Die gute Stimmung ist dahin

Stand: 02.08.2012, 20:02 Uhr

Die Börsen haben am Donnerstag mit Kursverlusten auf die verschobenen Hilfsaktionen der Europäischen Zentralbank (EZB) reagiert. Bereits am Vorabend hatte auch die US-Notenbank sich mit konkreten Maßnahmen zurückgehalten.

"Die gute Stimmung der vergangenen Tage hat heute einen ordentlichen Dämpfer erhalten", kommentierte Marktstratege Lars Kremkow von Activtrades aus London. "Nach den markigen Aussagen und den Treueschwüren zum Euro in der vergangenen Woche, war am Markt mehr von der EZB erwartet worden als geliefert wurde." Bis die EZB ihr Anleihekaufprogramm ausgearbeitet habe, werde wertvolle Zeit verstreichen. Ökonomen erwarten nun die Wiederaufnahme der Anleihekäufe frühestens im September.

Kein Wunder also, dass der Dax 2,2 Prozent tiefer schließt als gestern, bei 6.606 Zählern. Im späten Abendhandel weitet der Leitindex seine Verluste sogar noch aus und fällt unter die Schwelle von 6.600 Punkte.

Auch an den US-Börsen geht es am Donnerstag abwärts. Der Dow Jones-Index eröffnet schwächer, nachdem er bereits gestern unter die Marke von 13.000 gefallen war. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der US-Leitindex 1,2 Prozent tiefer bei 12.821 Punkten.

Falsch verstandene Aussage
Damit reagieren die Anleger auf den ausgebliebenen Befreiungsschlag durch die EZB. Draghi kündigte zwar "unkonventionelle Maßnahmen" zur Rettung des Euro an, sagte aber nichts zur Art und zum Zeitpunkt der geplanten Aktion. Vor einer Woche hatte Draghi erklärt, die Notenbank werde "im Rahmen ihres Mandats alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten". Seither waren die Erwartungen gewaltig, dass die EZB die Zinslast der Krisenstaaten mindert.

Auf der Pressekonferenz am Nachmittag sagte Draghi nun, seine Rede in London sei offenbar falsch verstanden worden. Denn er habe darin keine konkreten Ankündigungen gemacht, weder über die Art der geplanten Maßnahmen noch über einen Zeitpunkt. In Italien und Spanien hat die abwartende Haltung der Notenbank Ratlosigkeit ausgelöst.

Auch der Euro leidet unter den vagen Äußerungen des Notenbankchefs und rutscht bis zum Börsenschluss in Frankfurt auf 1,215 Dollar ab, nachdem er zuvor noch zu mehr als 1,23 Dollar gehandelt wurde.

Für die Ausschläge einzelner Werte an den Börsen sorgen erneut die zahlreichen Quartalszahlen aus dem In- und Ausland.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
6,89
Differenz relativ
+0,88%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
7,73
Differenz relativ
+0,34%

Finanzwerte stark unter Druck
Der Unmut der Anleger trifft in erster Linie die Finanzwerte. Commerzbank und Deutsche Bank sind die größten Verlierer im Dax und geben jeweils bis zu sechs Prozent ab.

Beiersdorf weckt Zuversicht
An die Index-Spitze geklettert ist dagegen der Nivea-Hersteller Beiersdorf, trotz zunächst enttäuschender Quartalszahlen an die Index-Spitze geklettert. Grund für die unerwartete Hausse des Papiers ist die Ankündigung des Konzerns den Umsatz im laufenden Jahr um drei Prozent steigern zu können und eine operative Marge von rund zwölf Prozent zu erzielen. Bislang waren die Erwartungen schwächer.

Post erhöht Gewinnprognose
Die Post-Aktie ist der zweite Gewinner im Dax. Der Logistikkonzern hat nämlich seine Prognosen angehoben. 2012 wird ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 2,6 bis 2,7 Milliarden Euro angestrebt, statt zuvor 2,5 bis 2,6 Milliarden.

Lufthansa schlägt sich gut
Die Aktie der Lufthansa ist nach kurz vor Handelsschluss ins Minus gedreht, nachdem sie zuvor zu den Favoriten im Dax gehört hatte. Die Airline hat für das zweite Quartal überraschend schwarze Zahlen vorgelegt - trotz kräftiger gestiegener Treibstoffkosten.

Adidas legt Messlatte höher
Auch bei Adidas läuft es rund. Die Fußball-Europameisterschaft sowie hohe Wachstumsraten in China und Osteuropa haben dem Sportartikelhersteller ein starkes zweites Quartal beschert. Der Konzern erhöht sogar sein Jahresziel für den Gewinn. Anleger entschließen sich dennoch, die Aktie zu verkaufen - an der Börse erklärt man das mit Gewinnmitnahmen.

Continental: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
123,25
Differenz relativ
-1,56%

Conti strebt in den Dax
Im MDax gehört die Conti-Aktie zu den stärksten Werten. Der Automobilzulieferer hat nach einer Umsatz- und Gewinnsteigerung seine Jahresprognose erhöht. Zugleich peilt der Konzern eine rasche Rückkehr in den Dax an. Im September will die Deutsche Börse über die Zusammensetzung des Dax entscheiden. Conti erfülle derzeit die Kriterien, während andere Unternehmen herausfallen könnten, heißtes in Hannover.

Fuchs auf Rekordkurs
Fuchs Petrolub ist zum Handelsschluss ins Minus gedreht. Der Mannheimer Schmierstoff-Hersteller bleibt aber trotz Eurokrise auf Rekordkurs. Im zweiten Halbjahr werde die Geschäfte zwar nicht mehr ganz so gut laufen wie in den ersten sechs Monaten, aber den Vorjahres-Rekord beim Ergebnis von 264 Millionen Euro will Fuchs übertreffen.

ProSieben am Tropf des Werbemarktes
ProSiebenSat.1 kann noch weniger begeistern. Der TV-Konzern hat im zweiten Quartal die Schwäche im deutschen Fernsehgeschäft mit Wachstum im Internet und Ausland ausgeglichen. Analyst Harald Heider von der DZ Bank äußert sich jedoch vorsichtig und hebt die beginnende Schwäche des deutschen TV-Werbemarktes hervor.

Die Aktie des ebenfalls im MDax notierten Agrarhändlers Baywaverliert ebenfalls. Dabei lag das Zahlenwerk über den Erwartungen. Das Gewinnwachstum blieb aber hinter dem durch einen Zukauf im Fruchtgeschäft angetriebenen Umsatzwachstum zurück.

Drägerwerk enttäuscht
Im TecDax reagieren die Anleger enttäuscht auf die Quartalszahlen von Drägerwerk. Der Medizin- und Sicherheitstechnik-Hersteller hat im zweiten Quartal wegen Umstrukturierungskosten weniger verdient als ein Jahr zuvor. Die Aktie ist deshalb der schwächste Wert im Technologieindex.

Morphosys im Rückmarsch
Auch die Morphosys-Aktie verliert deutlich. Zwar hat das Biotechnologie-Unternehmen im zweiten Quartal auf die Kostenbremse gedrückt und den Verlust eingedämmt. Doch fiel der Umsatz schwächer aus als erwartet und auch der Betriebsverlust war etwas größer als gedacht.

Wacker Neuson wird bescheidener
Für Enttäuschung sorgt auch der Baumaschinenhersteller Wacker Neuson aus dem SDax. Das Unternehmen hat seine Ebit-Prognose für das laufende Jahr leicht gesenkt. Das bringt die Aktie unter Druck, die ans SDax-Ende rutscht.

Sony bricht ein
Der japanische Traditionskonzern Sony fasst auch unter neuer Führung nicht Tritt: Der Walkman-Erfinder erlitt im ersten Geschäftsquartal einen überraschend massiven Gewinneinbruch um 77 Prozent und muss deshalb seine Jahresziele zu kürzen. Grund für die anhaltende Misere ist neben der Yen-Stärke und der weltweit lahmenden Konjunktur weiterhin das Sorgenkind Fernsehgeschäft.

First Solar macht Freudensprung
Die Geschäfte beim US-Solarkonzern First Solar laufen so gut, dass das Unternehmen im zweiten Quartal einen Gewinn von 111 Millionen Dollar eingefahren hat. Das ist fast doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum und ein gewaltiger Sprung gegenüber dem Verlust von 449 Millionen Dollar im ersten Quartal. Das bessere Abschneiden im zweiten Quartal begründete der Konzern vor allem mit Großprojekten, die entscheidende Fortschritte gemacht hätten. Die Aktie legt im vorbörslichen New Yorker Handel um gut 25 Prozent zu.

Von den Zahlen profitiert auch die Aktie des deutschen Herstellers Solarworld. Sie legt um fast sechs Prozent zu und ist damit der mit Abstand größte Gewinner im TecDax.

GM leidet in Europa
Der Opel-Mutterkonzern General Motors hat im Frühjahrsquartal deutlich mehr verdient als erwartet. Der Gewinn je Aktie lag bei 90 Cent, und damit über den Erwartungen der Analysten, die im Schnitt mit 74 Cent gerechnet hatten. Der weltweite Marktanteil sank allerdings auf 11,6 Prozent, nach 12,3 Prozent. Die GM-Aktie stieg vorbörslich dennoch um drei Prozent.

Ein Sorgenfall bleibt weiter GM Europe, zu dem Opel gehört. Die Sparte schrieb einen Betriebsverlust von 361 Millionen Dollar, nach einem positiven operativen Ergebnis von 102 Millionen Dollar.

Tagestermine am Montag, 10. Dezember

Unternehmen:
Keine Termine absehbar

Konjunktur:
Japan: BIP Q3, zweite Schätzung, 00:50 Uhr
Deutschland: Außenhandel im Oktober, 08:00 Uhr
Italien: Industrieproduktion, Oktober, 11:00 Uhr
Deutschland: Sentix Konjunkturindex, Dezember, 10:30 Uhr
Großbritannien:Industrieproduktion, Oktober, 10:30 Uhr