Marktbericht 20:08 Uhr

Risikoaversion nimmt zu Brexit-Sorgen belasten die Börsen

Stand: 01.06.2016, 20:08 Uhr

Die wieder aufflammende Angst vor einem Brexit und der erstarkte Euro haben den Start in den neuen Börsenmonat verhagelt. Der Dax sackte ab. Anleger befürchten einen heißen Juni. Etwas Entlastung kam von der Wall Street.

Der Dow schaffte zwei Stunden vor Handelsschluss die Wende und drehte ins Plus. Mit etwas Verzögerung sorgte der am Abend veröffentlichte Konjunkturbericht der US-Notenbank (Beige Book) für einen kleinen Schub. Darin hieß es, dass die Wirtschaft seit Mitte April in den meisten Distrikten mäßig gewachsen sei. Der Preisdruck und die Konsumausgaben seien leicht gestiegen.

Stimmung der US-Industrie hellt sich auf

Für Zuversicht sorgten auch gute Konjunkturdaten. So stieg der Einkaufsmanager-Index im Mai überraschend auf 51,3 Punkte. Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 50,4 Zähler gerechnet.

Anleger machen Kasse

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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In Europa bremsten dagegen die Sorgen um einen möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU die Märkte. Der Dax fiel um 0,6 Prozent auf knapp über 10.200 Punkte. Der EuroStoxx50 büßte gar 0,9 Prozent ein. Angesichts der wieder aufkeimenden Brexit-Angst "gehen Anleger auf Nummer sicher und nehmen die Gewinne vom Mai mit", meinte ein Händler. Im Börsenmonat Mai konnte der Dax zwei Prozent zulegen. Laut neuen Umfragen haben die Brexit-Befürworter wieder Oberwasser.

Heißer Juni droht

ARD-Börsenstudio: Dorothee Holz
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Börse 20.15 Uhr

"Der Juni bietet viel Unsicherheitspotenzial", warnte Börsenexperte Robert Halver von der Baader Bank. Mitte Juni steht möglicherweise die erste Zinserhöhung dieses Jahres in den USA an, eine Woche später entscheiden die Briten über ihren Verbleib in der EU oder ihren Austritt, und am 26. Juni wählen die Spanier ein neues Parlament. Da könnte einiges passieren, was die Märkte kurzfristig erschüttert. "Wenn der Juni überstanden ist, sind die Damoklesschwerter für Aktien stumpf geworden", glaubt Halver.

Julius Bär skeptisch fürs zweite Halbjahr

Die Risiken eines Brexit, möglicher weiterer Zinserhölhungen in den USA und eines Triumphs von Donald Trump bei den US-Wahlen dürften in diesem Jahr die europäischen Aktienmärkte bremsen, glaubt Julius Bär. Die Schweizer Bank rechnet mit einer Seitwärtsentwicklung an den Börsen im zweiten Halbjahr. Die Verwerfungen bei einem Brexit schätzt Chefvolkswirt David Kohl als nicht so dramatisch ein. Ein Austritt Großbritanniens aus der EU dürfte kaum konjunkturelle Auswirkungen der Eurozone haben. Die Wahrscheinlichkeit eines Brexit beziffert Kohl nur auf 30 Prozent.

Begrenzt die Opec die Ölproduktion?

Mit Spannung blicken die Anleger auf die Opec-Sitzung am Donnerstag in Wien. Laut Medienberichten könnten die Opec-Länder dort eine Produktionsobergrenze in Erwägung ziehen. Deshalb konnten die Ölpreise einen Großteil ihrer Verluste im Tagesverlauf wieder ausgleichen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am späten Nachmittag 49,60 US-Dollar - 29 Cent weniger als am Dienstag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) lag bei 48,77 Dollar. Zwischenzeitlich war der WTI-Preis bis unter 48 Dollar gefallen.

Euro zieht an

Der wieder anziehende Euro lastete auf den Kursen der exportorientierten europäischen Unternehmen. Die europäische Gemeinschaftswährung zog bis auf 1,1170 Dollar an. Die Wirtschaftsdaten aus der Eurozone fielen durchwachsen aus. In Frankreich und Deutschland hellte sich die Stimmung auf.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Deutsche Börse will hunderte Stellen streichen

Spitzenreiter im Dax war Merck, dicht gefolgt von der Deutschen Börse. Der Börsenbetreiber kündigte am Mittwoch an, dass der geplante Zusammenschluss mit London zur Streichung von unterm Strich etwa 700 Stellen führen würde. Den Aktionären wurde am Mittwoch ein offizielles Umtauschangebot gemacht. Der Konzern bietet seinen Anteilseignern für eine bisherige Aktie ein Papier der künftigen fusionierten Holding. Die Aktionäre haben bis zum 12. Juli Zeit, die Offerte anzunehmen oder abzulehnen.

Versorger verlieren Schlupfloch

Am Dax-Ende rangierten mal wieder die Versorger. RWE und Eon büßten rund drei Prozent ein. Grund: Die Bundesregierung will den Betreibern von Atokraftwerken bei der Finanzierung der Altlasten kein Schlupfloch mehr lassen. Das Kabinett stimmte für eine Gesetzesintiative, die die Nachhaftung abgespaltener Konzernteile regeln soll.

Goldman drückt Bankenwerte

Eine pessimistische Studie von Goldman Sachs zog europaweit die Bankaktien nach unten. Darin hieß es, das operative Umfeld für die europäischen Banken sei schwierig. Die Papiere der Deutschen Bank verloren rund 2,5 Prozent, die Titel der Commerzbank verbuchten einen Abschlag von 1,7 Prozent. Anleger fürchten, dass die Bankenbranche besonders unter einem Brexit leiden würde.

Ende des US-Autobooms?

Für die deutschen Autobauer gab es in den USA einen Rückschlag. Der Absatz von Neuwagen ging im Mai zurück. BMW verkaufte fast neun Prozent weniger Fahrzeuge, Daimler knapp zwei Prozent weniger Autos. Am heftigsten erwischte es VW. Der Absatz der Wolfsburger brach um 18 Prozent ein. Auch die US-Autobauer und Toyota mussten erhebliche Abstriche machen.

Ergo baut um

Gut ein Prozent büßten die Aktien der Münchener Rück ein. Die Versicherungstochter Ergo will die Kosten drastisch drücken und bauit 2.400 Stellen ab. Aus dem Geschäft mit klassischen Lebensversicherungen steigt Ergo aus. Zudem wird die veraltete IT auf Vordermann gebracht. Das Investitions- und Sparprogramm kostet rund eine Milliarde Euro. Davon schlagen 300 Millionen alleine in diesem Jahr zu Buche.

Auftrieb für Nordex

Mit Abstand größter Gewinner im TecDax war die Nordex-Aktie mit einem Plus von über acht Prozent. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat den Titel auf die "Conviction Buy List" gesetzt und das Kursziel von 31 auf 38 Euro angehoben. Der Windkraftanlagenbauer könnte seine Jahresziele anheben. Die Einigung auf Eckpunkte zur Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) könnte zu einer Sonderkonjunktur führen. Es dürften zunehmend Windanlagen zu den alten regulatorischen Bedingungen installiert werden, glauben die Experten von Goldman.

Kuka soll europäisch bleiben

Im MDax legte Kuka knapp 1,6 Prozent zu. Die Bundesregierung sucht laut der "Süddeutschen Zeitung" nach Investoren für die Roboterfirma Kuka. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wolle dazu eine Allianz deutscher oder europäischer Unternehmen schmieden, die anstelle des chinesischen Midea-Konzerns die Vorzeigefirma kaufe.

Citigroup treibt Osram an

Osram profitierte von einer positiven Citigroup-Studie. Citigroup-Analyst Jason Channell hatte in Reaktion auf die jüngst vorgelegten "starken Zahlen" zum zweiten Geschäftsquartal die Aktie von "Neutral" auf "Buy" hochgestuft und das Kursziel von 50 auf 56 Euro angehoben.

Gewinnmitnahmen bei Heidelberger Druck

Bei Heidelberger Druck machten Anleger nach dem zuletzt starken Lauf erst einmal Kasse. Im Mai war der Kurs um rund ein Drittel nach oben geschnellt. Rückenwind hatten dabei die vorläufigen Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr geliefert: Dem Unternehmen war der Sprung zurück in die Gewinnzone gelungen.

Ahold überrascht

Die niederländische Supermarktkette Ahold hat vor der Fusion mit dem belgischen Rivalen Delhaize überraschend viel verdient. Das bereinigte Betriebsergebnis legte im ersten Quartal um rund 15 Prozent auf 449 Millionen Euro zu, Analysten hatten im Schnitt mit 430 Millionen Euro gerechnet. Die Aktie schloss höher.

Milliarden-Deal von Salesforce

In der US-Softwarebranche kommt es zu einer weiteren Milliardenübernahme. Der SAP-Rivale Salesforce will für 2,8 Milliarden Dollar Demandware schlucken. Saleforce-Aktien gaben nach, während die Titel von Demandware um 52 Prozent nach oben schossen.

Icahn schluckt Botox-Paket

Der milliardenschwere Großinvestor Carl Icahn hat nach eigener Auskunft ein "großes" Aktienpaket des irischen Pharmakonzerns Allergan gekauft. In welcher Höhe er sich an dem Botox-Hersteller beteiligt hat, gab der für sein aggressives Finanzgebaren bekannte Icahn am Dienstag allerdings nicht bekannt.

nb

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr