Marktbericht 20:12 Uhr

Kurs-Talfahrt setzt sich fort Dax verfängt sich in der Brexit-Falle

Stand: 06.07.2016, 20:12 Uhr

An den europäischen Aktienmärkten hat sich zur Wochenmitte die Stimmung weiter eingetrübt. Die Ungewissheit um die Brexit-Folgen und die Angst vor einer Wirtschaftslaute in Europa zogen die Kurse nach unten. Nur an den US-Börsen gab's einen Lichtblick.

Brexit, Brexit, Brexit! In den vergangenen Woche noch glaubten die Anleger, die Folgen des Brexit seien nicht so schlimm. Die Börsen gingen auf Erholungstour. Nun aber greift die Verunsicherung wieder um sich. Der Brexit könnte womöglich die Konjunkturerholung in Europa stärker bremsen als gedacht. Die Banken müssten bei einer Wirtschaftsflaute mit Kreditausfällen rechnen. Fed-Vertreter William Dudley sprach vom Brexit als einer der dunkelsten Wolken am weltweiten Konjunkturhorizont.

Krise in Großbritannien verunsichert Anleger

Wegen der unklaren politischen Lage in Großbritannien fiel das Pfund am Mittwoch auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren. Erstmals seit 1985 rutschte die Währung unter die Marke von 1,30 Dollar. Zeitweise lag das Pfund bei knapp unter 1,28 Dollar. Im Tagesverlauf erholte sich die Währung wieder etwas, blieb aber angeschlagen. Die beiden Investmentgesellschaften der Versicherer Aviva und Standard Life froren milliardenschwere Immobilienfonds ein, weil Anleger zu viel Geld auf einmal abziehen wollten und es Sorgen vor einem Liquiditätsengpass gab. Manche Anleger fühlten sich schon als die Finanzkrise 2008/09 erinnert.

Dritter Minustag in Folge

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.765,94
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+0,82%

Wegen der Ungewissheit über die Folgen des Brexit und wegen der weiter schwelenden Angst vor einer italienischen Bankenkrise mieden die Anleger Aktien. Der Dax fiel den dritten Tag in Folge und sackte erneut um 1,7 Prozent ab. Zeitweise wackelte gar die Marke von 9.300 Punkten. Dass die Verluste nicht noch höher ausfielen, lag an der Wall Street.

ISM-Index hievt Wall Street ins Plus

Der Dow machte bis zum Abend seine anfänglichen Verluste komplett wett und drehte leicht ins Plus. Neue Konjunkturdaten gaben Auftrieb. Überraschend hellte sich die Stimmung im Dienstleistungssektor auf. Der Einkaufsmanager-Index des ISM stieg von 52,9 auf 56,5 Punkte. Volkswirte hatten nur mit einem geringen Zuwachs auf 53,5 Zähler gerechnet.

Fed zögerte wegen Brexit-Votum

ARD-Börsenstudio: Jan Plate
Audio

Börse 20.15 Uhr

Am Abend wurde das Protokoll zur letzten Sitzung der US-Notenbank veröffentlicht. Demnach hat sich die US-Notenbank im Juni wegen der Unsicherheit über die Entwicklung am amerikanischen Arbeitsmarkt und möglichen Folgen eines Brexit-Votums in Großbritannien gegen eine Zinserhöhung entschieden. Die so genannten "Fed Minutes" zeigten zunächst kaum Wirkung an der Wall Street.

Gold auf Zweieinhalb-Jahreshoch

Gold in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1.225,40
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-0,16%

Die Brexit-Verunsicherung trieb die Anleger erneut in "sichere Häfen" wie Bundesanleihen und Gold. Die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen fiel abermals auf ein Rekordtief von minus 0,20 Prozent. Der Goldpreis kletterte auf den höchsten Stand seit März 2014. Das gelbe Edelmetall kostete zeitweise 1.371 Dollar je Feinunze. Seit dem Brexit-Votum hat sich Gold um rund 110 Dollar verteuert.

Yen bleibt sicherer Hafen

US-Dollar in Yen: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
112,74
Differenz relativ
-0,09%

Auch der Yen wurde als "Sicherer Hafen" angesteuert. Ein Dollar kostete am Mittwoch nur noch wenig mehr als 100 Yen. Zum Vergleich: Im August 2015 kostete der Dollar noch 125 Yen. Der Yen ist derzeit die einzige große Währung, die zum Dollar zulegt. Der Euro legte eine Berg- und Talfahrt hin. Nachdem er bis auf 1,1036 Dollar gefallen war, rappelte er sich wieder auf und stieg bis zum Abend Richtung 1,11 Dollar.

Ölpreise geben leicht nach

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
73,00
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+0,56%

Der Ölpreis neigt derweil zur Schwäche. Ein Fass der Nordseesorte Brent kostete am Abend 47,70 US-Dollar- 26 Cent weniger als am Dienstag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel um 15 Cent auf 46,45 Dollar. "Unsicherheiten und Sorgen darüber, wie der Brexit die Märkte beeinflussen wird, dürften noch eine lange Zeit anhalten", sagte Will Yun, Rohstoffexperte beim Finanzdienstleister Hyundai Futures. "Das erhöht die Volatilität bei den Ölpreisen."

Deutsche Börse will über London-Sitz reden

Deutsche Börse: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
120,25
Differenz relativ
+0,67%

Im Dax gab es nur zwei Gewinner: Adidas und die Deutsche Börse. Die Fusionspläne der Frankfurter und Londoner Börse könnten angepasst werden. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht inzwischen den geplanten Hauptsitz in London kritisch. Es müsse im Fall eines Brexit sichergestellt sein, dass für die Börse europäische Regulierungsvorschriften angewendet würden. Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter würde wohl notfalls einen doppelten Firmensitz akzeptieren, um die Fusion zu retten. Der Frankfurter Börsenbetreiber gab zudem den Verkauf seiner Finanznachrichtenagentur MNI an die Beteiligungsgesellschaft Hale Global bekannt.

Deutsche Bank und Commerzbank auf Rekordtief

Einen schwarzen Tag gab es erneut für Bankentitel. Die Angst vor den Auswirkungen des Brexit und vor einer italienischen Bankenkrise drückten die Aktien der Deutschen Bank um fast sechs Prozent auf erstmals unter 12 Euro. Da halfen auch die Spekulationen nicht, dass das Geldinstitut Schiffskredite mit einem Volumen von einer Milliarde Dollar verkaufen wolle. Auch die Commerzbank-Aktien rutschten um 3,5 Prozent ab und schlossen auf einem Tiefststand. An der Schweizer Börse purzelten die Titel der Credit Suisse erstmals unter die Marke von zehn Franken.

Barclays stuft Infineon ab

Unter Druck stand ebenfalls Infineon mit einem Minus von fast fünf Prozent. Die Barclays-Bank hat die Infineon-Aktie von "Overweight" auf "Equalweight" und das Kursziel von 14,00 auf 13,50 Euro gesenkt. Analyst Andrew Gardiner reduzierte in einer Branchenstudie zu europäischen Hardwareunternehmen vom Mittwoch die zyklischen Risiken.

Geländewagen von Daimler gefragt

Gut läuft's indes bei Daimler. Der Stuttgarter Autobauer lieferte im Juni weltweit 188.444 Fahrzeuge aus - ein Plus von rund elf Prozent. "Wir haben dieses Jahr bereits im Juni die Millionenmarke geknackt und damit das bisher stärkste Halbjahr der Unternehmensgeschichte erzielt", sagte Vertriebsvorstand Ola Källenius. Seit Jahresanfang wurden mehr als eine Million Fahrzeuge abgesetzt.

Schub für CropEnergies

Die Südzucker-Tochter CropEnergies hat im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2016/17 das Ebitda von 22 auf 28 Millionen Euro deutlich gesteigert. Grund waren niedrigere Rohstoffpreise und geringere Kosten. Der Umsatz ging wegen des temporären Stillstands einer Produktionsanlage in Großbritannien um 15 Prozent auf 168 Millionen Euro zurück. Den Ausblick hatte das Unternehmen bereits im Juni angehoben, jetzt wurden die guten Zahlen bestätigt.

Stada findet neue Kandidaten für den Aufsichtsrat

Zu den wenigen Gewinnern im MDax zählten die Aktien von Stada. Der Generikahersteller hat neue Kandidaten für den Aufsichtsrat vorgestellt. Sie werden auf der Hauptversammlung am 26. August den Aktionären vorgeschlagen. Stada steht seit einiger Zeit unter Beschuss von aktivistischen Investoren, die beim Umbau des Aufsichtsrats mitreden wollen.

Apple-Studie drückt Dialog

Schlusslicht im TecDax war Dialog Semiconductor mit einem Minus von fast fünf Prozent. Ein negativer Analystenkommentar zu Apple belastete die Aktie. Die Experten von Pacific Crest rechnen mit einer schwachen Nachfrage nach dem iPhone 7 von Apple. Die Sorge über möglicherweise schlechtere Geschäfte mit dem wichtigen Kunden Apple hat in den letzten zwölf Monaten den Kurs von Dialog stark gedrückt.

Beate Uhse kann Zinsen später zahlen

Der Erotikhändler Beate Uhse kann durchatmen. Bei einem zweiten Gläubigertreffen billigten die Investoren den Aufschub einer Zinszahlung für die fünfjährige Mittelstandsanleihe. Die Verpflichtungen in Höhe von über zwei Millionen Euro wären am kommenden Samstag fällig geworden. Für die Anleihe mit einem Volumen von 30 Millionen Euro hat Beate Uhse einen jährlichen Zins von 7,75 Prozent versprochen.

Stabilus schließt Kapitalerhöhung erfolgreich ab

Der Autozulieferer hat bei institutionellen Investoren 3,98 Millionen Aktien zu 40 Euro platziert und damit 159 Millionen Euro eingenommen. Mit dem Geld will Stabilus die Rechnung für Firmenkäufe aus der Vergangenheit begleichen. Stabilus will sich mit den Ende April vereinbarten Zukäufen von ACE, Hahn Gasfedern und Fabreeka/Tech Products weniger abhängig von der Autoindustrie machen.

Fahnder ermitteln gegen Ryanair-Piloten

Die Aktien von Ryanair rutschten um rund vier Prozent ab. Polizei und Zoll haben an mehreren Ryanair-Flughäfen in Deutschland Piloten der irischen Billigfluglinie vernommen. Es gehe um mutmaßlichen Steuer- und Sozialversicherungsbetrug von Partnerfirmen der Airline, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt. Nach Angaben des Rechercheverbunds von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung standen sogenannte Vertragspiloten, die als Selbstständige über Personaldienstleiter für Ryanair fliegen, im Visier der Fahnder. Das Modell sei sehr günstig für die irische Airline.

Iliad greift Telecom Italia an

In Italien ging es mit den Aktien von Telecom Italia deutlich abwärts. Die Titel sackten um fast zehn Prozent ab. Mit der französischen Iliad droht der Telecom Italia mehr Konkurrenz auf dem italienischen Mobilfunk-Markt. Die Franzosen einigten sich mit dem in Italien aktiven Konzern Hutchinson über den Kauf von Frequenzen und Infrastruktur. Die Zustimmung der Wettbewerbshüter für den Deal steht noch aus.

nb

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr