Marktbericht 20:00 Uhr

Ein ganz gestörter Börsenstoffwechsel Dax verkriecht sich in der Depression

Stand: 09.12.2014, 20:00 Uhr

Die Sorgen stehen wieder im Vordergrund: Die Turbulenzen am Ölmarkt, das mögliche Wiederaufflammen der Euro-Schuldenkrise, eine Konjunkturdelle in China - damit kamen Anleger heute nicht klar. Vorbei die Euphorie. Der Dax stürzte regelrecht ab.

Natürlich gibt es handfeste Gründe, verunsichert zu sein. Um nur drei zu nennen: China, Griechenland und das Öl. In China machte die Regierung ihren Banken strengere Vorgaben für die Kreditvergabe. Das könnte einen wirtschaftlichen Bremseffekt bewirken, was an den chinesischen Börsen heute einen größeren Kursrutsch auslöste, der Leitindex sackte fünf Prozent abwärts, es war der größte Einbruch seit fünf Jahren. Griechenland sorgte viele Investoren wegen der vorgezogenen Präsidentenwahl in Athen. Könnte sie eine Abkehr vom Sanierungskurs des Landes bedeuten? Der Athener Leitindex stürzte heute jedenfalls 13 Prozent ab. Immerhin ist da ja die Aussicht auf das EZB-Anleiheaufkaufprogramm, das mildert die Angst vor einer Wiederbelebung der Euro-Schuldenkrise ein wenig.

Kurioserweise machen sich Anleger aber sogar Sorgen über etwas, das sie sonst begeistert: über den Preisverfall beim Öl. Obwohl niedrige Energiekosten generell für die Konjunktur gut sind, verunsichert doch das Tempo dieses Rückgangs, erklärten Händler. Seit Ende Juni hat sich der wichtige Rohstoff Öl wegen des weltweiten Überangebots um mehr als 40 Prozent verbilligt.

Dax fällt unter 9.800 Punkte

Anleger ließen sich heute von diesen Sorgen übermannen. Der Deutsche Aktienindex Dax rutschte zeitweise bis auf 9.786 Punkte, stand zum Ende des Xetra-Handels mit einem Tagesverlust von 2,2 Prozent da, bei 9.794 Punkten. Der L-Dax machte etwas Boden gut, verbesserte sich weiter bis auf 9.852 Zähler.

Ticken die Börsen noch normal?

Dabei sind die grundlegenden Fakten die gleichen wie in der vorigen Woche, als der Dax eine neue Bestmarke von 10.093 Punkten ausmachte. Die China-Sorgen gibt es schließlich schon länger, den Ölpreisverfall auch. Warum ist bei Anleger diese Woche also die Börsen-Euphorie so schlagartig vorbei? Die eine Woche himmelhochjauchzend, die andere zu Tode betrübt - nach einer gesunden psychischen Verfassung klingt das nicht. Da stellt sich die Frage: Ticken die Börsen noch normal?

Gestörter Börsen-Stoffwechsel

Die Stimmungsschwankungen sind zwar leicht erklärbar. Das Billiggeld, das die Fed und andere Notenbanken jahrelang in die Märkte pumpten, wo es als Schmiermittel für die Wirtschaft wie die Börsen wirkte, droht zu versiegen, zumindest in Amerika. Niemand weiß, ob die US-Wirtschaft ohne den Schmierstoff auskommt - und derartige Unsicherheit ist Gift für die Börsen. Aber nur weil etwas erklärbar ist, ist es nicht gesünder. Psychische Störungen sind schließlich auch durch Stoffwechselstörungen im Gehirn erklärbar.

Von einem gestörten Stoffwechsel könnte man irgendwie auch bei der derzeitigen Verfassung der Börsen sprechen. Sie arbeiten nämlich seit Jahren nicht mehr nach dem normalen - gesunden - Muster, das da lautet: Eine prosperierende Wirtschaft sorgt für steigende Aktienkurse. Stattdessen haben die Notenbanken die Kurse gemacht, künstlich aufgepeppt. Dieses Aufputschmittel wird in den USA gerade entzogen, das Anleihekaufprogramm ist bereits beendet, in Bälde steht die Zinswende an.

Ändert die Fed nächste Woche ihren Tonfall?

Die Angst davor bestimmte auch heute die Gemütsverfassung der Anleger. Einem Medienbericht zufolge könnte die amerikanische Notenbank nämlich schon bei ihrer Sitzung nächste Woche die Weichen in Richtung Zinserhöhung stellen. Konkret schreibt das "Wall Street Journal", die Fed könnte die Passage streichen, dass der Leitzins für einen "beträchtlichen Zeitraum" nahe der Nulllinie bleibt.

Gold profitiert von wachsender Unsicherheit

Die labile Verfassung der Anleger zeigt sich auch am steigenden Goldpreis, das in unsicheren Zeiten gern als vermeintlich sichere Anlage bevorzugt wird. Die Feinunze verteuerte sich um rund drei Prozent auf 1.238,10 Dollar. Das gelbe Metall ist nun so teuer wie seit fast zwei Monaten nicht mehr. In Euro stieg der Goldpreis auf 995,58 Euro und damit auf den höchsten Wert seit Mitte März dieses Jahres.

Hütchenspiele bei der Deutschen Bank?

In dieser Zeit der Unsicherheit fanden sich heute kaum Aktien mit Pluszeichen, in der Dax-Riege nicht eine einzige. Zu den größten Verlierern zählte das Papier der Deutschen Bank. Die USA verklagen das Institut wegen Verdachts auf Steuerbetrug. Das Institut habe versucht, Geld durch ein Geflecht von Luftbuchungen und Scheinfirmen am US-Fiskus vorbei zu schleusen, so der Vorwurf. "Das war nichts anderes als ein Hütchenspiel", erklärte Bundesanwalt Preet Bharara,

Lufthansa leidet und verliert

Auch die Lufthansa-Aktie gehörte zu den schwächsten Dax-Werten. Die Fluggesellschaft bezifferte den Schaden durch die Piloten-Streiks der vergangenen Monate auf 200 Millionen Euro – das war mehr als zuletzt gedacht. Die heute veröffentlichten Verkehrszahlen zeigen zwar, dass die Airline weiter genug Passagiere hat. Aber das wird mit niedrigeren Ticketpreisen erkauft.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
21,84
Differenz relativ
-5,25%
Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
75,52
Differenz relativ
-0,83%

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,90
Differenz relativ
-0,31%

Unter die Räder geriet auch die Bayer-Aktie. Die Analysten von Merril Lynch strichen ihre Kaufempfehlung, stufen die Aktie nur noch als "Neutral" ein. Vorwochen-Favorit Eon verlor weiter an Boden.

Im MDax weilten Metro-Aktien unter den Top-Verlierern – ein Geschenk von Tesco. Der britische Einzelhändler wartete mit der vierten Prognosesenkung des Jahres auf und schickte damit die Aktie 17 Prozent in den Keller. Schlecht für Anlegerlegende Warren Buffett, der seinen Einstieg bei Tesco 2007 bereits als "Riesenfehler" bezeichnete. In den Tesco-Sog gerieten heute auch die Titel der britischen Rivalen Morrisons, Sainsbury sowie in Frankfreich Carrefour.

BMW: Der Neue heißt Harald Krüger

Am Vormittag läutete BMW das Ende einer Ära ein: Chef Norbert Reithofer wird seinen Posten bei dem Autobauer im kommenden Jahr vorzeitig abgeben. Derbisherige Produktionsvorstand Harald Krüger soll neuer Vorstandschef werden.

Barclays senkt Daumen für Versicherer

Im Dax und MDax standen heute zudem Versicherungstitel unter Druck. Die britische Investmentbank Barclays hat die deutschen Branchenvertreter durch die Bank herabgestuft: Allianz auf "Equal Weight", Münchener Rück und Hannover Rück sogar auf "Underweight".

ThyssenKrupp: Zu ambitionierte Ziele?

Auch die ThyssenKrupp-Aktie wurde von Analysten abgestraft. Die UBS senkte das Kursziel für den Dax-Titel von 16,00 auf 15,50 Euro gesenkt und erneuerte die Verkaufsemempfehlung. Der Glaube des Industrie- und Stahlkonzerns und des Marktes an einen positiven Free Cash Flow im Geschäftsjahr 2014/15 sei zu ehrgeizig.

Henkel-Aktien konnten sich wenigstens phasenweise als Gewinner im wichtigsten deutschen Aktienindex behaupten, dank einer Kaufempfehlung der Commerzbank. Im kommenden Jahr sollten sinkende Rohstoffkosten sowie der schwächere Euro für Rückenwind sorgen, so die Begründung.

Biotest: Positive Studiendaten

In der zweiten Reihe gab es durchaus ein paar Aktien mit Pluszeichen. Im SDax profitierten Biotest von positiven Testergebnissen. Der Antikörper BT-062 zeigte ermutigende Daten im Rahmen einer Kombinationstherapie bei einer Krebserkrankung des Knochenmarks.

Gute Tests auch bei Novartis

Auch die Schweizer Novartis konnte mit guten Testergebnissen aufwarten. Bei Langzeitstudien sowohl zum bereits zugelassenen Medikament Jakavi (Ruxolitinib) bei der Behandlung der seltenen Blutkrebsart Myelofibrose als auch zum Leukämie-Medikament Tasigna verbuchte der Pharmariese Erfolge.

WCM unter Druck

Jenseits der großen Indizes rutschte die WCM-Aktie ab. Zwar kommt die berüchtigte Beteiligungsgesellschaft bei ihrem Neustart mit Gewerbeimmobilien voran, sie erwarb drei Büro- und eine Industrieimmobile. Das nötige Geld (81 Millionen Euro) liegt allerdings nicht in der Portokasse, WCM muss es über eine Kapitalerhöhung reinholen, was Anleger verschnupfte.

PNE Wind verklagt Großaktionär

Starke Kursverluste auch bei PNE Wind. Es gibt Streit im Aufsichtsrat, genauer gesagt mit Volker Friedrichsen. Gegen dessen Beteiligungsfirma zieht PNE Wind vor Gericht. Der Projektentwickler will einen Millionenschaden in Zusammenhang mit der Übernahme der WKN AG gerichtlich geltend machen und fordert rund 6,2 Millionen Euro Schadenersatz, wegen "nicht dargelegter Projektrisiken" einzelner Windparks.

SMA-Vorstände kaufen SMA-Aktien

Deutliche Rücksetzer auch bei der SMA-Solar-Aktie. Dabei unterstrich das Top-Management des angeschlagenen Solarunternehmens seine Hoffnung in die Zukunft des eigenen Unternehmens. Die vier Vorstandsmitglieder kauften Aktien für zusammen mehr als 500.000 Euro.

Chefwechsel bei Abercrombie & Fitch

Beim zuletzt gebeutelten Modekonzern Abercrombie & Fitch sorgte der Rücktritt von Firmenchef Michael Jeffries für einen Kursanstieg von sechs Prozent. Jeffries hatte den Konzern 22 Jahre geleitet. Schwache Handelsgeschäfte belasten die US-Banken Citi und Bank of America (BofA). Für das vierte Quartal erwarten sie niedrigere Einnahmen aus ihren Handelsaktivitäten. Die Citi wird außerdem 2,7 Milliarden für Rechtskosten zurückstellen.

Zumtobel strahlt wieder heller

Beim österreichischen Leuchtenhersteller Zumtobel trägt der Konzernumbau erste Früchte. Im zweiten Quartal 2014/15 verdoppelte sich der Nettogewinn.

bs

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 24. September

Unternehmen:
Manchester United: Q4-Zahlen, 8:00 Uhr
Total: Strategie-Update, 8:00 Uhr
Roche: Business-Update, 17:00 Uhr
Nike: Q4-Zahlen, 22:15 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Großhandelspreise 8/18, 8:00 Uhr
USA: FHFA-Index 7/18, 15:00 Uhr
USA: Verbrauchervertrauen 09/18, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Hong Kong/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen