Dax fällt unter wichtige Marken

Detlev Landmesser

Stand: 15.11.2007, 20:39 Uhr

Von der "Hypothekenkrise" reden nicht mehr viele - am Donnerstag gewannen die Konjunktursorgen in deren Gefolge die Oberhand. In Deutschland erlebte die Berichtssaison zum dritten Quartal einen letzten Höhepunkt.

Mit dem Ausklingen der Berichtssaison rückt automatisch wieder die Konjunktur ins Blickfeld - und damit die Sorge um die realwirtschaftlichen Folgen der Kreditkrise. Der L-Dax schloss deutliche 2,1 Prozent tiefer bei 7.637,25 Punkten.

"Gewinne mal mitnehmen schadet niemandem", kommentierte ein Händler den Verkaufsdruck. "Offenbar bauen viele Anleger, die sich die Jahresendbilanz nicht verderben lassen wollen, jetzt ihre Positionen ab." In den vergangenen Wochen habe sich der deutsche Markt dank robuster Quartalszahlen noch vom internationalen Umfeld absetzen können, sagte ein anderer Marktteilnehmer. Mit dem Abschluss der Berichtssaison falle dieser Effekt weg.

Der Dax rutschte gleich unter mehrere wichtige charttechnische Unterstützungen, zumal auch die US-Börsen ihre Erholungsversuche wieder abbrachen. Sowohl der mittelfristige Aufwärtstrend bei 7.752 Punkten als auch das Tief vom 8.11. bei 7.702 fielen den Bären zum Opfer.

In New York sorgen sich die Investoren vor allem um den enorm wichtigen Konsum. Der Ausblick der Kaufhauskette J.C. Penney schmeckte dem Markt überhaupt nicht. Im September und Oktober seien die Umsätze "dramatisch" zurückgegangen, teilte der Konzern mit. Der Einzelhändler kürzte seine Ertragsprognose für das laufende Quartal, in das auch das wichtige Weihnachtsgeschäft fällt, um mindestens ein Viertel.

US-Konjunkturdaten ordentlich

Die Konjunkturindizes der regionalen Notenbanken von New York und Philadelphia fielen indessen besser als erwartet aus. Der "Philly Fed Index" lag mit 8,2 Punkten deutlich über der Marktprognose von 5,0 Punkten. Der "Empire State Index" fiel weniger schwach aus als erwartet. Der Indikator fiel von 28,7 Punkten im Vormonat auf 27,4 Punkte. Volkswirte hatten im Schnitt mit einem wesentlich schärferen Rückgang auf 19,0 Punkte gerechnet. Die US-Verbraucherpreise stiegen im Oktober wie schon im September binnen eines Monats um 0,3 Prozent - das ist nicht wenig, war aber bereits erwartet worden.

MAN und Infineon aus der Mode
Ausdruck der neuen Konjunktursorgen waren die Abschläge bei den Industriewerten, allen voran MAN: Der bisherige Dax-Star verlor 4,5 Prozent an Wert.

Ähnlich stark fiel die am Mittwoch noch gefeierte Infineon-Aktie. Mehrere Banken hatten den Dax-Titel abgestuft. Die Analysten von ABN Amro setzten ihr Anlageurteil von "Buy" auf "Hold" herab und nannten ein Kursziel von 10,00 Euro. Der starke Euro werde den Umsatz sowie die Margen von Infineon besonders in den Bereichen Communication sowie Auto/Industrie belasten, so die Analysten.

Telekom fällt Entscheidung
Die T-Aktie robbte sich dagegen an die Dax-Spitze. Die Deutsche Telekom bestätigte, dass sie ihre Telefonauskunft 11833 behält. Auch halte man an den Funkturmgesellschaften in Deutschland und den USA fest. Beides steht auf der Liste der Randbereiche, deren Verkauf der Bonner Konzern seit einigen Monaten prüft. Die Telekom habe sich nach zahlreichen Gesprächen mit Kaufinteressenten und eingehender Prüfung gegen eine Veräußerung entschieden, sagte ein Sprecher am Donnerstag.

Hochstufungen von K+S und Lanxess verpuffen
Der MDax erwischte einen besonders schweren Tag. Weit unten standen K+S und Lanxess. Die Lanxess-Aktie wurde von Unicredit auf Kaufen gestellt, konnte davon aber bisher nicht profitieren. Auch K+S konnte eine Kurszielanhebung von Seiten der UBS nicht verwerten.

Weitere Geldspritze für IKB nötig?
Im späten Handel fiel die IKB-Aktie zurück. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete vorab, der angeschlagenen Industriebank drohten weitere, bislang unbekannte Verluste. Auf einer Sitzung der am Rettungspool beteiligten Banken am Montag sei dies zur Sprache gekommen. In Finanzkreisen sei von 300 Millionen Euro die Rede.

Wincor offenbar erfolgreich
Erfreuliches wurde über Wincor Nixdorf berichtet: Nach Angaben aus Finanzkreisen hat der Geldautomatenhersteller mit J.P. Morgan eine weitere US- als Kunden gewonnen. Wincor habe von dem Institut einen Auftrag zur Lieferung von 600 Geldautomaten erhalten, hieß es am Donnerstag in den Kreisen. Ein Wincor-Sprecher bestätigte das nicht: "Ohne Zustimmung eines Kunden geben wir keine Informationen über erhaltene Aufträge." Wincor baue sein US-Geschäft aber mit Erfolg aus.

Massiver Stellenabbau bei GPC Biotech
Im TecDax stemmte sich die GPC-Aktie am stärksten gegen den Trend. Das ins Straucheln geratene Biotech-Unternehmen gab im Rahmen der Restrukturierungsmaßnahmen eine Reduzierung der derzeit aktiven Belegschaft um 44 Prozent bekannt.

Epcos überrascht mit gutem Ausblick
Die Epcos-Aktie legte leicht zu. Der Ausblick des Bauelemente-Spezialisten anlässlich seiner endgültigen Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2006/07 stützte den TecDax-Titel. Der Umsatz soll im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen, das Ebit soll auf 100 Millionen Euro zulegen. "Mit diesen Prognosen liegt Epcos über den aktuellen Analystenschätzungen", sagte ein Börsianer.

Freenet wieder im Gespräch
Die Freenet-Aktie drehte im Verlauf wieder ins Plus. Das vor einer möglichen Aufspaltung stehende Telekommunikationsunternehmen hat im dritten Quartal bei geringeren Umsätzen einen Gewinnrückgang verbucht. Von Juli bis September sank der Umsatz auf 470 (Vorjahr: 507) Millionen Euro. Das Ebit verringerte sich von 32,5 auf 31,7 Millionen Euro. Unter dem Strich wies Freenet einen Verlust von 22,7 Millionen Euro aus. Gestern Nachmittag hatte das Unternehmen sowie United Internet und Drillisch konkrete Gespräche über eine "strategische Partnerschaft" gemeldet.

"Wir führen konstruktive Gespräche, wie wir ein schlagkräftiges Unternehmen formen können. Wir arbeiten mit Hochdruck daran", sagte Freenet-Chef Eckhard Spoerr am Donnerstag zu Reuters. Er will erreichen, dass das Geschäft mit schnellen DSL-Internetanschlüssen künftig gemeinsam mit United Internet betrieben wird. In welcher Konstruktion das geschehen soll, ließ Spoerr offen.

Homag erhöht Umsatzprognose
Im SDax gehörte MPC Capital zu den stärksten Titeln. Der Fondsanbieter hatte am Mittwochabend ein Aktienrückkaufprogramm angekündigt. Es sollen bis zu 530.000 Aktien oder rund fünf Prozent des Grundkapitals zurückgekauft werden.

Die Aktie von Homag schlug sich etwas besser als der Index. Die Quartalsbilanz und der Ausblick des Maschinenbauers wurden von Händlern gelobt. Homag hatte am Mittwochabend seinen Umsatzausblick von "bis sechs Prozent" auf rund zehn Prozent Wachstum angehoben. Das Ebitda soll 100 Millionen Euro erreichen.

Sixt konkretisiert Ausblick
Überraschend driftete die Aktie von Sixt im Verlauf ans SDax-Ende ab. Dabei steuert der Autovermieter für 2007 kräftiges Wachstum an. Der operative Konzernumsatz soll um rund zehn Prozent zulegen, konkretisierte Sixt am Donnerstag nach einem guten dritten Quartal. Bisher war von einem Zuwachs von fünf bis zehn Prozent und einem überproportionalen Ergebniswachstum die Rede. Der SDax-Titel habe eine wichtige Unterstützung bei 34,00 Euro durchbrochen, sagte ein Händler zur Begründung des Kursrutsches. Die an sich guten Zahlen gingen im negativen Marktumfeld unter.

Koenig & Bauer profitabler
Das Papier von Koenig & Bauer konnte sich dagegen von seinem Schwächeanfall erholen. Der Druckmaschinen-Hersteller hat im dritten Quartal trotz eines klaren Umsatzrückgangs seinen Gewinn um acht Prozent gesteigert. Die Ziele für das Gesamtjahr wurden bestätigt.

Dürr freut sich über Auftragslage
Aus der SDax-Familie gab zudem Dürr Einblick in seine Bücher. Der Umsatz stieg im dritten Quartal auf 364,7 von 357,6 Millionen Euro im Vorjahr. Nach Steuern verdiente der Hersteller von Lackieranlangen 5,7 Millionen Euro nach zuvor 3,4 Millionen. Das Unternehmen erhöhte die Prognose für den Auftragseingang.

TAG vervierfacht Gewinn
TAG Tegernsee hat in den ersten neun Monaten durch Zukäufe und höhere Mieteinnahmen seinen Gewinn vervierfacht. Der Umsatz wuchs leicht auf 58,3 Millionen von 57,6 Millionen Euro. Die Jahresprognose wurde bekräftigt. An seinen Plänen für die Auflage eines börsennotierten Immobilienfonds (REIT) im kommenden Jahr hält der Hamburger Immobilienkonzern fest.

Wacker bringt dank Neuson mehr
Eine Achterbahnfahrt mit glücklichem Ende erlebte die Aktie von Wacker Construction. Zeitweise hatte der Titel am SDax-Ende gelegen. In den ersten neun Monaten legten die Erlöse des Wacker-Konzerns - ohne Neuson - um gut sieben Prozent auf 504,2 Millionen Euro zu, der Überschuss stieg um 4,4 Prozent auf 42,7 Millionen Euro. Wegen der Fusion mit der österreichischen Neuson Kramer erhöhte Wacker seine Geschäftsziele für 2007 - die Prognose ohne Neuson wurde bestätigt.

Roth & Rau unter Rekordverdacht
Deutlich bergauf ging es erneut mit der Aktie von Roth & Rau. Das Wachstum des Solar-Anlagenbauers hat sich im dritten Quartal unvermindert fortgesetzt. Der Zulieferer für die Photovoltaikindustrie erwirtschaftete einen Rekordumsatz von 42,3 Millionen Euro. Das entspreche etwa den gesamten Erlösen des vergangenen Jahres, teilte das Unternehmen mit. In den ersten neun Monaten vervierfachte sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 107,5 Millionen Euro. Der Gewinn sprang in den ersten neun Monaten von 1,8 auf knapp acht Millionen Euro.

Baywa profitiert von breiter Aufstellung
Der Agrar- und Baustoffhandelskonzern Baywa profitiert weiter von den hohen Getreidepreisen. Die Agrarsparte habe im dritten Quartal das deutlich schwächere Bau- und Energie-Geschäft mehr als ausgeglichen, sagte Baywa-Chef Wolfgang Deml. In den ersten neun Monaten kletterte der Vorsteuergewinn um 14 Prozent auf 67,8 Millionen Euro, der Umsatz lag um 1,4 Prozent höher bei 5,3 Milliarden Euro.

Kampa tiefer in Rot
Die Kampa-Aktie zeigte sich erholt. Offenbar waren die schwachen Neunmonatszahlen bereits vorweggenommen worden. Deutschlands größter Fertighausbauer weitete in den ersten neun Monaten seinen Verlust auf 12,4 Millionen Euro aus. Vor Jahresfrist waren es minus 2,3 Millionen Euro. Die Gesamtleistung sank in den ersten drei Quartalen von 141,1 auf 123,6 Millionen Euro, der Auftragseingang von 169 auf 128,4 Millionen Euro. 2008 will Kampa ein ausgeglichenes Ergebnis erreichen. Zuvor hatte das Unternehmen angekündigt, zum Jahresende drei Werke zu schließen und 230 Stellen zu streichen.

Francotyp bricht ein
Um mehr als ein Fünftel ging es mit der Aktie von Francotyp-Postalia abwärts. Der Frankiermaschinen-Hersteller meldete einen Umsatz- und Ergebnisrückgang für das dritte Quartal. Die Erlöse sanken um fünf Prozent auf 33,9 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) schrumpfte sogar um 17 Prozent auf 5,9 Millionen. Zudem reduzierte das Unternehmen seine Jahresprognose.

Bwin glücklos
Die Bwin-Aktie rutschte zeitweise zweistellig ab. Der Quartalsbericht zeigte, dass der Internetsportwetten-Anbieter überraschend wieder in die Verlustzone gerutscht ist. Im Gesamtjahr soll aber ein Gewinn herauskommen - weil der Kaufpreis für Ongame nachträglich reduziert wurde.

KTG Agrar rutscht unter Ausgabepreis
KTG Agrar hätte sich sicherlich eine leichtere Börsenphase für sein heutiges Debüt gewünscht. Die Aktie des Landwirtschaftsunternehmens startete mit einem ersten Kurs von 17,63 Euro, damit lag sie leicht über dem Ausgabepreis von 17,50 Euro. Allerdings knickte die Bauernhof-Aktie danach ein - zeitweise bis auf 16,50 Euro. Bis zum Abend kletterte der Titel wieder über 17 Euro.

Bambus-Aktie kommt zu 17 Euro
Der an die Frankfurter Börse strebende chinesische Bambusplantagen-Betreiber Asian Bamboo hat seine Eckdaten zum Börsengang bekannt gegeben. Die Aktien werden zu je 17 Euro zugeteilt und damit am oberen Ende der bei 13,50 beginnenden Preisspanne. Die Emission war etwa 15-fach überzeichnet. Das Börsendebüt im stark regulierten Prime Standard ist für Freitag vorgesehen.

Mevis verlangt 55 Euro
Auch die Medizinsoftware-Firma Mevis Medical Solutions feiert morgen ihr Börsendebüt im Prime Standard. Die Aktien werden zu je 55 Euro ausgegeben. Der Zuteilungspreis liegt damit am unteren Ende der bis 65 Euro reichenden Preisspanne. Die Emission war überzeichnet, so Mevis.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr