Dax spielt heile Welt

Detlev Landmesser

Stand: 26.02.2008, 20:19 Uhr

Weder trübe US-Konjunkturdaten noch die anhaltende Euro- und Ölpreisrally konnten den Dax am Dienstag aufhalten. Am Abend schaffte es der deutsche Leitindex sogar wieder über 7.000 Punkte.

Der L-Dax beendete den Parketthandel 2,2 Prozent höher bei 7.010,55 Punkten. Vor allem der robuste Ifo-Index machte die erstaunliche Kursbewegung möglich. Aber auch die US-Börsen, die nach einem leichteren Start ins Plus drehten.

Dabei deutet der vom Forschungsinstitut Conference Board ermittelte Verbrauchervertrauens-Index auf eine deutliche Abkühlung der US-Konjunktur hin. Mit 75,0 Punkten fiel er auf das niedrigste Niveau seit fünf Jahren. Analysten hatten im Schnitt mit 82,0 Punkten gerechnet. Die Stimmung der Verbraucher gilt als zentraler Indikator für die Konsumausgaben, die etwa zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung ausmachen.

Für Unruhe sorgte zugleich die Entwicklung der US-Erzeugerpreise. Diese stiegen im Januar mit einem 1,0 Prozent gegenüber dem Dezember deutlich stärker als erwartet. Binnen Jahresfrist zogen die Preise um kräftige 7,4 Prozent an und damit so stark wie seit über 26 Jahren nicht mehr.

Fed-Vertreter zerstreut Sorgen

Bei einer solchen Gemengelage aus schwachem Wachstum und Inflation kann den Aktienmärkten eigentlich nur die Hoffnung auf eine dennoch laxe Geldpolitik helfen. Genau die lieferte Donald Kohn: Der Fed-Vizepräsident erklärte, die Sorge vor geringerem Wachstum sei wichtiger als die Inflation. Dass Kohn auch sagte, die Geldpolitik könne eine Phase schwächeren Wachstums nicht verhindern, wurde dagegen eher ignoriert. Da hielt man sich lieber an US-Präsident Bush, der behauptete, die US-Wirtschaft werde nicht in eine Rezession abgleiten.

Der Euro kletterte nach den US-Daten über 1,49 Dollar und damit in die Nähe seines Rekordhochs. Im November hatte die Gemeinschaftswährung mit 1,4960 Dollar ihren bisherigen Höchststand erreicht.

Der Ölpreis meldete sich ebenfalls wieder zurück. Leichtes US-Öl zur Auslieferung im April kostete zeitweise knapp über 101 Dollar und lag damit nur knapp unter dem Rekordhoch von 101,32 Dollar.

IBM hievt Dow ins Plus
Trotz der Konjunktursorgen machte sich die Wall Street im Verlauf ins Plus auf. Für die Kurswende sorgte "Big Blue": IBM konkretisierte seine Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr auf mindestens 8,25 Dollar, was in der Mitte der bisher angegebenen Spanne lag. Zudem habe der Verwaltungsrat grünes Licht für ein Aktienrückkaufprogramm imWert von 15 Milliarden Dollar gegeben, erklärte der Konzern weiter. Das genügte, um den Dow Jones ins Plus zu ziehen. Die ganz von der Immobilienkrise geprägten Zahlen der weltgrößten Baumarktkette Home Depot traten dabei in den Hintergrund.

Ifo-Index überraschend robust
In Deutschland hatte neben den US-Vorgaben der besser als erwartete Ifo-Index die Kurse beflügelt. Mit 104,1 Punkten lag das Geschäftsklima im Februar deutlich oberhalb der Konsensschätzung von 102,9. Das dämpfte allerdings auch Spekulationen über eine rasche Leitzinssenkung in der Eurozone.

Die beiden Anleiheversicherer MBIA und Ambac werden ihre Top-Ratings vorerst behalten. Am Dienstag bestätigte auch die Ratingagentur Moody's ihr "Aaa"-Rating für MBIA. Wie die Experten angesichts der massiven Probleme der Anleiheversicherer auf diese Bonitätsnote kommen, bleibt weiter ihr Geheimnis.

Besonders den Finanztiteln konnte das aber recht sein. In Deutschland waren insbesondere die Papiere von Hypo Real Estate gefragt.

Lufthansa überrascht positiv
Bester Dax-Titel war die Lufthansa mit einem Plus von fast sechs Prozent - und das trotz des neuerlichen Kursschubs beim Ölpreis. Die führende deutsche Fluglinie hat 2007 erneut ein Rekordergebnis erzielt. Bei einem Umsatzzuwachs von 13 Prozent auf 22,4 Milliarden Euro stieg das operative Ergebnis um 63 Prozent auf 1,378 Milliarden Euro.

Fast genauso stark legte die Aktie von ThyssenKrupp zu. Der Industrietitel profitierte von einer Einschätzung der Credit Suisse. Die Bank erhöhte ihr Kursziel für den Wert von 61 auf 75 Euro. Sie begründete dies mit den guten Wachstumsaussichten, in allen drei Geschäftsbereichen Stahl, Technologie und Aufzüge sei mit einer weiter starken Nachfrage zu rechnen.

Russland-Fantasie für Tui
Die Tui-Aktie gewann mehr als drei Prozent. Die russische Wirtschaftszeitung "Kommersant" hatte berichtet, dass Tui den Anteil an Tui Mostravel Russia (TMR) um 17 auf 51 Prozent erhöhen wolle. Ein Tui-Sprecher erklärte dagegen, dazu gebe es noch keine Entscheidung. Händler begründeten das Kursplus auch mit nachlassenden Sorgen vor einem Dax-Abstieg des Konzerns.

Qimonda stützt Infineon!
Auch die Infineon-Aktie tendierte besser als der Dax - ausnahmsweise wegen Qimonda. An der Börse wird ein technologischer Durchbruch der Speicherchip-Tochter honoriert. Diese bastelt an einem neuen Speicherchip. Die neue Technologie soll Einsparungen bei den Stückkosten bringen.

ProSieben gewinnt neun Prozent
Im MDax verbuchte die Aktie von ProSiebenSat1 die stärksten Kursgewinne. Für das rund neunprozentige Plus ist vor allem Merrill Lynch verantwortlich. Die Analysten setzten die Titel des Medienunternehmens wieder auf ihre "Europa 1 List". Bei Tognum freuten sich Anleger über den zehn Millionen Euro schweren Auftrag aus Indien.

Puma schafft leichtes Plus
Puma legte eine recht passable Bilanz vor. Dank eines Schlussspurts im vierten Quartal wurden Umsatz und Gewinn im vergangenen Jahr leicht gesteigert. Die Erwartungen der Analysten wurden knapp getroffen. Der angekündigte Margenrückgang war keine Überraschung. Positiv hoben Analysten den Auftragseingang hervor. Für die Börse sind die Zahlen aber gar nicht so interessant. Viel wichtiger ist die Frage: Wie macht Pinault-Printemps-Redoute (PPR) weiter, werden die Franzosen ihren Anteil an Puma weiter aufstocken? Analysten halten das für sehr wahrscheinlich.

Solon und Singulus bleiben zurück
Im TecDax gehörte die Solon-Aktie zu den schwächsten Titeln. Der Solarkonzern verbuchte 2007 zwar kräftige Zuwächse. Doch mit dem Ebit-Anstieg um 41 Prozent auf 35 Millionen Euro verfehlte Solon die Erwartungen der Analysten.

Bei Singulus missfiel Analysten der Auftragseingang und das Ergebnis vor Zinsen und Steuern. Auch der Ausblick habe keine positiven Impulse liefern können. Singulus hatte seine Prognose wiederholt, beim Absatz sei von mindestens 15 Blu-ray Disc-Maschinen auszugehen. Man habe erwartet, dass der Spezialanlagenbauer seine Ziele erhöht, nachdem er den Formatstreit um die DVD-Nachfolge für sich entschieden habe, sage ein Analyst.

Die Aktie von Ersol rettete sich bis zum Xetra-Schluss wieder ins Plus, nachdem die erfreuliche Bilanz 2007 vorübergehend Gewinnmitnahmen ausgelöst hatte.

Was ist los bei Balda?
Im SDax machte die Aktie von Balda mit einem Kurssprung von über 31 Prozent Furore. Neue Nachrichten gab es nicht. Händler vermuteten Eindeckungskäufe von Leerverkäufern als wahrscheinlichsten Grund. Nach dem Kurssturz der vergangenen Monate und den Turbulenzen um die verkaufte Handyschalen-Sparte sei das Papier zum Spielball spekulativ orientierter Anleger geworden.

Fielmann weiter im Trend
Die steigende Brillennachfrage hat die Kassen von Fielmann auch im vergangenen Jahr kräftig klingeln lassen. Der Jahresüberschuss kletterte um rund zehn Millionen auf 82 Millionen Euro. Die Aktionäre sollen daran durch eine um 20 Cent auf 1,40 Euro pro Aktie angehobene Dividende beteiligt werden, kündigte die Optikerkette an. Der Konzernumsatz kletterte um knapp sechs Prozent auf 840 Millionen Euro. Seit Jahren steigt die Zahl der Brillenträger in Deutschland, wofür Experten die zunehmende Bildschirmarbeit verantwortlich machen. Dazu kommt die demografische Entwicklung.

Die Vorzüge von Fuchs Petrolub gewannen 11,45 Prozent. Der Schmierstoffhersteller hatte am Montag seine Zahlen für 2007 veröffentlicht, nun folgten weitere positive Analystenreaktionen. HSBC Trinkaus bestätigte die Aktien mit "Overweight".

Gewinnsprung bei Gerresheimer
Gerresheimer will erstmals eine Dividende zahlen, und zwar 40 Cent je Anteilsschein. Diese Aussicht stützte den SDax-Titel. Auch die Bilanz kam gut an. Der Verpackungshersteller schaffte im vergangenen Geschäftsjahr (per Ende November) einen Gewinnsprung. Der Zulieferer für die Pharma- und Kosmetikindustrie verdiente unterm Strich 44,3 Millionen Euro - das Fünffache des Vorjahresergebnisses. Der Umsatz kletterte um 48 Prozent auf 957,7 Millionen Euro.

Schmack Biogas verfehlt Ziele
Auch die ersten Eckdaten für 2007 machten den Aktionären von Schmack Biogas wenig Freude. Der Biogasanbieter rutschte tiefer ins Rot als angekündigt. Der operative Verlust (Ebit) liegt laut vorläufigen Zahlen bei 9,6 Millionen Euro, ursprünglich hatte man mit einem Minus von sechs Millionen Euro gerechnet. Der Umsatz stieg zwar um rund 47 Prozent auf rund 132 Millionen Euro. Biogas verfehlte aber sein Ziel von 140 bis 150 Millionen Euro.

Berentzen tiefrot
Das Getränke- und Spirituosenhaus Berentzen ist im vergangenen Jahr erneut kräftig in die roten Zahlen gerutscht. Das operative Ergebnis rutschte auf minus neun Millionen Euro ab (2006: plus 500.000 Euro). Der Konzernumsatz sei dagegen von 180 auf fast 186 Millionen Euro gestiegen, teilte Berentzen auf Grundlage vorläufiger Zahlen mit. Der Konzernverlust weitete sich von zuletzt 700.000 Euro auf 11,4 Millionen Euro aus. Nach bisherigen Angaben will Berentzen im Jahr 2009 wieder schwarze Zahlen schreiben.

Francotyp erwartet Ergebnisrückgang
Der Hersteller von Frankiermaschinen Francotyp-Postalia hat nach vorläufigen Zahlen seinen Umsatz leicht auf 144,9 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sank allerdings auf 26,2 Millionen nach 32,0 Millionen im Vorjahr. Für 2008 kündigte Francotyp-Postalia einen Umsatz von 150 bis 160 Millionen sowie ein Ebitda von 22 bis 26 Millionen an.

Gewinnwarnung von Inticom
Mit zeitweise mehr als 22 Prozent Kursverlust wurde Inticom abgestraft. Das Unternehmen geht für 2007 von einem um 1,5 Millionen auf etwa 1,0 Millionen Euro deutlich reduzierten Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) aus. Als Grund führte Inticom die unerwartete Beendigung einer Kundenbeziehung im DSL-Geschäft und eine Neubewertung von Forderungen an.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"