Dax gerät in Turbulenzen

Detlev Landmesser

Stand: 07.05.2009, 20:35 Uhr

Im Verlauf dieses turbulenten Tages setzte sich schließlich die Neigung durch, die jüngsten Kursgewinne zu realisieren. Die zahlreichen gewichtigen Neuigkeiten machten offenbar viele Anleger nervös.

Der L-Dax schloss 2,25 Prozent unter dem Vortag bei 4.787,33 Punkten, nachdem der deutsche Leitindex zeitweise nur noch 20 Punkte unter der runden Marke von 5.000 Punkten notiert hatte.

Vor den offiziellen Ergebnissen der amerikanischen Banken-Stresstests, die nach dem amerikanischen Börsenschluss veröffentlicht werden, wollten viele Anleger auf Nummer sicher gehen und verringerten ihre Aktienengagements.

Dabei dürfte es nach der Flut der Gerüchte gar nicht mehr so viele Überraschungen geben. Beispielsweise hatte US-Finanzminister Timothy Geithner jüngst wieder erklärt, keiner der 19 getesteten US-Banken drohe die Pleite.

Die Wall Street knickte nach freundlichem Start ab, was auch am deutschen Markt Gewinnmitnahmen auslöste. Besonders Telekom- und Technologietitel standen in New York unter Druck, nachdem auch Technologieflaggschiff Cisco nach zunächst erleichtert aufgenommenen Quartalszahlen ins Minus rutschte.

EZB beschreitet neue Wege

Die Europäische Zentralbank machte weniger wegen ihrer Zinssenkung um 25 Basispunkte auf das historisch niedrige Niveau von 1,00 Prozent Schlagzeilen. Interessanter war die Ankündigung von EZB-Chef Jean-Claude Trichet, Pfandbriefe im Volumen von bis zu 60 Milliarden Euro aufzukaufen, um das langfristige Zinsniveau zu beeinflussen und den Banken eine weitere Liquidierungsmöglichkeit zu bieten. Zugleich wurde die Laufzeit der Refinanzierungsgeschäfte mit den Banken auf bis zu ein Jahr verlängert, um die Kreditvergabe zu erleichtern.

EZB-Chef Jean-Claude Trichet zeigte sich prinzipiell zu weiteren Zinssenkungen bereit. Es gebe aber erste vorsichtige Anzeichen für eine Stabilisierung der Konjunktur.

Die heftigsten Reaktionen gab es am Devisenmarkt, wo der Euro zeitweise über die Marke von 1,34 Dollar sprang. Die aktuellen US-Konjunkturdaten stützten ebenfalls die Hoffnung auf eine konjunkturelle Bodenbildung. So lag die Produktivität im ersten Quartal mit einem Zuwachs von 0,8 Prozent höher als erwartet, während die wöchentliche Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe überraschend auf 601.000 sank.

GM mit halbem Umsatz
Selbst der Pleitekandidat General Motors stützte zunächst den Markt. Der gigantische Quartalsverlust von sechs Milliarden Dollar fiel geringer aus als von Analysten erwartet. Dabei halbierte sich der Umsatz der Opel-Mutter nahezu auf 20,9 Milliarden Dollar. Die GM-Aktie driftete dann auch mit dem Gesamtmarkt ins Minus.

Commerzbank gefeiert
Dank der Stress-Test-Neuigkeiten waren am deutschen Markt die meisten Finanztitel gut aufgelegt. Die Aktie der Commerzbank haussierte mit einem Plus von bis zu 22,4 Prozent. Der Dax-Titel profitierte zusätzlich von der Entscheidung der EU-Kommission, die die zweite staatliche Kapitalspritze für die Großbank genehmigte. Im Gegenzug muss sie sich von mehreren Tochterfirmen trennen. Für die Trennung von der gewichtigsten Tochter Eurohypo hat sie von der Kommission fünf Jahre Zeit bekommen.

VW-Aktie narrt wieder alle
Nach dem gestrigen Paukenschlag verblüffte die VW-Stammaktie wieder viele Anleger. Zeitweise notierte der Dax-Titel sogar im Plus, obwohl eine Übernahme durch Porsche nun endgültig vom Tisch ist. Vor diesem Hintergrund veranschlagt etwa Marktexperte Heino Ruland den fairen Wert für das Papier nun auf 80 Euro. Die Porsche-Aktie brach unterdessen um bis zu 19,9 Prozent ein.

Telekom weiter im Abwärtstaumel
Die T-Aktie verlor nach Vorlage ihrer Quartalsbilanz etwas stärker als der Dax. Die wichtigsten Kennziffern waren bereits bekannt. Selbst der Quartalsverlust von 1,2 Milliarden Euro überraschte den Markt nach den vorab bekannt gegebenen Abschreibungen für T-Mobile in Großbritannien offenbar nicht sehr. Die Telekom-Aktie war nach der Gewinnwarnung vor zwei Wochen deutlich unter die Räder geraten.

Eon zahlt Dividende
Am Ende des Dax stand die Eon-Aktie mit einem Abschlag von 7,8 Prozent. Der Kursabschlag war zum Teil ein optischer: Die Aktie notierte mit einem Dividendenabschlag von 1,50 Euro.

ProSiebenSat.1 erneut gefragt
An der MDax-Spitze notierte - wieder einmal ohne fundamentale Neuigkeiten - die ProSiebenSat.1-Aktie mit einem Plus von zeitweise über 23 Prozent. Der Titel hatte alleine an den vergangenen fünf Handelstagen 57 Prozent zugelegt.

Bilfinger Berger krisenfest
Darüber hinaus gab es aus dem MDax eine Vielzahl unterschiedlicher Quartalsdaten. Mit einem Plus von rund zwei Prozent honorierten Anleger den kräftigen Gewinnzuwachs von 28 Prozent, mit dem Bilfinger Berger in das neue Geschäftsjahr gestartet ist. Mut macht dabei auch die Entwicklung beim Auftragseingang des Bau- und Dienstleistungskonzerns, der um 22 Prozent zunahm.

HeidelCement-Aktionäre erleichtert
Auch der hochverschuldete Baustoffkonzern HeidelbergCement sorgte für eine positive Überraschung. Mit einem Verlust von "nur" 46 Millionen Euro im ersten Quartal steht der Konzern deutlich besser da als erwartet, die HeidelCement-Aktie gewann 5,2 Prozent.

ElringKlinger mit Seltenheitswert
Der Automobilzulieferer ElringKlinger hat im ersten Quartal wegen der stark zurückgegangenen Autoproduktion einen herben Ergebnisrückgang hinnehmen müssen - aber dennoch schwarze Zahlen geschrieben. "Wahrscheinlich ist ElringKlinger der einzige Autozulieferer, der im ersten Quartal ein positives Ergebnis hat erzielen können", lautete das Urteil von Commerzbank-Analyst Daniel Schwarz.

Lanxess defizitär
Lanxess ist dagegen zum Jahresstart nicht aus den roten Zahlen herausgekommen. Unterm Strich verbuchte der Chemiekonzern ein Minus von 14 Millionen Euro. Lanxess wagt nach wie vor keine Prognose. Der Chemie-Titel war der zweitschwächste MDax-Wert.

Symrise enttäuscht
Die Zahlen des Aromen- und Duftstoffherstellers Symrise sorgten ebenfalls für keine große Begeisterung unter Anlegern. Der MDax-Konzern hat im ersten Quartal auch wegen hoher Rohstoffpreise deutlich weniger verdient. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) brach um 30 Prozent auf 38,1 Millionen Euro ein und verfehlte damit die Erwartungen deutlich. Zudem ruderte Symrise bei der Umsatzprognose zurück.

HRE-Spekulationen verdampfen
Die Aktie der Hypo Real Estate geriet im Verlauf dann doch unter Druck. Schließlich will der Bund derzeit am Aktienmarkt keine weiteren HRE-Aktien kaufen. Der bislang erreichte Anteil von gut 47 Prozent mache es sehr wahrscheinlich, dass der Bund bei der Hauptversammlung über eine Mehrheit der Stimmen verfüge, erklärte Finanzminister Peer Steinbrück.

Weitere Wertverluste bei IVG
IVG ist auch zum Jahresauftakt nicht aus den roten Zahlen gekommen. Der Immobilienkonzern kämpft weiterhin mit dem Preisverfall seiner Liegenschaften, die überwiegend in den europäischen Metropolen stehen. Erneut musste IVG 70 Millionen Euro abschreiben. Daher stand im ersten Quartal unter dem Strich ein Verlust von 44,8 Millionen Euro; im Vorjahreszeitraum verdiente der Konzern noch 12,1 Millionen Euro.

Aixtron im Aufwind
Im TecDax war die Aixtron-Aktie nach einer überraschend hohen Jahresprognose der gefragteste Titel. Der Spezialmaschinenbauer sieht nach einem schwachen ersten Quartal die Talsohle erreicht. Anleger tun dies offenbar schon länger: Seit Anfang März hat sich der Kurs der Aktie mehr als verdoppelt.

Singulus wartet weiter auf die Wende
Die Singulus-Aktie notierte leicht höher. Der Hersteller von CD- und DVD-Produktionsanlagen verzeichnete im ersten Quartal einen Verlust von 6,1 Millionen Euro nach einem Gewinn von 39 Millionen Euro vor Jahresfrist. Einen konkreten Ausblick auf das laufende Jahr blieb Singulus weiterhin schuldig. Wenig Mut macht auch die Entwicklung bei den Auftragseingängen, hier setzte sich die Flaute vom Vorquartal fort.

LVMH an Escada interessiert
Im SDax schnellte die Escada-Aktie um bis zu 33,9 Prozent in die Höhe, nachdem Kreise über ein Übernahmeinteresse des französischen Luxuskonzerns LVMH berichtet hatten. Beide Konzerne verweigerten eine Stellungnahme.

Patrizia gewinnt sieben Prozent
Auch die Patrizia-Aktie war gefragt. Die Zahlen des Wohnimmobilienkonzerns wurden wohlwollend aufgenommen. Patrizia verbuchte einen Quartalsverlust von 15 (Vorjahr: minus 18) Millionen Euro. Der Augsburger Konzern sprach von einem steigenden Kaufinteresse für seine Wohnimmobilien bei Privatleuten und traut sich im Gesamtjahr unverändert ein positives operatives Ergebnis zu.

Elexis im Krisensog
Das Papier von Elexis verlor 1,5 Prozent. Der Maschinenbauer hat zum Jahresauftakt die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen und will nun mit Stellenstreichungen und Kurzarbeit gegensteuern. Einen Ausblick wagte der Vorstand nicht.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr