Die Handelswoche des Grauens ist vorbei

Tobias Bürger

Stand: 05.08.2011, 20:21 Uhr

Der Dax verliert in einem unfassbar hohen Tempo 1.000 Punkte. Anleger werfen ihre bekanntermaßen günstigen Aktien bei vollem Bewusstsein auf den Markt, weil die USA plötzlich in eine Rezession abzugleiten drohen. Sie erkennen, dass der Schuldenkompromiss zwischen Republikanern und Demokraten womöglich sogar zur Belastung für die größte Volkswirtschaft der Welt beiträgt.

Entweder Spaßmaßnahmen oder Konjunkturspritzen. Beides auf einmal, geht wohl kaum. Die US-Wirtschaft wächst praktisch nicht mehr. Gleichzeitig fehlt dem Land das Geld für weitere milliardenschwere Konjunkturprogramme. Doch woher soll der Schub für die Konjunktur kommen, wenn nicht vom Staat? Vom Verbraucher? Der hat Angst um seinen Arbeitsplatz und knausert. Keine guten Aussichten für die USA wie auch den Rest der Welt.

Die damit im Zusammenhang stehenden Kursverluste an den deutschen und internationalen Handelsplätzen haben mehrere Billionen Euro ausgelöscht. Da hilft es kaum zu wissen, dass der Dow Jones Index am Freitagabend schnurstracks um 300 Punkte steigt. Aktien, Fonds und andere weit verbreitete Anlageprodukte - oftmals für die Altersvorsorge gedacht - haben in den vergangenen Tagen großen Schaden genommen. Zurück bleiben Anleger, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Schon meinen die ersten Marktbeobachter, der dritte Crash innerhalb von elf Jahren könnte sich manifestieren. Es wäre bitter für die Aktienkultur in Deutschland, die nach den Einbrüchen von 2000 und 2008 längst angeknackst ist.

Der deutsche Leitindex schließt am Freitag bei 6.236,16 Punkten und damit allein auf Tagessicht weitere 2,8 Prozent im Minus. Bis auf Commerzbank, Metro und Lufthansa gibt es unter den 30 Werten keine Gewinner. Dafür finden sich neun Unternehmen auf der Verliererseite, deren Kurse um mehr als drei Prozent fallen. Schwächster Wert ist die Deutsche Börse, deren Kurs um 5,3 Prozent sinkt.

Viel hat nicht gefehlt - und es wäre ein "Schwarzer Freitag" geworden! Im Tagesverlauf verzeichneten vor allem die Nebenwerte im MDax extreme Schwankungen. Das Segment für mittelgroße deutsche Firmen legte nach einem - von blanker Panik geleiteten - Kurssturz am Morgen um mehr als 700 Punkte zu. Bis zum Handelsschluss konnten die Zuwächse aber nicht verteidigt werden. Der Index schließt knapp ein Prozent unter dem Vortag bei 9.135,22 Zählern.

Panik und Hoffnung liegen heute besonders im TecDax ganz dicht beieinander. Während der Technologieindex am Vormittag zeitweise 7,5 Prozent (!) einbüßte, erholte sich der Markt im Handelsverlauf und schließt bei 717,76 mit einem Abschlag von moderaten 0,9 Prozent.

Experten sind derweil uneins, wie es weiter geht an den Aktienmärkten. Folgt endlich eine Gegenbewegung nach oben? Oder setzt sich die Talfahrt weiter ungebremst fort? Allianz-Chef Michael Diekmann hält den Verfall der Kurse jedenfalls für stark übertrieben; allerdings möchte er die Aktienquote der Allianz von derzeit sieben Prozent auch nicht aufstocken. "Ich würde diese Situation nicht überdramatisieren, weil die Märkte ein bisschen überdrehen", sagte der Vorstand.

US-Konjunktur sendet Lebenszeichen
Doch am heutigen Handelstag gab es auch positive Momente: In den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft im Juli um 117.000 gestiegen. Volkswirte hatten dagegen lediglich mit einem Zuwachs um 85.000 Stellen gerechnet. Damit ist die Beschäftigtenzahl in den USA im Juli stärker als erwartet gestiegen. Und die Börse schöpft Hoffnung. Zudem wurde der Zuwachs für den Vormonat nach oben korrigiert. Die Postbank sah dies als "Lebenszeichen" der US-Wirtschaft an, beurteilte die Entwicklung allerdings immer noch als sehr verhalten.

Die überraschend guten Daten sorgten zunächst für etwas Erleichterung an den Aktienmärkten, die auch wegen der europäischen Schuldenkrise schwer angeschlagen sind.

Die Zahlen vom US-Arbeitsmarkt widersprechen laut DekaBank den derzeit vorherrschenden Rezessionserwartungen. Gerade vor dem Hintergrund der sehr negativen Stimmung, seien die Daten eine positive Überraschung, betonte DekaBank-Volkswirt Rudolf Besch. Allerdings verlaufe die Erholung am US-Arbeitsmarkt weiterhin nur moderat.

Commerzbank senkt Dax-Prognose
Die Commerzbank traut dem Dax derweil nur noch 7.500 Punkte zu. Bislang hatte das Institut für den deutschen Leitindex noch ein Ziel von 8.200 Punkten ausgerufen. Analyst Andreas Hürkamp meint, dass die niedrig bewerteten Aktien sich nur dann erholen, wenn sich die Staatsschuldenkrise entspannt.

Weltweit mehrere Billionen Dollar verloren
Die Kursverluste der vergangenen Tage sprechen eine klare Sprache. Der Dax verlor in den letzten sieben Handelstagen 13 Prozent. Der EuroStoxx50 verbucht nun schon den zehnten Tagesverlust in Folge. Das ist die längste Negativ-Serie seiner Geschichte. Der Kursrutsch an den weltweiten Aktienmärkten hat Anleger derweil um mehrere Billionen Dollar ärmer gemacht. Der Börsenwert aller im MSCI World gelisteten Firmen verringerte sich in der laufenden Woche um 2,5 Billionen Dollar. Dies entspricht in etwa der Wirtschaftsleistung Frankreichs. Die im S&P 500 gelisteten US-Unternehmen büßten im gleichen Zeitraum mehr als 840 Milliarden Dollar ein.

Allianz: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
185,88
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+1,02%

Allianz geschwächt von Griechenland
Die Aktien der Allianz haben die Auswirkungen der schwachen Konzernbilanz zu verkraften. Die griechische Schuldenkrise hat im zweiten Quartal überraschend stark auf den Gewinn gedrückt. Wegen Abschreibungen in Höhe von 644 Millionen Euro auf Griechenland-Anleihen sank der Nettogewinn auf eine Milliarde Euro, während Analysten mit einem klaren Anstieg gerechnet hatten. Vorstandschef Michael Diekmann sagte: "Das sind sehr zufriedenstellende Ergebnisse." Die Zahlen nannte er "erstaunlich solide angesichts der Häufung von Naturkatastrophen" und der Unsicherheiten an den Kapitalmärkten. Doch der Aktie hilft das wenig, sie ist mit 4,5 Prozent Kursminus heute der drittschwächste Wert im Dax vor der BASF und der Deutschen Börse.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,43
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+0,98%

Eon plant radikalen Umbau
Der Energieriese Eon plant nach Darstellung des Konzernbetriebsrates einen radikalen Umbau. Aus dem Management sei verlautet, dass der Dax-Konzern die Tochtergesellschaften Eon Ruhrgas in Essen, Eon Kraftwerke in Hannover und Eon Energie in München auflösen wolle, sagte Konzernbetriebsratschef Hans Prüfer der Nachrichtenagentur Reuters. Das Unternehmen lehnte eine Stellungnahme ab.

Siemens: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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110,08
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Großauftrag für Siemens
Siemens hat einen Großauftrag in Dänemark erhalten. Der Münchner Elektrokonzern soll für 252 Millionen Euro das S-Bahn-Netz in Kopenhagen modernisieren. "Für Siemens ist es der größte Bahnautomatisierungsauftrag, den wir bisher erhalten haben", sagte der Vorstandschef der Sparte Hans-Jörg Grundmann. Neben dem Großauftrag wird die Siemens-Aktie durch die Erholung am Gesamtmarkt beflügelt. Der Titel geht mit 76,09 Euro zweieinhalb Prozent leichter aus dem Handel.

Adidas: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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208,70
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Bilanzpolizei rügt Adidas
Der Sportartikelhersteller Adidas hat sich eine Rüge der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung ("Bilanzpolizei") eingefangen. Die Prüfer bemängeln, dass das Dax-Mitglied im Konzernlagebericht für das Geschäftsjahr 2009 nur eingeschränkte finanzielle Angaben zur Marke Reebok gemacht habe. Außerdem beklagt die Prüfstelle, dass Adidas den operativen Jahresverlust von 160 Millionen Euro nicht klar ausgewiesen habe. Laut einer Adidas-Sprecherin habe die Kritik "keinerlei Auswirkungen auf die Berichterstattung 2009 und auch nicht 2010 oder 2011". Adidas müsse die von der Prüfungsgesellschaft KPMG geprüften Zahlen nicht korrigieren, sondern muss lediglich die Rüge der Bilanzpolizei veröffentlichen.

Linde: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
191,25
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Linde-Chef versilbert Aktien
Wolfgang Reitzle, Vorstandschef der Linde AG, hat mit dem Verkauf von Linde-Aktien aus einem Optionsprogramm ein glückliches Händchen bewiesen. Laut einer Pflichtmitteilung des Unternehmens trennte sich Reitzle Anfang August von 65.000 Aktien zum Kurs von 125,93 Euro. In der Zwischenzeit ist der Titel auf 109,15 Euro abgerutscht.

Aareal Bank weiter auf Wachstumskurs?
Enorme Kursausschläge bei der Aareal Bank. Nachdem die im MDax gelistete Aktie am Donnerstag schon stark verprügelt bei 16,40 Euro aus dem Handel ging, setzte sich der Kursrutsch am Freitag fort. Im Vormittagshandel wechselte das Papier des Immobilienfinanzierers im Tief bei 14,59 Euro den Besitzer, bevor eine rasante Erholungswelle den Kurs bis 17,75 Euro nach oben trieb. Die Schwankungen lassen sich unter anderem auf die bevorstehende Veröffentlichung der Quartalszahlen zurückführen. Am Dienstag werden die Wiesbadener die Zwischenergebnisse für das erste Halbjahr bekanntgeben. Analysten gehen davon aus, dass die Aareal Bank ihren Gewinn auch im zweiten Quartal kräftig steigern konnte. Unter anderem dürfte das Institut davon profitiert haben, dass es in der Finanzkrise erhaltene Staatshilfen weiter abbaute und dafür weniger Zinsen zahlen musste. Die im April erhöhten Prognosen dürfte der Vorstand nach Einschätzung der Experten bestätigen.

Fannie Mae braucht weitere Milliarden
Der verstaatlichte US-Hypothekenanbieter Fannie Mae braucht derweil erneut massive finanzielle Hilfe. Nach einem weiteren Quartalsverlust beantragte der Konzern zusätzliche Mittel von 5,1 Milliarden Dollar. Damit erhöhen sich die staatlichen Hilfen für Fannie Mae seit 2008 auf über 104 Milliarden Dollar.

Bestellungen bei Airbus auf Rekordniveau
Der Flugzeugbauer Airbus hat seit Jahresbeginn 785 Aufträge verbucht. Das Orderbuch der EADS-Tochter ist dadurch auf den Rekordwert von 4.038 Maschinen angeschwollen. Im laufenden Geschäftsjahr hat das Unternehmen bereits 298 Flugzeuge ausgeliefert. Mit einem Plus von 1,5 Prozent gehören die Aktien des Airbus-Mutterkonzern EADS am Freitag zu den gefragtesten Werten im MDax.

Qiagen: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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32,71
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Qiagen reicht zweiten Zulassungsantrag ein
TecDax-Mitglied Qiagen schlägt sich in dem schwachen Umfeld noch ganz manierlich. Das Unternehmen hat einen zweiten Zulassungsantrag für den Einsatz von Therascreen eingereicht. Das ist ein Test, der in Verbindung mit dem Krebsmittel Erbitux durchgeführt wird. Bei diesem Verfahren werden jene Patienten mit metastasierendem Darmkrebs identifiziert, bei denen eine Behandlung mit Erbitux erfolgreich anzuschlagen vermag.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 17. August

Unternehmen:

Grand City Properties: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
Volkswagen: Absatz 07/18
Maersk: Halbjahreszahlen
Schindler: Halbjahreszahlen, 6:30 Uhr

Konjunktur
Deutschland: Verarbeitendes Gewerbe 06/18, 8 Uhr
EU: Verbraucherpreise 07/08 endgültig, 11:00 Uhr
USA: Frühindikatoren 07/18, 16 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen 08/18 vorläufig, 16 Uhr