Marktbericht 20 Uhr

Sky's the limit Der Dax, zwei Truthähne und das Dienstmädchen

von Bettina Seidl

Stand: 28.11.2013, 20:00 Uhr

Tag für Tag erklimmen Dax-Aktien wie BMW, Deutsche Post oder Bayer neue Höchststände. Das schiebt auch den Index selbst himmelwärts. Plötzlich scheinen die 10.000 Punkte ziemlich nah. Wenn da nur nicht das Dienstmädchen wär...

Als der Dax Ende Oktober die 9.000 Punkte übersprang, rief mancher Börsenexperte gleich die neue Rekordmarke aus: 10.000 Punkte bis Jahresende. Das schien ein wenig übereifrig, inzwischen ist es aber gar nicht mehr so abwegig. Seit einiger Zeit geht es nun schon jede Woche im Schnitt 100 Punkte aufwärts. Bei gleichbleibenden Tempo würde der Deutsche Aktienindex pünktlich zu Silvester 9.800 bis 9.900 Höhenmeter erreichen.

Oft genug beweisen Börsianer ein gehöriges Maß an Verrücktheit und entschließen sich – die runde Marke vor Augen – zu einem Schlusssprint. Nach dem Motto: Wir wollen die 10.000 sehen! Noch dieses Jahr!

Viele Aktien notieren derzeit auf ihren Höchstständen, aus dem Dax-Club zum Beispiel die Aktie der Deutschen Post oder die von Bayer und BMW. Alle drei schafften heute wieder einen neuen Rekord. Getreu der Charttechnik ist das ein Kaufargument, ein gutes Zeichen weiter steigender Kurse. Aber manchem Anleger kommen bei diesen Höhen doch Zweifel: Kann man diese Aktien noch kaufen?

Wenn Dienstmädchen Aktien kaufen…

Etliche Experten warnen auch schon, unlängst Promi-Investor Carl Icahn, der von einer Blase sprach, heute die Helaba: "Der Dax hat zu viel vorweggenommen", sagte die Chefvolkswirtin der Bank, Gertrud Traudt. "Daher werden wir allenfalls noch die so genannte Milchmädchen-Hausse sehen, bevor es mit dem Ende der Anleihekäufe durch die USA zu einer kräftigen Korrektur kommen dürfte."

Unter einer Dienstmädchen-Hausse verstehen Börsianer Käufe in der Endphase eines Börsenaufschwungs durch normalerweise nicht am Markt investierte Anleger. So wie es kurz vor Platzen der New-Economy-Blase zu beobachten war, als Aktien Stammtisch-Thema wurden.

Heute war der Dax aber wieder in Rekordlaune. Im Tagesverlauf erreichte er fast die runde Marke von 9.400 Punkten, bei 9.399,63 ging ihm am Vormittag die Luft aus. Am Ende des Xetrahandels stand der Dax mit 0,4 Prozent Tagesgewinn bei 9.387 Punkten. Der L-Dax fiel bis 20 Uhr auf 9.374 Punkte zurück.

… und Truthähne begnadigt werden

Wo tankt der deutsche Leitindex seine Kraft? War die Rally der Vormonate bekanntermaßen von der Politik der Notenbanken getrieben, verfällt das Argument schon bald. Die amerikanische Fed dürfte irgendwann in den nächsten Wochen von ihrem ultralockeren Kurs abbiegen. Kraft schenkte heute Japan: Der Leitindex Nikkei schoss auf den höchsten Stand seit sechs Jahren, dank des immer schwächer werdenden Yen klettert es sich leichter, weil japanische Exportfirmen im Ausland gut verdienen können.

Dazu kamen positive Impulse aus Europa. Aus Spanien, wo sich die Wirtschaft aus der Rezession kämpft . Außerdem hellte sich zum wiederholten Male das von der EU-Kommission ermittelte Wirtschaftsklima auf. Die Wall Street gab keine Impulse, dort ist die Börse wegen Thanksgiving geschlossen. Man widmet sich der Familie und dem Truthahn-Essen: Die beiden von US-Präsident Obama begnadigten Truthähne gehören zu den wenigen glücklichen Vögeln, die überleben.

Truthahn statt Kurse

In Amerika sitzen Banker heut nicht vor ihren Bildschirmen, sondern rund um den gebratenen Truthahn und feiern. Es ist "Thanksgiving". Auch morgen geht es gemächlich zu, die Wall Street schließt am Freitag um 19 Uhr deutscher Zeit.

Randnotizen aus dem Dax

Im Dax überrundete die Commerzbank-Aktie alle – dabei half, dass die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley ihre Verkaufsempfehlung für die Bankaktie strich und sie nun mit "Equalweight" bewertet bei einem Kursziel von 10,95 Euro. Gefragt waren auch Aktien des Branchenprimus': In der "Financial Times" war zu lesen, dass die Deutsche Bank ihren Verlustbringer, den britischen Vermögensverwalter Tilney, noch Weihnachten los werden könnte. Sie verhandelt offenbar mit Permira darüber.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,60
Differenz relativ
+1,29%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,54
Differenz relativ
+1,60%

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,99
Differenz relativ
+3,64%

Eon sagt leise Arrivederci

RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
21,34
Differenz relativ
-0,56%

Gewinne verbuchte auch der Dax-Kollege Eon. Der größte deutsche Energiekonzern will laut "Handelsblatt" seine Tochter Eon Italia verkaufen und sucht nun Käufer. Die Papiere des Konkurrenten RWE legen ebenfalls zu. Marktteilnehmer erklären das mit dem Nachholbedarf der Aktie, die seit Jahresbeginn rund zehn Prozent verlor.

Im MDax schaffte es Evonik an die Indexspitze. Anleger folgten einer Kaufempfehlung der Berenberg-Bank. Sie lobte die guten Produkte des Spezialchemiekonzerns, die meist zu den Top drei im Markt zählten. Trotz konstantem Umsatzwachstum und steigender Marge hätten Anleger bislang nur begrenztes Interesse gezeigt. Die Verlierer im MDax führte Norma an. Die DZ Bank rät, die Aktien zu verkaufen, da sie die aktuelle Bewertung für zu ambitioniert hält. EADS machte Schlagzeilen, weil Zehntausende Beschäftigte gegen den Arbeitsplatz demonstrieren. Der Börsenkurs sorgte heute dagegen für kaum Aufsehen.

KWS nicht ganz so kernig

Das gleiche gilt für SDax-Wert KWS Saat – trotz tiefroter Quartalsbilanz. Gefallene Getreidepreise haben dem Saatguthersteller den Start in sein neues Geschäftsjahr verdorben. Der Umsatz sank um neun Prozent, der operative Verlust´weitete sich aus. An der Börse reagiert wahrscheinlich so gefasst, weil das erste Geschäftsquartal bei KWS traditionell sehr schwach ist.

Manz – Frisches Geld, weniger Familie

Bei Manz ist einiges in Bewegung, aber auch hier nicht so sehr bei der Aktie, als vielmehr im Unternehmen. Der Maschinenbauer sammelte über eine Kapitalerhöhung rund 27 Millionen Euro am Kapitalmarkt ein. Weil die Gründerfamilie Manz dabei nicht mitmachte, reduzierte sich ihr Anteil an der Firma von 50,4 Prozent auf nur noch knapp 46 Prozent.

Vosicht, China-Kracher!

Einen regelrechten Kurs-Absturz legte die Aktie von Zhongde Waste aufs Parkett: Das chinesische Unternehmen mit offiziellem Sitz in Deutschland gab einen Verlust in den ersten neun Monaten des Jahres bekannt. Anleger stießen die Aktie daraufhin ab, der Kurs brach um rund ein Viertel ein.

Unaufgeregter wurde die Bilanz eines zweiten China-Unternehmens mit deutscher Aktie aufgenommen: Beim Papierhersteller Youbisheng Green Paper wies für die ersten drei Quartale aber auch einen vergleichsweise harmloseren Umsatz- und Gewinnrückgang aus.

Thomas Cook segelt aus der Krise

Auf der Gewinnerseite in London standen die Aktien von Thomas Cook mit einem Plus von zeitweise mehr als 15 Prozent. Der britische Reiseveranstalter bewies mit seiner heute vorgelegten Bilanz: Er lässt die Krise hinter sich, dank hartem Sanierungskurs und höheren Preisen. Der Tui-Rivale steigerte sein Betriebsergebnis im vorigen Geschäftsjahr um knapp 50 Prozent und stoppte den Umsatzschwund. Der Schuldenberg wurde halbiert.

Dagegen standen in London die Aktien von Kingfisher auf den Verkaufszetteln der Anleger. Europas größte Baumarktkette hatte mit ihrer Quartalsbilanz nur das untere Ende der Analystenprognosen erreicht. Die Aktien fielen um mehr als fünf Prozent. Das bremste auch die Titel von Hornbach im SDax aus, die ein halbes Prozent verloren. Kingfisher hält gut 21 Prozent an der Hornbach Holding.

Neuigkeiten gab es auch von Pleitier Praktiker. Die insolvente Baumarktkette einen Teil ihrer Max-Bahr-Märkte los. Die Baumarktkette Bauhaus übernimmt 24 Standorte, 1.300 Beschäftigten wird ein Arbeitsplatz angeboten. Max Bahr war der letzte Teil von Praktiker, der noch eine Überlebenschance hatte. Für die Praktiker-Aktie, die seit Jahresbeginn mehr als 99 Prozent an Wert verlor, hat das keine Bedeutung mehr.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

Unternehmen:
Lonza Group: Kapitalmarkttag
Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklimindex 9/18, 10:00 Uhr
USA: CFNA-Index 8/18, 14:30 Uhr

Sonstiges:
Japan/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen