Die Kunst der Verdrängung

Detlev Landmesser

Stand: 08.08.2008, 20:25 Uhr

Die US-Investoren folgten am Freitag dem Börsenmotto "Kaufen, wenn die Kanonen donnern". Der deutsche Markt war dagegen angesichts der Eskalation im Kaukasus vorübergehend eingeknickt.

Just während der Olympia-Eröffnungsfeier in Peking hatten die Meldungen über Kämpfe zwischen russischen und georgischen Truppen in Südossetien die Marktteilnehmer verunsichert. Der Dax verlor bis zu 1,5 Prozent, wurde dann aber von der ungerührten Eröffnung der US-Börsen wieder nach oben gezogen. Die USA, die selber Stützpunkte in Georgien unterhalten, dementierten ein offizielles Hilfegesuch der einstigen Sowjetrepublik.

Trotz der Sorge um die Ölpipelines in der Region ging der richtungsweisende US-Ölpreis um weitere vier Dollar auf unter 116 Dollar pro Barrel zurück, auch die "Krisenwährung" Gold setzte ihren Abstieg in Richtung 850 Dollar fort. An der Moskauer Börse brach der Hauptindex hingegen um 6,5 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 14 Monaten ein.

Wall Street im Ölrausch

Ganz anders an der Wall Street: Gestützt auf den Ölpreisrückgang legten alle drei großen Indizes bis zum Abend um mehr als zwei Prozent zu. Der L-Dax schloss vergleichsweise bescheidene 0,4 Prozent höher bei 6.583,71 Punkten.

Händler versprechen sich vom dem Ölpreisrutsch mehr Luft für die Bürger bei Konsumausgaben und Entlastungen für die Unternehmen. Den Preisverfall begründeten Experten vor allem mit dem weiter erstarkten Dollar. Das bekam auch der Euro zu spüren. Die Gemeinschaftswährung brach auf bis zu 1,5006 Dollar ein, den niedrigsten Stand seit Ende Februar.

Neben der Krise im Kaukasus ignorierte die Wall Street auch zwei neue Tiefschläge erfolgreich. Nach Freddie Mac hat nun auch der US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae einen deutlich höheren Quartalsverlust eingefahren als befürchtet. Fannie Mae wies einen Fehlbetrag von 2,54 Dollar je Aktie aus, während Analysten im Schnitt mit minus 0,97 Dollar gerechnet hatten. Eine Erholung der Immobilienmärkte ist nach Ansicht des Instituts nicht in Sicht. Der Rückgang der Häuserpreise werde sich fortsetzen.

Auch die Produktivität außerhalb des Agrarsektors im zweiten Quartal enttäuschte. Mit auf das Jahr hochgerechnet 2,2 Prozent Plus lag sie unter den erwarteten 2,7 Prozent. Im ersten Quartal hatte das Produktivitätswachstum noch bei 2,6 Prozent gelegen. Die Lohnstückkosten stiegen wie von Volkswirten erwartet annualisiert um 1,3 Prozent. Im Vorquartal lag diese Rate noch bei 2,5 Prozent.

Euroschwäche entlastet
Nicht zuletzt die Aktien der Autobauer BMW, Daimler und Volkswagen profitierten von dem schwachen Euro. Ist die eigene Währung schwach, bekommen die Exporteure mehr Euros für ihre Fremdwährungserlöse.

UBS wird zur Kasse gebeten
Nach der Citigroup und Merrill Lynch hat auch der Schweizer Bankriese UBS millardenschweren Ausgleichszahlungen an krisengeschädigte Anleger zugestimmt. Die Bank kauft ARS-Anleihen im Umfang von 19,4 Milliarden Dollar von Anlegern zurück. Darüber hinaus wird die UBS eine Geldbuße von 150 Millionen Dollar zahlen.

Hapag bleibt vorerst bei Tui
Ob das noch etwas wird mit der viel diskutierten Trennung von Hapag-Lloyd? Jedenfalls hat Tui eine für Montag geplante außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats zum geplanten Verkauf der Reederei auf unbestimmte Zeit verschoben, berichtete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Für das Treffen gebe es vorerst keinen Bedarf, hieß in einem Schreiben von Tui-Vorstandschef Michael Frenzel an das Aufsichtsgremium.

MTU und EADS haussieren
Im MDax waren die Aktien des Triebwerkherstellers MTU und des Luft- und Raumfahrkonzerns EADS stark gefragt. Bei MTU wirkten neben der Euro-Schwäche auch Übernahmespekulationen beflügelnd. Die Nachricht, dass Airbus einen Auftrag in Milliardenhöhe zu verlieren droht, konnte den EADS-Kurs kaum bremsen. Die United-Airlines-Muttergesellschaft UAL wird voraussichtlich die Bestellung von 42 Airbus-Maschinen im Volumen von 2,2 Milliarden Dollar stornieren.

Freenet vor der Abstimmung
Auch am Abend dauerte die mit Spannung erwartete Hauptversammlung von Freenet noch an. Freenet-Chef Eckhard Spoerr kann unterdessen auf den Machterhalt hoffen. "Ich glaube nicht, dass wir die nötige Mehrheit dafür erhalten werden", sagte ein Manager des Großaktionärs Drillisch. Freenet rechnet für das kommende Jahr mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 450 Millionen Euro. Davon sollen 400 Millionen auf das Mobilfunkgeschäft entfallen.

Conergy verdoppelt Erlöse
Die Aktie von Conergy notierte mit weitem Abstand an der TecDax-Spitze. Das Solarunternehmen konnte den Umsatz im zweiten Quartal auf 379 Millionen Euro verdoppeln. Dabei blieb das operative Ergebnis negativ. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei minus sieben Millionen Euro nach minus 29 Millionen Euro im Vorjahr.

US-Beteiligung lastet auf HCI
Aus dem SDax kam am Abend eine Gewinnwarnung. Das Fonds-Emissionshaus HCI schraubte seine Prognose für 2008 deutlich zurück. Statt eines Jahresüberschusses von 33 Millionen Euro werde nun nur noch mit einem ausgeglichenen Jahresergebnis gerechnet, teilte das Unternehmen mit. Im ersten Halbjahr sei ein Verlust von rund 18,5 Millionen Euro aufgelaufen. Grund für die gesenkte Prognose sei eine Wertberichtigung auf die Beteiligung an der US-Firma NY Credit Operating Partnership, die ein Portfolio gewerblicher Immobilienkredite in den USA hält.

Endotag-Fantasie für Medigene
Am Nachmittag sprang die Aktie von Medigene an. Neben Pfizer haben nach Informationen aus der Branche nun auch Eli Lilly und Roche Interesse an Medigenes Krebsmittel Endotag angemeldet. Es gehe dabei um die regionalen bis weltweiten Rechte von Endotag, hieß es. Pfizer prüfe dabei weiter auch eine Komplettübernahme. Für einen Abschluss spiele die im vierten Quartal erwartete Endauswertung der Phase-II-Studie mit Endotag eine große Rolle.

Solar-Fabrik mit starkem Wachstum
Die Solar-Fabrik AG konnte im ersten Halbjahr ihren Umsatz auf 102 Millionen Euro verdoppeln. Das Ebit stieg von 1,5 auf 1,8 Millionen Euro und damit erheblich langsamer als zuvor. Grund waren Währungsverluste wegen des schwachen Dollars, die die Ergebnisgröße mit 2,6 Millionen Euro belasteten.

Klöckner-Werke vorsichtig
Die zu Salzgitter gehörende Klöckner-Werke AG rechnet für 2008 mit einem Umsatzrückgang. Das operative Ergebnis solle dagegen nicht schrumpfen, sondern eine "positive Stabilisierung" zeigen, hieß es im Halbjahresbericht des Anlagenbauers.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 17. Oktober

Unternehmen:
ASML: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Roche: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Zooplus: Q3-Umsatz, 07:30 Uhr
Danone: Q3-Umsatz, 07:30 Uhr
Abbott: Q3-Zahlen, 13:45 Uhr
US Bancorp: Q3-Zahlen, 14:00 Uhr
Carrefour: Q3-Umsätze, 17:45 Uhr
Alcoa: Q3-Zahlen, 22:10 Uhr

Konjunktur:
Acea-Kfz-Neuzulassungen 09/18, 08:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 09/18, 11:00 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen, 09/18, 14:30 Uhr
USA: Ölbericht (Woche), 16:30 Uhr
USA: FOMC-Sitzungsprotopoll 26.9., 20:00 Uhr