Citigroup-Rettung frenetisch gefeiert

Detlev Landmesser

Stand: 24.11.2008, 20:25 Uhr

Noch nie hat die amerikanische Regierung mehr Geld zur Rettung einer Bank in die Hand genommen. Was man auch als neuerlichen Höhepunkt der Finanzkrise auffassen könnte, führte am Montag zu einer denkwürdigen Rally.

Der Dax haussierte mit einem rekordverdächtigen Plus von 10,3 Prozent. Der L-Dax gab wieder ein paar Punkte ab auf 4.502,13 Punkte, als sich die Euphorie an der Wall Street etwas legte. Schon am Freitagabend hatte die anstehende Ernennung des New Yorker Fed-Chefs Timothy Geithner zum künftigen US-Finanzminister für eine Schlussrally gesorgt.

Der ab dem 20. Januar als neuer US-Präsident amtierende Barack Obama hatte am Wochenende bereits ein Konjunkturprogramm angekündigt, das in zwei Jahren 2,5 Millionen Arbeitsplätze schaffen soll. Nach Medienberichten vom Montag soll das Programm bis zu 700 Milliarden Dollar umfassen.

Neue Steuermilliarden für die Citigroup

Die Aktie der einst größten US-Bank Citigroup haussierte in New York mit einem Plus von bis zu 72,4 Prozent. Nachdem der Dow-Jones-Titel allein in der vergangenen Woche rund 60 Prozent an Wert verloren hatte, will die US-Regierung die Bank mit Bürgschaften von bis zu 306 Milliarden Dollar retten. Außerdem gibt es eine weitere Kapitalspritze von 20 Milliarden Dollar. Für die Bürgschaft und die Kapitalhilfe erhält der Staat Citigroup-Vorzugsaktien für 27 Milliarden Dollar mit einer Verzinsung von acht Prozent. Bereits zuvor hatte der Staat 25 Milliarden Dollar in die taumelnde Bank gesteckt.

Dass die Citigroup noch am Freitag behauptet hatte, eine starke Kapital- und Liquiditätsbasis zu haben und die Regierung nicht um weitere Hilfen bitten zu wollen, schien am Montag niemanden zu stören.

Der Devisenmarkt nahm das weitere Ausufern der amerikanischen Staatsverschuldung dagegen zur Kenntnis. Der Euro kletterte bis zum Abend um über zwei US-Cent auf 1,2870 Dollar. Mittlerweile hat die US-Regierung weit über eine Billion Dollar zur Überwindung der Krise eingesetzt. Der schwache Dollar rief auch den Ölpreis wieder auf den Plan. Die Notierung für leichtes US-Öl sprang wieder über die Marke von 50 Dollar und lag am Abend bei 53,50 Dollar pro Barrel.

Schwache Konjunkturdaten ignoriert
Die jüngsten Daten vom amerikanischen Immobilienmarkt lassen indessen weiter keine Trendwende erkennen. Im Oktober sank die Verkaufszahl bestehender Eigenheime aufs Jahr hochgerechnet um 3,1 Prozent auf 4,98 Millionen. Im September waren es 5,14 Millionen. Analysten hatten nur mit einem Rückgang auf 5,00 Millionen Eigenheime gerechnet. Zugleich verschärfte sich der Preisverfall. Im Mittel kostete ein Haus 183.300 Dollar, das sind 11,3 Prozent weniger als vor einem Jahr. Der Rückgang war damit nach Angaben der US-Maklervereinigung so groß wie nie zuvor.

Auch die miserablen Daten des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers, des Ifo-Index, ließen die Anleger völlig ungerührt. Der vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) ermittelte Geschäftsklimaindex fiel im November von 90,2 auf 85,8 Punkte. Das ist der tiefste Stand seit Februar 1993. Volkswirte hatten im Schnitt nur mit einem Rückgang auf rund 89 Punkte gerechnet. Der Rückgang war der sechste in Folge.

Deutsche Bank gewinnt fast ein Viertel
Von den Neuigkeiten um die Citigroup profitierten allen voran deutsche Finanztitel. Um 21,4 Prozent legte die zum Zockerpapier mutierte Aktie der Hypo Real Estate zu. Noch mehr ließ die Deutsche Bank mit einem Plus von 23,7 Prozent aufhorchen. Das Dax-Schwergewicht Allianz gewann ebenfalls mehr als ein Fünftel hinzu.

Bei der Deutschen Bank halfen zudem Aussagen von Konzernchef Josef Ackermann. Der hält den Kurssturz der vergangenen Wochen für völlig unberechtigt. "Die Marktkapitalisierung der Deutschen Bank liegt deutlich unter unserem wahren Wert", schrieb Ackermann in einem internen Brief.

VW-Aktie zurückgestutzt
Einzig die Volkswagen-Aktie machte die Rally nicht mit, und brach um 9,7 Prozent ein. Der Rückgang sei eine Normalisierung nach dem deutlichen Sprung in der Schlussauktion vom Freitag, sagte ein Marktteilnehmer. Am Freitag habe wohl der Barausgleich von Geschäften in verfallenen Optionen den Sprung in der Aktie ausgelöst.

Konzerne sparen
Daimler will noch mehr als bisher sparen. In einem Brief an die Führungskräfte habe der Vorstand auf Kostenbewusstsein hingewiesen, sagte ein Konzernsprecher zu Reuters. Laut der "Stuttgarter Zeitung" haben die Vorstände in dem Brief deutlich gemacht, dass die eingeleiteten Sparmaßnahmen nicht ausreichten. "Wir müssen überall deutlich nachlegen", zitierte die Zeitung aus dem Schreiben. Sämtliche Investitionen stünden auf dem Prüfstand.

Der größte deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp will rund eine Milliarde Euro einsparen, berichtete die "Financial Times Deutschland". Allein die Verwaltungskosten sollten um rund zehn Prozent gesenkt werden.

Berlusconi steigt bei Premiere ein
Im MDax machte die Premiere-Aktie am frühen Nachmittag mit einer Stimmrechtsmitteilung Furore. Die von Silvio Berlusconi kontrollierte Fininvest ist bei dem Bezahlsender eingestiegen und hielt zum 14. November 3,134 Prozent der Stammaktien. Ein Händler sagte: "Es sorgt natürlich für Fantasie, dass bei Premiere jetzt mit Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi zwei Milliardäre mit von der Partie sind", kommentierte ein Händler den Kursanstieg von mehr als einem Viertel. "Vielleicht strebt Berlusconi ja eine Sperrminorität an und beide Investoren schaukeln sich hoch."

Schickedanz kauft wieder Arcandor-Aktien
Auch Arcandor meldete eine Veränderung der Eigentümerstruktur. Die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat erstmals seit drei Jahren wieder Aktien des angeschlagenen Touristik- und Handelskonzerns zugekauft. Die Großaktionärin erwarb in der vergangenen Woche knapp 614.000 Papiere für rund 1,15 Millionen Euro. Der Pool "Madeleine Schickedanz" hält nun 26,61 Prozent der Aktien. Der Schickedanz-Pool hatte erst kürzlich seinen Platz als größter Arcandor-Aktionär an die Privatbank Sal. Oppenheim abgegeben. Das Institut hatte Anteile von Schickedanz erworben, die zuvor 53,3 Prozent an dem Essener Konzern gehalten hatte. Derzeit hält Sal. Oppenheim 28,6 Prozent an Arcandor.

Beiersdorf verkauft US-Ableger
Die Aktie von Beiersdorf konnte am Abend ihren Tagesgewinn ausbauen. Der von Tchibo kontrollierte Konsumgüterhersteller meldete den Verkauf seines US-Geschäfts mit Fertigbandagen an den Mischkonzern 3M. Über den Kaufpreis gab es keine Angaben. Die vergleichsweise kleine Sparte Futuro beschäftigt in den USA rund 100 Mitarbeiter. Beiersdorf hat in der Vergangenheit bereits mehrfach Randbereiche verkauft, um sich auf das Kerngeschäft mit Kosmetikartikeln zu konzentrieren.

Positiver Merckle-Effekt für HeidelCement
Erleichtert reagierten die Aktionäre von HeidelbergCement auf die Nachricht, der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle werde von den Banken zu einem Verkauf seines Generikaherstellers Ratiopharm gedrängt. Die Veräußerung sei eine Bedingung der Institute für das vergangene Woche vereinbarte Stillhaltabkommen, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Montag. Das macht es weniger wahrscheinlich, dass Merckle seinen Anteil an HeidelCement versilbern wird, um seine derzeitigen Liquiditätsprobleme zu lösen. Merckle kontrolliert insgesamt über 80 Prozent der Anteile des Baustoffkonzerns.

Neue Übernahmehoffnung für Repower
Im TecDax zählte Repower zu den stärksten Titeln. Laut der "Financial Times Deutschland" prüft der Großaktionär Suzlon Energy, Beteiligungen an heimischen Firmen zu verkaufen, um Geld für die Übernahme des Windanlagenbauers aufzubringen.

Short Squeeze bei Q-Cells
Noch rasanter ging es mit Q-Cells nach oben. Händler verwiesen vor allem auf Käufe durch Leerverkäufer, die zuvor auf fallende Kurse gesetzt hätten und sich nun wieder mit Titeln eindecken müssten. Ein anderer begründete das Kursplus mit einer Empfehlung des Traderportals tradeoftheday.

Chefwechsel bei Xing
Der Gründer des Online-Karriere-Netzwerks Xing wechselt vom Chefposten in den Aufsichtsrat. Der 31-jährige Lars Hinrichs gebe die Führung am 15. Januar an den bisherigen Ebay-Deutschland-Chef Stefan Groß-Selbeck ab, teilte Xing am Montag mit. Das Unternehmen hatte zuvor Berichte dementiert, wonach es Kontroversen um die Nutzung von Mitgliederdaten gegeben habe. Hinrichs hält 28 Prozent an dem Unternehmen, das er vor fünf Jahren unter dem Namen OpenBC gegründet und vor zwei Jahren an die Börse gebracht hatte.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"