Die Krise lebt

Detlev Landmesser

Stand: 09.05.2008, 20:19 Uhr

Die Finanzkrise ist keineswegs bewältigt, wie sich am Freitag an prominenter Stelle zeigte: Der Welt größter Versicherer meldete einen Rekordverlust, was die Börsenlaune vor dem Pfingstwochenende erheblich trübte.

Der L-Dax konnte die 7.000er Marke nicht halten und ging 1,25 Prozent tiefer mit 6.988,41 Punkten ins Wochenende. Am Pfingstmontag wird übrigens in Deutschland ebenso wie an der Wall Street gehandelt.

Dort lagen die Aktienmärkte am Abend deutlich im Minus. Das lag vor allem an dem Rekordverlust der American International Group AIG. Der weltgrößte Versicherungskonzern litt ähnlich wie die Banken unter der US-Hypothekenkrise und musste gut neun Milliarden Dollar auf Kreditderivate abschreiben. AIG will sich nun eine Kapitalspritze von 12,5 Milliarden Dollar beschaffen. Die Citigroup, die bisher am härtesten von der Finanzkrise getroffene US-Bank, kündigte unterdessen an, sich in den kommenden Jahren von Beteiligungen mit einem Buchwert von 400 Milliarden Dollar trennen zu wollen.

Aber auch neue Rekordstände des Ölpreises lasteten auf den Kursen. Zeitweise erreichte der Future-Preis für die US-Sorte WTI bis zu 126,20 Dollar pro Barrel. Am Abend notierte er etwas über 125,50 Dollar.

Vom US-Außenhandel kam dagegen ein leichtes Entspannungszeichen. Das Handelsbilanzdefizit verringerte sich im März stärker als erwartet. Es sei von revidierten 61,7 Milliarden Dollar im Vormonat auf 58,2 Milliarden Dollar gefallen, teilte das US-Handelsministerium um 14:30 Uhr mit. Volkswirte hatten mit einem Defizit von 60,8 Milliarden Dollar gerechnet.

Freitagsgerücht stützt Eon

Die Aktie von Eon gehörte zu den gefragtesten Dax-Titeln. Dabei half ein neues Gerücht nach. Danach könnte Electricite de France (EdF) ein Auge auf den deutschen Versorger werfen, wenn das Ringen um British Energy nicht von Erfolg gekrönt sei, sagten Händler. "Ich halte das aber für eines der üblichen Freitagsgerüchte ohne Substanz", meinte ein Marktteilnehmer. Außerdem signalisierte der auf Infrastruktur spezialisierte Finanzinvestor Macquarie ein Interesse an den Hochspannungsnetzen von Eon. "Wenn sich eine Gelegenheit bietet und Stromnetze auf den Markt kommen, wären wir daran sehr interessiert", so Macquarie.

Kauft Blackstone T-Aktien?
Am Verlauf wurde auch die T-Aktie von neuen Spekulationen angetrieben. Das Gerücht lautete, der Finanzinvestor Blackstone könnte seine Telekom-Beteiligung vor der nächsten Hauptversammlung am 15. Mai auf über zehn Prozent ausbauen, um mehr Einfluss auf strategische Entscheidungen des Unternehmens zu gewinnen. Die Telekom nahm dazu keine Stellung. Blackstone hielt zuletzt rund 4,5 Prozent an dem Bonner Konzern. Der Chef des US-Finanzinvestors, Hamilton James, hatte im Februar eine Aufstockung nicht ausgeschlossen. Allerdings könnte der Großaktionär Bund etwas dagegen haben. Der Gewinneinbruch bei Wettbewerber Telecom Italia im ersten Quartal beeinflusste die T-Aktie unterdessen kaum.

Linde findet wenig Gegenliebe
Über vier Prozent verlor die Linde-Aktie. Der Industriegasekonzern hat im ersten Quartal das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen und vor Sondereinflüssen (Ebitda) währungsbereinigt um 11,1 Prozent auf 602 Millionen Euro nach oben geschraubt. Damit verfehlte Linde die Schätzungen der von dpa-AFX befragten Analysten, die im Schnitt ein Ebitda in Höhe von 629 Millionen Euro prognostiziert hatten. Für das Gesamtjahr bekräftigte Linde, den Umsatz steigern zu wollen. Das operative Ergebnis soll noch kräftiger als der Umsatz zulegen.

Allianz kassiert Renditeziel für Dresdner Bank
Die Allianz-Tochter Dresdner Bank hat im ersten Quartal rote Zahlen geschrieben. Der Verlust im Bankgeschäft lag bei 513 Millionen Euro nach einem Vorjahresgewinn von 612 Millionen Euro. Das bisherige Renditeziel für die Dresdner Bank von durchschnittlich mindestens 15 Prozent auf das Risikokapital bis 2009 könne nicht bestätigt werden, teilte die Allianz mit. Auf Konzernebene hält die Allianz allerdings an ihren operativen Zielen für 2009 fest.

Dividendensaison
Die folgenden Dax-Unternehmen schütteten am Freitag ihre Dividende aus: Adidas (0,50 Euro), BMW (1,06 Euro je Stammaktie) und Postbank (1,25 Euro). Im MDax fiel insbesondere Hugo Boss mit einem kräftigen Dividendenabschlag auf. Großaktionär Permira hatte dem Modehersteller eine Ausschüttung von 6,46 Euro pro Vorzugsaktie abgetrotzt.

AMB Generali in der Defensive
Auch ein Versicherer aus dem MDax leidet unter der Finanzkrise. Der Gewinn von AMB Generali brach im ersten Quartal um 36 Prozent auf 65 Millionen Euro ein. Von dpa-AFX befragte Analysten hatten mit einem geringeren Gewinnrückgang auf 93,5 Millionen Euro gerechnet. Der Konzern bestätigte dennoch die Gewinnprognose für das laufende Jahr. "Dies gilt jedoch unter der Prämisse, dass sich die Aktienkurse im weiteren Jahresverlauf wieder erholen und keine weiteren Großschadenbelastungen eintreten", hieß es.

Zoff nach Freenet-Zahlen
Freenet musste im ersten Quartal einen Gewinneinbruch von 49,9 auf 12,3 Millionen Euro einstecken. Das operative Ergebnis sank von 51 auf 26 Millionen Euro. Damit erfüllte der Mobilfunk- und DSL-Provider allerdings die Analystenerwartungen. Die Kundenzahl verringerte sich von 12,68 Millionen vor Jahresfrist auf 11,36 Millionen. Die andauernden Spekulationen über eine Zerschlagung des Unternehmens hätten die Kundengewinnung erschwert, behauptete Freenet - was prompten Widerspruch des Hauptbezichtigten United Internet hervorrief.

Drillisch wird vorsichtig
Der Freenet-Aktionär und Mobilfunk-Anbieter Drillisch hat im ersten Quartal mit 84,6 Millionen Euro zehn Prozent mehr umgesetzt als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Das Ebitda legte um 28 Prozent auf 9,5 Millionen Euro zu. Im Gesamtjahr rechnet Drillisch nur mit einem leichten Anstieg bei Umsatz und Kundenanzahl.

Dicke Aufträge für Repower
Der Windkraftanlagen-Hersteller Repower meldete am Freitag gleich zwei Großaufträge aus Italien. Für den Energiekonzern Enel sollen Windräder mit einer Gesamtleistung von 263 Megawatt gebaut werden. Die Anlagen sollen zwischen 2009 und 2011 in Frankreich und Italien aufgestellt werden. Der italienischen Enertad sollen bis zu 80 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 160 Megawatt bis 2010 geliefert werden.

Conergy noch tiefer in Rot
Der angeschlagene Solaranlagenbauer Conergy hat seinen Verlust im ersten Quartal ausgebaut. Der Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag bei 21 Millionen Euro nach 18 Millionen Euro im Vorjahr. Immerhin legte der Quartalsumsatz von 133 auf 203 Millionen Euro zu. Für das Gesamtjahr bekräftigte der Vorstand seine Prognose: 2008 soll der Umsatz bei über einer Milliarde Euro liegen, das Ebitda soll ausgeglichen ausfallen.

Währungsverluste bremsen Solar-Fabrik
Besser schlägt sich dagegen der Solar-Konzern Solar-Fabrik. Er hat im ersten Quartal seinen Umsatz um rund 194 Prozent auf 53,1 Millionen Euro nach oben geschraubt. Der Gewinn kletterte nur leicht um knapp ein Viertel auf 1,05 Millionen Euro. Grund waren unter anderem Währungsverluste.

Roth & Rau wächst kräftig
Auch der Solarindustrie-Zulieferer Roth & Rau bleibt auf Wachstumskurs. Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 79 Prozent auf rund 44 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) sprang um 76,3 Prozent auf 4,4 Millionen Euro. Der Vorstand bekräftigte seine Prognose, im Gesamtjahr 235 Millionen Euro umzusetzen.



Maxdata schrumpft
Bei Maxdata ist noch keine Wende in Sicht. Für das erste Quartal meldete der Computerhersteller einen Umsatzrückgang von elf Prozent auf 102,3 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei minus 10,9 Millionen Euro nach minus 6,9 Millionen Euro vor Jahresfrist. "Dieser Rückgang ist vor allem auf den starken Preiskampf innerhalb der Branche und ein sehr schwaches Marktumfeld bei den Monitoren zurückzuführen", teilte das Unternehmen aus Marl mit. Positiv habe sich aber der Verkauf von Notebooks entwickelt.

Gelungener Einstand für Zooplus
Im schwach regulierten Freiverkehrssegment Entry Standard gab heute der Internet-Tierfutterhändler Zooplus sein Debüt. Die Aktie wurde erstmals zu 25,90 Euro gelistet, und beendete den Computerhandel 13,5 Prozent höher bei 29,40 Euro. Das Unternehmen war wegen der unsicheren Marktlage von einer Kapitalerhöhung zurückgeschreckt und hatte es vorgezogen, zunächst nur alle 2,4 Millionen Stammaktien listen zu lassen. Die 1999 gegründete Zooplus ist heute nach eigener Aussage Europas führender Händler von Haustierprodukten im Internet. 2007 setzte Zooplus 55,4 Millionen Euro um und erzielte einen Jahresüberschuss von rund 630.000 Euro.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"