Das war heftig

Detlev Landmesser

Stand: 15.07.2008, 20:18 Uhr

Auch am Dienstag ging es an den Weltbörsen äußerst hektisch zu. Der Dax stürzte zwischenzeitlich auf ein neues Jahrestief. Am Abend stabilisierte sich die Lage ein wenig, dank Ben Bernanke und dem Ölmarkt.

Der L-Dax schloss mit 6.128,84 Punkten deutlich über dem Tagestief. Zeitweise schienen bei dem deutschen Leitindex wieder alle Dämme zu brechen. Erst kurz vor der 6.000, bei einem neuen Jahrestief von 6.006,58 Punkten, hatte der Dax Halt gemacht. Das entsprach einem Minus von 3,1 Prozent.

An der Wall Street setzte sich die Berg- und Talfahrt ungebremst fort. Am Abend tendierten die US-Börsen uneinheitlich. Vage Ankündigungen des US-Notenbankchefs Ben Bernanke vor dem US-Senat stabilisierten die Lage ein wenig. Die Fed werde alles tun, um die Stabilität der Finanzmärkte wieder herzustellen. Dies sei derzeit die oberste Priorität der Notenbank, sagte Bernanke bei der halbjährlichen Anhörung. Aktuell sei die Belastung für die Märkte durch die Finanzkrise immens. Vor zwei Tagen hatten die Fed und das US-Finanzministerium Hilfsmaßnahmen für die schwer angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac angekündigt.

Wie gerufen, brach nach den konjunkturskeptischen Äußerungen Bernankes auch der Ölpreis ein. US-Öl der richtungsweisenden Sorte WTI fiel zeitweise um über neun Dollar bis auf 135,92 Dollar.

US-Daten weniger schlimm als befürchtet

Der um 14:30 Uhr veröffentlichte Strauß von US-Konjunkturdaten stützte die Aktienmärkte ebenfalls. Insbesondere kletterten die Erzeugerpreise in der Kernrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) mit 0,2 Prozent im Juni etwas schwächer als erwartet, und der aktuelle Konjunkturindex der Fed von New York, der Empire State Index, fiel mit minus 4,9 Punkten weniger verheerend aus als befürchtet.

Stützend wirkten auch die Zahlen von Johnson & Johnson. Der Pharma- und Medizintechnik-Konzern erhöhte nach einem unerwartet guten zweiten Quartal seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr. Dazu kam ein millardenschweres Sparprogramm des schwer angeschlagenen Autoriesen General Motors, das dem Dow-Schwergewicht nach oben half.

In Deutschland hatte der ZEW-Indikator die Stimmung weiter getrübt. Die vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erhobenen Konjunkturerwartungen sind im Juli auf den tiefsten Stand seit 1991 Jahren gefallen. Das Stimmungsbarometer verschlechterte sich im Vergleich zum Vormonat um 11,5 Punkte auf minus 63,9 Punkte. Der Rückgang wurde unter anderem darauf zurückgeführt, dass Unternehmen wiederholt rückläufige Auftragseingänge meldeten.

Euro markiert neuen Höchststand
Die Sorgen über die Stabilität des amerikanischen Finanzsystems verhalfen dem Euro am Vormittag auf einen neuen Rekordstand von 1,6038 Dollar. Die Äußerungen von Fed-Chef Ben Bernanke brachten die Gemeinschaftswährung aber wieder deutlich nach unten.

Übernahmeangebot für Conti
Bis zum späten Nachmittag wurde nur spekuliert, dann war es raus: Die fränkische Schaeffler-Gruppe bietet für den Autozulieferer Continental. Das nicht börsennotierte Unternehmen bietet 69,37 Euro pro Aktie in bar. Oder aber den von der BaFin ermittelten gesetzlichen Mindestpreis, falls dieser darüber liegt. Dieser Mindestpreis steht in ungefähr einer Woche fest. Den ganzen Tag über war die Conti-Aktie gefragt - nach Veröffentlichung des Gebots kletterte der Dax-Titel weiter. Mit einem Plus von 11,6 Prozent auf 73,42 Euro notierte die Aktie deutlich über dem bekannten Gebot.

Finanztitel im Ausverkauf
Schwächster Dax-Titel war die Deutsche Börse. Händler begründeten die fortgesetzte Talfahrt mit schwachen Aktienumsätzen und der wachsenden Konkurrenz. Auch die Allianz verlor mit einem Kursabschlag von 5,5 Prozent überdurchschnittlich. Angeblich hat die spanische Bank BBVA kein Interesse an einer Übernahme der Allianz-Tochter Dresdner Bank. Auch andere Finanzwerte wie die Deutsche Bank präsentierten sich erneut schwach. Letztere rutschte erstmals seit fünf Jahren wieder unter die Marke von 50 Euro.

Neue Krisenmeldungen gab es vom niederländisch-belgischen Finanzkonzern Fortis, dessen Aktie um bis zu 18,4 Prozent einbrach. Die niederländische Börsenaufsicht ermittelt wegen der geplanten Kapitalerhöhung und Dividendenkürzung, mit der Fortis seine angespannte Kapitaldecke um mehr als acht Milliarden Euro aufbessern will.

VW plant mit neuer Fabrik die US-Wende
Die VW-Aktie zog im späten Handel deutlich an. Der Autokonzern baut eine neue Fabrik in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee. Die Produktion dort soll 2011 beginnen, teilte Volkswagen am Nachmittag mit. VW will mit einer neuen US-Strategie und einer eigenen Produktionsstätte die Wende auf dem seit Jahren verlustreichen US-Markt einläuten. Für das Werk sind Investitionen in Höhe von bis zu einer Milliarde Dollar (rund 620 Millionen Euro) veranschlagt.

Henkel fällt in Ungnade
Schlecht erging es dagegen der Vorzugsaktie von Henkel. Die Analysten der UBS halten nur noch 31 Euro bei dem Papier für erreichbar, nach einem Kursziel von 37 Euro zuvor. Zudem lastete eine Gewinnwarnung des US-Branchenkollegen Kimberly Clark auf dem gesamten Sektor.

Spanische Immobilienpleite lastet auf Hochtief
Der MDax verlor 2,9 Prozent. Einer der schwächsten Titel war Hochtief. Laut Marktteilnehmern war die Stimmung für Bauaktien schlecht, nachdem Spaniens führende Immobiliengruppe Martinsa-Fadesa sich für bankrott erklärt hatte. Zudem habe die Aktie der australischen Hochtief-Tochter Leighton ebenfalls stark verloren. Da half es auch nicht, dass Hochtief am Dienstag neue Aufträge aus den USA im Volumen von knapp 400 Millionen Euro meldete.

Airbus-Bestellungen helfen EADS-Aktie kaum
Die Aktie der Airbus-Mutter EADS verlor etwa im Einklang mit dem MDax. Dabei gab Airbus auf der Branchenmesse im britischen Farnborough mehrere Großaufträge bekannt.

MTU schraubt an Hubschrauber
Ebenfalls auf der Luftfahrtmesse gab der Triebwerks-Hersteller MTU die Beteiligung an einem Hubschrauber-Antriebsprojekt bekannt. Der Anteil beträgt 18 Prozent, für MTU bedeutet der Deal nach eigenen Angaben ein Umsatzpotenzial von zwei Milliarden Euro. Auch die MTU-Aktie konnte kaum profitieren.

Affi begrüßt Salzgitter-Einstieg
Jetzt ist es offiziell: Salzgitter hat eine Beteiligung von 5,8 Prozent an der Kupferhütte Norddeutsche Affinerie bekannt gegeben. Die Beteiligung wurde durch die Affinerie bereits am Morgen begrüßt. Beide Unternehmen wollen nun langfristig zusammen arbeiten. Die Meldung drückte die Aktie von Salzgitter überdurchschnittlich nach unten, sie verlor 7,8 Prozent an Wert.

Erneute Gerüchte um MLP
Gegen den Trend konnte die MLP-Aktie deutlich zulegen. Händler führten dafür erneute vage Spekulationen um ein Kaufinteresse von AXA an. Der französische Finanzkonzern wollte sich dazu nicht äußern. Der Finanzdienstleister MLP wird seit geraumer Zeit als Übernahmekandidat gehandelt. In den vergangenen Monaten wurden neben AXA auch Generali, die Postbank und die Deutsche Bank als mögliche Käufer ins Gespräch gebracht.

Interessent für Epcos?
Ähnliche vage Spekulationen spülten die Epcos-Aktie nach oben: Ohne Nachrichten sprang der TecDax-Titel bei überdurchschnittlichen Umsätzen um 9,1 Prozent in die Höhe.

Wirecard erneut unter Abgabedruck
Am anderen TecDax-Ende fand sich erneut die Wirecard-Aktie, die zeitweise um drastische 30,2 Prozent auf 4,76 Euro einbrach. Nach Aussage eines Händlers geht bei Anlegern weiterhin die Befürchtung um, es gebe "Unregelmäßigkeiten" in der Bilanz des Software-Herstellers.

IKB bald verwässert
Nicht ganz so deutlich verloren IKB-Papiere im SDax. Den Verlust von fast 15 Prozent führten Händler auf die drohende Verwässerung des Börsenwertes durch die anstehende Kapitalerhöhung zurück. Zudem seien bei dem Papier Spekulanten am Werk, die auf weiter sinkende IKB-Kurse setzten.

Gerresheimer schreibt wieder schwarz
Gerresheimer hat im zweiten Quartal mit guten Zahlen aufgetrumpft. Den Umsatz konnte das SDax-Unternehmen um 12,8 Prozent auf 276,3 Millionen Euro steigern. Beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) legte Gerresheimer um 50 Prozent auf 18,6 Millionen Euro zu. Nach Steuern kehrte das Unternehmen nach einem Vorjahresverlust wieder in die Gewinnzone zurück: Der Überschuss lag bei 5,6 Millionen Euro.

Jerini erhält europäische Zulassung
Das Biotechunternehmen Jerini meldete am Nachmittag, von der Europäischen Kommission die Zulassung für sein erstes Medikament Firazyr (Icatibant) zur Behandlung akuter Attacken des hereditären Angioödems erhalten zu haben. Die Zulassung erlaube Jerini die Vermarktung von Firazyr in den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Jerini steht vor der Übernahme durch den britischen Arzneimittelhersteller Shire, der 6,25 Euro je Aktie bietet.

Medigene gibt vorläufige Entwarnung
Die Aktie von Branchenkollege Medigene konnte sich im Verlauf etwas erholen. Der Tod eines Patienten während einer Medikamentenstudie steht nach Angaben des Biotechunternehmens wohl nicht im Zusammenhang mit dem Mittel Rhudex. Darauf wiesen die Befunde der Pathologie der Universität Edinburgh hin. Der Patient hatte an einer klinischen Studie der Phase-I. Nach seinem Tod hatte Medigene die Studie gestoppt, der Aktienkurs war daraufhin zeitweilig eingebrochen. Das Biotechunternehmen hatte Rhudex Milliardenumsätze zugetraut.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

Unternehmen:
Lonza Group: Kapitalmarkttag
Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklimindex 9/18, 10:00 Uhr
USA: CFNA-Index 8/18, 14:30 Uhr

Sonstiges:
Japan/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen