Deutsche Wirtschaftsflaute trifft Dax hart

Stand: 16.08.2011, 20:05 Uhr

Ernüchternde Konjunkturdaten aus Deutschland haben die dreitägige Kurserholung am deutschen Aktienmarkt gestoppt. Positive Nachrichten aus den USA bremsten die Dax-Talfahrt. Am Abend stand wieder die Politik im Blickpunkt.

Bei ihrem mit Spannung erwarteten Treffen haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident eine eigene Wirtschaftsregierung für die Euro-Zone angekündigt. Außerdem schlugen sie Schuldenbremsen in den Euro-Ländern und eine Finanz-Transaktionssteuer vor. Investoren zeigten sich skeptisch. Einige hatten auf eine Annäherung im Streit um die Eurobonds gehofft. Doch Merkel und Sarkozy schlossen gemeinsame europäische Anleihen aus.

Im späten Parketthandel weiteten sich die Kursverluste aus. Der L/E-Dax schloss bei 5.929 Punkten. Den Xetra-Handel beendete der deutsche Leitindex 0,5 Prozent tiefer bei 5.9495 Punkten. Im Tagesverlauf sah es zeitweise noch viel düsterer aus. In der Spitze büßte der Dax fast drei Prozent ein.

Deutsche Wirtschaft wächst kaum
Der Rückfall der deutschen Wirtschaft in die Stagnation schockte die Anleger und entfachte neue Rezessionsängste. Die deutsche Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten Quartal nur noch um knapp 0,1 Prozent. Volkswirte hatten mit einem Plus von 0,4 Prozent gerechnet. Auch die Wachstumsdynamik in der Eurozone schwächte sich ab - wegen Deutschland und Frankreich. Das Bruttoinlandsprodukt legte nur um 0,2 Prozent statt wie erwartet um 0,3 Prozent zu. Die schwachen Konjunkturdaten zeigen, "dass auch Deutschland nicht die wirtschaftliche Insel der Glückseligkeit ist", meinte Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank.

US-Produktion auf Hochtouren
Einen Lichtblick gab es dagegen aus den USA. Die Industrieproduktion zog überraschend um 0,9 Prozent an. Volkswirte hatten lediglich mit einem Anstieg von 0,5 Prozent gerechnet. Vor allem die starke Nachfrage nach Autos trieb die Produktion der US-Industrie an. Die Kapazitätsauslastung stieg auf 77,5 Prozent und erreichte den höchsten Wert seit knapp drei Jahren. Die Postbank sprach von einer "positiven Überraschung".

Fitch belässt USA auf "AAA"
Für Erleichterung sorgte am Nachmittag ebenfalls die Mitteilung der Ratingagentur Fitch, die Bestnote "AAA" für die USA beizubehalten. "Nach dem Warnschuss von S&P dürfte die Entscheidung von Fitch die Anleger erst einmal ein bisschen beruhigen", sagte ein Händler.

Anleger gehen auf Nummer sicher
Im Dax waren vor allem defensive Titel gefragt. Fresenius führte mit einem Plus von über einem Prozent die bescheidene Gewinnerliste an, gefolgt von Beiersdorf. Das Analystenhaus Nomura hat die Kaufempfehlung für die Beiersdorf-Aktie bekräftigt. Die Experten lobten die Entwicklung des Konsumgüterkonzerns im zweiten Quartal. Beiersdorf dürfte nun in der Lage sein, das laufende Geschäftsjahr im oberen Bereich der Zielspanne abzuschließen.

Konjunkturtitel ganz schwach
Dagegen standen konjunktursensible Titel wie MAN und ThyssenKrupp auf der Verkaufsliste. "Wenn der Markt eine globale konjunkturelle Abkühlung spielt, dann werden als erstes die besonders konjunktursensiblen Werte verkauft", sagte ein Händler.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
58,64
Differenz relativ
+0,65%

Europäer kaufen weniger Autos
Davon waren zeitweise besonders die Autoaktien betroffen. Daimler und BMW verloren zunächst kräftig, erholten sich dann aber etwas. Die Titel von VW schlossen gar leicht im Plus. Schwache Juli-Absatzzahlen in Europa brachten die Autoaktien unter Druck. Der Markt schrumpfte um zwei Prozent. Nur in Deutschland gab es zweistellige Zuwachsraten. VW trotzte allerdings der Flaute und verkaufte im Juli weltweit 17 Prozent mehr Autos.

Nyse leidet unter Transaktions-Steuer
Die am Abend von Kanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy angekündigte gemeinsame Finanztransaktions-Steuer belastete die Aktien des Börsenbetreibers Nyse Euronext. Sie rutschten an der New Yorker Börse um sieben Prozent ab. Händlern zufolge könnte die Steuer deutliche Einbußen im Europageschäft des Börsenbetreibers bringen, der sich mit der Deutschen Börse zusammenschließt.

Rückschlag für Ströer
Verlierer des Tages war Ströer. Im SDax brachen die Aktien des Außenwerbers um 16 Prozent ein. Mit 12,60 Euro notieren sie nun auf dem tiefsten Stand seit dem Börsengang vor einem Jahr. Schuld am Kurseinbruch war der vorsichtige Ausblick. Der Vorstand prophezeite, lediglich am unteren Rand des anvisierten Zielkorridors im Gesamtjahr anzukommen. Im zweiten Quartal wuchs Ströer zweistellig. Aufsichtsratschef Wolfgang Bornheim trat mit sofortiger Wirkung zurück. Sein Nachfolger wird Ex-ZDF-Intendant Dieter Stolte.

SKW-Aktie fehlt die Stahlkraft
Ebenfalls nicht gut genug waren den Anlegern die Zahlen des Stahlzulieferers SKW. Die Aktien verloren knapp drei Prozent. Dabei konnte SKW den Umsatz um 14 Prozent und das Ebitda um 22 Prozent steigern. Der Ausblick wurde ebenfalls bekräftigt. Demnach will SKW 2011 und 2012 ein deutliches Umsatz- und Ergebniswachstum erzielen - vorausgesetzt, dass sich die Weltkonjunktur weiter positiv entwickle.

Deutsche Wohnen profitiert von Flucht in Immobilien
Eine starke Nachfrage nach Eigentumswohnungen in Ballungsräumen hat der Immobiliengesellschaft Deutsche Wohnen volle Kassen beschert. Der Gewinn verdoppelte sich im ersten Halbjahr auf 16,9 Millionen Euro. Deutsche Wohnen hob die Prognose für die im Immobiliengeschäft wichtige operative Erfolgsgröße FFO (Funds From Operations) um rund zehn Prozent auf 0,55 Euro je Aktie an. Die Aktie büßte dennoch drei Prozent ein.

Evergreen-Pleite überschattet deutsche Solarwerte
Im TecDax herrschte ein regelrechter Ausverkauf von Solarwerten, nachdem der US-Solarpionier Evergreen wegen der chinesischen Konkurrenz Insolvenz angemeldet hat. "Das ist kein gutes Signal für deutsche Solarfirmen, die genau so unter dem globalen Kosten.- und Preisdruck leiden", meinte ein Händler. Die Aktien von Solarworld brachen um über fünf Prozent ein und waren Schlusslicht. Die Titel von Phoenix Solar verloren vier Prozent - auch aufgrund einer negativen Analystenstudie.

Einzig die Aktien von Roth & Rau schlossen im Plus. Das Solarunternehmen hat im ersten Halbjahr sowohl beim Ebit als auch unter dem Strich rote Zahlen geschrieben. Im Vorjahr hatte Roth & Rau noch fünf Millionen Euro verdient. Für das zweite Halbjahr erwartet die Firma, die von Burger Meyer übernommen wird, eine Ertragsverbesserung.

United Internet knackt die Milliarde
Solide Zahlen legte das deutsche Internet-Vorzeigeunternehmen United Internet vor. Beim Umsatz knackte das TecDax-Unternehmen erstmals die Marke von einer Milliarde Euro im Halbjahr. Auch bei den Kundenverträgen stellte die Firma mit mehr als zehn Millionen Verträgen eine neue Bestmarke auf. Das operative Ergebnis kletterte dank des Verkaufs der Versatel-Beteiligung um 23 Prozent auf 144 Millionen Euro. Die teure Akquise neuer Kunden stieß aber bei Analysten auf Kritik. United Internet bestätigte seine Umsatzprognose für 2011 von mehr als zwei Milliarden Euro. Künftig wollen die Montabaurer mehr Geld in den Ausbau der Geschäfte von 1&1 stecken, um unabhängiger vom DSL-Geschäft zu werden. Der Aktie konnte das nicht helfen. Sie büßte drei Prozent ein.

Solar Millennium im Visier der Finanzaufsicht
Schlechte Nachrichten gab es für Solar Millennium: Wegen des Verdachts auf Insiderhandel ermittelt die Bundesfinanzaufsicht Bafin. Die Untersuchungen stehen im Zusammenhang mit der Berufung von Utz Claasen zum Firmenchef Ende 2009. Das sorgte damals für ein Kursfeuerwerk. Vor der offiziellen Ernennung Claasens, der nach kurzer Zeit wieder das Handtuch warf, soll Firmengründer Hannes Kuhn Aktien erworben haben. Zudem sorgte eine Personalie für Aufsehen. Martin Bamberger scheidet auf eigenen Wunsch als Finanzvorstrand aus. Übergangsweise nimmt Martin Löffler seinen Platz ein. Die Solar-Millennium-Aktie verlor gut fünf Prozent.

Datron fräst sich reich
Der Börsenneuling Datron aus dem hessischen Mühltal hat im ersten Halbjahr sein rasantes Wachstum fortgesetzt. Der Umsatz kletterte um rund 55 Prozent auf rund 15 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) konnte mehr als verdoppelt werden auf 2,3 Millionen Euro. Die Aktie des Fräsmaschinenherstellers stieg um gut zwei Prozent.

Intercell macht weniger Verluste
Die österreichische Biotech-Firma hat im zweiten Quartal den Verlust deutlich eindämmen können auf 1,6 Millionen Euro. Das neue Management um Firmenchef Thomas Lingelbach hat der Firma einen umfassenden Sparkurs verordnet. Der Umsatz des einzigen am Markt befindlichen Medikaments, dem Impfstoff gegen die Tropenkrankheit Japanische Enzephalitis, legte deutlich zu. Für das Gesamtjahr erwartet Intercell einen Nettoverlust zwischen 30 und 40 Millionen Euro. An der Börse legte der Titel um 12 Prozent zu.

Statoil findet Öl
Einen riesigen Ölfund in der Nordsee hat der norwegische Energiekonzern Statoil gemacht. Das Gesamtpotenzial des Vorkommens werde auf 500 Millionen bis 1,2 Milliarden Barrel geschätzt. Damit wäre es der größte Ölfund in Norwegen seit Mitte der 80er Jahre. Die Aktie legte deutlich zu.

Shell kämpft mit Öl-Leck
Derweil hat der Öl-Multi Royal Dutch Shell weiter mit einem Leck in einer Nordsee-Pipeline zu kämpfen. Zwar sei es fast gestopft, erklärte ein Firmensprecher, er könne aber noch nicht sagen, wann das Loch endgültig abgedichtet sein werde. Umweltschützer warfen Shell eine unzureichende Informationspolitik vor. Seit dem Bruch der Pipeline flossen etwa 1300 Barrel Öl ins Meer. Es ist die seit Jahren größte Ölpest in der Nordsee.

Manchester United will zurück an die Börse
Sein Börsen-Comeback bereitet derweil der englische Fußball-Rekordmeister Manchester United vor. Medienberichten zufolge strebt "ManU" an die Börse in Singapur und will sich dort frisches Geld von bis zu einer Milliarde Dollar verschaffen. Das IPO soll im vierten Quartal über die Bühne gehen. Der Verein, dessen rund 300 Millionen Fans zu zwei Dritteln aus Asien kommen, ist im Besitz des US-Milliardärs Malcolm Glazer. "ManU" war 2005 von der Börse genommen worden.

Wal-Mart wächst im Ausland
Aus den USA meldete der Einzelhändler Wal Mart gute Zahlen. Der Umsatz stieg um über fünf Prozent auf 108,6 Milliarden Dollar - dank des florierenden Auslandgeschäfts. In den USA schrumpften die Erlöse erneut. Der Konzerngewinn stieg auf 1,12 Dollar je Aktie. Analysten hatten mit vier Cent weniger gerechnet. Für das Gesamtjahr hob Wal-Mart die Prognose an. Statt 4,35 bis 4,50 Dollar stellt der Einzelhändler nun einen Gewinn von 4,41 bis 4,51 Dollar in Aussicht. Die Aktie legte um knapp vier Prozent zu.

HomeDepot lockt mehr Heimwerker an
Auch die weltgrößte Baumarktkette Home Depot hat im zweiten Quartal Umsatz und Gewinn gesteigert. Der Umsatz stieg um vier Prozent auf 20,23 Milliarden Dollar, der Gewinn kletterte zweistellig um 14 Prozent auf 1,4 Milliarden Dollar. Daraufhin hob HomeDepot ebenfalls die Gewinnprognose an. Die Baumarktkette peilt nun für das Gesamtjahr 2,34 Dollar je Aktie als Gewinn an - zehn Cent mehr als bislang geplant. Die Aktie zog um über fünf Prozent an.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 20. Juli

Unternehmen:
Faurecia: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Hermès: Q2 Umsatz, 07:00 Uhr
Rémy Cointreau: Q4-Zahlen
Thales: Q1 Umsatz, 07:30 Uhr
Stanley Black & Decker: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
General Electric: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Schlumberger: Q2-Zahlen, 13:00 Uhr
Honeywell: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise für Juni, 01:30 Uhr
Deutschland: Juli-Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Deutschland: Erzeugerpreise im Juni, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Euro-Zone im Mai, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Farnborough: Fortsetzung der Internationalen Messe für die Luft- und Raumfahrt (bis 22. Juli)