Marktbericht 20.30 Uhr

Dax hält sich erstaunlich gut Das neue Wohlfühlklima an den Börsen

Stand: 18.02.2015, 20:30 Uhr

Das sieht ganz nach einer Annäherung aus. Griechenland signalisiert: Unser Vorschlag wird die Eurorogruppe zufriedenstellen. Derweil erhöhte die EZB die ELA-Notkredite. An der Börse herrscht schon vor diesen abendlichen Meldungen Rekordstimmung.

Vielleicht geht doch noch alles gut aus. Die neue Regierung in Athen will morgen um eine Verlängerung des 240 Milliarden Euro schweren Rettungspakets bitten. Und vielleicht kommt sie dabei auch den internationalen Geldgebern entgegen, die auf eine Einhaltung der Reformen und Sparzusagen pochen.

Varoufakis: "Rechne mit Ja"

Jedenfalls sagte der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis am Abend vor Reportern in Athen: Er gehe davon aus, dass der Vorschlag der griechischen Seite die Eurogruppe zufrieden stellen werde. Bisher war nicht klar, wie die ganze Sache ausgeht. Die Fronten schienen verhärtet. Weder die Aussagen der Griechen noch die der europäischen Geldgeber-Länder signalisierten Entgegenkommen. Es glich einem Pokerspiel, bei dem jeder aufs Ganze geht.

EZB erhöht ELA-Notkredite

Ohne neue Hilfen seiner Gläubiger geht Griechenland schon bald das Geld aus. Dann wäre das Land pleite. Doch nun verschafft die EZB den Griechen etwas mehr Luft. Sie legt bei den so genannten ELA-Notkrediten noch etwas drauf. Wie am Mittwochabend aus EZB-Kreisen in Frankfurt am Main verlautete, wurde der Rahmen für die sogenannten ELAs auf 68,3 Milliarden Euro angehoben. Erst vergangene Woche hatte die Zentralbank nach Angaben aus griechischen Notenbankkreisen den Rahmen für diese Notkredite von 60 auf 65 Milliarden Euro erhöht.

MDax und TecDax im Rekordfieber

Auch wenn die Börsenwelt normalerweise ziemlich sensibel auf jegliche Unsicherheit reagiert. Heute schien die unsichere Entwicklung in Griechenland überhaupt nicht zu stören. MDax und TecDax erkletterten heute sogar neue Rekordstände, der Index der mittelgroßen Werte erreichte die Marke von 19.496 Punkten, der Technologiewerte-Index 1.536 Punkte.

MDax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
26.248,94
Differenz relativ
-0,00%
TecDax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
2.867,02
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-1,40%

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.219,02
Differenz relativ
+0,50%

Prinzip Hoffnung oder klares Kalkül?

Der Dax schaffte zwar kein neues Allzeithoch, doch näherte er sich im frühen Handel bis auf 35 Punkte an seine historischen Bestmarke von 11.013 Punkten heran. Am späten Nachmittag beendete der Deutsche Aktienindex den elektronischen Xetrahnadel 0,6 Prozent im Plus bei 10.961 Punkten. Der L-Dax gab dann allerdings zehn Zähler ab.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,1683
Differenz relativ
+0,09%

Vielleicht ist es auch gar nicht so sehr eine "Alles wird gut"-Haltung der Anleger. Sondern vielmehr klares Kalkül. Dass die Kombination von EZB-Geldregen und Anlagenotstand keine stärkeren Rückschläge zulässt und die Hausse noch länger nährt. "Der Aktienmarkt ist aktuell trotz aller Risiken viel widerstandsfähiger, als die meisten wahr haben wollen", sagte ein Börsianer. Selbst bei einem Scheitern der Verhandlungen mit Griechenland sollten sich die Auswirkungen in Grenzen halten. Auch der Devisenmarkt reagierte auf den sich zuspitzenden Streit der Griechen mit ihren Geldgebern bisher wenig beeindruckt. Heute gab der Euro ein halbes Prozent nach und fiel zeitweise bis auf 1,1336 Dollar.

Versorger hinken hinterher

Im Dax wurde die Liste der Verlierer angeführt von der Telekom sowie RWE und Eon. Eine negative Studie der Commerzbank belastete die beiden Versorgern. Die Bank äußerte Bedenken wegen der sinkenden Strompreise. Auch Bayer fiel in Ungnade, die Commerzbank strich ihre Kaufempfehlung. Das Kurspotenzial reiche nicht mehr aus dafür.

Banken und K+S im Aufwind

Tagesgewinner im Dax waren die Papiere des Salz- und Düngerproduzenten K+S. Das liegt an einer sehr positiven Einschätzung von Kepler Chevreux. Das Analysehaus beurteilt die Zukunft der Agrochemie-Branche zuversichtlich. Zudem sei die Aktie von K+S äußerst attraktiv bewertet. Die Analysten erhöhten das Kursziel von 30 auf 40 Euro. Auch Commerzbank und Deutsche Bank gehörten zu den stärksten Werten im Dax. Europaweit profitierten Banken von der Ankündigung Athens, eine Verlängerung des EU-Hilfsprograms zu beantragen.

Deutsche Bank stellt alles auf den Prüfstand

Deutsche-Bank-Co-Chef Anshu Jain äußerte sich zudem in der Wochenzeitung "Die Zeit" zur neuen Strategie. Er schwor die 100.000 Mitarbeiter seines Hauses auf Veränderungen ein. Für die Mannschaft bestehe bei der derzeit laufenden Überprüfung der Strategie zwar kein Anlass, sich Sorgen zu machen, sagte Jain. Aber die Führung der Bank werde sich alle Geschäfte genau anschauen.

Crédit Agricole lässt Krise hinter sich

Ganz besonders stark kletterte die Aktie von Crédit Agricole. Die französische Großbank überzeugte mit ihrer Bilanz. Zwar hatte sie 2014 wegen ihrer Beteiligung an der verlustreichen portugiesischen Banco Espirito Santo (BES) weniger verdient. Doch operativ ging es aufwärts, das Ergebnis stieg um 54 Prozent auf 2,55 Milliarden Euro.

Norma und RIB Software auf Kurs

Im MDax konnte die Norma-Aktie punkten. Der Spezialist für Verbindungstechnologie hat im vergangenen Jahr bei Umsatz und Ergebnis Rekordwerte erzielt. Deutlich stieg die Aktie des im TecDax notierten Softwarespezialistes RIB Software. Die Firma hatte im vergangenen Jahr ihre eigene Gewinnprognose übertroffen.

Südzucker wegen Cropenergies auf Talfahrt

Um mehr als 13 Prozent abwärts ging es am Morgen mit der Aktie von Cropenergies. Grund war eine Gewinnwarnung der Südzucker-Tochter. Wegen des Einbruchs der Nachfrage auf dem europäischen Bioethanolmarkt wird die britische Produktionsanlage geschlossen. Dadurch entsteht Cropenergies eine Belastung von bis zu 40 Millionen Euro.

SHW legt trotzdem zu

Im SDax konnte die Aktie des Autozulieferers SHW um mehr als vier Prozent zulegen. Dabei hat das Unternehmen in der Nacht eine Kapitalerhöhung durchgeführt, wodurch ihr rund 25 Mllionen Euro zufließen. Gestern hatte das Unternehmen über einen bedeutenden Großauftrag berichtet.

Buffett ist bei Exxon raus

Der Ölpreisverfall hat US-Multimilliardär und Investorenlegende Warren Buffett aus dem Ölsektor vertrieben. Seine Investmentfirma Berkshire Hathaway ist bereits zum Jahresende 2014 bei den großen US-Ölunternehmen ExxonMobil und Conoco Phillips ausgestiegen, wie eine Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC zeigt.

Ölkonzern Eni lockt mit höherer Dividende

Sinkende Ölpreise haben auch den italienischen Ölkonzern Eni unter Druck gesetzt. Eni rutschte sogar im Schlussquartal in die roten Zahlen. Doch im Gesamtjahr steht unterm Strich ein Gewinn, und daher will sich Eni nicht lumpen lassen. Der Konzern versprch seinenm Aktionäre 1,12 Euro je Aktie Gewinnausschüttung, zwei Cent mehr als ein Jahr zuvor.

Alles im Umbruch bei Sony

Sony will ab dem Geschäftsjahr 2015 wieder eine Dividende ausschütten. Der japanische Elektronikhersteller konzentriert sich künftig auf seine gewinnträchtigen Sparten wie Videospiele und Bildsensoren für Kameras. Damit hofft Sony, den Gewinn in den nächsten drei Jahren auf das 25-Fache hochtreiben zu können. Die Unterhaltungselektronik soll in eine eigenständige Tochter abgespalten werden.

Peugeot mit schwarzer Null

Große Kursgewinne verbuchte die Peugeot-Aktie. Der Autobauer hatte dank der Erholung auf dem europäischen Automarkt und starken Verkäufen in China Fortschritte präsentiert. Die Kernsparte kam im vergangenen Jahr auf ein operatives Ergebnis von 63 Millionen Euro. Der Nettoverlust wurde 2014 um drei Viertel auf 555 Millionen Euro reduziert.

Clariant verschiebt Margenziel

Auch Clariant-Aktien legten schließlich zu. Der Schweizer Spezialchemiekonzern hatte zwar nur gemischte Zahlen präsentiert, sein Ziel einer Margenverbesserung verschoben und sich im Ausblick aufgrund des starken Franken und des schwierigen Wirtschaftsumfelds vorsichtig geäußert. Doch konnte der Konzern in einer Analystenkonferenz Bedenken zerstreuen.

Lafarge sieht rot

Kräftig stieg auch die Aktie des französischen Baustoffkonzerns Lafarge. Zwar war das Unternehmen auf dem Weg zur Fusion mit dem Schweizer Konkurrenten Holcim Ende 2014 in die roten Zahlen gerutscht. Wegen hoher Abschreibungen betrug der Verlust im vierten Quartal 145 Millionen Euro. Doch strahlte der Konkourrent von HeidelCement im Ausblick mit Blick auf die Marktentwicklung Zuversicht aus, was Analysten zufolge die Diskussionen um das Tauschverhältnis und die Wechselkurse im Rahmen der geplanten Fusion mit Holcim beruhigen dürfte.

Carlsberg krankt an Russland

Beim weltweit viertgrößten Brauereikonzern Carlsberg hat die Krise um Russland und die Ukraine im vergangenen Jahr tiefe Spuren in der Bilanz hinterlassen. Wegen des schwachen Bierabsatzes in der Krisenregion kamen die Dänen über den Umsatz des Vorjahres nicht hinaus, auch der Gewinn geriet unter Druck und rutschte um ein knappes Fünftel auf 4,41 Milliarden Kronen ab. Konzernchef Jørgen Buhl Rasmussen muss deshalb gehen.

bs

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"