Die Bären sind los

Stand: 03.08.2011, 20:04 Uhr

Ein weiterer, bitterer Verlusttag am deutschen Aktienmarkt. Der Dax ist heute in einer rasanten Berg- und Talfahrt den sechsten Tag in Folge gefallen. Konjunkturängste und Schuldenkrise bestimmen unverändert das Geschehen.

Bärenmärkte tun weh - bei hoher Volatilität ist der deutsche Leitindex Dax heute weiter in den Keller gerauscht und verzeichnete einen weiteren Verlusttag. Der Index verliert zum Xetra-Schluss 156 Punkte auf 6.640 Zähler, ein Minus von 2,3 Prozent. Das Tagestief lag am späten Nachmittag bei 6.543 Punkten, ehe der Index in einer allerdings ebenso rasanten Gegenbewegung einen Teil der Verluste wieder aufholte und damit wenigstens nicht auf dem Tagestief den Handel beendete. Insgesamt lag die Schwankungsbreite am heutigen Handelstag bei einem Tageshoch von 6783 Punkten bei bemerkenswerten 240 Punkten. Solche Schwankungen sind ein sicheres Zeichen für eine extrem hohe Unsicherheit bei den Anlegern. Der L/E-Dax beendete den Handel bei ....., ein Rückgang gegenüber dem Xetra-Schluss von weiteren....Punkten. Der MDax verlor 2,4 Prozent auf 9.719 Punkte. TecDax (Minus 3,2 Prozent) und SDax (Minus 2,96 Prozent) lagen sogar noch deutlicher im Verlust.

Hintergrund der Abwärtsbewegung sind wieder aufgekommene neue Sorge der Anleger zu den europäischen Sorgenkindern Italien und Spanien sowie Ängste über eine Abschwächung der Konjunktur diesseits und jenseits des Atlantiks. Angesichts dieser Gemengelage haben die Bullen heute nun wohl endgültig die weiße Fahne gehisst. "Die Anleger sind sehr nervös", meinte ein Händler.

Keine Gewinner
Gewinner gab es keine auf dem Kurszettel. Auch BMW, die sich nach den guten Quartalszahlen vom Vortag zusammen mit der Deutschen Telekom lange Zeit im Plus hielten, rutschten ebenfalls ins Minus. Auch der Zwischenfrühling der Versorgeraktien währte nicht lange. Allerdings haben die Versorgerwerte Eon und RWE in den vergangenen Verlusttagen weniger als der Markt verloren und bilden damit eine relative Stärke aus. Tagesverlierer ist Metro. Die Aktie hat nach dem gestrigen Verlust von gut acht Prozent auch heute Federn gelassen und mit 5,2 Prozent im Minus schlossen. Auch Autoaktien gehörten zu den stärksten Verlierern, ebenso wie Thyssen und die Commerzbank. Deren Anteilsschein kostet nur noch 2,31 Euro, ein Tagesverlust von 3,7 Prozent.

Charttechnische Eintrübung
Charttechnisch sieht es mittlerweile immer düsterer aus. Nach dem schnellen Bruch der Unterstützungszone um 7.000 Punkte sowie der etwas darüber liegenden 200-Tage-Linie, steuert der Index direkt auf die Fukushima-Tiefstände aus dem März zu. Das damalige Tief bei 6.513 Punkten war nach der Katastrophe in Japan in ähnlichem Rekordtempo binnen weniger Handelstage erreicht worden.

Flucht in den sicheren Hafen
Die unverminderte Anspannung an den Märkten führt dazu, dass die Anleger weiter nach "sicheren" Alternativen suchen. Sie fliehen unter anderem ins Gold oder in deutsche Staatsanleihen. Der Goldpreis kletterte auf ein neues Rekordhoch von 1.673 Dollar. "Von Lehman über Griechenland bis zu den Spekulationen über eine Zahlungsunfähigkeit der USA - Krisen haben Konjunktur, und da muss man sich über den Anstieg beim Goldpreis gar nicht wundern", sagte LBBW-Rohstoffanalyst Frank Schallenberger. Er kann sich vorstellen, dass der Goldpreis in Richtung 1.800 Dollar weiter steigt. Von der Flucht in den sicheren Hafen profitieren auch Bundeswertpapiere: Die zehnjährige Bundesanleihe mit einem Kupon von 3,25 Prozent und einer Laufzeit bis 2021 rentiert nur noch mit 2,41 Prozent, fünfjährige Bundesobligation nur noch bei 1,61 Prozent.

Der gegenteilige Effekt ergibt sich beim Öl. Die Konjunktursorgen sorgen für fallende Preise. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent verbilligte sich um 84 Cents auf 115,62 Dollar, die US-Sorte WTI fiel um 1,5 Prozent auf 92,40 Dollar. Es ist der vierte Tag in Folge, in denen die Ölpreise nachgeben.

Wall-Street im Verlauf besser
Zwar scheiterte zur Eröffnung der Versuch einer Zwischenerholung, der Dow-Jones-Index tendiert aber zur Sitzungsmitte wesentlich weniger volatil und hektisch als die europäischen Märkte. Der Dow liegt zur Stunde bei 11.862 Punkten und damit fast auf seinem Schlussstand von gestern. Unter den Einzelwerten fällt der Kreditkartenriese Mastercard positiv auf, der nach guten Quartalszahlen über neun Prozent im Plus liegt.

Zuvor hatten wieder einmal enttäuschende Konjunkturdaten bei den Anlegern allerdings für Ernüchterung gesorgt. Die Industrieaufträge gingen im Juni um 0,8 Prozent zurück, erwartet worden war ein Rückgang von nur 0,7 Prozent. Auch der vielbeachtete ISM-Index für das Dienstleistungsgewerbe lag für den Juli mit einem Wert von 52,7 Punkten unter den Prognosen von 53,6 Punkten. Der Bericht der privaten Arbeitsmarktagentur ADP fiel mit 114.000 neuen Stellen in der US-Privatwirtschaft im Juli hingegen etwas besser aus als die erwarteten 100.000 Jobs. Ob diese Zahl aber reicht um dem Negativtrend zu entkommen darf bezweifelt werden. Auch im vergangenen Monat fielen die ADP-Zahlen deutlich besser aus als prognostiziert, der offizielle Arbeitsmarktbericht war dann aber ernüchternd. Der Arbeitsmarkt bleibt weiterhin die Achillesferse der konsumorientierten US-Ökonomie. Deshalb werfen die neuen, offiziellen Daten des Arbeitsministeriums für den Juli am Freitag bereits ihre Schatten voraus.

Insgesamt bieten die Konjunkturzahlen nicht nur heute ein durchwachsenes Bild. Die Botschaft ist aber eindeutig: Der Datenkranz zeigt, dass es der größten Volkswirtschaft der Welt trotz Nullzinspolitik der Fed auch weiter nicht gelingt, eine konjunkturelle Dynamik aufzubauen. Die Spekulationen dürften sich daher zäh halten, dass die Fed ein neues Rückkaufprogramm für Staatsanleihen auflegt, um die Wirtschaft mit Liquidität zu versorgen und damit die Konjunktur anzuheizen.

US-Topnote bleibt gefährdet
Hinzu kommt die Schuldenkrise, die noch längst nicht ausgestanden ist. Viele Anleger fürchten, dass der inzwischen vom Kongress und Senat gebilligte Schuldenkompromiss nicht weitreichend genug ist und die Ratingagenturen den USA die Top-Bonitätsnote entziehen. Moody's bestätigte zwar die Spitzennote "AAA", versah sie jedoch mit einem negativen Ausblick. Auch Fitch bestätigte das "AAA", forderte aber eine stärkere Schuldenreduzierung. Gespannt wird nun auf die Reaktion von S&P gewartet.

Chinas Ratingagentur Dagong hat derweil die Bonität der USA auf "A" von zuvor "A+" gesenkt und dabei heftige Kritik am US-Politikbetrieb im Zusammenhang mit der Anhebung der Schuldengrenze geübt. China ist der größte Gläubiger der USA. Chinesische Ratingagentur stuft USA herab

Schweizer Zinssenkung stärkt den Euro
Die eidgenössische Notenbank hat derweil im Kampf gegen die starke Aufwertung des heimischen Franken zurückgeschlagen. Sie senkte überraschend einen Geldmarkt-Zinssatz, und zwar das Zielband für den Dreimonats-Libor auf null bis 0,25 Prozent. Zuvor lag die Obergrenze bei 0,75 Prozent.

Die Entscheidung der Schweizer Währungshüter beflügelte den Euro. Er zog zum Franken und auch zum Dollar an. Die europäische Gemeinschaftswährung kletterte in der Spitze bis auf 1,4345 US-Dollar, nachdem sie im frühen Handel zeitweise nur 1,4144 Dollar gekostet hatte. Zuletzt fiel der Euro jedoch leicht zurück und wurde mit 1,4294 Dollar notiert. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs am Mittag auf 1,4300 (Dienstag: 1,4170) Dollar fest.

Italien im Blickpunkt
Auch die Schuldenkrise in Europa ist wieder Thema an den Märkten. Das Land leidet unter einem Schuldenberg von mehr als 1,8 Billionen Euro, gemessen am Bruttosozialprodukt liegt der Schuldenstand bei 120 Prozent. Ein Überspringen der Krise auf Italien wird befürchtet, dies käme nach Händlerangaben einem "Super-Gau" gleich. Die Zinslast für italienische Anleihen ist zuletzt dramatisch gestiegen, für zehnjährige Staatsanleihen müssen deutlich mehr als sechs Prozent gezahlt werden, gleiches gilt für spanische Staatstitel. Das kann sich kaum ein Land auf der Welt auf Dauer leisten. Heute stabilisierten sich die Kurse der Staatsanleihen zwar etwas, "aber es gibt keinerlei Entwarnung", sagte ein Händler.

Regierungschef Berlusconi äußerte sich nach Börsenschluss vor dem Parlament in Rom. Er betonte, die Banken des Landes seien solide und die Wirtschaft vital. "Politische Stabilität ist die Waffe gegen die Spekulation", sagte der Ministerpräsident in einer Reaktion auf die Lage an den Finanzmärkten.

95 Prozent der Deutschen-Börse-Aktionäre tauschen um
Die Aktien der Deutsche Börse stemmen sich ebenfalls gegen den Negativ-Trend und notieren nahezu unverändert. Am Vormittag gab es Neuigkeiten zur Börsen-Fusion mit der NYSE Euronext. Die vorläufige Annahmequote des Umtauschangebots der Alpha Beta Netherlands Holding an die Aktionäre der Deutsche Börse liege bei über 95 Prozent, teilten die Frankfurter mit. Ob und wann es ein Squeeze-out gebe, sei noch nicht entschieden.

US-Tochter beunruhigt ThyssenKrupp
Deutliche Verluste verzeichnet dagegen ThyssenKrupp. Wie das "Handelsblatt" schreibt, könnten die Verluste bei der US-Tochter Steel Americas höher als erwartet ausfallen. Die Rede ist gar von einem Milliardenminus. Die Aktie gehört heute mit einem Minus von 4,4 Prozent zu den größten Verlierern.

Diskussion um neuen RWE-Chef
Zahlreiche Medienberichte beschäftigen sich mit der Nachfolgeregelung für RWE-Chef Jürgen Großmann. Danach soll der derzeitige Chef des niederländischen Versorgers Essent, Peter Terium, Nachfolger werden. Nach Informationen der "FAZ" wird Aufsichtsratschef Schneider dem Gremium am 8. August Terium vorschlagen. Andere Medien berichten, der Nachfolger solle aus dem Unternehmen kommen. RWE kommentierte die Berichte nicht.

Autowerte im Rückwärtsgang
Zu den Verlierern zählen auch die Autowerte. Die VW-Aktien büßen vier Prozent, Daimler zwei Prozent ein. Der US-Automarkt hat im Juli an Schwung verloren und ist nur noch um ein Prozent gewachsen. Deutsche Autos waren aber weiterhin heiß begehrt. Mit Ausnahme von Porsche verbuchten alle deutschen Autohersteller zweistellige Absatzzuwächse. VW verkaufte 22 Prozent mehr Fahrzeuge, Daimler setzte 17 Prozent und BMW zwölf Prozent mehr Autos ab. Nur Porsche kam gerade mal auf ein Plus von zwei Prozent.

Fuchs schmiert ab
Zahlen kommen am Mittwoch vor allem aus der zweiten Reihe. Sie fielen durchwachsen aus. So hat der Schmierstoffhersteller Fuchs Petrolub die hohen Erwartungen nicht erfüllen können. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg im ersten Halbjahr um acht Prozent auf knapp 134 Millionen Euro, der Umsatz um 18 Prozent auf 828,5 Millionen Euro. Vor allem der Ausblick enttäuschte. Das Unternehmen warnte, hohe Rohstoffkosten würden die Bruttomarge unter Druck halten. Es bleibe abzuwarten, ob das Ebit des ersten Halbjahres in der zweiten Jahreshälfte wiederholt werden könne. Die Fuchs-Aktien brechen um 9,7 Prozent ein und rangieren am MDax-Ende.

Springer überzeugt
Dagegen hält sich Axel Springer gut. Die Aktien ziehen um vier Prozent an. Der Medienkonzern sieht nach den ersten sechs Monaten auf Jahreskurs. Dank des starken digitalen Geschäfts und der Auslandaktivitäten kletterten die Erlöse um knapp zwölf Prozent auf 1,53 Milliarden Euro. Der um Sondereffekte bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) stieg ebenfalls zweistellig um 10,5 Prozent auf 289 Millionen Euro und lag über den Erwartungen. Analysten hatten ein Ebitda von 275 Millionen Euro prophezeit. Für das Gesamtjahr plant Springer ein Wachstum im einstelligen Prozentbereich. Die Aktie ist mit einem satten Plus von 9,74 Prozent Tagessieger im MDax.

Unicredit trotzt Griechenkrise
Der Mutterkonzern der deutschen HVB hat ein stabiles Ergebnis im zweiten Quartal ausgewiesen. Die Abschreibungen auf Griechen-Bonds in Höhe von 105 Millionen Euro hat die Bank durch ein starkes Handelsergebnis ausgeglichen. Der Gewinn lag im zweiten Quartal bei 511 Millionen Euro. Das waren zwar 37 Prozent weniger als im Vorjahr, aber mehr als die 471 Millionen Euro, die Analysten im Schnitt prognostiziert hatten. Die Aktie legt an der Mailänder Heimatbörse um 1,8 Prozent deutlich zu.

Mastercard verdient prächtig
Der Kreditkartenanbieter profitiert vom Trend zur Kartenzahlung und legt ein hervorragendes Quartalsergebnis vor. Zwischen April und Juni stieg der Gewinn um satte 33 Prozent auf 608 Millionen Dollar und lag damit über den Erwartungen des Marktes. Das abgerechnete Geschäft stieg um 16 Prozent auf 811 Milliarden Dollar. in New York ist die Aktie stark gesucht und steigt über neun Prozent.

Time Warner gerne gesehen
Der US-Medienriese hat im zweiten Quartal den Umsatz um zehn Prozent und das Ergebnis um 14 Prozent gesteigert. Neben erfolgreichen Kinofilmen wie "Hangover 2" oder dem neuesten Harry Potter-Streifen, profitierte Time Warner besonders von steigenden Werbeeinnahmen im Fernsehgeschäft. Zu den Flaggschiffen des Unternehmens gehören der Nachrichtensender CNN oder das Unterhaltungsprogramm TNT. Die Anleger lässt dies les jedoch kalt. Die Aktie verliert in New York gut vier Prozent.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"