Marktbericht 20:05 Uhr

Nach hektischem Handel Dax zum Schluss mit Happy-End

Stand: 16.12.2014, 20:05 Uhr

An der Börse muss man manchmal hart im Nehmen sein und sich schnell auf Neues einstellen. Heute war genau so ein Tag, der die Marktteilnehmer kräftig Nerven gekostet hat. Das Ganze bei einer Schwankungsbreite von 350 Punkten.

Das hätten wohl selbst die größten Optimisten nicht für möglich gehalten. Der zwischenzeitlich bis auf 9.219 Punkte abgesackte deutsche Leitindex holte nicht nur die Verluste wieder auf. Er beendete den Tag auch mit einem kräftigen Gewinn von 2,46 Prozent bei 9.563 Punkten, ganz nahe am Tageshoch.

Bis auf 9.567 Zähler war es am Nachmittag wieder bergauf gegangen, eine Bandbreite von rund 350 Punkten. Das gibt es nicht alle Tage. Im Späthandel ging dann allerdings ein Teil der nachmittäglichen Gewinne wieder verloren. Der L/E-Dax schloss bei 9.514 Punkten.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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11.244,54
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Damit hat der Index auch die 200-Tage-Durchschnittslinie bei 9.523 Punkten wieder überwunden und erhält dadurch charttechnischen Rückenwind. Der außergewöhnliche Tag zeigt aber auch, wie nervös die Marktteilnehmer angesichts einer ganzen Fülle von hochkarätigen Themen derzeit sind. "Und Russland ist dabei nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", erklärte FXCM-Analyst Jens Klatt.

Wall Street beruhigt sich wieder

Nach einer ausgeprägten Berg- und Talfahrt startete der Dax am Nachmittag im Sog der Wall Street zu seinem bemerkenswerten Schlussspurt. Einem amerikanischen Markt, der wie immer wesentlich weniger volatil tendiert. Aktuell scheint in New York die größte Euphorie aber vorbei zu sein.

Der Leitindex Dow-Jones, der im Tageshoch schon bei 17.427 Punkten stand, hat den Großteil der Gewinne wieder abgegeben, liegt derzeit aber noch 0,4 Prozent im Plus. Der S&P-500-Index gewinnt aktuell 0,3 Prozent hinzu und der Nasdaq-Composite Index kämpft mit seinem Schlussstand.

Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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25.005,18
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Auch für die amerikanische Weltleitbörse war es bisher ein ereignisreicher Tag. Denn die Futures auf die heutige Sitzung standen noch kurz vor der Eröffnung klar im Minus, auch zur Eröffnung war es abwärts gegangen. Die Marktteilnehmer waren anfangs angesichts eines weiter stark fallenden Ölpreises, dem sich abzeichnenden ökonomischen Desaster in Russland sowie der Aussicht auf die morgige Zinssitzung der Fed noch skeptisch, ehe dann die Bullen die Oberhand gewannen.

Dramatische Lage in Russland

Auch bei uns sorgten diese Faktoren zunächst für eine extreme Anspannung an der Börse. Da ist zum einen die dramatische Lage in Russland, wo die Landeswährung Rubel sich in freiem Fall befindet und von einem Rekordtief bis zum nächsten fällt. Bis auf knapp 80 Rubel für den Dollar und etwas über 100 Rubel für den Euro standen schon auf der Anzeigetafel, ehe sich die russische Währung von den Tiefpunkten wieder lösen konnte.

Auch am Moskauer Aktienmarkt ging es prozentual zweistellig in den Keller. Der in Dollar notierte RTS-Index gab über zwölf Prozent ab und lag in der Spitze schon 18 Prozent im Minus. Die Aktie der größten Bank des Landes, der Sberbank, gab deutlich nach. Sie gilt als Barometer für den Zustand der russischen Wirtschaft. Die Notenbank stemmt sich zwar mit einer Anhebung der Zinsen auf mittlerweile 17,0 Prozent verzweifelt gegen den Verfall, kann ihn aber bisher nicht wirklich aufhalten.

Ölpreisfall etwas abgebremst

Einer der Hauptgründe für das Desaster der rohstofflastigen Russischen Föderation ist der Verfall der Ölpreise. "Für die Zentralbank wird es schwierig, den Rubel zu stabilisieren, solange der Ölpreis weiter fällt", sagt Wladimir Miklaschewsky, Volkswirt bei der Danske Bank. Öl und Gas sind mit einem Anteil von rund 40 Prozent die wichtigsten Einnahmeposten im Haushalt des Landes.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Um bis zu vier Prozent ging es zwischenzeitlich abwärts, so tief wie seit 2009 nicht mehr, eher der freie Fall am Nachmittag gebremst wurde. Brent notierte zwar noch im Minus, erholte sich aber deutlich vom Tief und die US-Sorte WTI legte sogar 1,7 Prozent zu. Das trug zur Beruhigung der Märkte bei.

Zumindest für die nicht ölabhängigen Unternehmen sind die sinkenden energiepreise eigentlich eine Entlastung. Trotzdem verunsichert das Ausmaß des Verfalls zunehmend die Börse, weil es als Anzeichen einer schwachen Weltkonjunktur gedeutet wird.

Verkaufsdruck vor dem Verfallstag

Hinzu kommt, dass der große Verfallstag am Freitag (Hexensabbat) seine Schatten voraus warf und dies wohl auch weiter tun dürfte. Dafür spricht die Dramatik und Schnelligkeit, mit der sich die Kurse bewegt haben. Offensichtlich müssen institutionelle Investoren nach den jüngsten Verlusten ihre komplexen Derivate-Positionen anpassen.

Euro kann Spitze nicht verteidigen

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Der Euro pendelte im späten Geschäft um die Marke von 1,2511 Dollar. Am Nachmittag war er im Tief knapp darunter gefallen. Das Tageshoch lag bei über 1,2560 Dollar. Die EZB legte den Referenzkurs auf 1,2537 Dollar fest. Die Gemeinschaftswährung profitierte zunächst davon, dass sich die Stimmung unter den europäischen Unternehmen dank der fallenden Ölpreise kurz vor dem Jahreswechsel wieder aufgehellt hat. "Der scharfe Fall des Ölpreises fängt an, sich in den europäischen Stimmungsbarometern bemerkbar zu machen," kommentierte Experte Christian Schulz von der Privatbank Berenberg.

ZEW besser als gedacht

Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich im Dezember nämlich stark verbessert. Der vom ZEW ermittelte Indikator stieg um 23,4 Punkte auf 34,9 Zähler. Das ist der höchste Stand seit Mai. Bankvolkswirte hatten zwar mit einem Anstieg gerechnet, allerdings nur auf 20,0 Punkte.

Verhalten positive Nachrichten kommen auch aus der Euro-Zone. Dort hat die Wirtschaft zum Jahresende weiter Tritt gefasst. Der gemeinsame Einkaufsmanagerindex für Dienstleister und Industrie kletterte im Dezember um 0,6 auf 51,7 Punkte. Das Barometer hielt sich damit über der Marke von 50 Zählern, ab der es Wachstum signalisiert. Die positiven Fundamentaldaten sorgten am Vormittag für ein Zwischenhoch im Dax.

Telekom vor großem Großbritannien-Coup

Im Dax legte die Aktie der Deutschen Telekom einen eindrucksvollen Umschwung hin. Am Ende stand das Papier bei 12,85 Euro über drei Prozent höher. Grund hierfür: den Bonnern winkt ein acht Milliarden Euro schwerer Ausstieg aus Großbritannien. Sie haben sich zusammen mit ihrem französischen Partner Orange auf exklusive Verhandlungen über den Verkauf der Telekom-Tochter EE an die britische BT Group geeinigt.

Lufthansa an der Dax-Spitze

Die niedrigen Ölpreise kommen der Lufthansa zugute. Die Kranichaktie war größter Dax-Gewinner mit einem Plus von 4,4 Prozent. Unterdessen hat die Deutsche Börse aus "strategischen" Gründen ihren Anteil an der Wertpapierhandelsbank Tradegate kräftig aufgestockt. Durch die Ausübung von Kaufoptionen steigt der Anteil von rund 5 auf knapp 15 Prozent. Das kam gut an, das Papier war zweitstärkster Wert mit einem Tagesgewinn von 4,1 Prozent. Einziger Dax-Wert im Minus war Adidas im Sog der Rubel-Schwäche. Der fränkische Sportartikelhersteller hat umfangreiche Geschäftsinteressen in Russland.

Weihnachtsgeschenk von Metro

Der Handelsriese Metro legt seinen Aktionären wieder eine Dividende unter den Weihnachtsbaum. Der MDax-Konzern will für das abgelaufene Geschäftsjahr 2013/14 0,90 Euro pro Stammaktie ausschütten. Im Rumpfgeschäftsjahr zuvor waren die Anteilseigner leer ausgegangen. Unter dem Strich schrieb Metro nach einem Verlust im Vorjahr wieder schwarze Zahlen. Die Aktie gehörte dennoch zu den größten MDax-Verlierern.

Permira ist kein weißer ritter bei Hawesko

Am Abend hat Hawesko in einer Adhoc-Nachricht mitgeteilt, dass der Finanzinvestor Permira für den Wein- und Sekthändler Hawesko kein Übernahmeangebot machen werde. Somit wird Permira im Kampf um die Macht bei Hawesko nicht als weißer Ritter die Arena betreten.

Hawesko-Vorstand Alexander Margaritoff, der selbst 30 Prozent hält, sieht sich derzeit einem Übernahmeangebot von Großaktionär Detlev Meyer gegenüber. Dieser bietet 40 Euro je Aktie und hält derzeit 31,3 Prozent. Hawesko hat das Angebot, das am 22. Dezember ausläuft, als zu niedrig abgelehnt. Die Aktie, die nach vorherigen Einstiegsgerüchten stark gestiegen war, gab einen Teil ihrer Gewinne wieder ab.

Isra Vision: Meilenstein erreicht

Jenseits der großen Indizes stand die Aktie von Isra Vision im Blick. Laut vorläufigen Zahlen hat das Darmstädter Robotik-Unternehmen im Geschäftsjahr 2013/14 ein Umsatzplus von 14 Prozent auf 102,5 Millionen Euro erwirtschaftet und das Ergebnis je Aktie nach Steuern um 12,5 Prozent auf 2,97 Euro in die Höhe geschraubt. Die Aktie konnte ihre anfänglichen Kursgewinne aber nicht verteidigen und legte nur leicht zu.

Gewinnwarnung von A.S. Creation

Die Aktie des Tapetenherstellers aus dem Prime Standard verlor nach einer Gewinnwarnung deutlich. Das Unternehmen gehört mit seinen Konzerngesellschaften in Russland zu den Verlierern der aktuellen Krise und erwartet nunmehr einen Verlust für das laufende Jahr. Bisher war sogar mit einer Gewinnsteigerung kalkuliert worden.

H&R: Ein weiterer Ölpreisverlierer

Das Spezialchemieunternehmen aus dem Prime Standard hat wegen der gefallenen Ölpreise eine Gewinnwarnung ausgesprochen. Das prognostizierte operative Ergebnis (Ebitda) werde 2014 voraussichtlich zwischen 29 und 33 Millionen Euro liegen und damit deutlich unter dem angestrebten Jahresziel, erklärte das Unternehmen. Bisher hatte H&R damit gerechnet, ein Ebitda-Vorjahresergebnis "spürbar über dem Vorjahreswert" von 32,6 Millionen Euro zu erzielen.

H&R erwartet vor allem ein schwaches viertes Quartal. Sollte sich der Rohölpreis bei gleichzeitig stabiler Weltkonjunkturlage beruhigen, rechnet der Vorstand aber wieder mit einem soliden Ergebnisverlauf. Die Aktie geriet deutlich unter Druck.

Boeing und 3M verwöhnen ihre Aktionäre

Der US-Flugzeugbauer Boeing hat seine Dividende für das Quartal kräftig um ein ein Viertel auf 91 US-Cent je Aktie angehoben. Gleichzeitig erhöhte Boeing sein Aktienprogramm. Insgesamt sollen Papiere im Wert von zwölf Milliarden US-Dollar zurück erworben werden.

Auch der Mischkonzern 3M, ebenfalls aus dem Dow-Jones-Index, hebt seine Quartalsdividende um ein Fünftel auf 1,025 Dollar an. Im kommenden Jahr will das Unternehmen, das Klebstoffe, Folien und Zubehör herstellt, weiter wachsen. Die Börse hat bereits kräftig Vorschusslorbeeren verteilt, wie der Blick auf den Chart zeigt.

rm

Tagestermine am Dienstag, 20. November

Unternehmen:
Dermapharm: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Westwing: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Easyjet: Jahreszahlen, 8 Uhr
Porsche Automobil Holding: Q3-Zahlen
The Gap: Q3-Zahlen
BASF: Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise gewerbliche Produkte, 8 Uhr
Deutschland: Baugenehmigungen, 8 Uhr
USA: Baubeginne, -genehmigungen, 14.30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"