Dax leidet unter "Burnout"

Stand: 24.11.2011, 20:05 Uhr

Während sich in deutschen Firmenetagen die Stimmung aufhellt, trübt sich an den Aktienmärkten das Klima weiter ein. Der Dax schloss bereits den neunten Tag in Folge im Minus. Nach kurzer Erholung schickte Kanzlerin Angela Merkel die Kurse in den Keller. "Madame Non" sagte in Straßburg erneut nein zu den Eurobonds.

Noch bis zum frühen Nachmittag sah es nach einem Ende der Kurstalfahrt aus. Der Dax bäumte sich auf und legte zeitweise knapp zwei Prozent zu. Doch dann kam Bundeskanzlerin Angela Merkel und versetzte den Börsianern, die auf gemeinsame europäische Anlöeuhen gehofft hatten, einen Dämpfer. Der Dax drehte ins Minus und beendete den Xetra-Handel 0,5 Prozent tiefer bei 5.428 Punkten. Im späten Parketthandel tat sich wenig. Der L/E-Dax schloss bei 5.457 Zählern.

Merkel lehnt Eurobonds wieder ab
Auf dem "Mini-Gipfel" mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Italiens Ministerpräsident Mario Monti in Straßburg blieb Merkel stur. Sie halte die Voraussetzungen für Eurobonds für nicht gegeben, sagte sie. Händler zeigten sich enttäuscht. "Viele haben die Hoffnung, dass die Eurobonds zur Lösung der Euro-Krise irgendwann kommen. Doch sobald Merkel dagegen redet, fallen diese Hoffnungen wieder in sich zusammen", meinte ein Börsianer.

Ifo macht Hoffnung
Am Vormittag hatte der Ifo-Index noch die Kurse beflügelt. Das Konjunkturbarometer, das die Stimmung bei den deutschen Unternehmen misst, stieg im November überraschend auf 106,6 Punkte. Volkswirte hatten mit einem Rückgang gerechnet.

Wall Street bleibt zu
Den Kursbewegungen am Donnerstag sollte man nicht allerdings nicht zu viel Bedeutung beimessen, warnten Händler. Denn angesichts der geschlossenen Wall Street wegen des US-Feiertags "Thanksgiving" fehlten viele internationale Anleger, die ein verlängertes Wochenende nahmen. Die Umsätze waren relativ niedrig.

Fitch hält Portugal für Ramsch
Die Schuldenkrise hielt die Anleger auch am Donnerstag in Atem. Ein Generalstreik lähmte Portugal. Die Ratingagentur Fitch stufte die Kreditwürdigkeit des Landes auf Ramschniveau ab - von "BBB-" auf "BB+". Der Ausblick sei negativ, Portugal habe keinen Staus als Investment-Land mehr. Ratingagenturen drohten zudem mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA und von Frankreich, sollte sich die Lage verschärfen.

Renditen klettern weiter
Die Renditen für portugiesische und irische Staatsanleihen zogen wieder an. Portugiesische Titel rentierten 0,8 Punkte höher bei 11,75 Prozent, irische Titel stiegen ähnlich stark auf 9,6 Prozent. In Italien kletterte die Rendite für Staatsanleihen wieder über sieben Prozent. Zum Vergleich: die zehnjährige Rendite in Deutschland lag bei 2,18 Prozent. Gestern war sie angestiegen, als eine Auktion neuer Zehn-Jahres-Anleihen auf eine überraschend schwache Resonanz gestoßen war. "Die teilweise gescheiterte Auktion deutscher Staatsanleihen wirkt am Markt noch nach", meinte ein Anleihen-Experte der Commerzbank.

DWS warnt vor Anleihen-Kollaps
Die Fondsgesellschaft DWS warnte vor einem Zusammenbruch des Staatsanleihen-Marktes. "Das System kann sich nicht mehr selbst stabilisieren", erklärte Chef-Anlagestratege Asoka Wöhrmann am Donnerstag. "Die Dynamik überholt uns. Wenn wir länger warten, gibt es nicht nur einen Jahresend-Shutdown bei Staatsanleihen, sondern einen Shutdown für die kommenden Monate." Die Staaten müssten sich ernsthaft fragen, von wem sie künftig noch Geld bekommen. Nicht nur die Banken gingen in einen Käuferstreik über, auch Vermögensverwalter und Versicherer zögen sich mehr und mehr zurück.

Die Unsicherheit und das Misstrauen an den europäischen Anleihemärkten setzten den Euro weiter unter Druck. Er rutschte auf 1,3323 Dollar.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,41
Differenz relativ
+0,98%

Bankenwerte auf Erholungstour
Die zuletzt heftig verprügelten Bankenwerte konnten sich etwas erholen. Die Commerzbank war mit einem Plus von 4,5 Prozent Dax-Spitzenreiter. Der Titel hatte in den vergangenen Handelstagen am meisten unter den Finanzaktien im Dax gelitten.

Die deutschen Banken haben derweil um Schonfrist bei den erhöhten Kapitalforderungen der europäischen Bankenaufsicht EBA gebeten. Sie wollen erreichen, dass sie nicht schon bis Weihnachten, sondern erst bis zum 13. Januar darlegen müssen, wie sie mögliche Kapitallücken füllen könnten. Die Deutsche Bank beteuerte am Donnerstag, dass sie eine Kapitalerhöhung brauche, um den höheren Kapitalbedarf zu decken. Selbst wenn er möglicherweise höher als ursprünglich angenommen bei zwei bis drei Milliarden Euro liege.

Auftrieb für Konjunkturwerte
Konjunkturabhängige Werte wie HeidelCement und ThyssenKrupp waren ebenfalls unter den Dax-Gewinnern. Auch die Titel der Autobauer legten den Vorwärtsgang ein.

Die Lufthansa-Aktien stiegen um fast drei Prozent. Die Airline hat am Donnerstag einen Investitionsstopp angekündigt. Vor kurzem hatte bereits Lufthansa Cargo sein Investitionsprogramm von rund einer Milliarde Euro auf Eis gelegt. Das vorläufige Nachtflugverbot schadet der Fracht-Tochter. Allein in diesem Jahr droht Lufthansa Cargo dadurch ein Verlust von rund 15 Millionen Euro. Vorstand Andreas Otto hatte am Montagabend vor Journalisten gesagt, bei einem Konjunktureinbruch notfalls das Platzangebot um bis zu 25 Prozent zu reduzieren. Danach sehe es aber zurzeit nicht aus. "Wir erwarten keine Rezession", sagte er. 2012 werde ein schwieriges Jahr, aber ein Wachstum von drei Prozent in der Luftfahrtbranche sei drin.

VW im Würgegriff
Die VW-Aktie schloss 0,4 Prozent höher. Das Unternehmen muss sich an mehreren Fronten behaupten. Im Streit um die Partnerschaft mit Suzuki haben die Japaner nun einen Schlichter angerufen. Suzuki will erreichen, dass VW seine Beteiligung an Suzuki verkauft. Die Wolfsburger sehen sich außerdem einer erneuten Klage der EU-Kommission gegenüber. Diese stellt das VW-Gesetz in Frage, mit dem das Land Niedersachsen eine Veto-Position im Konzern hat.

Zweifel am US-Deal der Telekom
Leichte Einbußen verzeichnete die T-Aktie. Der 39 Milliarden Dollar schwere Verkauf des US-Mobilfunkgeschäfts der Deutschen Telekom wackelt zunehmend. Die Telekom und AT& T zogen den Zulassungsantrag bei der US-Telekommunikationsaufsicht FCC zurück. Zwar bekräftigten beide Konzerne, dass sie an dem Deal festhalten und sich auf das parallel laufende kartellrechtliche Zulassungsverfahren konzentrieren. Doch AT&T rüstet sich schon für den Ernstfall - und stellte für das vierte Quartal vier Milliarden Dollar zurück. Sollte der Deal platzen, erhielte die Telekom milliardenschwere Ausgleichszahlungen.

RWE vor Teilrückzug aus Ägypten?
Medienberichte über einen bevorstehenden Milliardenverkauf in Ägypten wollte RWE nicht kommentieren. Laut Kreisen sollen Unternehmensteile mit einem Volumen von drei Milliarden Dollar abgegeben werden. Die Aktie des Energieversorgers legte zunächst zu, schloss aber dann etwas tiefer.

Fresenius in der Defensive
Die größten Dax-Verlierer waren defensive Aktien. Fresenius-Titel büßten 2,6 Prozent ein, die Aktien von Fresenius Medical Care fast zwei Prozent ein.

Großaktionär treibt Vossloh an
Als MDax-Spitzenreiter ging die Aktie von Vossloh mit einem Plus von über sieben Prozent aus dem Handel. Verantwortlich dafür war der Großaktionär und Knorr-Bremse-Eigner Heinz Hermann Thiele. Er will seinen Anteil an Vossloh auf 25 Prozent ausbauen. Beim Bundeskartellamt ging ein entsprechender Antrag ein. Bei einem Stimmrechtsanteil in dieser Höhe hätte Thiele Anspruch auf mindestens einen Aufsichtsratssitz. Unklar ist jedoch, was Thiele beim Bahntechnik-Konzern vorhat.

Wird HeidelDruck Konkurrent los?
Im MDax sprang die Aktie von Heidelberger Druckmaschinen um über sieben Prozent nach oben, zeitweise war das Plus gar zweistellig. Händler verwiesen auf Spekulationen, dass Manroland kurz vor der Insolvenz steht. Würde ein Wettbewerber wegfallen, könnte davon HeidelDruck profitieren, meinen Händler. An Manroland hält der Dax-Konzern MAN noch gut 22 Prozent.

Deutsche Wohnen startet Kapitalerhöhung
Die Wohngesellschaft hat den Bezugspreis für ihre geplante Kapitalerhöhung festgelegt. Die neuen Papiere sollen 9,10 Euro kosten. Das ist ein Abschlag von 17 Prozent gegenüber dem Kurs vor Bekanntgabe der Kapitalmaßnahme. Über 20 Millionen Aktien werden ausgegeben. Deutsche Wohnen hofft auf einen Emissionserlös von rund 186 Millionen Euro. Die Altaktionäre sollen für je vier alte Papiere eine neue Aktie erhalten. Die Bezugsfrist endet am 28. November.

Praktiker greift hart durch
Die angeschlagene Baumarkt-Kette hat ein umfassendes Sanierungsprogramm beschlossen. Demnach wird die Schließung von 30 der insgesamt 236 Märkte in Deutschland geprüft. Die Firmenzentrale soll vom saarländischen Kirkel nach Hamburg an den Sitz der Tochtermarke Max Bahr verlagert werden. Mehr als 300 Millionen Euro sollen in den kommenden drei Jahren in Standorte, Sortimente und den Firmenauftritt investiert werden. Mit diesem Maßnahmen-Paket will Praktiker in zwei Jahren wieder solide Erträge erwirtschaften. Die Aktie stieg um 7,5 Prozent und war größter SDax-Gewinner.

Weniger Live-Konzerte bei CTS Eventim
Um rund drei Prozent ging es mit der Aktie von CTS Eventim im SDax aufwärts. Der Ticketvermarkter hat in den ersten neun Monaten weniger umgesetzt und verdient, kündigte aber für das Weihnachtsgeschäft einen Schub für das Gesamtjahr an. Wegen der abnehmenden Zahl von Live-Konzerten und Gebühren für ein Schiedsverfahren schrumpfte der Umsatz um sieben Prozent auf knapp 346 Millionen Euro. Der Gewinn ging um 15 Prozent auf 21,1 Millionen Euro zurück.

Air Berlin auf Partnersuche
Die angeschlagene Fluglinie sucht derweil offenbar einen starken Partner. Laut einem Vorab-Pressebericht der Süddeutschen Zeitung hat der neue Firmenchef Hartmut Mehdorn bereits Kontakt zu möglichen neuen Investoren aufgenommen. So soll es Gespräche mit Interessenten wie Etihad Airways oder der chinesischen HNA Group gegen haben. Der Verkauf eines substanziellen Aktienpakets sei nicht ausgeschlossen.

Schuler presst sich in den SDax
Aktien des Pressenherstellers Schuler waren am Donnerstag heiß begehrt. Der Pressenhersteller steigt in den SDax auf und ersetzt den Fahrradhersteller Derby Cycle. Die Umstellung wird am Montag wirksam. Im Geschäftsjahr 2010/11 konnte Schuler das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) vorläufigen Zahlen zufolge nahezu verdreifachen auf über 80 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 45 Prozent auf rund 950 Millionen Euro.

Samsung-Auftrag für Dialog
Star im TecDax war die Aktie von Dialog Semiconductor, die um fast zwölf Prozent hochsprang. Grund: Dialog teilte mit, Chips für Smartphones des koreanischen Herstellers Samsung zu liefern. Das High-Tech-Handy S-5368 ist für den chinesischen Markt bestimmt und wird über China Mobile vertrieben.

Zhong verbrennt sich
Der chinesische Müllverbrennungsanlagen-Betreiber hat am Donnerstag eine Gewinnwarnung ausgegeben. Wegen Verschiebungen bei den Waste-to-Energy-Anlagen würden Umsatz und Gewinn 2011 leicht unter dem Vorjahresniveau liegen, warnte Zhong de Waste. Im dritten Quartal stieg der Umsatz um über ein Drittel, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern war jedoch mit 1,2 Millionen Euro negativ. Die Aktie stieg drei Prozent.

Raiffeisen kündigt Kapitalmaßnahmen-Bündel an
Die österreichische Großbank Raiffeisen International hat am Donnerstag einen Gewinneinbruch bekannt gegeben. Der Überschuss schrumpfte um fast 60 Prozent auf 130 Millionen Euro. Schuld war hauptsächlich die Ungarn-Tochter, die einen Verlust von über 150 Millionen Euro erlitt. "Wir stecken mitten in einer Krise, und diese wird sich verstärken", sagte Raiffeisen-Chef Herbert Stepic zu den Konjunkturaussichten in Osteuropa. Um den strengeren Kapitalanforderungen zu genügen, hat Raiffeisen ein Bündel von Maßnahmen erarbeitet, die bis zu 3,6 Milliarden Euro bringen sollen. Die Anleger freut's. Die Aktie legte um über sechs Prozent zu.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 16. Juli

Unternehmen:
United Continental: Q2-Zahlen
America Movil: Q2-Zahlen, 22 Uhr

Konjunktur:
China: BIP Q2, 4 Uhr
China: Industrieproduktion, Juni, 4 Uhr
EU:Euro Zone-Handelsbilanz, Eurostat, Mai, 11 Uhr
USA: Empire State Index, Juli, 14:30 Uhr
USA: Einzelhandelsumsatz, Juni, 14:40 Uhr
Sonstiges:
Tokio Märkte wegen eines Feiertags geschlossen