Die Börse liebt Leerverkäufe

Stand: 19.05.2010, 20:00 Uhr

Mit beherzten Kursverlusten reagierte die Börse am Mittwoch auf das von der deutschen Börsenaufsicht auferlegte Verbot von ungedeckten Leerverkäufen. Vor allem dass Deutschland einen Alleingang forciert, nervte die Börsianer. Der Dax sackte unter die 6.000-Punktemarke.

Vor zwei Jahren waren die ungedeckten Leerverkäufe noch das Teufelszeug, das mitten in der Finanzkrise die Kurse noch tiefer in den Abgrund riss. Dann, mit der Börsenerholung, wurden die Ende 2008 eingeführten Verbote aufgehoben und heute gehört das so genannte naked short selling wieder zum Börsenalltag.

Zumindest bis Dienstagabend, bevor die BaFin bekannt gab, dass ungedeckte Leerverkäufe auf bestimmte Finanzaktien und europäische Staatsanleihen künftig verboten sein sollen, der "Beseitigung von Missständen im Handelsgeschehen" soll dies dienen, wie BaFin-Chef Jochen Sanio sagte.

Börsianer reagierten auf diese sehr plötzliche Ankündigung geschockt bis erschreckt, und auch die Finanzministerien in Amerika und Frankreich äußerten sich deutlich irritiert über den deutschen Alleingang. Die Kurse am deutschen Aktienmarkt gerieten im Handelsverlauf am Mittwoch deutlich unter Druck, der Dax schloss 2,7 Prozent schwächer bei 5.989 Punkten. Im späten Handel erholte sich der Markt noch etwas, die dank etwas erholter Kurse an der Wall Street schloss der LDax bei 6.026 Zählern.

Die Irritation schwappte auch auf die Rohstoffmärkte über. Der Ölpreis fiel unter 70 Dollar je Barrel, die Preise für Industriemetalle gaben deutlich nach. Immerhin: Der Euro erholte sich am Mittwoch zusehends, er legte im Tagesverlauf zwei Cent gegen dem Dollar zu.

Am Abend veröffentlichte die amerikanische Notenbank das Protokoll ihrer letzten Sitzung im April. Die gute Nachricht war, dass die Fed die Wachstumsprognose für die USA auf 3,2 bis 3,7 Prozent in diesem Jahr erhöhte. Die schlechte, dass die Fed es für unwahrscheinlich hält, dass die Verbraucherausgaben "maßgeblich" zur Erholung beitragen.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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8,08
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Commerzbank sieht sich gut in Schuss
Während Finanzaktien europaweit zu den Verlierern gehörten, die Deutsche Bank gab drei Prozent ab, schlug sich die Commerzbank-Aktie vergleichsweise gut. Das Frankfurter Institut hatte am Mittwoch zu seiner Hauptversammlung geladen. Vorstandschef Martin Blessing gab einen guten Ausblick auf das zweite Quartal, die Aktie hielt sich den ganzen Tag über im oberen Dax-Bereich.

Unter den zahlreichen Verlierern im Dax fanden sich Industriewerte, Chemie-, Stahl- und Autoaktien, also jene Firmen, die von einer drohenden Wirtschaftskrise am meisten betroffen wären. Leidlich schlugen sich defensive Aktien, wie Merck, die beiden Fresenius-Aktien, Henkel und Beiersdorf.

Infineon wird bestraft
Mit mehr als sechs Prozent Kursminus wird die Infineon-Aktie abgestraft. Die EU-Kommission hat wie erwartet eine Kartellstrafe gegen führende Chiphersteller verhängt. Ihnen wird vorgeworfen, zwischen 1998 und 2002 die Preise für DRAM-Speicherchips abgesprochen zu haben. Infineon muss mit 56,7 Millionen Euro die zweithöchste Strafe zahlen, Samsung wird mit 145,7 Millionen Euro bestraft.

Was von den Bilanzen übrig blieb
Ein paar späte Bilanzen waren nur Randgespräch an der Mittwochsbörse. Die von Air Berlin beispielsweise, die der Aktie ein erhebliches Minus von 4,8 Prozent einbrachte. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft hat im ersten Quartal ihren Verlust ausgeweitet, beim Umsatz verfehlte sie deutlich die Erwartungen.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
147,80
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Oder Wirecard aus dem TecDax. Der Spezialist für elektronische Zahlungsabwicklungen hatte bereits im April seine vorläufigen Zahlen präsentiert. Jetzt gab es noch den Nettogewinn. Dieser kletterte um fast ein Drittel auf 11,9 Millionen Euro. Die Wirecard-Aktie verlor 2,8 Prozent.

Der Raumfahrt- und Satellitenkonzern OHB berichtete ebenfalls noch über seine Geschäfte in den ersten drei Monaten. Während der Umsatz dank neuer, großer Aufträge um fast die Hälfte auf 97,7 Millionen Euro zulegte, verbuchte OHB beim Gewinn lediglich eine minimale Zunahme auf 2,4 Millionen Euro. Die Aktie schloss 5,1 Prozent schwächer.

Und schließlich legte der österreichische Ölfeldausrüster Schoeller-Bleckmann seine Dreimonatsbilanz vor. Vergangenes Jahr hatte die Wirtschaftskrise das Geschäft stark verhagelt, und auch noch die Erstquartalsbilanz ist noch davon geprägt. Der Gewinn brach von 9,7 auf 2,5 Millionen Euro ein. Für die Zukunft ist die Firma allerdings optimistisch. Da die Industrie sich "schrittweise erhole", werde SBO ein Anziehen der Nachfrage spüren, sagte Firmenchef Gerald Grohmann.

EADS will A380-Produktion verdoppeln
Der europäische Flugzeughersteller EADS will seine Produktion von Großraumjets des Typs Airbus 380 ab dem Sommer deutlich erhöhen. Dann sollen jeden Monat zwei A380 hergestellt werden, statt bisher einen pro Monat. 2010 will die Firma 20 A380 ausliefern, sagte Airbus-Chef Thomas Enders. Zudem erwartet der Konzern, dass in diesem Jahr mehr als 20 Bestellungen für das Großraumflugzeug eingehen.

Air France-KLM in schweren Turbulenzen
Die Wirtschaftskrise hat der französisch-niederländischen Airline Air France-KLM einen Milliardenverlust eingebrockt. Im Geschäftsjahr 2009/2010 machte der Konzern einen Betriebsverlust von 1,29 Milliarden Euro. Im Frachtbereich fiel ein Verlust von einer halben Milliarde Euro ein, Absicherungsgeschäfte gegen hohe Kerosinpreise schlugen mit 600 Millionen Euro zu Buche. Auch die Billigflieger machten Air France-KLM zu schaffen. Im laufenden Geschäftsjahr peilt der Konzern wieder einen Gewinn an, doch werde dieses Ziel, so "La Tribune", von den Flugeinschränkungen durch die Vulkanaschewolke behindert.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"