Die Krise wird zur Chefsache

Detlev Landmesser

Stand: 31.08.2007, 20:34 Uhr

Schon bevor Fed-Chef Bernanke und US-Präsident Bush vor ihre Mikrofone traten, hatten sich die Börsen auf beruhigende Versprechungen der beiden Entscheider gefreut. Ob das die Krise beendet, sei dahingestellt.

Jedenfalls lagen die US-Börsen auch noch am Abend um mehr als ein Prozent im Plus. Was umso bemerkenswerter ist, als die US-Investoren in ein langes Wochenende gehen: Wegen des "Labor Day" bleiben die US-Börsen am Montag geschlossen.

Der L-Dax schloss gar zwei Prozent höher bei 7.658,46 Punkten, womit die zwischenzeitlichen Kursverluste im August mehr als wett gemacht wurden.

US-Präsident George W. Bush kündigte als Reaktion auf die Krise Reformen und ein Hilfspaket für Hausbesitzer mit Zahlungsschwierigkeiten an. Von dem Maßnahmebündel aus Zinserleichterungen und einer Bundesabsicherung von Hypotheken könnten bis zu 80.000 Schuldner profitieren. Per Gesetzesänderung sollen Kreditgeber außerdem gezwungen werden, alle Kosten bei Vertragsabschluss aufzulisten und keine Risiko-Hypotheken zuzulassen.

Die Börsianer ließ Bush aber zugleich wissen, es sei nicht Aufgabe der Regierung, unter der Hypothekenkrise leidenden Anlegern aus der Klemme zu helfen. Das dämpfte die Euphorie dann doch etwas.

Gleichzeitig versuchte Bush, die Sorgen vor einer Rezession zu zerstreuen. "Die jüngsten Störungen in der Branche für zweitklassig besicherte Hypotheken sind bescheiden. Sie sind bescheiden im Vergleich zu der Größe unserer Wirtschaft."

Fed signalisiert weiter Handlungsbereitschaft

Fed-Chef Ben Bernanke bekräftigte erneut die Bereitschaft der Fed, so weit wie notwendig die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Wirtschaft zu begrenzen. Die Fed beobachte die Situation genau und werde die nötigen Maßnahmen ergreifen. Doch auch der Notenbankchef betonte, es sei nicht die Aufgabe der Fed, Kreditgeber und Investoren vor den Konsequenzen ihrer finanziellen Entscheidungen zu schützen. Die Krise auf dem US-Hypotheken- und Immobilienmarkt werde sich noch weit in das kommende Jahr hineinziehen, erwartet Bernanke.

Die Konjunkturdaten des Tages warfen allesamt ein günstiges Licht auf die US-Konjunktur. Das Konsumklima der Uni Michigan und der Chicagoer Einkaufsmanagerindex für August lagen über den Markterwartungen, außerdem fiel der Auftragszuwachs der Industrie im Juli stärker als erwartet aus. Insgesamt dämpfte dies allerdings auch wieder die Hoffungen auf eine Leitzinssenkung im September.

Dazu kamen gute Quartalszahlen von Dell. Der zweitgrößte PC-Hersteller der Welt hat dank Restrukturierungserfolgen, höheren durchschnittlichen Verkaufspreisen sowie niedrigeren Kosten seinen Quartalsgewinn stark erhöht.

Infineon in Mode
Erneut schaffte es Infineon an die Dax-Spitze. Der Halbleiterhersteller profitierte erneut von einer am Donnerstag bekannt gegebenen Transaktion. Die Münchener wollen ihre Beteiligung an dem Unternehmen Advanced Electronic Systems (AES) für einen nicht genannten Betrag an den russischen GIS-Konzern verkaufen.

Deutsche Bank schließt Handelsabteilung in London
Die Deutsche-Bank-Aktie verhielt sich diesmal unauffällig, obwohl am Freitag konkretere Informationen kursierten: Nach Angaben aus Finanzkreisen hat die Bank ihre Londoner Handelsabteilung für Immobilienkredite aufgelöst. Mehr als die Hälfte des aus 14 Mitarbeitern bestehenden Teams müsse deshalb die Bank verlassen, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters. Die Bank wollte sich dazu nicht äußern. Angeblich hat das Institut im Juli beim Handel mit Anleihen im europäischen Kreditmarkt und mit verbrieften Krediten rund 100 Millionen Euro verloren.

Übernahmefantasie weicht aus Metro-Aktie
Die Metro-Aktie profitierte nur zu Handelsbeginn von der Meldung des Großaktionärs Haniel, seinen Anteil an den Metro-Stimmrechten von 34,24 auf 50,01 Prozent aufgestockt zu haben. Ein Übernahmeangebot für die restlichen Aktionäre sei nicht vorgesehen. Durch die Aufstockung von Handel sei eine Übernahme durch einen Dritten eher unwahrscheinlich geworden, merkte ein Börsianer kritisch an.

Arcandor wird gefeiert
Nach den schweren Kursverlusten der vergangenen Monate sprang die Aktie des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor um 11,4 Prozent nach oben. Der frühere KarstadtQuelle-Konzern hat im zweiten Quartal seinen Umsatz wegen der Übernahme des Touristikkonzerns Thomas Cook um 73 Prozent auf 4,37 Milliarden Euro gesteigert. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) kletterte von minus 69,2 Millionen Euro im Vorjahr auf 27,5 Millionen Euro. Außerdem kündigte Vorstandschef Thomas Middelhoff ein deutlich verbessertes Ergebnis für das Gesamtjahr an. Durch Immobilienverkäufe sollen über 4,5 Millionen Euro reingeholt werden. Außerdem spreche man mit anderen Warenhauskonzernen über Partnerschaften oder Übernahmen.

Stada auf Einkaufstour
Der Pharmakonzern Stada kauft die britische Pharmagruppe Forum Bioscience. Verkäufer seien das japanische Unternehmen Ajinomoto und der Mitgründer Peter Duckworth, teilte das MDax-Mitglied mit. Der Kaufpreis liegt bei 55,6 Millionen Euro.

Am Nachmittag meldete der Generikahersteller beim Zukauf der russischen Pharmagruppe Makiz Vollzug. Das Unternehmen werde ab 1. September im Konzern konsolidiert. Für den zweitgrößten Zukauf der Unternehmensgeschichte will Stada einen von der Geschäftsentwicklung 2007 abhängigen Preis zahlen, der voraussichtlich 125 bis 135 Millionen Euro beträgt. Makiz erzielte im Vorjahr einen Umsatz von 51,5 Millionen Euro.

Rohstoff-Kosten bremsen Indus-Ergebnis
Aus dem SDax meldete Indus zwar einen starken Umsatzanstieg im ersten Halbjahr, aber einen stagnierenden Gewinn. Rohstoff- und Energiepreise hätten das Ergebnis belastet, teilte die Beteiligungsfirma am frühen Nachmittag mit. So verbuchte die auf mittelständische Unternehmen konzentrierte Holding zur Jahresmitte bei einem Umsatzplus von rund zwölf Prozent auf 453,5 Millionen Euro ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 49,6 (Vorjahr: 49,8) Millionen Euro. Der Vorstand kündigte zugleich weitere Zukäufe an.

Aleo Solar erwartet noch mehr Umsatz
Die Aleo Solar AG hat ihre Prognose für das kommende Jahr angehoben. Das Unternehmen rechnet nun mit einem Umsatz von 250 bis 270 Millionen Euro, nach bisher mindestens 240 Millionen Euro. Grund seinen eine ungebrochen hohe Nachfrage nach Solarmodulen sowie bereits geschlossene Lieferverträge für Solarzellen.

Medigene gewinnt an Marktpotenzial
Die Medigene-Aktie gewann 3,7 Prozent. Das Biotechunternehmen meldete, das Krebsmedikament Eligard sei in seiner Sechsmonats-Dosierung europaweit zugelassen worden. In Deutschland ist die Dosierung seit März 2007 auf dem Markt.

Adler hebt ab
Nach einem Gewinnsprung im ersten Halbjahr war auch die Aktie von Adler Real Estate gefragt. Unter dem Strich verdiente das Immobilienunternehmen 7,6 Millionen und damit 7,26 Millionen Euro mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Pironet boomt
Die Aktie von Pironet NDH kletterte um 5,6 Prozent. Das IT-Unternehmen hat im ersten Halbjahr mit 26,7 Millionen Euro 30 Prozent mehr umgesetzt. Der Gewinn kletterte gar um 60 Prozent auf 1,6 Millionen Euro.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr