Dax geht in die Knie

Lothar Gries

Stand: 21.05.2008, 20:05 Uhr

Der immer neue Rekordstände erklimmende Ölpreis hat die Aktienkurse kräftig ins Minus gedrückt. Die Anleger fürchten eine höhere Inflation und sinkende Unternehmensgewinne. Zu allem Überdruss hat auch der Euro weiter zugelegt.

Der Dax beendete den Abendhandel mit einem Abschlag von 75 Punkten bei 7034 Zählern, ein Minus von 1,06 Prozent. Auch an der Wall Street sanken die Standardwerte bis zum Nachmittag amerikanischer Zeit um 0,8 Prozent. Grund für die Kursverluste war der Ölpreis. Der hatte am Mittag erstmals die Rekordmarke für ein Barrel (159 Liter) von130-Dollar überschritten und notierte zeitweise bei 132 Dollar. Anlass für den jüngsten Höhenflug war ein unerwarteter Rückgang der US-Vorratsbestände. Analysten zufolge wird das teure Öl die Gewinnmargen der Unternehmen drücken und letztlich auch die Verbraucher treffen.

Neben Infineon gehörten vor allem die Autowerte BMW, Daimler und Continental sowie die Papiere der Lufthansa zu den größten Verlierern. Auch die Allianz büßte kräftig ein. Unterstützt wurde der Dax lediglich von den beiden Versorgern Eon und RWE.

Am Vormittag hatte das unerwartet gestiegene Ifo-Konjunktbarometer noch für Kauflaune gesorgt. Im Mai ist der Index auf 103,5 Zähler gestiegen, von 102,4 Punkten im April. Volkswirte hatten dagegen mit einem Rückgang des an den Märkten stark beachteten Stimmungsbarometers auf 102,0 Punkten gerechnet. Analysten zufolge deuten die starken Daten darauf hin, dass die erwartete Konjunkturabkühlung in Deutschland moderater ausfallen dürfte als befürchtet. Prompt notierte der Euro mit 1,5770 Dollar einen Cent über dem Vortagesniveau. Damit rückt auch das Allzeithoch von 1,6018 Dollar vom 22. April wieder in Reichweite.

Merck: Vorfreude wegen Erbitux
Die Merck-Aktie thront an der Indexspitze mit einem Kursplus von gut zwei Prozent. Händler begründeten dies mit Käufen vor der ASCO-Konferenz, auf der neuen Daten für das Krebsmedikament Erbitux gegen Lungenkrebs erwartet werden. Zudem werde noch in dem Quartal mit einer EMEA-Zulassung von Erbitux in der Erstlinienbehandlung gegen metastierenden Darmkrebs (CRYSTAL-Studie) erwartet, ergänzte ein Analyst.

Allianz bestätigt Gespräche zur Bankenkonsolidierung
Nach anhaltenden Spekulationen um das Allianz- Sorgenkind Dresdner Bank hat Konzern-Chef Michael Diekmann erstmals Verhandlungen zur erwarteten Neuordnung in der deutschen Banken- Branche bestätigt. «Derzeit finden Sondierungsgespräche statt, die aber noch nicht das Stadium erreicht haben, dass ich heute darüber berichten könnte», sagte Diekmann am Morgen auf der Hauptversammlung vor den rund 4000 anwesenden Aktionären in München. Der Konzern hatte zuletzt noch einmal bekräftigt, in der Konsolidierung der fragmentierten Banken-Landschaft eine aktive Rolle spielen zu wollen, sich zur Frage von Verhandlungen aber bedeckt gehalten. Die Aktie verliert 3,7 Prozent.

Arques enttäuscht
Die Beteiligungsgesellschaft ist im ersten Quartal ins Minus gerutscht. Anders als im Vorjahreszeitraum konnte die Gesellschaft keine Gewinne aus dem günstigen Erwerb sanierungsbedürftiger Unternehmen realisieren. Die im MDax notierte Aktie legte zu Handelsbeginn zunächst vier Prozent zu und setzte sich damit an die Spitze der Indexgewinner. Doch dann tauchte der Kurs deutlich ins Minus, der Verlust missfiel den Experten.

Konsolidierung treibt Freenet
Der Internet-Dienstleister United Internet bekommt nun auch das Stimmrecht über seine Beteiligung Freenet. "Bislang lagen die Stimmrechte einzig bei unserem Partner Drillisch. Nun gibt es eine neue Vereinbarung, dass auch wir die Stimmrechte ausüben dürfen", erläuterte ein Sprecher. Demnach hält United Internet nun 26,33 Prozent der Stimmrechte. Die Aktie von Freent steigt um über vier Prozent.

Wirecard unter Verkaufsdruck
Trotz Kaufempfehlungen der DZ Bank und der WestLB gehören die Aktien des Zahlungsverkehrsabwicklers Wirecard zu den mit Abstand größten Verlierern im TecDax. Bereits gestern notierten die Papiere deutlich niedriger. Händler sprachen von gewinnmitnahmen, nachdem die Titel im bisherigen Jahresverlauf bereits 18 Prozent zugelegt hatten. Wirecard hat im ersten Quartal einen um mehr als die Hälfte auf acht Millionen Euro gestiegenen Überschuss verkündet und seine Prognose für das Gesamtjahr bestätigt.

Deutz setzt auf Wachstum
Der Motorenbauer will in den kommenden Jahren weiter wachsen und schließt Zukäufe nicht aus. Mit dem Rückkauf eigener Aktien wolle sich das Unternehmen auch für mögliche Übernahmen wappnen, sagte der neue Vorstandschef Helmut
Leube auf der heutigen Hauptversammlung in Köln. Entscheidungen seien zwar noch nicht gefallen, das Unternehmen arbeite aber an entsprechenden Schritten für die weitere Expansion. Die Aktie verliert deutlich.

Air Berlin muss warten
Air Berlin bleibt bei dem Ferienflieger Condor in der Warteschleife. Das Bundeskartellamt hat die Prüfung der geplanten Übernahme der Thomas-Cook-Tochter um weitere zwei Monate verlängert. Als neuen Termin für eine Entscheidung nannten die Wettbewerbshüter am Mittwoch den 11. August. Die Aktie von Air Berlin bleibt unverändert.

Nordex herabgestuft
Der Wiederanstieg der Papiere des Windanlagenherstellers seit dem Tiefkurs im Januar hat heute ein abruptes Ende gefunden. Grund ist eine Herabstufung durch die Deutsche Bank. Deren Experten stuften die Papiere des Windanlagenherstellers vor Quartalszahlen von "Hold" auf "Sell" ab, ließ das Kursziel aber bei 25 Euro. Die Analysten erwarten ein eher enttäuschendes erstes Quartal. Wegen der hohen Konsensschätzungen bestehe Raum für Enttäuschungen bei Vorlage der Quartalszahlen, hieß es in der Studie. Nordex-Papiere brechen dadurch um bis zu sechs Prozent ein.

Siemens-Prognose belastet Drägerwerk
Drägerwerk geraten ebenfalls unter Druck. Händler verwiesen auf Medienberichte, denen zufolge der Mischkonzern Siemens im Healthcare-Bereich eine weitere Abschwächung der Nachfrage erwarte. Hier sei der Boden noch nicht erreicht, da die Schwäche des US-Marktes überspringen könnte. Ein Börsianer sagte, dies sei leicht negativ für Drägerwerk, da der Medizin- und Sicherheitstechnik-Hersteller ebenfalls mit dem schwachen US-Markt zu kämpfen habe.

Petrotec gibt Gewinnwarnung aus
Petrotec blickt auf ein schwieriges erstes Quartal 2008 zurück. Das Unternehmen rutschte tiefer ins Minus, aufgrund von drohenden Verlusten bei Biodiesel-Kontrakten. Petrotec korrigierte deshalb seine Ende März 2008 abgegebene Prognose für das Geschäftsjahr 2008 nach unten. Nunmehr wird nur noch ein Umsatz von rund 90 bis 100 Millionen Euro erwartet, statt 100 bis 110 Millionen Euro. Für das Ebitda wird ein Verlust von rund 5 Millionen erwartet, zuvor hatte man eine 'schwarze Null' angepeilt.

Primacom springt an
Die Titel von Primacom gewinnen gut sechs Prozent. Das Unternehmen will mit der luxemburgischen Omega einen Beherrschungsvertrag abschließen. Dadurch wird die Leitung von Primacom der Omega unterstellt. Primacom ist schon seit Oktober fest in der Hand von Omega bzw. der Holding Escaline / Orion Cable, die rund 91 Prozent der Anteile an Primacom halten. Nun spekulieren die Anleger wohl auf einen Squeeze out.

Halloren-Schokis sind gefragt
Halloren-Aktien legen nach Veröffentlichung der Quartalsbilanz leicht zu. Im ersten Quartal wurden Umsatz und Gewinn kräftig ausgebaut. Der Umsatz stieg um rund ein Fünftel auf 8,3 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um 44 Prozent auf 0,8 Millionen. Für das Gesamtjahr 2008 gibt sich Halloren zuversichtlich. Im zweiten Quartal würden die Wachstumsraten wegen des diesjährigen frühen Osterfestes "nicht ganz so dynamisch ausfallen". Im Gesamtjahr 2008 soll der Umsatz um 17 Prozent auf 35,2 Millionen steigen. Für das Ebit prognostiziert Halloren 4,1 Millionen, was einem Zuwachs von 20 Prozent entspräche.

Deutsche Börse gibt sich optimistisch
Die Deutsche Börse sieht sich sehr gut gerüstet für den sich verschärfenden Wettbewerb in der Börsenlandschaft. Das integrierte Geschäftsmodell habe sich "gerade auch in den Marktturbulenzen der letzten Monate als sehr robust erwiesen", sagte Vorstandschef Reto Francioni während der Hauptversammlung heute in Frankfurt. Die Ausschüttungspolitik soll in gewohnter Höhe beibehalten werden. "Generell streben wir eine Dividendenquote von 40 bis 60 Prozent des Konzern-Jahresüberschusses an", sagte Francioni. Damit werde auch 2008 im Grunde eine Vollausschüttung des Gewinns angestrebt.

UBS wird Ballast los
Die UBS hat den vor zwei Wochen angekündigten Verkauf von US-amerikanischen Hypothekenpapieren abgeschlossen. Die sogenannten Residential Mortgage-Backed Securities wurden an einen neu gegründeten Fonds des US-Vermögensverwalter BlackRock verkauft, teilte die Bank am Mittwoch mit. Die Hypothekenpapiere - hauptsächlich mit den Einstufungen Subprime und Alt-A - wechselten zum Marktwert von 15 Milliarden US-Dollar den Besitzer. Der Nominalwert der verkauften Positionen belaufe sich auf 22 Milliarden Dollar.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat