Dax völlig unberechenbar

Stand: 25.08.2011, 20:00 Uhr

Zuerst sah es so aus, als würde der Dax seinen Erholungskurs fortsetzen, dann der Schock: Binnen Minuten büßte er rund 200 Punkte ein und zerstörte die Hoffnungen auf einen erfreulichen Handelstag. Die manisch-depressive Marktphase ist also noch nicht überstanden

Der deutsche Leitindex ging schließlich mit einem Abschlag von 1,7 Prozent bei 5.584 Punkten aus dem Handel. Im Handelsverlauf war der Dax um bis zu vier Prozent abgestürzt. Erst in den letzten Handelsminuten beruhigte sich die Lage wieder. Der Late-Dax büßte 2,3 Prozent auf 5.565 Punkte ein.

Auch die anderen europäischen Börsen gerieten unter Druck, allerdings hielten sie besser stand: Der Londoner FTSE sank um 1,4 Prozent, der Stoxx 600 um 1,2 Prozent. In Spanien gab der IBEX um 0,8 Prozent nach und der Schweizer SMI verlor 0,6 Prozent. Der stärkste europäische Sektor war der Banksektor, der als einziger mit einem Aufschlag von 0,6 Prozent aus dem Handel ging. Alle anderen Sektoren gaben nach.

Der Handel wurde unterbrochen
Dabei hatte es zunächst noch so ausgesehen, als sei die Erholungstendenz der vergangenen Tage intakt. Zeitweise notierte der Dax bei 5.777 Punkten - in der Spitze ein Plus von 1,7 Prozent. Der Dax wurde also am Donnerstag mit einer erstaunlichen Spanne von mehr als 300 Punkten gehandelt.

Auch die Schwankungsbreite im Handel mit Dax-Werten war auffällig. Bei zwei Dritteln wurde der Handel wegen der hohen Volatilität unterbrochen, teilte die Deutsche Börse mit. Bei den Kursverlusten habe es sich nicht um ein technisches Problem gehandelt, ließ der Börsenbetreiber wissen.

...Rezession, Schuldenkrise, Herabstufung...
Aber worum dann? "Da es keine Erklärung gibt, die allgemein zugänglich ist, kommen gern schnell dümmliche Erklärungsversuche in Form von Gerüchten auf", kommentierte ein Händler. Zwei Erklärungsversuche lauteten: Der US-Sender CNBC berichtete, dass die Stadt Harrisburg in Pennsylvania zahlungsunfähig sein könnte. Das habe den Absturz verursacht, vermuteten Börsianer.

Und: Anderen Marktteilnehmern zufolge hätten Spekulationen über ein erweitertes Leerverkaufsverbot der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) den Dax abrupt nach unten gezogen.

...Hochfrequenzhandel, falscher Knopf gedrückt, Kommastelle verrutscht...?
Es soll sogar das Gerücht verbreitet worden sein, dass Deutschlands Kreditwürdigkeit herabgestuft werde. Die Bestätigung der Triple-A-Einstufung durch die drei großen Rating-Agenturen habe wieder für Beruhigung gesorgt. "In einem hypernervösen Markt wie dem aktuellen, wird auf jedes Gerücht gehandelt - sei es auch noch so abwegig", sagte ein Börsianer.

In den vergangenen galt ferner häufig der sogenannte Hochfrequenzhandel als eine Mitursache für erratische Kursbewegungen und heftige Ausschläge. Der Dow Jones notierte gegen 20 Uhr mehr als ein Prozent leichter.

Banken retten sich
Nur wenige Dax-Werte hielten sich im Plus. Die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank schlossen deutlich fester. Die französische Bank Crédit Agricole hat sich im zweiten Quartal deutlich besser als erwartet geschlagen. Im MDax waren auch die Anteile der Aareal Bank sehr beliebt.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,13
Differenz relativ
+1,52%
RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
19,08
Differenz relativ
+3,47%

Defensive Titel besonders unbeliebt
Versorgertitel fielen weit zurück. Die Unicredit hat die Eon-Aktie von "Buy" auf "Hold" heruntergestuft. Bei RWE wurde das Kursziel von 39,30 auf 25,40 Euro gesenkt die Bewertung bei "Hold" belassen. Auch die Titel von Fresenius und Fresenius Medical Care, die sich zuletzt gut gehalten hatten, wurden verkauft.

Gewinne bei Indus
Die Beteiligungsgesellschaft Indus hat im ersten Halbjahr ihren Umsatz um zehn Prozent auf 540 Millionen Euro verbessert. Der Gewinn konnte sogar fast auf 33,3 Millionen Euro verdoppelt werden. Man habe mit seinem Portfolio von wirtschaftlich starken Mittelständlern von der außerordentlich guten Konjunktur und der hohen Auslandsnachfrage besonders profitieren könnten, teilte das Management des im SDax notierte Unternehmens mit. Die Aktie überstand das Börsengewitter auf Vortagesniveau, hielt sich mithin also recht gut.

Kleine Unternehmen mit Zahlen
Auch einige weniger bekannte börsennotierte Firmen haben sich noch zu Wort gemeldet. Das Biogasunternehmen Envitec berichtete von einem Umsatzanstieg von mehr als der Hälfte im zweiten Quartal und einer Rückkehr des operativen Ergebnisses in die Pluszone. Der Systemanbieter im Bereich UV-Technologie, die Dr. Hönle AG, hat ihre Prognose für das Gesamtjahr erneut angehoben. Der Gewinn stieg in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2010/2011 fast um den Faktor drei. Der Konzertveranstalter Deag wiederum hat sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) im ersten Halbjahr verdoppeln können.

Buffett stützt Bank of America
US-Investorenlegende Warren Buffett springt der angeschlagenen US-Großbank Bank of America bei und kauft mit seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway für 5 Milliarden Dollar Vorzugsaktien. Die Aktie des Instituts legte um mehr als 16 Prozent zu. Buffett hatte in der Finanzkrise bereits der Investmentbank Goldman Sachs mit einer milliardenschweren Geldspritze geholfen. Für die Vorzugsaktien der Bank of America wird Berkshire sechs Prozent Zinsen pro Jahr kassieren.

Jobs-Abgang drückt Apple-Aktie
Die Titel von Apple büßten rund ein Prozent ein. Erwartungsgemäß belastet der Rücktritt von Apple-Chef Steve Jobs. Er könne seine Aufgaben nicht mehr erfüllen, teilte das Unternehmen mit. Konkreter wurde man allerdings nicht. Nachfolger soll der bisherige Chef für das operative Geschäft, Tim Cook, werden.

Milliardengewinne bei Glencore
Der weltgrößte Rohstoffhändler Glencore hat im ersten Halbjahr 2011 dank hoher Rohstoffpreise den Reingewinn um 57 Prozent auf 2,4 Milliarden Dollar gesteigert. Der Umsatz kletterte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 32 Prozent auf 92,1 Milliarden Dollar.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"