Das Vertrauen kehrt zurück

Stand: 19.09.2008, 20:01 Uhr

Die zurückgelegte Handelswoche kann man ohne zu übertreiben "turbulent" nennen. Der Dax glich am Freitag mit einem Tagesplus von mehr als fünf Prozent fast die Verluste der vergangenen Tage aus. Finanzaktien waren die größten Gewinner.

Die Ursache für die Kurserholung an allen Weltbörsen war die Ankündigung der US-Regierung, den Finanzmärkten mit etlichen Hundert Milliarden Dollar zur Hilfe zu kommen. Finanzminister Paulson sparte nicht an Superlativen, als er am Freitag Nachmittag erklärte, das geplante Kreditrettungspaket müsse groß genug sein, um Erfolge zu zeigen. Der Untergang weiterer Banken wäre die Alternative.

Dass der amerikanische Staat respektive Steuerzahler mit einer geschätzten halben Billion Dollar den Untergang des Finanzsystems aufhalten will, stieß bei Volkswirten auf geteilte Meinung. Olaf Kayser von der Landesbank Baden Württemberg sagte, damit kehre ein Stück Vertrauen in die Märkte zurück. Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank urteilte skeptischer: Er kritisiert, dass die US-Regierung ihre Haushaltspolitik unabwägbaren Risiken aussetzt.

Die Aktionäre an den Weltbörsen fassten Vertrauen und kauften Aktien. Der Cac 40 beendete den Freitagshandel mit dem größten Tagesgewinn aller Zeiten für den Pariser Index, in London sprang der FTSE 100 um fast neun Prozent nach oben. Der Dax verhielt sich geradezu bescheiden, der deutsche Leitindex ging mit 6.190 Punkten aus dem Handel, plus 5,6 Prozent.

Bankentitel waren weltweit gefragt. Commerzbankaktien legten am Freitag genau 20 Prozent zu. Papiere der Deutschen Bank gewannen 14,4 Prozent, Allianzaktien kletterten um 12,4 Prozent. In London gewannen Bankaktien noch rasanter, weil die Finanzaufsicht FSA Leerverkäufe auf Finanzaktien für die kommenden vier Monate unterbunden hat. Aktien der Bank of Ireland gewannen mehr als 40 Prozent, Barclays kletterten um fast 30 Prozent.

Arcelor Mittal kürzt Produktion
Mit 18,4 Prozent Plus war Thyssenkrupp-Aktie überraschender zweiter Sieger im Dax. Der weltgrößte Stahlkonzern Arcelormittal will seine Produktion kürzen, um die Stahlpreise zu stabilisieren. Auch die im MDax notierten Stahlkonzerne Salzgitter und Klöckner & Co. profitierten von dieser Ankündigung, die Aktien legten ebenfalls zweistellig zu.

TI hob Dividende, auch Infineon gewann
Von Fremdnachrichten wurde auch die Infineon-Aktie, die 10,2 Prozent gewann, angeschoben. Der amerikanische Chipproduzent Texas Instruments hatte wegen guter Geschäfte seine Quartalsdividende um zehn Prozent angehoben.

Konzernvorstände kaufen eigene Aktien
Einige Konzernvorstände zeigten am Freitag und in den vergangenen Tagen, dass sie durchaus bereit, Risiken einzugehen. Die Vorstandschefs von Lanxess, BASF und Thyssenkrupp kauften für einige zehntausend Euro Aktien ihres eigenen Unternehmens, stiegen damit möglicherweise äußerst preiswert ein, aber sie zeigten damit auch Vertrauen in ihre Unternehmen.

Volkswagen verlor kräftig
Nach drei Tagen mit zweistelligen Kursgewinnen verlor die Volkswagenaktie zweistellig. 13,8 Prozent Verlust stand am Ende des Handelstages zu Buche. Während der vergangenen drei Tage hatte der Titel allerdings 50 Prozent gewonnen, am Freitag nahmen die Aktionäre Gewinne mit.

TecDax: Solartitel wieder mal en vogue
Im TecDax gewannen vor allem die sonst arg gerupften Solartitel. Roth & Rau verteuerten sich um 14,1 Prozent, Solarworld-Aktien stiegen um 11,7, Q-Cells-Titel um 13,3 Prozent.

Singulus und BB Medtech unter den Verlierern
Am Indexende fand sich die Aktie von Singulus. Das Unternehmen hatte am Donnerstag angekündigt, sich komplett vom eigentlichen Kerngeschäft, der Herstellung von DVD- und CD-Produktionsmaschinen, zu verabschieden und ganz auf das neue Format Bluray zu setzen. Die Aktie verlor 4,6 Prozent. Noch schwächer schloss die BB Medtech-Aktie, die 5,9 Prozent verlor. Das Unternehmen wird ab Montag nicht mehr im TecDax notiert sein.

Produktionsausfälle bei Bayer und Lanxess
Der Hurrikan Ike hat die Produktion der Konzerne Lanxess und Bayer teilweise stillgelegt. Die beiden Konzerne stoppten Teile ihrer Produktion in dem vom Hurrikan betroffenen US-Bundesstaat Texas. Um sich Haftungsansprüchen von Kunden zu entziehen, begründeten die beiden Konzerne den Produktionsausfall mit "höherer Gewalt". Zur Dauer der Betriebsunterbrechung gab es von beiden Konzernen keine Angaben. Bayer-Aktien stiegen um 5,2 Prozent, Lanxess-Papiere gewannen 9,4 Prozent.

Nicht mehr als 200 Millionen Schaden
Der Hurrikan Ike wird den Rückversicherer Hannover Rück mit unter 200 Millionen Eruo belasten. Der Konzern rechnet trotz dieser zu erwartenden Zahlungen damit, dass er sein Katastrophenbudget im prognostizierten Rahmen von bis zu zehn Prozent der Nettoprämie bleibe. Die Aktie stieg im Tagesverlauf um 14,8 Prozent.

Arcandor-Aktie kaum zu kontrollieren
Die zuletzt kräftig geprügelte Arcandor-Aktie gewann 6,2 Prozent. Die Nachricht, dass der Konzern Verzögerungen bei der Refinanzierung erwartet, ließ den Kurs am Morgen in Minus drehen, bevor die allgemeine Marktstimmung auch die Arcandor-Aktie wieder nach oben schob. Ein Händler wies außerdem auf die drastischen Kursverluste der vergangenen Monate hin. Seit Jahresbeginn hat die Arcandor-Aktie rund 80 Prozent an Wert verloren.

Bittere Kursverluste für Triumph-Adler
Die Aktie von Triumph-Adler verlor bei hohen Umsätzen rund ein Drittel an Wert. Das Bürotechnikunternehmen senkte seine Jahresprognose und begründete dies mit möglichen "kriminelle Machenschaften" in einer Tochterfirma. Der frühere Geschäftsführer der TA Norddeutschland habe gut ein Dutzend Mitarbeiter abgeworben, eine Konkurrenzfirma aufgebaut und Kunden dazu bewegt, zu wechseln, sagte TA-Finanzvorstand Bernd Köhler am Freitag. Der Einnahmenausfall sei erheblich. Der Gewinn werde um mindestens vier Millionen Euro niedriger ausfallen.

Colexon trennt sich von Finanzchef
Wegen unterschiedlicher Auffassungen über Strategie und Ziele will sich der Solarkonzern Colexon von seinem Finanzvorstand trennen. Der Aufsichtsrat des ehemaligen Solarunternehmens Reineke und Pohl und der Finanzchef Volker Wingefeld verhandelt eigenen Angaben zufolge über eine kurzfristige Aufhebung des Vorstandsvertrages. Einen Nachfolger für den Posten des Finanzvorstandes gibt es bisher nicht. Die Aktie legte trotz der eher negativen Nachricht um 3,3 Prozent zu.

Oracle verdient gut
Der amerikanische Softwarekonzern Oracle hat im vergangenen Quartal seinen Gewinn um ein Drittel auf 0,29 Dollar je Aktie gesteigert. Den Umsatz steigerte Oracle um 18 Prozent auf 5,4 Milliarden Dollar und entsprach damit den Markerwartungen. Während Oracle-Aktien um bis zu zehn Prozent steigen, gewannen Aktien des Konkurrenten SAP "lediglich" vier Prozent.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)