Dann rutschten die Kurse

Karsten Leckebusch

Stand: 11.04.2008, 20:10 Uhr

Die überraschend schlechte Bilanz und eine Gewinnwarnung des US-Mischkonzerns General Electric, gepaart mit enttäuschenden US-Konjunkturzahlen, haben die Märkte in den USA und in Europa auf Talfahrt geschickt. Der Dax verlor am Freitag mehr als hundert Punkte.

Zum vierten Mal in Folge hat der Dax einen Handelstag mit Verlusten beendet. Die Negativbilanz am Freitag viel nicht zu knapp aus: im elektronischen Handel schloss der Leitindex knapp 101 Punkte schwächer bei 6.604 Zählern. Im späten Parketthandel rutschte der Index noch unter die runde Hundertermarke, der L-Dax beendete den Wochenhandel bei 6.590 Punkten.

Die Wochenbilanz ist durchwachsen. Nach einem gutem Start am Montag bestimmten wieder Konjunktursorgen, Rezessionsängste und Bankenprobleme die Börsenwelt. Der Dax verlor im Vergleich zur Vorwoche 2,4 Prozent.

Am Freitag war es die Gewinnwarnung und die Quartalsbilanz des US-Schwergewichtes General Electric. Die vormittägliche gute Stimmung drehte in Windeseile, als GE bekannt gab, im ersten Quartal seine Ziele nicht erreicht zu haben, und auch im vollen Jahr nicht in der Lage sein werde, die bisherige Prognose eines Gewinns von 2,42 Dollar je Aktie zu erreichen.

Der zweite Dämpfer folgte etwa drei Stunden später: Das von der Uni Michigan festgestellte vorläufige Verbrauchervertrauen für den Monat März fiel mit 63,2 Punkten (erwartet hatten Analysten 69,5 Zähler) so aus schwach wie zuletzt Anfang der 80er Jahre. An der New Yorker Börse blieb die Reaktion auf die deutlich schwächeren Zahlen allerdings bemerkenswert milde.

Die Reaktionen der Händler auf Gewinnwarnung und Verbrauchervertrauen waren jedoch eindeutig. Nun bestehe kein Zweifel mehr, "dass sich die USA in einer Rezession befinde", sagte ein Börsianer. "Alle Zahlen, die zuletzt gekommen sind, bestätigen das."

Siemens folgt GE
Die Siemens-Aktie hatte am meisten unter der neuen Gewinnprognose des US-Konkurrenten GE zu leiden. Obwohl die GE-Industriesparte, am ehesten mit dem Siemens-Geschäft zu vergleichen, ein weiterhin gutes Geschäft prognostiziert, sackte die Siemens-Aktie kräftig ab. Im Parketthandel verlor die Aktie mehr als vier Prozent.

Ausnahmsweise: Infineon mit Kursgewinn
Ein seltener Gast zeigte sich auf der Dax-Gewinnerseite. Die Aktie des Halbleiterherstellers Infineon stieg um 2,8 Prozent. Analysten der Bank of America hatten die Aktien der US-Halbleiterbranche hochgestuft. Die offenbar gute Branchenstimmung beflügelte schon am Donnerstag die US-Techwerte, am Freitag dann auch europäische und deutsche Chipwerte.

RWE bekommt Konkurrenz
Im Kampf um die Übernahme des britischen Atomstromkonzern British Energy bietet nun offenbar auch der französische Stromerzeuger EdF. EdF wolle wie die RWE rund 13,7 Milliarden Euro für British Energy zahlen, schreibt "The Times". Der Verkauf des Atomkonzerns könne damit möglicherweise bis Juli abgeschlossen werden. Am Donnerstag wurde bekannt, dass RWE 700 Pence je Aktie für British Energy bieten wolle. RWE-Aktien verloren am Freitag 1,1 Prozent.

Fraport enttäuscht
Etwas schwächer als erwartete Verkehrszahlen haben den Fraport-Aktionären den Tag vermiest. Der MDax-Konzerns fertigte zwar mehr Fluggäste und Luftfracht ab als 2006. Auch die Zahl der Passagiere stieg um 1,6 Prozent auf 5,8 Millionen. Analysten hatten aber besseren Zahlen erwartet. Die Fraport-Aktie verlor drei Prozent.

Freenet will Debitel, UI nicht
Der Telefondienstleister Freenet will die Übernahme des Konkurrenten Debitel offenbar bereits kommende Woche abschließen. Das berichtete ein Börsenblatt. Im Interview mit einer Nachrichtenagentur warnte United Internet-Chef Ralph Dommermuth seinen Konkurrenten vor diesem Schritt. Zusammen mit Debitel wäre Freenet für United Internet nicht mehr interessant, sagte er. United Internet ist zusammen mit dem Telefondienstleister Drillisch mit knapp über 25 Prozent an Freenet beteiligt und will die Internetsparte des Konkurrenten übernehmen. Die Aktien aller beteiligten Unternehmen verloren, aber nicht auffällig kräftig.

Tele Atlas verlor kräftig
Mit einem Minus von 13,4 Prozent notiert die Tele Atlas-Aktie unangefochten am unteren Ende des Tec Dax. Glaubt man Gerüchten, steht die Übernahme des Herstellers von digitalen Karten durch den niederländischen Konkurrenten TomTom auf der Kippe. TomTom fehle das nötige Geld, um die 24,5 Euro je Tele Atlas-Aktie zu zahlen, heißt es. Andere Händler sprachen von einer möglichen ablehnenden Entscheidung der EU-Kommission zur Verschmelzung der beiden Unternehmen.

Blu-Ray nicht der große Retter?
Verluste verzeichnete auch die Aktie des Spezialmaschinenbauers Singulus. Analysten hatten sich skeptisch zu den Geschäftsaussichten geäußert. Die Experten von HSBC stuften die Tec Dax-Titel von "Neutral" auf "Underweight" ab und senkten das Kursziel von 9,00 auf 8,80 Euro. Die Bank begründete ihre Entscheidung damit, das neue Videoformat Blu-ray Disc stelle für Singulus nicht das erhoffte "Licht am Ende des Tunnels" dar. Die Aktie verlor 4,4 Prozent.

Citigroup stellt Deutschland zur Disposition
Die von der Kreditkrise stark angeschlagene US-Großbank Citigroup prüft offenbar den Verkauf ihres Deutschlandgeschäftes. Der neue Bankchef Vikram Pandit untersuche im Zusammenhang mit dem geplanten Umbau der Bank auch neue "Optionen" für die Privatkundensparte in Deutschland, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Unter anderem erwäge die Citibank, das Ratenkreditgeschäftes zu verkaufen.

Lehman verkauft Problemkredite
Die US-Investmentbank Lehman Brothers hat offenbar schwer verkäufliche Kredite verkauft. Die Bank habe Kredite im Wert von 2,8 Milliarden Dollar in eine neue Zweckgesellschaft mit dem Namen "Freedom" ausgelagert und einen Teil als Sicherheit für zinsgünstige Kredite an die Fed weitergereicht, berichtet das "Wall Street Journal". Darunter hätten sich auch schwer verkäufliche Problem-Kredite befunden, für die Lehman seit Monaten keinen Käufer gefunden habe.

Bear Stearns rechnet mit Gewinneinbruch
Die Investmentbank Bear Stearns rechnet für das abgelaufene erste Geschäftsquartal mit einem deutlich niedrigeren Gewinn als im Vorjahr. Genaue Zahlen lägen allerdings noch nicht vor, teilte die Bank bereits am Donnerstagabend mit. Die fünftgrößte US-Investmentbank hatte Mitte März in einer Rettungsaktion kurz vor der Pleite ihren Verkauf an die Großbank J.P. Morgan Chase vereinbart.

China Construction Bank trotz dem Trend
Trotz der weltweiten Finanzkrise hat die zweitgrößte chinesische Bank China Construction Bank ihren Gewinn im abgelaufenen Jahr deutlich erhöht. Das Nettoergebnis kletterte um knapp die Hälfte auf umgerechnet 6,2 Milliarden Euro. Der Konzern begründete den höheren Gewinn mit besseren Renditen und höheren Einnahmen.

Thielert wieder erholt
Eine klassische technische Erholung gab es bei der Thielert-Aktie. Das Papier des Flugzeugmotorenbauers stürzte am Donnerstag um bis zu 46 Prozent ab. Zuvor hatte das Unternehmen mitgeteilt, dass Vorstandschef Frank Thielert und Finanzvorstand Roswita Grosser ihre Posten räumen. Das Unternehmen sei seit "Anfang März 2008 von einer akuten Liquiditätskrise bedroht". Am Freitag sahen Anleger Einstiegskurse, die Thielert-Aktie stieg um 6,6 Prozent.

Jerini kooperiert
Das Biotechunternehmen Jerini hat eine Zusammenarbeit mit dem US-Unternehmen PR Pharmaceuticals vereinbart. Die Kooperation beinhaltet die Entwicklung von Wirkstoff-Rezepturen mit Langzeitwirkung zur Behandlung verschiedener Augenerkrankungen. Die Aktie stieg am Freitag um fast drei Prozent.

Tagestermine am Montag, 12. November

Unternehmen:
Lanxess: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Infineon: Q4-Zahlen, 7:30 Uhr (Jahres-Pk: 11:00 Uhr)
Euronext: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
QSC: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Talanx: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 8:00 Uhr)
Cancom: Neun-Monats-Zahlen (endgültig), 10:00 Uhr

Konjunktur:
Italien: Industrieproduktion 9/18, 10:00 Uhr
Deutschland: Ifo-Wirtschaftsklima Welt
Großbritannien: BIP Q3/18 (1. Veröffentlichung), 10:30 Uhr