Der gebannte Blick nach Brüssel

Robert Minde

Stand: 25.10.2011, 20:02 Uhr

Die Märkte sind im Vorfeld des Brüsseler EU-Treffens extrem gespannt und nervös. Das hat der heutige Handelstag eindrucksvoll bewiesen. Sogar die aktuelle Berichtssaison tritt in den Hintergrund.

Ein Börsentag im Zeichen der Politik. Nach einem bis zum Mittag freundlichen Handelsverlauf ist der Dax nach neuen politischen Sorgen und Gerüchten vor dem womöglich entscheidenden EU-Gipfel wieder eingeknickt. In der Spitze lag das deutsche Börsenbarometer sogar 1,7 Prozent im Plus bei 6.157 Punkten um dann in kurzer Zeit wieder bis unter die Marke von 6.000 Punkten zu fallen. Der Xetra-Handel schließt nach einem wieder einmal sehr volatilen Handelsverlauf bei 6.046 Punkten, unter dem Strich ein leichtes Minus von 0,14 Prozent. Das Tagestief lag bei 5.964 Zählern. Nachbörslich legte der Markt auf dem Parkett etwas zu, der L/E-Dax schloss bei 6.057 Punkten.

Die Kurse bewegten sich dabei im Einklang mit den politischen Entwicklungen vor dem wichtigen EU-Gipfel am Mittwoch, dem 14. Krisentreffen in den letzten 21 Monaten. Auslöser für den Kursrutsch am Nachmittag waren Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Rolle der EZB in der Krise. Zudem gab es Verwirrung über die Absage des Treffens der Finanzminister (Ecofin) am Mittwoch durch die polnische Ratspräsidentschaft, die aber technische Gründe hatte. Erst als sich Befürchtungen über den Gipfel nicht bestätigten, beruhigte sich der Markt wieder etwas. "Das Vertrauen in den Aktienmarkt ist jedenfalls aufs erste wieder dahin", kommentierte ein Händler das Auf und Ab am Nachmittag.

Durchbruch oder Hängepartie?
Unklar bleibt, was vom Gipfel am Mittwoch konkret zu erwarten sein dürfte. Während der Chef der Euro-Finanzminister, der Luxemburger Jean-Claude Juncker, eine bahnbrechende Lösung erwartet, sind sich andere Experten nicht so sicher. Denn es geht gleich um mehrere Baustellen, nämlich die Griechenland-Hilfe, die Ausgestaltung und Hebelwirkung des Euro-Rettungsfonds EFSF sowie die Kapitalisierung der Banken.

Wall Street im Minus
Auch an der Wall Street überwiegen zur Stunde die Minuszeichen, die guten vorbörslichen Indikationen konnten nicht verteidigt werden. Der Dow-Jones-Index bewegt sich kaum und steht auch am Mittag knapp ein Prozent im Minus. Weitere schlechte Nachrichten kamen heute von der Konjunkturfront. So ist das Verbrauchervertrauen nach Zahlen des privaten Forschungsinstituts Conference Board auf den niedrigsten Stand seit. April 2009 gefallen. Der Wert lag im Oktober bei 39,8 Punkten nach 46,4 im Vormonat. Erwartet waren genau 46 Punkte. Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen sieht eine hohe Verunsicherung der US-Verbraucher. Er erwartet vor diesem Hintergrund keine Belebung des Konsums in den USA.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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8,63
Differenz relativ
-1,19%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,19
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-2,17%

Derweil setzt sich die Berichtssaison für das dritte Quartal fort, die heute die Deutsche Bank als erster Dax-Wert eröffnet und dabei für gute Stimmung gesorgt hatte.

Deutsche Bank wieder Spitze
Denn trotz eines Gewinnrückgangs konnte der deutsche Branchenprimus im dritten Quartal sowohl beim Vorsteuergewinn als auch beim Überschuss die Erwartungen klar schlagen. Dank einer guten Kapitalausstattung mit einer Kernkapitalquote von derzeit 10,1 Prozent will das Institut auch einen Schuldenschnitt in Griechenland ohne staatliche Stütze überstehen. Damit übertrifft die Bank schon jetzt die im Raum stehenden erhöhten Eigenkapitalanforderungen von neun Prozent. Die Aktie schließt nach volatilem Handel mit einem leichten Plus von 0,3 Prozent bei 28,55 Euro. Auch Commerzbank-Aktien verzeichneten eine ausgeprägte Berg- und Talfahrt und gehen am Ende des Tages 1,5 Prozent schwächer aus dem Handel bei 1,73 Euro.

UBS kann's auch
Für Erleichterung im Bankensektor hatte am morgen die Schweizer Großbank UBS gesorgt, deren Gewinne auch die Experten verblüfft haben. Unter dem Strich erreichte die UBS im dritten Quartal sogar einen Gewinn von rund einer Milliarde Franken.

Wie Finanzchef Tom Naratil in einem Interview sagte, will die Bank ihre Investment Bank künftig stärker auf bestimmte Geschäftsfelder fokussieren. Vorbild ist das Geschäft in den USA, wo die neue Startegie schon zum Einsatz gekommen ist. Die Devise "Klasse statt Masse" soll in Zukunft auch für die Investment Bank gelten, ließ Naratil durchblicken.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
19,93
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-2,64%

Lufthansa steht auf der Wachstumsbremse
Die Kranich-Airline baut das Sitzplatzangebot im vierten Quartal um vier Prozent aus. Der Zuwachs erklärt sich primär durch den Einsatz größerer Flugzeuge, weniger durch neue Flüge. Das Unternehmen hatte die Ziele seit Juli von ursprünglich zwölf auf vier Prozent Wachstum gesenkt und mit einer schwächeren Buchungsentwicklung begründet.

Neue Ziele im Winterflugplan sind Rio de Janeiro, Aberdeen und London-Gatwick. Damit bietet die Fluglinie für den anstehenden Winter Verbindungen zu 198 Zielen in 82 Ländern an. Der Winterflugplan gilt von Sonntag, 30. Oktober 2011 bis zum 24. März 2012.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,05
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+0,89%

Eon streicht Stellen
Der Energieversorger kehrt kräftig durch. In der Düsseldorfer Konzernzentrale soll jeder zweite Arbeitsplatz wegfallen oder umorganisiert werden. Von den 850 Stellen fallen 230 weg, 220 sollen umorganisiert oder ausgelagert werden. Dies teilte ein Konzernsprecher nach einer Betriebsversammlung mit. Die Maßnahmen sollen "kurzfristig" umgesetzt werden, auch betriebsbedingte Kündigungen seien nicht ausgeschlossen.

Chipwerte uneinheitlich
Chipwerte stehen heute ebenfalls im Interesse der Anleger. Während Infineon-Aktien nach anfänglich schwachem Start den Handel mit einem Plus von 2,8 Prozent als Dax-Tagessieger beenden, trüben schwächere Zahlen der Konkurrenten Texas Instruments und STMicroelectronics die Stimmung in der Branche. Auch mit der Aktie von Dialog Semiconductor ging es heute trotz Rekordumsatz abwärts, die Aktie gab fast sechs Prozent ab und war Schlusslicht im TecDax. Laut Händlern gefällt die Margenentwicklung einigen Experten nicht recht. Dabei schaffte das Unternehmen einen Rekordumsatz von 140,6 Millionen US-Dollar und verdiente vor Steuern und Zinsen (Ebit) 19,4 Millionen Dollar (nach 13,1 Millionen Dollar).

Heideldruck bricht ein
Das MDax-Unternehmen hatte am Montagabend gemeldet, dass in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres 2011/12 die Nachfrage geringer ausfallen soll als zuletzt gedacht. Ein ausgeglichenes Vorsteuerergebnis im Gesamtjahr traut sich das Unternehmen nun nicht mehr zu. Die Anleger reagierten und schickten die Aktie um 11,7 Prozent drastisch in den Keller. Damit war das Papier Tagesverlierer im MDax.

Henkel VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
99,58
Differenz relativ
+2,01%

Reckitt Benckiser wird vorsichtiger
Der britische Konsumgüterhersteller rechnet mit einer Abschwächung des Wachstums. Sondereffekte würden auslaufen, erklärte der Konzern. Im dritten Quartal lag Reckitt mit einem Gewinnplus von neun Prozent je Aktie auf 63,9 Pence im Rahmen der Erwartungen. Trotz der zurückhaltenden Prognose erwartet das Unternehmen, seine Jahresziele zu erreichen. Der schwächere Ausblick hat auch den deutschen Konkurrenten Henkel belastet, der heute ein Prozent abgibt.

Quartalszahlen aus Amerika
Der im Dow Jones notierte US-Chemieriese DuPont sattelt bei der Jahresprognose drauf. Das Unternehmen erwartet nunmehr einen Gewinn je Aktie zwischen 3,97 und 4,05 Dollar, zuvor lag die Messlatte bei 3,96 Dollar. Der Logistikkonzern UPS bleibt auf Kurs. Im Quartal lag der Gewinn je Aktie mit 1,06 Dollar einen Cent über den Erwartungen, der Umsatz stieg um acht Prozent. Am Ausblick für 2011 hält der Konkurrent der Deutschen Post mit einem Gewinn zwischen 4,15 und 4,40 Dollar je Anteil fest. Der Mischkonzern 3M rudert hingegen zurück und senkt den Ausblick das laufende Jahr. Der Hersteller von Büroartikeln erwartet für den Rest des Jahres ein weiter gedämpftes Wachstum und erwartet nun einen Gewinn je Aktie zwischen 5,85 bis 5,95 Dollar nach bisher avisierten 6,10 bis 6,25 Dollar. Der vor allem für seine Kopierer bekannte Technologiekonzern Xerox hat hingegen im Quartal mehr verdient. Netto stand ein dickes Plus von 28 Prozent auf 320 Millionen Dollar in den Büchern.

Tagestermine am Donnerstag, 15. November

Unternehmen:
K+S: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Sixt: Q3-Zahlen (endg.), 07:30 Uhr
Henkel: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Bouygues: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Ferratum: Neunmonatszahlen, 07:30 Uhr
LPKF: Neunmonatszahlen (endg.), 08:00 Uhr
Singulus: Neunmonatszahlen (endg.), 08:15 Uhr
Walmart: Q3-Zahlen, 13:00 Uhr
Vallourec: Q3-Zahlen, 17:45 Uhr
Vivendi: Q3-Zahlen, 18:00 Uhr
Mayr-Melnhof: Q3-Zahlen
Applied Materials: Q4-Zahlen
Nvidia: Q3-Zahlen
Sonos: Q3-Zahlen
Acea: Kfz-Neuzulassungen 10/18, 08:00 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Beschäftigte Verarb. Gewerbe 09/18, 08:00 Uhr
EU: Handelsbilanz 09/18, 11:00 Uhr
USA: Empire State Index 11/18, 14:30 Uhr
USA: Im- und Exportpreise 10/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Lagerbestände 09/18, 16:00 Uhr
USA: Ölbericht (Woche) Industrieproduktion Euro-Zone im September, 11:00 Uhr