Dax steht am Abgrund

Angela Göpfert

Stand: 24.06.2010, 20:02 Uhr

Erneute Spekulationen um eine Ausweitung der europäischen Schuldenkrise haben am Donnerstag die Stimmung an den Börsen getrübt. Investoren kannten darauf nur eine Antwort: Verkaufen! Der deutsche Leitindex musste empfindliche Verluste hinnehmen - und sollte nun besser rasch die Kurve bekommen.

Eine schnelle Zurückeroberung des Widerstandes bei 6.130 Punkten an den kommenden Handelstagen hat absolute Priorität. Sollte der Dax daran nämlich scheitern, so müsste der heutige Abschlag von 1,4 Prozent auf 6.115 Zähler als klare Bestätigung des kurzfristigen Abwärtstrends gewertet werden. Weitere Kursverluste wären dann die logische Folge.

Zumal auch beim weltweit wichtigsten Index die charttechnische Lage als extrem verfahren gelten muss, notiert der amerikanische S&P 500 doch deutlich unter seiner 200-Tage-Linie und sendet damit ein deutliches Verkaufssignal. Auch am Donnerstag dominierten an der Wall Street die Kursverluste. Der S&P 500 konnte sein Minus bis zum Parkettschluss in Frankfurt auf 0,7 Prozent eingrenzen, der Dow-Jones-Index gab rund ein halbes Prozent nach.

Bankaktien dort wie ...
Vor allem Bankaktien wurden massiv verkauft. Anleger befürchteten wegen der geplanten Finanzmarktreform in den USA strengere Regeln für den Wertpapierhandel von Geldhäusern. Noch in dieser Woche sollen die beiden Vorlagen zur Reform aus Senat und Repräsentantenhaus in Einklang gebracht werden. Aktien von Bank of America, JP Morgan Chase und Citigroup knickten jeweils um mehr als zwei Prozent ein.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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...hier auf den Verkaufslisten
Auch hierzulande waren Bankaktien nicht begehrt. Der europäische Stoxx-Bankenindex gab um 3,2 Prozent nach. Zu den größten Verlierern zählten die griechischen Institute Bank of Piraeus und Alpha Bank mit einem Minus von jeweils knapp fünf Prozent. Aber auch französische Banken standen nach der Herabstufung der Kreditwürdigkeit von BNP Paribas durch Fitch weiter auf der Verkaufsliste. Commerzbank und Deutsche Bank zählten mit einem Minus von jeweils 2,7 und 2,3 Prozent zu den größten Verlierern im Dax.

Anleger irre nervös
In Europa lasteten vor allem erneute Spekulationen um eine Ausweitung der Schuldenkrise in der Schuldenzone auf Bankaktien. Die Versicherungen gegen einen Zahlungsausfall von griechischen Anleihen kletterten auf einen neuen Rekordwert. Die Märkte rechnen mittlerweile mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 57 Prozent damit, dass Griechenland innerhalb von fünf Jahren Pleite gehen wird.

"Das macht Anleger natürlich sofort nervös", sagte ein Händler. Ablesen lässt sich diese Nervosität am VDax New, der Volatilitätsindex schoss heute auf über 25 Punkte und damit auf den höchsten Stand seit neun Tagen. Mehr dazu lesen Sie in unserem Hintergrund-Artikel: Wehe wenn der VDax steigt.

Starker Abgabedruck bei Infineon
Infineon-Aktien waren mit einem Minus von 4,5 Prozent die größten Dax-Verlierer - und das obwohl der Halbleiterkonzern auf einer Investorenkonferenz seine Ziele bestätigt und gar eine Dividende in Aussicht gestellt hatte. Am Abend stimmten Infineon und fünf weitere Chip-Firmen in einem Kartellstreit in den USA einer Zahlung von 140 Millionen Euro zu. Ihnen wurde vorgeworfen, die Preise für ihre Halbleiter abgesprochen zu haben.

Sportlich abwärts
Die Adidas-Aktie stellte mit einem Minus von 4,0 Prozent den zweitgrößten Dax-Verlierer. Im MDax gab die Puma-Aktie 2,3 Prozent nach. Rivale Nike hatte trotz brummender Geschäfte zur Fußball-WM vor zu hohen Erwartungen gewarnt. Die Gründe: der zuletzt gestiegene Dollar und höhere Beschaffungskosten.

Kompromiss bei Lufthansa
Am Abend teilten Lufthansa und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit übereinstimmend mit, sie hätten sich auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Der Kompromiss sehe unter anderem eine Nullrunde bis März 2011 und die Vermeidung der Auslagerung von Arbeitsplätzen vor.

Aktionäre in Aufruhr
Unterdessen stößt Fresenius mit seiner geplanten Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) sowie von Vorzugs- in Stammaktion auf Widerstand. Beim Landgericht Frankfurt seien drei Anfechtungsklagen eingegangen, teilte Fresenius am Donnerstag auf seiner Internet-Seite mit. Fresenius-Aktien legten 0,4 Prozent zu.

BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Autobranche zu neuer Stärke erwacht?
Gegen den allgemeinen Verkaufsdruck konnten sich neben defensiven Titeln zeitweise die Auto-Aktien stemmen. BMW prüft wegen der bislang überraschend guten Geschäfte eine Anhebung des Jahresausblicks 2010. Ein optimistischer Ausblick von Daimler für seine Lkw-Sparte gab den Branchen-Titeln zusätzlich Auftrieb. Trotzdem schlossen beide Titel im Minus, einzig VW konnte 0,6 Prozent zulegen.

Deutsche Post: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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28,17
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Wenn der Postmann ...
Auch die Aktie der Deutschen Post war gegen den allgemeinen Markttrend gefragt: Goldman Sachs hatte das Kursziel für den Dax-Titel von 18,50 auf 18,30 Euro gesenkt, die Einstufung aber auf "Conviction Buy" belassen.

Sky ganz begehrt
Im MDax tat sich die Sky-Aktie mit einem Sprung um 1,8 Prozent hervor. Der Pay-TV-Anbieter will seine Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Kabelnetzbetreiber Kabel BW ausbauen. Zudem berichtete das "Manager Magazin", dass Hauptaktionär Rupert Murdoch offenbar die Einsetzung seines Vertrauten Chase Carey in den Sky-Aufsichtsrat plane.

Gildemeister in der Gerüchteküche
Noch stärker begehrt waren Gildemeister-Aktien, hier betrug das Plus 2,1 Prozent. Ein "FTD"-Bericht hatte erneut Spekulationen angeheizt, dass der japanische Konkurrent Mori Seiki sich stärker an dem deutschen Werkzeugmaschinenbauer beteiligen oder diesen gar übernehmen könnte.

Gea auf Erholungskurs
Der Maschinenbaukonzern Gea hielt positive Nachrichten für seine Aktionäre parat. Man spüre seit März eine Erholung im Auftragseingang. Allein im Mai bekamen die Bochumer 21 Prozent mehr Aufträge als im Jahr zuvor. Im ersten Quartal waren die Orders im Vergleich zum Vorjahr noch um knapp 6 Prozent rückläufig gewesen. Die Gea-Aktie büßte dennoch 3,1 Prozent ein.

Medigene immer noch auf Partnersuche
Im TecDax haussierten Medigene-Aktien mit einem Aufschlag von 8,7 Prozent. Das Krebsmittel Endotag hatte in einer klinischen Studie der Phase II positiv abgeschnitten. Doch die weitere Entwicklung bis zur Marktreife ist teuer, Medigene hofft daher weiterhin auf einen finanzstarken Partner.

Mega-Deal für Roth & Rau
Medigene-Aktien auf den Füßen waren Titel von Roth & Rau mit einem Plus von 3,4 Prozent. Der auf die Solarindustrie spezialisierte Anlagenbauer hatte einen Auftrag über rund 92 Millionen Euro aus Indien für eine Produktionslinie für die Waferfertigung erhalten.

SDax-Zwerg schnuppert Höhenluft
Im SDax schossen Papiere von Wacker Neuson 5,1 Prozent in die Höhe. Der kleine deutsche Konzern hat mit dem weltgrößten Baumaschinenhersteller Caterpillar eine Kooperation vereinbart. Wacker wird Hydraulik-Minibagger bis zu drei Tonnen exklusiv für Caterpillar entwickeln und fertigen.

Envio-Talfahrt und kein Ende?
Unterdessen will das Trauerspiel bei Envio einfach kein Ende nehmen. Der Umweltdienstleister kündigte am Abend an, die Veröffentlichung seines Geschäftsabschlusses verschieben zu müssen. Es geht darum zu klären, ob und in welcher Höhe noch Rückstellungen aufgrund der Betriebsstilllegung in Dortmund zu bilden sind. Dem Unternehmen droht nun der Rauswurf aus dem Entry Standard. Die Envio-Aktie rutschte im späten Parketthandel weiter ab und notierte nur noch unweit ihres Allzeittiefs von 0,80 Euro.

IQ-Power-Partner braucht mehr Zeit
Auch die IQ-Power-Aktie geriet im späten Parketthandel unter Druck: Das Batterieunternehmen musste zugeben, dass sich die Verhandlungen zur Gründung eines Joint Ventures hinzögen. Der US-Partner hatte eine Verlängerung der 90-tägigen Frist zur finalen Vertragsunterzeichnung um weitere 45 Tage beantragt.

Pfizer nicht begehrt
An der Wall Street stand neben dem Sportartikel-Hersteller Nike auch die Pfizer-Aktie mit hohen Kursverlusten im Blickpunkt. Der weltgrößte Arzneimittelhersteller stoppte alle klinischen Tests mit einem neuen Arthritis-Mittel, weil sich bei einigen Patienten die Gelenk-Erkrankung verschlimmerte.

Kein Spiel?!
Zu den gefragten Werten an der Wall Street zählten hingegen Hasbro-Aktien. Der weltweit zweitgrößte Spielwarenhersteller hat einen Finanzinvestor abgewiesen, der das Unternehmen kaufen wollte. Es gebe kein Interesse an einem solchen Geschäft, sagte Hasbro und widersprach damit einem Bericht des "Wall Street Journal".

Minenwerte von Wachstumssorgen gequält
An der Londoner Börse zählten Aktien von Rio Tinto und BHP Billiton zu den großen Verlierern. Für Rückenwind hatte zunächst gesorgt, dass Australiens Premier Kevin Rudd sein Amt niedergelegt hatte. Rudd hatte eine Supersteuer auf Profite der Bergbau-Industrie geplant. Dann allerdings sei dieser positive Impuls von den Wachstumssorgen überdeckt worden, sagten Händler.

Euroschwäche spricht für Unicredit?
Am Abend teilte der staatlich kontrollierte Fonds Aabar aus dem Emirat Abu Dhabi mit, er sei zum zweitgrößten Aktionär der italienischen Großbank Unicredit aufgestiegen. Der Fonds habe 4,99 Prozent der HypoVereinsbank-Mutter übernommen. Der Anteil hat derzeit einen Marktwert von rund 1,85 Milliarden Euro. Als einen Grund für den Kauf am 16. Juni nannte Aabar die Euro-Schwäche.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 16. Juli

Unternehmen:
United Continental: Q2-Zahlen
America Movil: Q2-Zahlen, 22 Uhr

Konjunktur:
China: BIP Q2, 4 Uhr
China: Industrieproduktion, Juni, 4 Uhr
EU:Euro Zone-Handelsbilanz, Eurostat, Mai, 11 Uhr
USA: Empire State Index, Juli, 14:30 Uhr
USA: Einzelhandelsumsatz, Juni, 14:40 Uhr
Sonstiges:
Tokio Märkte wegen eines Feiertags geschlossen