Die Börse ist krisenmüde

Detlev Landmesser

Stand: 13.11.2008, 20:31 Uhr

Wieder hagelte es Gewinnrückgänge und gesenkte Ausblicke von den Unternehmen, doch nach zwei schwachen Tagen schwang sich der Dax zu einer Reaktion nach oben auf.

Der L-Dax schloss 0,15 Prozent höher bei 4.632,45 Punkten. Die New Yorker Aktienmärkte notierten nach einem zwischenzeitlichen Einbruch am Abend wieder deutlich im Plus. Die Aktie von American Express verlor in New York zeitweise über 17 Prozent. Die Anleger sorgen sich weiter um die Perspektiven des von der Finanzkrise gebeutelten Kreditkartenkonzerns. Dazu kam, dass sowohl der weltgrößte Chiphersteller Intel als auch der weltgrößte Einzelhändler Wal-Mart ihre Erwartungen für dieses Jahr deutlich senkten. Letzteres setzte vor allem dem deutschen Branchenprimus Metro zu.

US-Unternehmen entlassen Tausende

Auch vom amerikanischen Arbeitsmarkt kam eine neue Schreckensmeldung. In der abgelaufenen Woche stieg die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auf den höchsten Stand seit sieben Jahren. Die Zahl sei um 32.000 auf 516.000 geklettert, teilte das US-Arbeitsministerium mit. Volkswirte hatten nur mit 482.000 Anträgen gerechnet. Im aussagekräftigeren Vierwochendurchschnitt erhöhte sich die Zahl der Erstanträge um 13.250 auf 491.000. Das ist der höchste Wert seit März 1991.

Wenigstens sank das amerikanische Handelsbilanzdefizit im September stärker als erwartet. Mit minus 56,6 Milliarden Dollar lag es unter der Expertenschätzung von 57,0 Milliarden Dollar.

Rezession jetzt auch amtlich
Auch in Deutschland haben die Theoretiker einer "Abkoppelung" längst kapituliert. Das Statistische Bundesamt hat am Donnerstag auch für das zweite Quartal in Folge eine rückläufige Produktion festgestellt. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte zwischen Juni und September um 0,5 Prozent. Geht die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge zurück, ist die Definition einer "technischen Rezession" erfüllt.

Geht die AUA an die Lufthansa?
Die Fluggesellschaft Austrian Airlines (AUA) wird wahrscheinlich an die Deutsche Lufthansa verkauft. Der AUA-Hauptgesellschafter ÖIAG verhandle nur noch mit der deutschen Fluglinie über den Verkauf des in Staatsbesitz befindlichen 42,75-Prozent-Anteils, teilte die ÖIAG am Nachmittag mit. Air France-KLM und die russische S7 seien nicht mehr im Bieterprozess.

Siemens trotz Milliardenverlust gefragt
Über die Hälfte des heutigen Dax-Gewinns ging auf das Konto der Siemens-Aktie. Mit einem Plus von 4,7 Prozent war das Schwergewicht zweitstärkster Dax-Titel, nachdem das Papier am Morgen noch fünf Prozent im Minus eröffnet hatte. Im Schlussquartal des Geschäftsjahrs 2007/08 rutschte der Dax-Konzern mit 2,4 Milliarden Euro in die Verlustzone. Verantwortlich dafür waren nach Angaben von Siemens aber vor allem Kosten für den Konzernumbau. Marktteilnehmer reagierten dagegen überwiegend positiv auf die guten operativen Ergebnisse des Konzerns. Vorstandschef Peter Löscher hielt zudem an der Prognose für das angelaufene Geschäftsjahr 2008/09 fest und bezeichnete den Konzernumbau als "abgeschlossen".

Autotitel folgen GM
Auch Autoaktien, allen voran BMW, standen am Donnerstag auf der Gewinnerseite. Offenbar beflügelten die US-Pläne für ein Hilfspaket für die Branche die Fantasien, dass die Europäer nachziehen könnten. Am Mittwoch hatte sich die Aktie von General Motors wegen der US-Pläne bereits deutlich erholt. Dazu kam die Fantasie um branchenfreundliche Steuerregelungen der deutschen Bundesregierung.

Henkel macht Kasse
Die Vorzugsaktie von Henkel gewann über zwei Prozent. Der Konsumgüterkonzern hat seine 30-Prozent-Beteiligung an dem US-Unternehmen Ecolab für insgesamt rund zwei Milliarden Dollar verkauft. Mit dem Erlös, umgerechnet rund 1,6 Milliarden Euro, will Henkel seine Schulden abbauen, die durch verschiedene Zukäufe gestiegen waren.

Stada freut sich über Nachfrage
3,3 Prozent machte die Stada-Aktie im MDax gut. Der Generikahersteller bekräftigte bei Vorlage der Neunmonatszahlen seine Geschäftsprognosen für 2008. In den ersten neun Monaten des Jahres steigerte das Unternehmen sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 14 Prozent auf 151 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 13 Prozent auf 1,23 Milliarden Euro.

Lanxess gut in Form
Die Lanxess-Aktie wurde für robuste Quartalszahlen des Chemiekonzerns mit einem kleinen Kursplus belohnt. Der MDax-Konzern hat im dritten Quartal sein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) um neun Prozent auf 191 Millionen Euro gesteigert. Der Umsatz kletterte um gut sechs Prozent auf 1,81 Milliarden Euro. Beide Werte lagen über den Erwartungen der Analysten.

Celesio hat Sorgen in England
Schwächster MDax-Titel war Celesio. Der Pharmagroßhändler musste in den ersten neun Monaten des Jahres ein Umsatzminus hinnehmen. Wegen Preisregulierungen auf dem britischen Pharmamarkt sank der Umsatz um zwei Prozent auf 16,29 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sackte sogar um 24 Prozent auf 477,7 Millionen Euro ab. Auch im Gesamtjahr rechnet Celesio damit, den Ebitda-Vorjahreswert deutlich zu verfehlen.

IVG über Erwartungen
Die IVG-Aktie erholte sich um sechs Prozent. Die Zahlen des Immobilienkonzerns fielen weniger schlecht als erwartet aus. Dabei hat das Unternehmen in den ersten neun Monaten des Jahres 2008 einen Gewinneinbruch um 34,3 Prozent auf 252,5 Millionen Euro verbucht. Nach Steuern rutschte das Ergebnis sogar um 87 Prozent auf 34,1 Millionen Euro ab. Im Gesamtjahr soll das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) zwischen 430 und 460 Millionen Euro liegen.

Premiere weiter in Rot
Die Premiere-Aktie verlor 2,3 Prozent. Der Bezahlsender hat im dritten Quartal erneut Verluste geschrieben. Nachdem im Vorjahreszeitraum noch eine schwarze Null unter der Bilanz stand, betrug der Verlust nun 89 Millionen Euro. Der Umsatz ging von 247,5 auf 244,6 Millionen Euro zurück. Der Jahresausblick - ein Umsatz von rund einer Milliarde Euro und ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 40 bis 60 Millionen Euro - liegt allerdings im Rahmen der Analystenschätzungen.

Guter Tag für Solartitel
Prima Klima dagegen bei den Solarkonzernen Q-Cells und Phoenix Solar aus dem TecDax. Q-Cells steigerte seinen Umsatz in den ersten neun Monaten um 61 Prozent auf 931,9 Millionen Euro. Beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag der Zuwachs bei 32 Prozent auf 172,9 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr hob Q-Cells gar seine Prognosen an: Nun soll ein Umsatz von 1,35 Milliarden Euro erreicht werden, nach Steuern sollen 215 Millionen Euro in der Kasse bleiben.

Bei Phoenix Solar konnten Anleger eine Anhebung der Umsatzprognose um zehn Millionen auf 380 Millionen Euro bestaunen. Das Unternehmen hat im dritten Quartal seinen Umsatz auf 149,3 Millionen Euro verdoppelt und seinen Überschuss um mehr als 100 Prozent auf 13,8 Millionen Euro gesteigert.

Repower rudert zurück
Einer der schwächsten TecDax-Titel war Repower. Der Windkraftanlagenbauer hat seine Erwartungen für das kommende Geschäftsjahr deutlich nach unten revidiert. Das Unternehmen erwartet für 2009/10 nun ein Umsatzplus zwischen 30 und 35 Prozent statt bislang 40 bis 50 Prozent. Die Ziele für 2008/09 bestätigte Repower dagegen.

DSL-Verkauf von Freenet bald auf Eis?
Der Telekomanbieter Freenet kommt beim Verkauf seiner DSL-Sparte laut dem "Handelsblatt" nicht voran. Angesichts der Finanzkrise sehe Freenet-Chef Eckhard Spoerr keine Chance mehr, einen akzeptablen Preis zu erzielen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf das Umfeld des Unternehmens. Offiziell will Freenet die Pläne aber noch nicht aufgeben. Spoerr hatte die Sparte im Sommer zum Verkauf gestellt, um die mehr als eine Milliarde schwere Schuldenlast nach der Debitel-Übernahme abzubauen. Angeblich will Spoerr mehr als 400 Millionen Euro für den Bereich bekommen. In der Branche wird der Wert inzwischen auf weniger als 300 Millionen Euro geschätzt.

Vivacon kassiert Prognose
Auch die gekappte Gewinnprognose der Immobilienfirma Vivacon kam nicht gut an. Das SDax-Unternehmen kann nach eigener Aussage die angepeilten 60 Millionen Euro Gewinn 2008 nicht mehr erreichen. Im dritten Quartal hat Vivacon den Nettogewinn allerdings noch deutlich von 16,7 auf 34,7 Millionen Euro erhöht.

Jungheinrich verdient weniger
Jungheinrich musste im dritten Quartal ein rückläufiges Ergebnis verschmerzen. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) verdiente der Gabelstapler-Hersteller mit 29,7 Millionen Euro 3,3 Millionen Euro weniger als ein Jahr zuvor. Der Umsatz stieg allerdings um zwölf Prozent auf 538 Millionen Euro. Wegen der Finanzkrise rechnet Jungheinrich mit einer rückläufigen Marktentwicklung im vierten Quartal. Dennoch kam das Zahlenwerk insgesamt gut an, was Jungheinrich zu einem der größten Gewinner im SDax machte.

Baywa wird vorsichtig
Die Baywa-Aktie driftete dagegen ins Minus. Der im SDax notierte Agrarhändler hat im vergangenen Quartal einen sprunghaften Umsatzanstieg von 1,86 Milliarden auf 2,36 Milliarden Euro verzeichnet. Allerdings fiel der Nettogewinn um rund die Hälfte auf 9,86 Millionen Euro. Baywa bestätigte am Donnerstag zwar die Jahresprognose, zeigte sich aber vorsichtig mit Blick auf 2009. Möglicherweise seien Korrekturen der eigenen Vorgaben nötig, so das Unternehmen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 16. August

Unternehmen:

Carlsberg: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
Swisscom: Q2-Zahlen, 7:15 Uhr
Aegon: Halbjahreszahlen, 7:30 Uhr
Wirecard: Halbjahreszahlen (endg.), 7:30 Uhr
Henkel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Sixt: Q2-Zahlen (endg.), 7:30 Uhr
Walmart: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
Nvidia: Q2-Zahlen, 22.20 Uhr

Konjunktur
Japan: Handelsbilanz 07/18, 01:50 Uhr
EU: Handelsbilanz 06/08, 11:00 Uhr
USA: Philadelphia Fed Index 08/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Baubeginne und -genehmigungen, 14:30 Uhr