Marktbericht 20:11 Uhr

Gewinnmitnahmen und Konjunktursorgen Dax rutscht vom 10.000er-Gipfel ab

Stand: 19.07.2016, 20:11 Uhr

Nach dem steilen Kursanstieg in den vergangenen zwei Wochen haben Anleger Höhenangst bekommen. Der Dax konnte seine runde Marke nicht halten. Vom Brexit neuangefachte Konjunktursorgen drückten auf die Stimmung.

Für viele Börsianer ist es ein Déjà-Vu: der Kampf mit dem 10.000er Gipfel. In den letzten zwei Jahren hat der Dax mehrfach die psychologisch wichtige Grenze überwunden. Nun ist er wieder unter sie gerutscht- auf 9.981 Zähler.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
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Manchen Anlegern war wohl der rasante Höhenflug in den letzten Tagen doch etwas zu schnell gegangen. Sie machten lieber Kasse und strichen erst einmal die Gewinne ein. Den Rutsch unter die psychologisch wichtige Schwelle von 10.000 Punkten sahen viele als Verkaufssignal.

Stillstand an den US-Börsen

Von der Wall Street blieb der erhoffte Rückenwind aus. Dow und S&P 500 traten auf der Stelle. In den letzten drei Wochen war der Dow in drei starken Wochen um fast neun Prozent angesprungen. Sinkende Ölpreise und einige schwächere Quartalsbilanzen belasteten die Stimmung.

Durchwachsene Quartalsbilanzen

Die Fortsetzung der Berichtssaison brachte keinen neuen Schub. Lediglich Johnson & Johnson glänzte. Der US-Gesundheitskonzern steigerte die Erlöse um vier Prozent auf 18,5 Milliarden Dollar. Der um Sondereffekte bereinigte Gewinn je Aktie stieg überraschend. Die Aktie war größter Dow-Gewinner. Über ein Prozent im Minus lag Goldman Sachs. Das Ende des Übernahme-Booms hinterließ in der Quartalsbilanz Spuren. Die Einnahmen sackten um 13 Prozent auf 7,9 Milliarden Dollar ab. Die IBM-Papiere verloren 0,3 Prozent. "Big Blue" konnte auch im abgelaufenen Quartal den Umsatz- und den Gewinnschwund nicht stoppen.

IWF senkt Prognose

Gleichzeitig rückten vom Brexit angefachte Konjunktursorgen wieder ins Blickfeld der Anleger. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat wegen des Ausstiegs Großbritanniens aus der EU seine Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft nach unten korrigiert. Statt 3,2 Prozent rechen sie nun nur noch mit einem Plus von 3,1 Prozent.

Brexit trübt Konjunktur-Optimismus

ARD-Börsenstudio: Mischa Erhard
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Börse 20.15 Uhr

Auch auf dem ZEW-Index lastete der Brexit. Wegen des britischen "No" zu Europa verdüsterten sich die Konjunkturaussichten in Deutschland. Der Index, der die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten widerspiegelt, brach um 26 Punkte auf minus 6,8 Zähler ein, den niedrigsten Stand seit November 2012. Experten hatten mit einer solch deutlichen Eintrübung nicht gerechnet. "Die Brexit-Abstimmung hinterrlässt nun auch in Deutschland ihre ersten Spuren, der Konjunkturoptimismus trübt sich ein", sagte Jens Klatt, Marktanalyst des Brokers JFD.

Monsanto lehnt Bayer-Angebot ab

Im Dax büßten die Bayer-Aktien 1,2 Prozent ein. Der Monsanto-Konzern hat die aufgestockte Offerte von Bayer erneut als zu niedrig abgelehnt. Das Angebot sei "finanziell unangemessen" und reiche noch nicht aus, um die Aktionäre zur Annahme zu bewegen, erklärte Monsanto am Dienstag. Am vergangenen Donnerstag hatte Bayer seine Offerte von 122 Dollar auf 125 Dollar je Aktie erhöht. Monsanto bleibe aber offen für konstruktive Gespräche mit Bayer über die Machbarkeit einer Übernahme.

Milliardenstrafe für Daimler

Zu den Dax-Verlierern zählten die Autowerte. Daimler-Aktien gaben rund ein Prozent nach. Wegen unerlaubter Preisabsprachen im Lkw-Geschäft hat Daimler ein Bußgeld von mehr als einer Milliarde Euro von Brüssel aufgebrummt bekommen.

Mehrere US-Staaten verklagen VW

Die Titel von VW büßten 0,7 Prozent ein. In den USA drohen wegen "Dieselgate" weitere Belastungen. Der Generalstaatsanwalt von New York stellte am Dienstag eine Klage mehrerer Bundesstaaten vor, in der hunderte Millionen Dollar an Strafen verlangt werden. Zudem steht laut einem Medienbericht in Kanada ein weiterer milliardenschwerer Vergleich an.

Zalando-Anleger schreien vor Glück

Positiv aus der zweiten Reihe ragte Zalando heraus. Der Online-Modehändler elektrisierte mit der Anhebung seiner Gewinnprognose: Die Aktie schoss um fast 22 Prozent in die Höhe und führte den MDax an. Die guten Zahlen werden nicht allein der Grund sein, vielmehr dürfte ein mächtiger Short-Squeeze Zalando in die Höhe treiben.Viele hätten mit einer Senkung der Prognose gerechnet, sagte ein Händler, sie seien auf dem falschen Fuß erwischt worden.

Kapitalerhöhung von Kion kommt gut an

Zu den Favoriten im MDax zählte auch Kion. Die Aktien gewannen über fünf Prozent. Der Gabelstapler-Hersteller sicherte sich über eine Kapitalerhöhung eine knappe halbe Milliarde Euro frisches Kapital für die Übernahme des Anlagenbauers Dematic. Börsianern zufolge erzielte Kion einen guten Preis für seine Anteilsscheine.

Rückschlag für Minenprojekt von K+S in Kanada

Auf der Verliererliste im MDax rangierte K+S. Dem Dünger- und Salzhersteller droht eine Verschiebung des Starts für das milliardenschwere Minen-Projekt in Kanada. Ein wichtiger Teil der Anlage der Legacy-Mine ist ausgefallen. Die Rede ist nun von "Folgeschäden". Bestenfalls wird sich das Projekjt um sechs Wochen, schlimmstenfalls um ein Jahr verzögern, meinen Analysten.

Evotec holt mehr Gewinn raus

Evotec: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,67
Differenz relativ
+1,77%

Evotec-Aktien waren mit einem Plus von 5,5 Prozent Spitzenreiter im TecDax. Das Biotech-Unternehmen erhöht sein Gewinnziel. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll nun mehr als doppelt so hoch ausfallen wie im Vorjahr. Bisher hatte sich Evotec zum Ziel gesetzt, das Vorjahresergebnis von 8,7 Millionen Euro "deutlich" zu übertreffen.

Commerzbank schickt Carl Zeiss Meditec nach unten

Die rote Laterne im TecDax ging an Carl Zeiss Meditec - nach einer Herabstufung durch die Commerzbank auf "hold" von "buy". Die Kaufempfehlung habe auf der Erwartung einer Trendwende basiert, die nun eingetreten sei. Die Aktien würden höher als die der Konkurrenten bewertet, so die Begründung. Zwar erwarte man weiter solide Quartalsergebnisse. Aber die Chancen für eine positive Überraschung sei gering.

Adler vor Aufstockung bei Conwert

Die Hamburger Immobilienfirma Adler Real Estate will ihre Beteiligung am österreichischen Rivalen Conwert weiter ausbauen. Adler habe nach eigenen Angaben eine Kaufoption auf die Beteiligung des britischen Investors Petrus Advisers erworben. Damit kämen die Deutschen auf bis zu 28,7 Prozent Anteilen an der österreichischen Immobilienfirma. Dabei hatte Adler noch im Frühjahr Pläne für eine Übernahme durch die Hintertür verneint. Aler und Petrus hatten Absprachen dementiert.

Novartis senkt Gewinnprognose

Aus dem Ausland kamen schlechte Nachrichten von Novartis: Der Schweizer Pharmakonzern senkt wegen der Kosten für die Markteinführung seines Herzmedikaments Entresto und der Umsatzeinbußen beim wichtigen Blutkrebsmittel Glivec seine Gewinnprognose. Der Arzneimittelhersteller schließt nicht mehr aus, dass der um Sonderfaktoren bereinigte Betriebsgewinn dieses Jahr sinkt. Die Aktie büßte nur 0,3 Prozent ein.

Zahlen von TomTom, Akzo Nobel und Volvo

Von einer ganzen Reihe europäischer Konzerne gab es noch Quartalsbilanzen. Der Navigeräte-Hersteller TomTom präsentierte einen kräftigen Ergebnissprung (Ebitda) von 57 Prozent auf rund 44 Millionen Euro. Der niederländische BASF-Rivale Akzo Nobel steigerte sein Ergebnis (Ebit) um neun Prozent auf 491 Millionen Euro. Und der schwedische Autobauer Volvo musste Umsatzeinbußen von sieben Prozent auf 78,9 Milliarden Kronen (8,24 Milliarden Euro) verbuchen.

Ericsson muss mehr sparen

Angesichts der schwachen Geschäfte schaltet der weltgrößte Netzwerk-Ausrüster Ericsson auf Kostensenkungen - vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung. Bis Ende 2017 will das schwedische Unternehmen im operativen Geschäft 53 Milliarden Kronen (umgerechnet 5,6 Milliarden Euro) einsparen - doppelt so viel wie bisher geplant. Der Gewinnrückgang von 26 Prozent im zweiten Quartal erfordert drastische Schritte. Die Aktie sackte um über fünf Prozent ab.

Nintendo weiter auf Höhenflug

In Japan blieben Nintendo-Aktien auf ihrem Höhenflug und legten elf Prozent zu. Das neue Handy-Spiel "Pokemon Go" elektrisiert auch Anleger. Für massive Verkäufe sorgten dagegen die Übernahmepläne des Mobilfunkriesen Softbank, der den britischen Chip-Designer ARM für 32 Milliarden Dollar kaufen will. Während Softbank-Aktien um elf Prozent einbrachen, schossen ARM-Papiere um 40 Prozent in die Höhe.

Netflix kommt unter die Räder

Netflix: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
322,16
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-0,60%

Nach US-Börsenschluss legten gestern Abend in Amerika noch IBM, Yahoo und Netflix ihre Zwischenbilanzen zum zweiten Quartal vor. Netflix hatte die stärkste Resonanz, die Aktie brach an der Wall Street um über 14 Prozent ein. Die Online-Videothek Netflix enttäuschte mit ihrem Kundenwachstum, im zweiten Quartal stiegen die Abo-Zahlen in den USA nur um 160.000 Kunden, während Analysten mit 532.000 gerechnet hatten.

Yahoo wegen Tumblr tief im Rot

Tiefrote Zahlen macht Yahoo. Der Internet-Pionier präsentierte in seinen möglicherweise letzten Quartalszahlen als eigenständiges Unternehmen einen dicken Verlust von 440 Millionen Dollar, was hauptsächlich an einer rund 480 Millionen schweren Abschreibung auf die im Jahr 2013 für 1,1 Milliarden Dollar gekaufte Blogging-Plattform Tumblr lag.

nb

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr