Die Hütte brennt weiter

Detlev Landmesser

Stand: 07.10.2008, 20:32 Uhr

Auch am Dienstag wollte keine Ruhe an den Finanzmärkten einkehren. Ein neuer Rettungsansatz der Fed und ein Höllenritt der VW-Aktie waren die größten Aufreger an diesem ereignisreichen Tag.

Der L-Dax ging zwei Prozent tiefer bei 5.244,45 Punkten aus dem Handel. Die Wall Street tendierte bis zum Abend erneut schwach.

Fed-Chef Ben Bernanke signalisierte angesichts der Finanzkrise die Bereitschaft der US-Notenbank zu einer Zinssenkung. Die Fed müsse prüfen, ob die gegenwärtige Haltung der Geldpolitik noch angemessen sei, erklärte der Notenbankchef am Nachmittag. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten und Konjunkturdaten signalisierten, dass sich der Ausblick für die US-Wirtschaft verschlechtert habe, fügte er hinzu. Gleichzeitig habe das Inflationsrisiko abgenommen. Beobachter sind mittlerweile fest davon überzeugt, dass die Notenbank spätestens bei ihrer Sitzung am Monatsende den Leitzins senkt. Viel Pulver hat die Fed allerdings nicht mehr: Seit April liegt der Leitzins bei nur noch 2,0 Prozent.

Die Wall Street weitete ihre Verluste nach Bernankes Äußerungen weiter aus. Schließlich hatten die Marktteilnehmer schon mit einem nahenden Zinsschritt gerechnet. Umso mehr trat der düstere Konjunkturausblick in den Vordergrund, den auch das um 20:00 Uhr veröffentlichte Protokoll der vergangenen Fed-Sitzung bestätigte.

Neuer Rettungsansatz der Fed

Auch ein neuer Rettungsversuch der Fed konnte die Kurse nicht nachhaltig stützen. Am frühen Nachmittag kündigte die US-Notenbank an, nun auch kurzfristige Anleihen, so genannte Commercial Papers, als Sicherheit für Kredite zu akzeptieren. Die bis Ende April befristete Maßnahme ist in der fast 100jährigen Geschichte der Fed einmalig, weil Commercial Papers durch die Krise vielfach nahezu wertlos geworden sind und Zentralbanken normalerweise nur erstklassige und liquide Wertpapiere als Sicherheiten akzeptieren.

Mit der Maßnahme soll der für die Refinanzierung wichtige Markt für Commercial Papers wieder stabilisiert werden. Die ungesicherten oder schlecht gesicherten Schuldpapiere sollen Banken und Unternehmen abgekauft werden. Unklar blieb aber zunächst, in welchem Volumen die Fed Papiere akzeptieren will.

Die Ex-Investmentbank Morgan Stanley brach um über 30 Prozent ein. Kräftig erholt zeigte sich der Technologiekonzern Advanced Micro Devices (AMD). AMD kündigte die Ausgliederung der Chipproduktion aus dem Konzernverbund an, was der Aktie ein Plus von mehr als 20 Prozent bescherte. Nach US-Börsenschluss wird der Aluminiumkonzern Alcoa die Berichtssaison zum dritten Quartal einläuten.

EU will Banken "von Fall zu Fall" retten
Zunächst hatte vor allem eine Schreckensmeldung aus Großbritannien die Märkte beschäftigt. Angeblich sind die Royal Bank of Scotland (RBS), Lloyds TSB und HBOS in argen Liquiditätsnöten. Bei der RBS war sogar von Verstaatlichung die Rede. Die Aktien der betroffenen Banken verloren bis zu 39 Prozent. Angeblich, so berichten britische Medien, könnte die britische Regierung bis zu 45 Milliarden britische Pfund zur Stützung der Banken einsetzen.

Die EU-Finanzminister erklärten unterdessen nach ihrem Treffen, die Pleite "systemrelevanter" Finanzinstitute verhindern zu wollen. Was systemrelevant bedeutet, werde von Fall zu Fall entschieden. Dem Vernehmen nach drängt die deutsche Kreditwirtschaft die Bundesregierung dagegen zu einem branchenweiten Risikoschirm, der das Vertrauen in die gesamte Branche erhalten soll.

Insgesamt hat die Finanzkrise nach einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) weltweit bereits 1,4 Billionen Dollar gekostet - rund das Vierfache des deutschen Staatshaushalts.

Sorge um die Realwirtschaft
Der überraschende Zuwachs der deutschen Industrieaufträge im August um 3,6 Prozent konnte dagegen die Sorge um einen breiten Konjunkturabschwung nicht lindern. So fiel etwa die Stimmung in der Dienstleistungsbranche laut der jüngsten Umfrage des Mannheimer Forschungsinstituts ZEW auf den tiefsten Stand seit der Einführung des Indikators im Herbst 2003.

Banktitel in Aufruhr
Wieder standen die Finanzwerte im Dax besonders unter Druck. Die Bank of America hatte mit ihrer nach US-Börsenschluss vorgelegten Bilanz neue Unruhe ausgelöst. Neben einem Gewinneinbruch im dritten Quartal meldete die Großbank eine Kapitalerhöhung im Volumen von rund zehn Milliarden Dollar.

Vage Sorgen um die Pfandbrieftochter Eurohypo sowie ein Scheitern der Übernahme der Dresdner Bank machten der Aktie der Commerzbank zu schaffen, die zeitweise über 18 Prozent verlor. Die Deutsche Bank verlor bis zu 15,4 Prozent. Der Branchenprimus sah sich gegen Mittag veranlasst, per Ad-hoc-Mitteilung Spekulationen über eine nötige Kapitalerhöhung entgegenzutreten.

Eine Berg- und Talfahrt legte die Aktie der Hypo Real Estate hin, die nach der von vielen schon lange erwarteten Rücktrittsmeldung des HRE-Chefs Georg Funke vorübergehend wieder ins Plus drehte. Am Abend bestätigte die Bank, dass der Deutsche-Bank-Manager Axel Wieandt neuer HRE-Chef wird. Derweil machte Finanzminister Peer Steinbrück erneut deutlich, dass er auch den Rücktritt von Aufsichtsratschef Kurt Viermetz erwartet.

Viermetz auch bei Deutscher Börse unter Druck
Der 69-jährige Viermetz steht auch im Fokus der Auseinandersetzung der Deutschen Börse und seinen Großaktionären Atticus und TCI. Auch hier leitet Viermetz das Aufsichtsgremium. TCI forderte nun auch formal korrekt die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung. Es gebe nur einen Tagesordnungspunkt und dieser solle der Widerruf der Bestellung von Kurt Viermetz sein, teilte die Deutsche Börse am Abend mit. Der Antrag werde nun vom Vorstand auf seine Rechtmäßigkeit hin überprüft und darüber entschieden.

Irre Kursbewegungen bei Volkswagen
Einen historischen Kursgewinn verbuchte die VW-Aktie: Bei einem Tagesumsatz von über 3,6 Milliarden Euro wurde der Dax-Titel um bis zu 54,6 Prozent auf 452 Euro nach oben katapultiert, bevor er unter hohen Schwankungen bis zum Xetra-Schluss wieder ins Minus zurückfiel. Marktteilnehmer vermuteten, dass Käufe zur Deckung von Optionen, die Porsche eine Aktienlieferung zusichern, für den Kurssprung verantwortlich waren. Ein Sprecher von Porsche erklärte dazu lediglich: "Wir haben heute außerbörslich ein kleineres Aktienpaket erworben." Der Preis habe deutlich unter den Tageshöchstständen an der Börse gelegen. Porsche hielt zuletzt rund 35 Prozent an VW und will den Anteil noch in diesem Jahr auf mehr als 50 Prozent aufstocken.

MAN verkauft Ferrostaal-Mehrheit
Die Aktie von MAN tendierte schwächer als der Markt. Der Industriekonzern meldete den Verkauf von 70 Prozent der Tochter MAN Ferrostaal an die Staatsholding IPIC aus Abu Dhabi. Über den Verkaufspreis sei Stillschweigen vereinbart worden, teilte MAN mit. Händler schätzten die Transaktion positiv ein. "Das passt zur Strategie, sich von Geschäftsteilen zu trennen, die nicht zum Kerngeschäft gehören", sagte ein Börsianer.

Analysten enttäuscht von SAP
Ähnlich schwach wie die Finanztitel präsentierte sich die SAP-Aktie. Am Montag hatte der Softwarekonzern überraschend seine Gewinnprognose für das dritte Quartal gesenkt. JP Morgan, die UBS, Goldman Sachs und die Credit Suisse senkten am Dienstag allesamt ihre Kursziele für den Dax-Titel. Die SAP-Aktie war schon nach der Gewinnwarnung am Montag Nachmittag um mehr als 16 Prozent abgestürzt.

Neuer Auftrag für Tognum
Die Tognum-Aktie beschleunigte ihren Abwärtstrend. Dabei meldete der Motorenhersteller einen neuen Auftrag. Der Konzern soll die Motoren für 130 Rangierlokomotiven herstellen. Die Lokomotiven werden von dem Kieler Unternehmen Voith hergestellt und an die Deutsche Bahn geliefert. Die Lokomotiven, die einen Gesamtwert von 250 Millionen Euro haben, sollen zwischen 2010 und 2012 in Betrieb gehen.

Solarworld-Chef voller Zuversicht
Im TecDax brach die Solarworld-Aktie um 16,6 Prozent ein, obwohl der Solarkonzern zuversichtlich in die Zukunft blickt. "Wir verfügen über mehr als 900 Millionen Euro an Liquidität", sagte Vorstandschef Frank Asbeck der Nachrichtenagentur dpa-AFX. Sein Unternehmen halte sich damit für Expansionsmöglichkeiten bereit. Einen Schub für die Branche erwartet der Solarworld-Gründer durch das neue Förderprogramm in den Vereinigten Staaten.

Air Berlin hat weniger Passagiere
Air Berlin hat im September weniger Passagiere befördert als im August. Insgesamt flogen 2,845 Millionen Gäste mit der Fluggesellschaft, das waren 3,1 Prozent weniger. Die Auslastung der Flugzeuge ging um 1,7 Prozentpunkte auf 82,5 Prozent zurück. Der Erlös pro Sitzplatzkilometer stieg allerdings um 12,1 Prozent auf knapp sechs Cent.

Sino wächst im September deutlich
Der kleine Onlinebroker Sino hat den September nach eigenen Angaben mit einem ausgezeichneten Ergebnis abgeschlossen. Insgesamt habe man 135.779 Orders und damit 77 Prozent mehr als im August ausgeführt. Die Umsätze an allen deutschen Börsen, fügte Sino hinzu, seien im September lediglich um 18 Prozent gestiegen. Im September betreute Sino 615 Depotkunden.

Hotel.de meldet Buchungsplus
Der Hotelreservierungsdienst Hotel.de hat in den ersten neun Monaten nach eigenen Angaben bereits das Buchungsvolumen des gesamten Vorjahres erreicht. Das Buchungsvolumen stieg demnach von Januar bis September um 43,9 Prozent auf 317,6 Millionen Euro, die Auslandsquote blieb mit 45 Prozent auf weiterhin hohem Niveau. Die Aktie verlor dennoch rund fünf Prozent.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

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