Marktbericht 20:00 Uhr

Am Öl hängt doch alles Dax steht am Scheideweg der 9.800

Stand: 10.12.2014, 20:00 Uhr

Wohin geht die Reise für den Deutschen Aktienindex? Charttechniker warnen vor einem Rückfall unter 9.800 Zähler, was einem Bruch des mittelfristigen Aufwärtstrends gleichkäme; ein Abwärtssignal. Aber noch ist das nicht abgefeuert, auch wenn der Dax ganz knapp unter der Marke schloss.

Der Auftakt heute Morgen hatte noch nach einer mutigen Gegenbewegung ausgesehen, getragen von den guten Vorgaben aus China und den USA. Der Dax schien die herben Verluste von gestern ausbügeln zu wollen. Doch schon nach wenigen Handelsminuten verließ Anleger wieder der Mut, bei 9.909 Zählern war die Erholung des Dax' vorbei. Gleichwohl hielt sich das Börsenbarometer im Tagesverlauf deutlich in der Pluszone, bis die schwache Eröffnung der US-Börsen den deutschen Leitindex ins Minus drückte. Am Ende schaffte es der Dax dann mit Ach und Krach wieder ins Plus, schloss mit einem Tagesgewinn von 6 Punkten bei 9.799,73 Punkten, wobei der L-Dax im späten Handel auf 9.782 nachgab. Der Index hält sich also noch dicht an der kritischen Marke, deren nachhaltiges Unterschreiten Charttechniker als alarmierend einstufen würden.

Ölpreis gibt weiter nach

Gleichwohl verdarb der stark gesunkene Ölpreis Börsianern dies- wie jenseits des Atlantiks die Kauflaune. "Öl scheint derzeit das beherrschende Thema zu sein, das mehr Einfluss auf die Richtung der Kursentwicklung hat als jedes andere", sagte Peter Kenny, Finanzmarktexperte bei der Clearpool Group. Den Leitindex Dow Jones drückte es zum New Yorker Mittagshandel sogar ein Prozent ins Minus, auf 17.630 Punkte. Zwar ist der Preisrückgang des Rohstoffes eigentlich förderlich für Unternehmen, weil deren Kosten sinken, und damit ist es generell förderlich für die Börse.

Doch nährt der Preisrückgang zugleich Zweifel an der Erholung der Weltkonjunktur. Seit Ende Juni hat sich Brent-Öl um fast 50 Dollar pro Fass verbilligt, weil Händlern zufolge seit längerem mehr Öl produziert als gebraucht wird. Das liegt aber nicht nur an der eher mauen Weltkonjunktur, sondern auch daran, dass sich die Öl-Förderländer nicht zu einer Kürzung der Produktion durchringen können. Heute ging jedenfalls nochmals abwärts wegen der starken Öl-Lagerbestände. Die Nordseeölsorte Brent fiel um rund vier Prozent auf 64,04 Dollar je Barrel, die 159 Liter kosteten damit so wenig wie zuletzt im Juli 2009.

Ganz konkret leiden Firmen der Energiebranche darunter, für sie das Geldverdienen nämlich schwerer, was heute deren Aktienkurse an der Wall Street belastete. Chevron und ExxonMobil sackten ab, ebenfalls die Titel der Öldienstleister Halliburton und Nabors Industries. BP als einer der Leidtragenden zieht jetzt die Konsequenzen; der britische Ölkonzern kündigte Restrukturierungen von einer Milliarde Dollar an.

Athen-Crash geht weiter

Eine gewisse Verunsicherung herrschte an den deutschen Börsen weiterhin wegen der vorgezogen Parlamentswahlen in Griechenland, die nächsten Mittwoch in die erste Runde gehen. Sie könnten der oppositionellen Partei Syriza den Sieg bringen, die gegen den Sparkurs der aktuellen, konservativen Regierung in Athen ist. Das wird von den Finanzmärkten zwar mit einer gewissen Sorge gesehen, könnte das doch die Euro-Schuldenkrise zurückbringen.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,1407
Differenz relativ
-0,39%

Andererseits vertrauen Börsianer darauf, dass die EZB bald ihr schärfstes Schwert zückt: den breitangelegten Kauf privater und öffentlicher Wertpapiere, im Fachjargon quantitative Lockerung genannt. Daher blieb auch der Euro von der Athen-Krise unbeindruckt, er kletterte sogar über die Marke von 1,24 Dollar.

In Athen bleibt aber das Unbehagen, dort ging es am Aktienmarkt nach dem gestrigen Crash mit einem Kurssturz von 13 Prozent weiter abwärts. Der Leitindex verlor noch einmal drei Prozent. Die große Angst zeigte sich auch an den steigenden Renditen für zehnjährige griechische Staatsanleihen sowie den stark verteuerten CDS, den Absicherungspapiere für Anleihen.

Gold bleibt stark

Gold wurde heute seinem Ruf als Krisengewinner gerecht. Das gelbe Edelmetall konnte die gestrigen außerordentlichen Kursgewinne von rund drei Prozent heute immerhin verteidigen. Es stieg in Dollar bis auf 1.237 Dollar. In Euro ging es für die Feinunze sogar bis auf 999,43 Euro und konnte sich so seinem Jahreshoch bei 1.000,88 Euro bis auf wenige Cent annähern.

Erholungsfahrt von Bayer, BMW und RWE

Viele Dax-Aktien erholten sich trotz der nur verhaltenen Dax-Entwicklung von den gestrigen Verlusten deutlich. Bayer war gestern nach einem verhaltenen Analystenkommentar unter Druck geraten, was Anleger heute nicht mehr interessierte. Auch BMW machte Boden gut. Heute wurden die guten Absatzzahlen im November gefeiert, die gestrigen Sorgen um das China-Geschäft beiseite geschoben.

Eon und RWE trotz Problemen obenauf

Aktien von Eon und RWE waren ebenfalls wieder gefragt, dabei haben es die mit den Folgen der Energiewende kämpfenden Versorgungskonzern weiter schwer. RWE schließt Kündigungen nicht mehr aus, doch die Gewerkschaft Verdi fordert höhere Löhne und eine Job-Garantie. Am Freitag berät der Aufsichtsrat, wie es weiter geht. Gerüchten zufolge wird dabei auch über die Dividende beraten. Der hoch verschuldete Eon-Konzern hatte heute negative Neuigkeiten seiner Brasilien-Beteiligung: Eneva erklärte seinen Bankrott, beantragte Gläubigerschutz.

Infineon erhält Glanz durch Broadcom

Infineon setzte sich an die Dax-Spitze, was mit dem guten Geschäftsausblick von Broadcom zusammenhing. Der US-Halbleiterkonzern schraubte seine Umsatzprognose für das vierte Quartal etwas nach oben. Am Markt wird nun spekuliert, ob die erst vor kurzem abgegebene Geschäftsprognose des deutschen Chip-Herstellers nicht doch zu pessimistisch war.

T-Aktie leidet unter US-Tochter

Mit Abstand schwächster Wert im Dax war dagegen die T-Aktie. Das lag an einer Kapitalerhöhung der amerikanischen Mobilfunktochter T-Mobile US. Zusätzlichen Ballast für die T-Aktie lieferte die LBBW, die ihre Kaufempfehlung strich.

Lufthansa ändert Dividendenpolitik

Auch die Lufthansa-Aktie blieb heute auf dem absteigenden Ast. Zwar sprach der Branchenverband IATA von einer vielversprechenden Gewinnentwicklung der Airlines wegen des gesunkenen Ölpreises. Doch die Lufthansa leidet derzeit mehr unter dem Ärger im eigenen Haus. Der Streit mit ihren Piloten geht weiter, die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit lehnte heute das Schlichtungsangebot des Konzerns ab. Ob es neue Streiks gibt, ließ sie offen. Nach Börsenschluss gab die Airline neue Dividendenregeln bekannt. Sie will nur noch 10 bis 25 Prozent des Ebit ausschütten, statt bisher 30 bis 20 Prozent des operati9ven Ergebnisses. Das hängt mit geänderten Abschreibungsregeln der Flugzeuge zusammen, und soll unterm Strich nicht zum Nachteil der Aktionäre sein. Die absolute Dividendenausschüttung sei damit in gleicher Größenordnung wie bisher möglich, versicherte der Konzern. Ob es auch tatsächlich so wird, bleibt abzuwarten.

Airbus hat Ärger mit dem A350

Im MDax lieferte Airbus die Aufregernachricht: Die Airline muss die Auslieferung des neuen Großraumjets A350 an Qatar Airways verschieben. Ob die arabische Airline wie zuvor schon beim A380 etwas zu bemängel hat, ist unklar. Anleger nahmen Reißaus, vor allem US-Investoren. Die Airbus-Aktie sackte zeitweise zwölf Prozent durch bis auf 42,53 Euro, konnte dann aber zum Handelsende einen kleinen Teil der Verluste wett machen.

Tui macht wieder Gewinn

Auch MDax-Kollege Tui zog die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich. Der Reisekonzern schreibt vor der Fusion mit der Tochter Tui Travel wieder schwarze Zahlen. Das zog viel Lob auf sich, von Analysten, aber auch von Seiten der Ratingagenturen. Doch die starken Kursgewinnen der Tui-Aktie schmolzen schnell wieder dahin, weil Unsicherheit herrschte über die Fortschritte beim angedachten Börsengang der Reederei-Beteiligung Hapag-Lloyd.

Fraport im Aufwind

Die Fraport-Aktie tauchte schließlich ins Minus - trotz guter Neuigkeiten. Der Frankfurter Flughafenbetreiber verbuchte im November weitere Zuwächse, die Zahl der Fluggäste stieg um 2,5 Prozent auf 4,44 Millionen. Im Cargo-Geschäft ging ebenfalls aufwärts.

Petrotec vor der Übernahme?

Jenseits der großen Indizes schnellt die Pennystock-Aktie der Petrotec AG um knapp 39 Prozent in die Höhe. In der Nacht zum Mittwoch hatte die REG European Holdings, eine indirekte 100-prozentige Beteiligung der US-Firma Renewable Energy Group, ein öffentliches Übernahmeangebot für den deutschen Biodiesel-Hersteller angekündigt. Wichtige Details wie der Preis je Aktie sollen noch festgelegt werden.

Warnung von Solar-Fabrik

Einen herben Kurseinbruch von einem Fünftel erlitt dagegen die Aktie von Solar-Fabrik. Das Unternehmen warnte: Wegen des Preisverfalls wird das Ergebnis deutlich negativ ausfallen.

bs

Tagestermine am Dienstag, 20. November

Unternehmen:
Dermapharm: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Westwing: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Easyjet: Jahreszahlen, 8 Uhr
Porsche Automobil Holding: Q3-Zahlen
The Gap: Q3-Zahlen
BASF: Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise gewerbliche Produkte, 8 Uhr
Deutschland: Baugenehmigungen, 8 Uhr
USA: Baubeginne, -genehmigungen, 14.30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"