Der Dax fährt Achterbahn

Stand: 09.08.2011, 20:01 Uhr

Dieser Börsentag hat Nerven gekostet. Erst auf Crash-Kurs, dann Erholung. Die Ausschläge werden immer wilder. Trotzdem: Schuldenängste und die Furcht vor einer neuen Rezession halten den Markt weiter im Würgegriff.

Wer geglaubt hatte, der verrückte Handelstag sei mit dem Xetra-Schluss um 17:30 Uhr schon zu Ende, hat sich getäuscht. Getrieben von der Hoffnung auf die US-Notenbank Fed hat der L/E-Dax im späten Parketthandel den Erholungskurs vom Nachmittag fortgesetzt und sich zwischenzeitlich in Richtung der Grenze von 6.000 Punkten weiter vorgearbeitet. Der Spätindex hat diese Marke dann aber doch nicht geknackt und eine Teil der Avancen abgegeben. Er schließt bei 5,946 Punkten.

Wer hätte das gedacht, denn am Vormittag verzeichnete der Dax in der Spitze noch ein dramatisches Minus von gut sieben Prozent und fiel bis auf 5.502 Punkte. Das war in der Tat Crash-Niveau. Dieser Rückgang war einer der höchsten Tagesverluste in der Geschichte des Dax überhaupt. Zum Xetra-Handelsschluss um 17:30 Uhr stand dann, oh Wunder, aber nur noch ein leichtes Minus von 0,1 Prozent bei 5.917 Punkten auf der Anzeigetafel. Trotzdem ist es der zehnte Verlusttag in Folge, ein neuer Negativrekord.

Aber zwischen dem Höchstkurs bei 6.026 Punkten und dem Tiefstkurs bei 5.502 Punkten lagen dabei mehr als 500 Punkte. Ein extrem hohe Schwankungsbreite, die anzeigt, wie blank die Nerven der Anleger liegen. Der MDax legte solide 2,86, der TecDax sogar 3,1 Prozent zu. Die Börsianer erwarten nun mit Spannung die Zinsentscheidung der US-Notenbank. Diese wird aber erst nach dem Handelsschluss der europäischen Börsen veröffentlicht.

Konjunkturängste halten sich zäh
Die Angst der Anleger vor dem "Double Dip", also dem erneuten Abgleiten der Weltwirtschaft in die Rezession, bestimmt neben der anhaltenden Schuldenproblematik weiterhin klar das Geschehen. Dabei ist es dem Aktienmarkt bisher noch nicht gelungen, sich von diesen Ängsten zu befreien. "Der Markt sucht einen Anker und findet ihn nicht", kommentiert Ingo Schmidt von der Hamburger Sparkasse. Aber es gibt auch erste Stimmen, die eine Bodenbildung signalisieren. Volker Hellmeyer, Analyst der Bremer Landesbank, wertet die aktuellen Kurskapriolen als Übertreibung: "Es ist kein rationaler, sondern ein emotionaler Markt. Hier wird eine Situation diskontiert, die so gar nicht eingetreten ist."

BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Gewinner und Verlierer
Immerhin, nachdem zwischenzeitlich kein einziger Wert auf der Gewinnerseite der Dax-Anzeigetafle stand, schlossen zum Handelsende die meisten der 30 Dax-Werte im Plus. Spitzenreiter war BMW, die 6,3 Prozent auf 58,63 Euro zulegten und ebenfalls eine beeindruckende Schwankungsbreite vorlegten. Auch Infineon erholte sich nach den schweren Verlusten der Vortage um 6,1 Prozent.

Verlierer bleiben die zuletzt extrem hart getroffenen Versorger RWE und Eon, die trotz der fast schon biblischen Verluste bisher weitere sechs Prozent verlieren und sich auf Niveaus befinden, die zuletzt 2003 erreicht worden waren. Nach RWE berichtet Eon morgen seine Zahlen für das zweite Quartal. Experten erwarten, dass der Konzern dabei seine Jahresprognose einkassieren wird. Auch Bayer tendierten schwach.

Rentenmarkt etwas leichter
Die Kurse der deutschen Staatsanleihen sind am Dienstag trotz schwacher Aktienmärkte gefallen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe stieg um sechs Basispunkte auf 2,32 Prozent, der Bund-Future verliert zur Stunde 72 Ticks auf 132,36 Prozent. Die Schwankungsbreite der Bundesanleihen lag dabei zwischen einem Plus von 45 und einem Minus von 82 Ticks. Händler sprachen davon, dass die Papiere als sicherer Hafen immer noch gut nachgefragt sein. Die Rückgänge erklärten sie mit der anhaltenden Erholung der Anleihen von Italien und Spanien sowie den volatilen Aktienmärkten.

Die EZB hat auch heute wieder massiv in den Handel eingegriffen und sorgte damit nach Händlerangaben dafür, dass sich die Renditen spanischer und italienischer anliehen knapp über fünf Prozent stabilisierten. "Die EZB-Aktion kann dem Wachstum keinen dramatischen Schub verleihen, aber sie kann das Vertrauen der Märkte verbessern", sagte Jim Cielinski, Leiter des Anleihenteams beim Vermögensverwalter Threadneedle. er bemängelte allerdings, dass es die europäische Politik immer noch nicht geschafft habe, eine einheitliche Position zu formulieren.

Deutscher Exportmotor stottert
Die Konjunkturpessimisten erhalten heute neue Nahrung durch die Zahlen des statistischen Bundesamtes. Wie die Behörde heute berichtete, sind die Juni-Ausfuhren im Monatsvergleich bereinigt um 1,2 Prozent gesunken. Das war mehr als Analysten erwartet hatten. Zwar liegen die Ausfuhren im Jahresvergleich noch 3,1 Prozent höher, die Wachstumsraten schwächen sich jedoch ab.

"Die deutsche Exportwirtschaft spürt derzeit den Sand im Getriebe der Weltwirtschaft. Wie stark der Motor ins Stottern geraten ist, werden die nächsten Monate zeigen", sagte der Präsident des Bundesverbands Groß- und Außenhandel (BGA), Anton Börner. Nach Meinung des "Wirtschaftsweisen" Peter Bofinger ist der aktuelle Kursrutsch an den Börsen jedoch übertrieben: "Die Aktienmärkte haben zwar die konjunkturelle Wende verschlafen und reagieren jetzt umso panischer, aber die fundamentalen Daten der Volkswirtschaft rechtfertigen den Kurssturz nicht."

Gold in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Interbankenhandel bereitet Sorgen
Ein ernsthafteres Alarmzeichen für die Märkte ist es, wenn der Interbankenhandel nicht richtig funktioniert, das heißt, die Banken sich untereinander misstrauen und sich kein Geld mehr leihen. Zuletzt war dies nach der Lehman-Pleite 2008 massiv der Fall. Abzulesen ist dies an der Entwicklung der Einlagenfazilität der Notenbank, die zuletzt wieder gestiegen ist. Die europäischen Banken horten ihr Geld aktuell nämlich lieber, als es zu verleihen.

"Liquidität ist genug da, aber die Umverteilung funktioniert trotzdem nicht so wie sie sollte", fasste ein Händler zusammen. Auch die EZB sieht die Entwicklung mit Sorge. "Das ist kein gutes Zeichen", sagte EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny. Die gesamtwirtschaftliche Lage in der Eurozone habe sich nicht abrupt geändert, fuhr Nowotny fort. Vielmehr sei jetzt die Politik gefordert, die Beschlüsse des Euro-Gipfels vom Juli rasch umzusetzen.

Öl fällt, Gold steigt
Gold und Ölpreis bewegen sich ebenfalls heftig. Der Preis für Brent-Öl fällt unter die Marke von 100 Dollar, WTI bricht sogar um sieben Prozent ein auf 75,71 Dollar.
Dies ist der stärkste Rückgang am Ölmarkt innerhalb von zwei Tagen seit der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008. "Ich bin überrascht, wie stark der Preis auf allen Märkten gefallen ist", sagte Rohstoff-Stratege Jeremy Friesen von der Societe Generale in Hongkong. "Das ist Panik!" Grund für den Verfall ist die Sorge vor einer Verlangsamung des Wachstums der Weltwirtschaft und damit vor einer geringeren Nachfrage nach Öl.

Die Furcht vor einer wirtschaftlichen Abschwächung treibt die Anleger in so genannte "sichere Häfen". Neben dem Schweizer Franken zählt dazu auch Gold: Der Preis für eine Feinunze steigt bis auf 1.779 US-Dollar - ein neues Rekordhoch. Der Euro schlägt sich derweil tapfer. Die Gemeinschaftswährung tendierte zum Handelsschluss bei 1,4213 Dollar.

Alle Augen auf die Fed
Die Augen aller Marktteilnehmer auf die bevorstehende Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank am Abend: Wird die Fed zur Ankurbelung der Konjunktur ein neues Anleihe-Ankaufprogramm, im Börsenjargon auch QE3 (Quantitative Easing) genannt, ankündigen? An der Wall Street warten die Investoren gespannt auf die Erklärungen von Notenbankchef Ben Bernake. Der hat sein Pulver in Bezug auf QE3 bisher trocken gehalten und dürfte wenig begeistert sein, dass nach der Meinung von Ökonomen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass das Land wieder in eine Rezession zurückfällt.

Der Dow Jones-Index, der zwischenzeitlich schon über zwei Prozent zugelegt hat, notiert zur Stunde gut ein Prozent besser. Der breiter gefasste S&P-500-Index liegt aktuell 1,4 Prozent höher.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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8,32
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Commerzbank-Finanzchef geht
Die Commerzbank verliert überraschend ihren Finanzvorstand. Eric Strutz wird auf eigenen Wunsch seinen Vertrag nicht verlängern und verlässt die Bank Ende März 2012. Strutz war seit dem Jahr 2003 Finanzchef und seit 2004 im Vorstand. Er machte in einem Interview private Gründe für seinen Abgang geltend. Commerzbank-Chef Blessing bedauerte den Abgang des 46-jährigen Managers. Die Commerzbank legt morgen ihre Zahlen für das zweite Quartal vor.

RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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21,22
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RWE-Crash geht weiter
Auch Aktien aus der Versorgerbranche stehen auf den Verkaufslisten der Anleger. Aktien von Eon und RWE zählen zu den schwächsten Dax-Werten. Am Morgen hatte RWE über einen Gewinneinbruch von 39 Prozent im vergangenen Quartal berichtet. Bereits am Vortag waren RWE-Papiere nach der gesenkten Jahresprognose auf ihren tiefsten Stand seit siebeneinhalb Jahren gesackt. Die Aktie gehört zu den größten Verlieren im Dax mit einem Minus von 5,9 Prozent.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Lufthansa will Klage prüfen
Lufthansa-Aktien profitieren vom abgesagten Fluglotsenstreik und halten sich besser als der Markt. Einem Händler zufolge ist es sicherlich positiv zu sehen, dass nun für die nächsten Wochen Friedenspflicht herrscht und ein Streik in der Urlaubszeit ausbleibt. allerdings dürfte allein die Ankündigung des Streiks bereits für zahlreiche Umbuchungen gesorgt haben.

Mittlerweile hat ein Sprecher der Kranichlinie angekündigt, Schadenersatzforderungen gegen die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) zu prüfen. Im Flugplan der Lufthansa habe es am Dienstagmorgen nur wenige Verschiebungen gegeben, sagte der Sprecher weiterhin. Die Aktie tendiert zum Handelsschluss 0,6 Prozent besser.

Rational unter Erwartungen
Der Großküchengeräte-Hersteller hat im ersten Halbjahr dank einer guten Nachfrage aus Asien zwar seinen Gewinn um sieben Prozent auf 34,5 Millionen Euro gesteigert. Doch Analysten hatten hier mit 35,4 Millionen Euro mehr erwartet. Auch bei anderen wichtigen Kennziffern blieb Rational hinter den Erwartungen der Börse zurück. Die Aktie drehte im Handelsverlauf jedoch ins Plus und schließt 2,75 Prozent besser.

HeidelDruck schreibt immer noch tiefrot
Ins Plus gedreht ist hingegen die Aktie von Heidelberger Druck, die noch am Morgen unter Druck stand. Im vergangenen Quartal verbuchte der weltgrößte Druckmaschinenbauer einen Verlust von 46 Millionen Euro, im Vorjahr waren es noch 52 Millionen Euro gewesen. Die weitere Entwicklung der Weltkonjunktur sei schwer vorherzusehen, sagte Vorstandschef Bernhard Schreier.

Aareal Bank fängt sich
Dagegen kann die Aareal Bank über ein erfreuliches Quartal berichten. Der Immobilienfinanzierer hat den Turbulenzen auf den Kapitalmärkten getrotzt. Der Überschuss stieg von 9 Millionen Euro vor einem Jahr auf 21 Millionen. Das Unternehmen profitierte davon, dass es die in der Finanzkrise erhaltenen Staatshilfen weiter abbaute und dafür nun weniger Zinsen zahlen musste. Zudem legte es weniger Geld für faule Kredite zurück. Aareal-Aktien, die zunächst in den Strudel des fallenden Marktes geraten waren, haben im Handelsverlauf kräftig gedreht und gehen letztlich beachtliche 8,45 Prozent höher aus dem Markt.

Umweltbank voll im Trend
Die Nürnberger Bank blickt auf ein gutes erstes Halbjahr zurück. Das Geschäftsvolumen stieg um knapp 17 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro, das Ergebnis vor Steuern erhöhte sich um zwölf Prozent auf 13 Millionen Euro. Das Nettoergebnis stieg um fast zehn Prozent auf 5,8 Millionen Euro.

Profitiert hat die Bank vom steigenden Trend zu ökologischen Bauvorhaben sowie einem allgemeinen gestiegenen Umweltbewusstsein. Zu den Projekten gehören beispielsweise energetische Sanierungen oder Kredite für Solaranlagen. Die Aktie, die nach zuvor starkem Anstieg seit Anfang Juni kräftig Federn lassen musste, verliert ein halbes Prozent auf 20,89 Euro.

Seven Principles erhöht die Prognose
Die auf IT-Beratung spezialisierte Unternehmensberatung hat nach einem guten ersten Halbjahr die Prognose erhöht. Für das laufende Jahr wird jetzt ein Umsatz von 95 Millionen und ein operatives Ergebnis (Ebitda) von 6,3 Millionen Euro erwartet. Zuvor lag die Messlatte bei einem Umsatz von 91 und einem Ebitda von sechs Millionen Euro.

Im ersten Halbjahr hat das Unternehmen Rekordwerte erzielt. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 31,4 Prozent, das Ebitda hat sich fast verdoppelt auf drei Millionen Euro. Neben dem Kernmarkt Telekom hat besonders der Energiemarkt zum Wachstum beigetragen. An der Börse kommt das gut an, die Aktie steigt fast zehn Prozent.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 21. August

Unternehmen:
Urban Outfitters: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Voltabox: Q2-Zahlen
BHP Billiton: Jahreszahlen

Sonstiges:
Computer- und Videospielmesse Gamescom (bis 25.8.) in Köln