Die 7000 wackeln

Lothar Gries

Stand: 02.06.2008, 20:03 Uhr

Die Krise an den Finanzmärkten hat sich zurückgemeldet. Die Gewinnwarnung einer britischen Hypothekenbank genügte, um die Kurse zum Wochenauftakt kräftig ins Minus zu drücken. Vor allem Bank- und Autowerte knicken deutlich ein.

Im Abendhandel konnte der Dax die Marke von 7000 Punkten nicht mehr halten und fiel auf 6976 Zähler, 120 Punkte oder 1,69 Prozent weniger als am Freitag. Einziger Tagesgwinner im Leitindex ist die Aktie von Metro. Auch an der New Yorker Wall Street gingen die

Grund für den Kurseinbruch waren die Refinanzierungsprobleme des britischen Geldinstituts Bradford & Bingley. Der Hypothekenfinanzierer musste den Preis für die geplante Ausgabe neuer Aktien im Rahmen einer Kapitalerhöhung drastisch senken. Nach einer vorübergehenden Handelsaussetzung brachen die Titel in London um mehr als 24 Prozent ein. Zudem wurde bekannt, dass sich die viertgrößte US-Bank Wachovia mit sofortiger Wirkung von ihrem Chef, Ken Thompson, getrennt hat. Als Ursache wurde eine Reihe von Enttäuschungen im Zuge der Finanzkrise genannt. Zu allem Überfluss legte auch der Ölpreis wieder zu, auf zuletzt 128,70 Dollar und damit 1,35 Dollar mehr als am Freitag.

In Frankfurt sanken die Papiere der Commerzbank um über drei Prozent. Auch die anderen deutschen Finanzwerte verlieren überdurchschnittlich. Für Kursrückgänge bei den Industriewerten sorgten die Belastungen aus den explodierenden Rohstoffkosten. Der Verband der Autohersteller betonte, dass die Verteuerungen nicht an die Kunden weiter gegeben werden könne und dadurch die Margen unter Druck gerieten. Die Folge sind überdurchschnittliche Kursverluste bei BMW und Continental.

Dabei hat die US-Industrie im Mai weniger an Schwung verloren wie erwartet. Der an den Finanzmärkten viel beachtete Konjunkturindex der US-Einkaufsmanager stieg auf 49,6 von 48,6 Punkten im April. Experten hatten mit einem Rückgang auf 48,0 Punkte gerechnet. Doch die Nachricht verpuffte. Auch an der New Yorker Wall Street gingen die Kurse bis zum Abend um 1,5 Prozent zurück.

Hauptgesprächsthema an der Frankfurter Börse war der überraschende Einstieg von Bosch in die Solarbranche. Er sorgte im TecDax für kräftige Kursgewinne.

Maschinenbau auf der Überholspur
Die Auftragsbücher der deutschen Maschinenbauer sind weiter prall gefüllt. Nach Angaben des Branchenverbands VDMA ist der Auftragseingang im April real um 35 Prozent gewachsen. Dabei stieg der Inlandsanteil um 19 Prozent, die Auslandsnachfrage sogar um 44 Prozent. Dennoch können die an der Börse gelisteten Maschinenbauer davon nur wenig profitieren. Der Markt habe die positive Entwicklung bereits weitgehend vorweggenommen und entsprechend eingepreist. Dennoch steigen Gildemeister heute um gut drei Prozent.

BMW leidet unter Rohstoffkosten
Die BMW-Aktie kommt mit über vier Prozent unter die Räder. Das Unternehmen leidet nach Angaben seines Einkaufs-Vorstands Herbert Diess unter den gestiegenen Rohstoffkosten. Seit 2004 habe man durch höhere Rohstoffkosten 800 Millionen Euro an Mehrbelastungen gehabt, so Diess.

Merck enttäuscht mit Krebsmittel
Einer der größten Kursverlierer ist heute auch die Merck-Aktie. Grund ist eine Meldung zum Krebsmedikament Erbitux, das zwar nicht nur bei Darmkrebs, sondern auch bei Lungenkrebs gute Wirkungen erzielt - allerdings weniger als von den Experten erwartet. Besonders bei Darmkrebs schnitt das Mittel des Konkurrenten Roche besser ab. Die Roche-Aktie steigt im gleichen Maß wie Merck verliert.

VW-Chef droht mit Rücktritt
In etwa so stark im Minus wie der Gesamtmarkt ist die Aktie von VW. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat eine öffentliche Debatte um den Führungsanspruch bei VW angestoßen. Der Manager sagte dem "Spiegel", dass sein Vorstand und nicht der Chef des VW-Großaktionärs Porsche, Wendelin Wiedeking, die Führung bei VW bestimmte. Sollte Porsche in das Geschäft eingreifen, werde Winterkorn seinen Hut nehmen.

Ersol-Kauf zieht Solarwerte nach oben
Die Übernahme des Solarkonzerns Ersol durch den Autozulieferer Bosch jagt die Ersol-Aktie auf 100 Euro, ein Zugewinn von mehr als 60 Prozent. Dies entspricht dem Übernahmepreis, den Bosch mit den Ersol-Eignern Ventizz vereinbart hat. Im Gefolge der Offerte klettern auch die anderen Solar-Titel im TecDax, wie Solarworld, Solon und Q-Cells deutlich. Selbst die Papiere der angeschlagenen Conergy steigen um gut neun Prozent.

Intel wieder an Handys interessiert
Um vom Boom der Handys und Mini-Notebooks zu profitieren, erwägt Intel-Chef Paul Otellini den Wiedereinstieg in den Markt für mobile Prozessoren. Gute Chancen sieht er auch bei der Unterhaltungselektronik sowie bei eingebetteten Systemen, etwa in Elektrogeräten. Jeder der vier Märkte erreiche bis zum Jahr 2010 oder 2011 ein Umsatzpotenzial von zehn Milliarden Dollar, sagte Otellini laut Berichten der "Financial Times" und der "New York Times". Intel hatte noch vor zwei Jahren die Sparte für mobile Prozessoren verkauft.

Colonia ergänzt Geschäftmodell
Der SDax-Konzern Colonia Real Estate hat mit einer Tochter der US-Großbank Merrill Lynch ein Wohnimmobilien-Portfolio in Bonn für 103 Millionen Euro erworben. Merrill Lynch übernimmt davon mit 92,5 Prozent den Löwenanteil davon. Für Colonia soll sich mit der Portfolio-Verwaltung für Dritte ein ergänzendes Geschäftsfeld auftun. Die Aktie dreht nach anfänglichen Kursgewinnen ins Minus..

Nebenwerte ex Dividende
Am Montag werden mehrere Titel aus dem MDax und dem SDax mit einem Dividendenabschlag gehandelt. Der Immobilienkonzern Gagfah zahlt seinen Aktionären eine Gewinnbeteiligung von 0,20 Euro je Aktie. Die Baumarktkette Praktiker schüttet eine Dividende von 0,45 Euro je Aktie aus. Der im SDax gelistete Agrarhändler BayWa beteiligt seine Aktionäre mit 0,32 Euro je Aktie am Gewinn des vergangenen Jahres, während der Automobilzulieferer ElringKlinger 1,40 Euro je Aktie zahlt.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"