Die Angst ist noch nicht besiegt

Detlev Landmesser

Stand: 09.10.2008, 20:27 Uhr

Ihr Ziel, Vertrauen in die Märkte zu bringen, haben die Fiskal- und Geldpolitiker zunächst verfehlt. Nach verheißungsvollen Kursgewinnen bekamen es die Investoren doch wieder mit der Angst zu tun.

Im Sog der zurückfallenden US-Börsen verlor der L-Dax glatte drei Prozent auf 4.901,71 Punkte - trotz konzertierter Notenbank-Aktion, trotz US-Rettungspaket, und trotz der Erwägung von US-Finanzminister Paulson, einzelne US-Banken teilweise zu verstaatlichen. Selbst Bundeskanzlerin Merkel schloss vorübergehende Verstaatlichungen nicht aus.

Morgen wollen die Finanzminister der sieben größten Industriestaaten (G7) in Washington über das weitere Vorgehen zur Krisenbewältigung beraten. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte eindringlich an die Marktteilnehmer appelliert, sich zu beruhigen. "Wir sagen ihnen: Nehmt wieder Vernunft an", sagte er im französischen Fernsehen.

Zunächst hatten sich die Kurse in New York nach dem Debakel der Vortage deutlich erholt, was auch durch erfreuliche Quartalszahlen des US-Computerriesen IBM und ein Ausbleiben negativer Nachrichten von der US-Konjunkturfront unterstützt wurde. So sank die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der abgelaufenen Woche wie erwartet um 20.000 auf 478.000.

Das Papier von General Motors stürzte zeitweise um mehr als 21 Prozent auf den tiefsten Stand seit 1950 ab. GM hatte zuvor enttäuschende Verkaufszahlen für Europa bekanntgegeben. Gemessen an dem jetzigen Aktienkurs ist GM nur noch etwa vier Milliarden Dollar wert. Im Vergleich dazu der deutsche Konkurrent Volkswagen nach der jüngsten Kursexplosion an der Börse mehr als 30 Mal so viel wert.

Mal wieder Speicherchip-Sorgen bei Infineon

Die Infineon-Aktie rutschte mit einem Verlust von 13,7 Prozent ans Dax-Ende. Händler verwiesen auf schwache Zahlen der taiwanesichen DRAM-Unternehmen Nanya und Inotera. Das belaste auch Infineon, vor allem, weil der Verkauf des Anteils an der Speicherchip-Tochter Qimonda immer noch in der Schwebe sei, sagte ein Börsianer.

Eon mit russischen Problemen
Auch die Eon-Aktie verlor mehr als elf Prozent an Wert. Laut dem "Handelsblatt" hat der Konzern Ärger mit dem Management der neuen russischen Tochter OGK-4. Zudem würden die Perspektiven des für 4,6 Milliarden Euro gekauften Stromerzeugers in Konzernkreisen inzwischen zunehmend kritisch gesehen. Die Aktie von OGK-4 büßte in jüngster Zeit zwei Drittel ihres Wertes ein.

Bankaktien teils erholt
Die zuletzt arg geprügelten Finanztitel gehörten zu den größten Gewinnern im Dax. Besonders stark entwickelten sich die Papiere der Commerzbank und der Hypo Real Estate. Auch die Deutsche-Bank-Aktie gewann zunächst bis zu 8,5 Prozent, stürzte dann aber wieder ab und schloss 4,4 Prozent tiefer. Der Branchenprimus will sein Privatkundengeschäft in den kommenden vier Jahren deutlich ausbauen und europaweit 400 neue Filialen eröffnen.

Die Aktie von Siemens rückte vorübergehend um mehr als zehn Prozent vor. Die "FAZ" schrieb, der Technologiekonzern werde sich gegen eine Strafzahlung von 1,5 bis zwei Milliarden Dollar mit der US-Finanzaufsicht SEC wegen der Schmiergeldaffäre vergleichen.

K+S gefragt
Die Aktie von K+S erholte sich zeitweise um fast 15 Prozent. Dafür waren vor allem die guten Quartalszahlen des US-Saatgutriesen Monsanto verantwortlich. Monsanto habe signalisiert, dass der Agrarboom ungebrochen sei und die Kreditkrise bei US-Farmern bisher auch keine Liquiditätsprobleme geschaffen habe, sagte ein Marktbeobachter.

Daimler weiter zuversichtlich
Die Daimler-Aktie hielt sich deutlich besser als der Markt. Vorstandschef Dieter Zetsche hält trotz der Finanzkrise an einer Steigerung des Auto-Absatzes fest. "Wir haben Anfang des Jahres gesagt, dass wir 2008 innerhalb Mercedes-Benz Cars einen höheren Absatz erreichen wollen als 2007. Das halten wir nach wie vor für möglich", sagte Zetsche dem Magazin "Auto Motor und Sport".

Ungewöhnliche Schritte bei SAP
Der Softwarekonzern SAP hat drastische Sparmaßnahmen verhängt, berichtet die "Rhein-Neckar-Zeitung". "Wir müssen alles tun, um die Kosten einzusparen, die wir beeinflussen können", zitiert die Zeitung die Vorstandschefs. Jedes Vorstandsmitglied spendet laut dem Bericht zehn Urlaubstage, um Kosten zu reduzieren. Die Mitarbeiter könnten dies auch tun, hieß es vom Unternehmen.

Deripaska verkauft Hochtief-Paket
Im späten Geschäft konnte die Aktie von Hochtief weiter zulegen. Der Baukonzern teilte am Abend mit, die Holding des russische Investors Oleg Deripaska habe ihre Beteiligung von 9,99 Prozent verkauft. Zugleich meldete die Commerzbank, dass sie ihre Beteiligung an Hochtief von weniger als drei Prozent innerhalb weniger Tage auf 11,53 Prozent aufgestockt habe. Die Allianz hält nun 3,27 Prozent.

TuiFly an Air Berlin?
Neue Gerüchte um Tui: Der MDax-Konzern wolle seine Flugtochter TuiFly bei Air Berlin unterbringen, schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Es seien bereits Wirtschaftsprüfer in die Verhandlungen einbezogen, um den genauen wirtschaftlichen Zustand der Fluggesellschaft zu ermitteln.

Wirecard sieht sich rehabilitiert
Im TecDax sprang die Aktie von Wirecard um 27,6 Prozent nach oben. Der Zahlungsabwickler hat ein positives Fazit der Sonderuntersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young gezogen. Es seien zwar einzelne Punkte angesprochen worden, die aber die Aussagekraft und Richtigkeit des Konzernabschlusses und des Lageberichtes 2007 nicht wesentlich beeinträchtigten, teilte das TecDax-Mitglied mit, ohne Einzelheiten zu nennen. Insgesamt hätten sich keine Hinweise auf irreführende Angaben im Konzernabschluss und Konzernlagebericht ergeben. Die Untersuchung bleibt indessen unter Verschluss.

IKB weiter tiefrot
Die schwer angeschlagene Mittelstandsbank IKB hat im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres 2008/09 einen Verlust von 540 Millionen Euro angehäuft. "Die weitere Entwicklung der IKB hängt in starkem Maße davon ab, dass sich die Bank adäquat refinanzieren kann. Dafür sind neben der Kapitalerhöhung eine Normalisierung der Kapitalmärkte und die Wiederherstellung von Vertrauen in die Banken generell erforderlich", teilte die IKB mit.

Payom auf Kurs
Die Payom-Aktie gewann über sieben Prozent. Der Solaranlagenbauer hat in den ersten drei Quartalen seinen Umsatz im Vorjahresvergleich auf 25,7 Millionen Euro mehr als verdreifacht. Das Ergebnis je Aktie sprang von 0,59 auf 1,33 Euro. Wegen der guten Entwicklung rechnet das Unternehmen nun mit einem Umsatz im Gesamtjahr von 30 Millionen Euro. Außerdem soll das Ergebnis über den Erwartungen ausfallen.

Vollbremsung bei Hymer
Enttäuschende Zahlen zum im August abgelaufenen Geschäftsjahr kamen von der Hymer AG. Der Hersteller von Wohnmobilen musste nach einem schwachen vierten Geschäftsquartal seine Erwartungen für das neue Geschäftsjahr erneut senken. Umsatz und Ergebnis würden 2008/09 unter dem Vorjahresniveau erwartet. Für 2007/08 habe sich ein Umsatzplus von nur noch fünf Prozent ergeben, nachdem das Wachstum nach drei Quartalen noch bei 13,3 Prozent gelegen hatte. Das vorläufige Vorsteuerergebnis liege rund 30 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

SAF-Holland bricht ein
Einen schweren Einbruch von 40 Prozent erlebte die Aktie von SAF-Holland. Der im Prime Standard notierte Lkw-Zulieferer hat seine Prognose für das Gesamtjahr nach unten geschraubt. Das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg rechnet nur noch mit einem Umsatzplus von bis zu fünf Prozent auf rund 850 Millionen Euro. Bisher hatte SAF-Holland einen Wert von 900 bis 950 Millionen Euro angestrebt. Die Ergebnismarge soll ebenfalls schwächer als erwartet ausfallen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 17. Juli

Unternehmen:
VW: Absatzzahlen Juni
Hella: vorläufige Zahlen Gj. 2017/18, 07:00 Uhr
DieboldNixdorf: Q4-Zahlen
CropEnergies: Hauptversammlung in Mannheim, ab 10:00 Uhr
Tomtom: Q2-Zahlen, 07:30 Uhr
Yara: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Rio Tinto: Q2 Operation Report
Goldman Sachs: Q2-Zahlen, 13:30 Uhr
Alstom: HV in Paris zum Zusammenschluss der Bahngeschäfte von Alstom und Siemens, 14:00 Uhr
Johnson & Johnson: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr
Telekom Austria: Q2 Trading Update, 18:00 Uhr
America Movil: Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
T-Mobile US: Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
EU: EZB-Wochenausweis, 15:00 Uhr
USA: Industrieproduktion im Juni, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Acea: Pkw-Neuzulassungen in Europa im Juni, 08:00 Uhr