Times" hieß es, Linde habe im Bieterrennen die Nase vorn und könnte mindestens 3,4 Milliarden Dollar bieten. Als weitere Kaufinteressenten gelten Air Liquide und eine Beteiligungsgesellschaft.

Nervenkrieg um Rhön
Größter Verlierer im Mdax sind die Aktien von Rhön-Klinikum. Einen Tag nach dem Ablauf des Übernahmeangebots gehen die meisten Insider davon aus, dass Fresenius die nötige Annahmequote von mehr als 90 Prozent verfehlt hat und das 3,1 Milliarden Euro schwere Angebot scheitert. "Das Thema ist tot", sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. "Die Chancen stehen sehr schlecht, aber die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte ein anderer Insider. Mit der Bekanntgabe der Ergebnisse wird frühestens am morgigen Freitag gerechnet.

SMA Solar mit neuen Perspektiven
Im TecDax steigt die Aktie von SMA Solar um mehr als vier Prozent. Angesichts der ungewissen Perspektiven im Heimatland will das Unternehmen in den japanischen Solarmarkt einsteigen. Ab Oktober sollen dort Wechselrichter vertrieben werden. Die japanische Regierung will eine Einspeisevergütung für Solarstrom ab dem 1. Juli einführen und das Land zu einem der weltweit bedeutendsten Photovoltaikmärkte machen.

Gesco bleibt zuversichtlich
Überdurchschnittlich voran geht es auch mit der im SDax notierten Aktie von Gesco. Gestärkt durch Zukäufe und einen hohen Auftragsbestand rechnet die Wuppertaler Beteiligungsfirma nach einem Rekordjahr mit weiterem Wachstum. Der Umsatz soll im laufenden Geschäftsjahr 2012/2013 (Ende März) auf rund 430 (Vorjahr: 415) Millionen Euro steigen. Beim Gewinn erwartet Gesco jedoch wegen der Kosten für Zukäufe und gedämpfter Konjunkturerwartungen einen Rückgang auf rund 20,5 (22,6) Millionen Euro.

Zooplus gibt Rätsel auf
Die Aktien des im SDax notierten Internethändlers Zooplus setzen ihre seit Tagen andauernde Talfahrt fort. Zeitweise rutschen die Papiere um zehn Prozent ab und sind damit so billig wie zuletzt im November 2010. Dabei wechselten bis zum Mittag fast so viele Zooplus-Titel den Besitzer wie an einem gesamten Durchschnittstag. Börsianer konnten keinen Grund für die jüngsten Verluste nennen. Das Minus der vergangenen acht Tage summiert sich auf rund 21 Prozent. Kein anderer Wert aus dem Kleinwerte-Index SDax hat in diesem Zeitraum so stark verloren.

Auch Air Berlin auf Sinkflug
Auch die Aktie von Air Berlin ist im Sinkflug. Einige Aktionäre haben offenbar die Gelegenheit für Gewinnmitnahmen genutzt. Die Papiere der Fluggesellschaft gehören mit einem Minus von 5,5 Prozent zu den größten Verlierern im SDax. Einen unmittelbaren Auslöser für die Verkäufe konnten Börsianer nicht ausmachen. Die Titel hatten allerdings in den vergangenen zehn Tagen 21,5 Prozent und damit mehr als alle anderen SDax-Werte zugelegt.

Leica beglückt Aktionäre
Kräftig aufwärts geht es mit der Aktie des Kameraherstellers Leica. Nach dem jüngsten Rekordjahr konnte das Unternehmen seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2011/2012 (31. März) erneut deutlich steigern - um gut 19 Prozent auf 296,8 Millionen Euro. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um 41,5 Prozent auf 58,7 Millionen Euro. Von den Zuwächsen sollen auch die Aktionäre profitieren: Der Vorstand schlage für das abgelaufene Geschäftsjahr eine Dividende von 1,83 Euro je Aktie vor.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr