Der ganz normale Börsenwahnsinn?

Stand: 06.08.2012, 20:10 Uhr

Börsianer spekulieren darauf, dass die EZB schon bald Anleihen von Problemländern kaufen wird. Der Dax hat sich heute der Marke von 7.000 Punkten genähert. Der ganz normale Börsenwahnsinn?

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben - diese Devise setzt sich allmählich durch. Nur weil Mario Draghi vergangenen Donnerstag nicht wie gehofft sofort mit den Anleihekäufen gestartet ist, ist das kein Weltuntergang. "Der Schock vom Donnerstag weicht der Hoffnung, dass die EZB durchaus weitere Anleihen kaufen wird, und das gibt dem Markt zumindest etwas Unterstützung", sagte ein Händler.

"Da ist zu viel billiges Geld im Markt"
"Eigentlich macht es keinen Sinn, dass der Markt so fest ist", sagte ein anderer Börsianer. "Wenn man sich anschaut, welches Ausmaß die Euro-Krise inzwischen angenommen hat, dürfte der Dax höchstens halb so hoch notieren. Aber es steckt wohl viel billiges Zentralbankgeld im Markt", fügte er mit Blick auf die mehr als eine Billion Euro schweren Geldspritzen der EZB an die Banken von Dezember und Februar hinzu. Weil sichere Anleihen zu wenig Rendite abwerfen, herrscht zudem Anlagenotstand, der Investoren automatisch stärker in Aktien treibe, sagt Händler Frank Schneider von Alpha Wertpapierhandel

Sin Erklärungsansatz für die Kursgewinne: Einige Marktteilnehmer seien am vergangenen Freitag, als der Dax um fast vier Prozent zugelegt hatte, offenbar auf dem falschen Fuß erwischt worden. Sie hätten nun Aktien nachkaufen müssen.

´Der Dax wirkt unerschütterlich
Es ist, wie es ist: Der Dax setzte auf das freitägliche Kursplus heute noch eins drauf und kletterte zeitweise bis auf 6.943 Punkte. So hoch stand das Börsenbarometer zuletzt Anfang April. Den elektronischen Xetrahandel beendete der deutsche Leitindex mit einem Plus von 0,8 Prozent beim Stand von 6.919 Punkten. Der L-Dax gab ein wenig nach auf 6.901.

Woher der Markt die Stärke nimmt? Händler weisen auf Griechenland, weil sich Land mit den Kreditgebern auf die Eckpunkte eines weiteren, milliardenschweren Sparpakets geeinigt hat. Und sie weisen auf Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy, der gar nicht mehr so abgeneigt scheint, einen Antrag auf EU-Hilfen zu stellen. Insofern scheint der Tag, dass die EZB ihr Versprechen zu etwaigen Anleihekäufen einlöst, nicht mehr ganz so fern.

Eurokrise verjagt Shell
Nur vereinzelt bekommen Investoren kalte Füße ob der Eurokrise. Wie der Ölkonzern Shell, der seine millionenschweren Barreserven aus Europa abziehen und in die USA schieben will.

Handelsaussetzung in Spanien
An den Börsen verunsichert das aber niemanden. Nahezu in ganz Europa präsentierten sich die Aktienmärkte robust. Ganz besonders in Spanien, wo es zwar eine technische Panne gab, wodurch die Börse in Madrid von 11 bis 15 Uhr nicht handeln konnte. Nach Wiederaufnahme des Handels schossen die Kurse aber umso stärker durch die Decke. Der Madrider Leitindex legte mehr als vier Prozent zu. Die größten Gewinner waren Banken wegen erster positiver Signale vom Immobilienmarkt. "Dazu kommt die immer realistischer erscheinende Annahme, dass Spanien unter den Rettungsschirm schlüpfen wird - all das wird derzeit positiv gesehen", sagte ein Händler

Die Renditen für Staatsanleihen der Euro-Problemländer kamen wieder leicht zurück. In Spanien fiel die Rendite für zehnjährige Papiere von der als kritisch erachteten Sieben-Prozent-Marke zurück. In Italien lag sie wieder bei sechs Prozent.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,80
Differenz relativ
-3,06%

Analysten machen Kurse
Ein bisschen Unterstützung bekamen die europäischen Börsen am Nachmittag von der Eröffnung der Wall Street. Im Dax hatte die Berichtssaison heute ein bisschen Pause. Die zyklischen Stahlwerte legten besonders kräftig zu: ThyssenKrupp setzten sich mit plus drei Prozent an die Dax-Spitze, MDax-Wert Salzgitter verteuerten sich um beinahe sieben Prozent.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
50,41
Differenz relativ
-0,69%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
145,84
Differenz relativ
-0,15%
Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,76
Differenz relativ
-7,83%

Ansonsten waren im Dax vor allem Analysten die Kurstreiber. Automobilaktien waren dank Cheuvreux gut unterwegs. Die Analysten stuften die ganze Branche hoch, weil zyklische Werte in den kommenden Monaten besonders ziehen. Daimler, BMW und VW bescherte das einen ordentlichen Kursgewinn. Cheuvreux stufte auch den Halbleiter-Sektor herauf, was Infineon zwei Prozent Auftrieb gab. Zudem kam am Morgen Fantasie in die Branche, nachdem der taiwanesische Halbleiter-Hersteller TSMC die Beteiligung an der niederländischen ASML bekanntgegeben hatte.

´Beim Versicherer Allianz war JPMorgan die treibende Kraft. Analysten honorieren die ordentlichen Quartalszahlen voriger Woche mit "overweight". Beim Nivea-Hersteller Beiersdorf sorgt die Citigroup für Belebung, sie stuft den Titel von "sell" auf "neutral" hoch.

Bayer springt nicht an

Am Dax-Ende halten sich defensive Werte wie die Deutsche Telekom und Merck. Bayer gehören ebenfalls zu den Kursverlierern. Hoffnungen auf eine Dividenden-Erhöhung, die Finanzvorstand Werner Baumann in einem Zeitungs-Interview geweckt hatte, wirkten nicht kurstreibend.

Rheinmetall und Deutz charttechnisch wertvoll

Im MDax gehören Rheinmetall neben dem Motorenbauer Deutz zu den stärksten Titeln. Deutz legen mehr als acht Prozent zu, verwunderlich angesichts der Gewinnwarnung vor zwei Wochen. Charttechniker sehen eine Trendwende und werten den Kursausbruch als Kaufsignal.

Bei den Papieren des Rüstungskonzerns Rheinmetall sprechen Händler von einem weiterhin "positiven Momentum", nachdem die Aktie mehrere charttechnisch wichtige Marken überwunden habe.

Spekulationen treiben SMA Solar

Im TecDax war die Aktie von SMA Solar gefragt, der Kurs kletterte um mehr als drei Prozent. Börsianer spekulieren auf erfreuliche Quartalszahlen, ausgelöst durch die Deutsche Bank, die aufgrund des Booms bei der Installation von Solaranlagen mit einem starken zweiten Quartal rechnet und eine Erhöhung der Prognose für denkbar hält. SMA legt am Donnerstag die Zwischenbilanz vor.

Größter TecDax-Gewinner waren angesichts der positiven Stimmung für die Solarbranche die Aktien von Solarworld mit zehn Prozent Kursplus.

United Internet schreibt 46 Millionen in den Wind
Im TecDax ging es zunächst für United Internet drei Prozent abwärts. Anleger reagierten verschnupft auf eine millionenschwere Abschreibung für die Internetwerbe-Tochter Sedo. Doch zum Handelsschluss fing sich die Aktie wieder.

Rücker rückt vor

Unter den Nebenwerten sind am Montag einige Quartalsbilanzen den Fokus gerückt. So hat Rücker deutliche Wachstumsraten zu Protokoll gegeben. Die Ingenieur-Gesellschaft konnte von Januar bis Juni ihre Umsätze von 86 auf 95,5 Millionen Euro steigern. Der Überschuss kletterte um 16 Prozent auf 2,9 Millionen Euro.

SHW rollt mit der Autoindustrie

Gut im Geschäft ist auch der Automobil-Zulieferer SHW. Das Unternehmen aus dem Prime Standard hat in den ersten sechs Monaten den Umsatz um 13 Prozent auf 202 Millionen Euro gesteigert. Unter dem Strich verdiente der Spezialist für Motorkomponenten und Bremsscheiben 11,1 Millionen Euro, ein Plus von 16 Prozent.

Tipp24 gewinnt mit Lotto

Im Nebenwerte-Segment SDax ist die Aktie von Tipp24 mit fast sieben Prozent Zuwachs stärkster Wert. Der Wettanbieter hat den Umsatz im ersten Halbjahr zwar nur stabil gehalten. Der Gewinn stieg aber um 29 Prozent auf 30 Millionen Euro. Das Auslandssegment, vor allem aber der Spin-Off der Lotto24 AG sorgten für hohe Ergebnisbeträge.

Hypoport verkauft erfolgreich

Der Finanzdienstleister Hypoport hat im Halbjahr seine Umsätze um 17 Prozent auf 42 Millionen Euro gesteigert. Vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag das Ergebnis mit 5,2 Millionen Euro um 42 Prozent über Vorjahr. Hypoport vermarktet über die Plattform Europace Immobilienfinanzierungen, Bausparprodukte und Ratenkredite.

Ein bisschen Prada versüßt die Krise

Glänzende Geschäfte in Asien füllen die Kassen des italienischen Luxusmodehauses Prada. Der an der Börse in Hongkong notierte Konzern wies am Montag für das erste Halbjahr einen Umsatzanstieg von 37 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro aus. Trotz des Wirtschaftsabschwungs in China kletterten allein in der Asien-Pazifik-Region die Erlöse um 45 Prozent.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr